Im Jarten

img_0647

Große Freude bringt der Garten
würden vor der Städte Mauern
nicht noch andre Gäste warten
und auf fette Beute lauern.

Der Blattsalat ist erstes Ziel,
nicht Baum, auch nicht die Hecke,
sie fressen oft, sie fressen viel,
der Gartenfeind heißt: Nackte Schnecke.

Branntkalk, Asche Sägermehl,
Kaffeesatz aus fairem Handel,
alles umsonst, alles schlägt fehl,
der Kampf braucht radikalen Wandel.

Der Gärtner wohnt in bester Lage,
sah früher Vopos, Mauerbau,
bedenkt erneut die Gartenplage,
sagt plötzlich: „Logisch, ganz genau!“

Der Schutzwall, Ulbrichts Konzeption!
Natürlich kleiner, schöner besser,
nicht gegen NATO-Aggression,
sondern nackte Gemüsefresser.

Scharfkantiges Schneckenblech: der Schneckenzaun,
handhoch, mit Biegung oben, dann noch um die Ecke,
umschließt komplett den Gartenraum,
hier scheitert selbst die Superschnecke.

Das Frühjahr kommt, die Pflanzen sprießen,
es steht aus Aluzink die Wehr.
Der Gärtner will Erfolg genießen.
Doch, huch! Es kommen keine Schnecken mehr!

Hat sich der Bau herumgesprochen,
wird woanders konsumiert?
Sind sie zum Nachbarn hingekrochen,
wer hat hier wen frustriert?

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Weiter mit ehrwürdigen Werken

 

IMG_0458

Heute: Das älteste.

Kythera, Tod des Peliden, Danaergeschenk
kommen in der Ilias gar nicht vor!
Erst die Schwabsche Dehnung schafft
vor und hinterm Homerischen Epos
Raum für Helenas Seitenwechsel,
Ferse und Pferd.

Auch für Ajaxens Ende.
Ajax ist nicht der Hund des Odysseus.
Der heißt Argos und tritt in Epos 2,
Odyssee genannt, auf. Ajax vielmehr ist
der erste suizidale Amokläufer
der abendländischen Geschichte.

(HOPPLA! Mit dem wäre ja zu punkten, wenn ho, ho, hoffentlich die Öffentlich Rechtlichen nach dem nächsten PÄNG! wieder ins Studio bitten.)

 

Veröffentlicht unter Sparsonne | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Welche Freude!

FAZ, 4. Juli 2016: „Das Ende der Überweisung. Das Handy macht es möglich: Nie mehr Zettel ausfüllen, um Geld zu überweisen. Das Leben wird einfacher, wenn die Bank nicht von gestern ist.“ Das Leben wird einfacher? In welchem Stollen, abseits alles Lebendigen, nistet die FAZ? – So weit, so eng.

Und jetzt das hier:

IMG_0421
Diese Textmenge! Es können nur die Schriftmächtigen aus dem hedonistischen Kreuzberg rechter Hand gemeint sein. Linker Hand beginnt Neukölln.
Das Schild wird mehrere Auflagen erleben. Erstens und offensichtlich, weil den Kreuzbergerinnen und Kreuzbergern rechter Hand mit Sicherheit das unziemliche „Lieber Besucher“ übel aufstoßen wird. Zweitens, weil das Leben, laut FAZ, immer einfacher wird. Fällige Ergänzung also: „Bitte Bankgeschäfte per Handy außerhalb des Friedhofs tätigen.“ Und wer weiß, was das Leben sonst noch einfacher machen wird und die Totenruhe komplizierter.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Und in der linken Ecke: sk!

Mitte der 80er sah ich mir in der Potsdamer Straße eine Wohnung an. Sie lag im ersten Stock links und hatte einen schönen Erker. Eine Röntgenpraxis war gerade ausgezogen. Das hätte der Vermieter vielleicht verschwiegen, wären unter der Tapete keine Bleiplatten gewesen.
Vor derselben Hausnummer lande ich heute. Die Straßenfront ist eingerüstet. Der Erker macht nach wie vor Eindruck. Und wieder treffe ich auf Blei. Im letzten Hof befindet sich die Galerie p98a. Sie ist Ausstellungsraum und Druckwerkstatt zugleich. Wer wissen will, wie das Drucken mit Bleisatz und Holzlettern funktioniert, könnte es hier beobachten. An diesem Freitag verwandelt sich die Werkstattgalerie zum Vortragsraum für Sonja Knecht. Sie spricht im Rahmen der Veranstaltungsreihe Creative Morning. Das weltweit organisierte Vormittagstreffen steht heute unter dem Motto BROKEN. Der Raum ist überfüllt. Es stehen so viele Besucher wie sitzen. Die Reihen der Hocker kreisen die linke Ecke förmlich ein, aus der heraus sk sprechen wird. Den Unterhaltungen ist zu entnehmen, dass ordentlich Lehrkörper anwesend ist. Der Veranstalter weist darauf hin, den guten alten Brauch der Vorabregistrierung einzuhalten.
Neben einer Staffelei, auf der zusammengeheftete Plakate stehen, die während des Vortrags, eines nach dem anderen abgetrennt, zu Boden fallen werden, weitet sk ihr verkürzt formuliertes Thema „Text in Not“ zu: „Die besten Texte entstehen in größter Not.“ Ihr Interesse gilt den aus Not und Leid heraus entstandenen Texten, nicht der Not des Buchhandels. Eine Liste von Schriftstellerinnen und Schriftstellern von Ingeborg Bachmann bis Kleist als Beleg. Robert Walser und sein Bleistiftgebiet mit Extraerwähnung. Allesamt Personen, die ihr Zerbrechen mit Literatur hinauszögerten, beschleunigten, anzeigten. Nicht unerwähnt bleibt, dass selbstverständlich auch gesunde und frohe Menschen lesbare Literatur schreiben können. Ein ermutigender Hinweis für die Vielen im Publikum, die sich auch kommerziell mit Schrift und Text befassen.
Aber was ist Text, nachdem Intuition und Lebenserfahrung, ob bitter oder süß, ihn provoziert haben? „Text ist gestaltete Sprache“, definiert sk. Die Ausdrucksmittel sind „Sprache, Inhalt, Form.“ Diesen Dreiklang für allgemein gültig erklärt, bliebe uns viel Sprache ohne Inhalt, aber in immer neuen Formen, erspart. Der anstehende Berliner Wahlkampf wird beweisen, dass daran nicht zu denken ist.
Und plötzlich fällt ein Wort, das mir die alte Potsdamer Straße mit dem Sportpalast und den Damen vor den Stundenhotels ins Gedächtnis ruft: Sexbombe. Die Cooper Black – zu sehen ist als Beispiel das Wort Mopsdiebstahl – sei nämlich die Sexbombe unter den Schriften. Ich habe mich nie um die Schriftarten meiner Schreibmaschinen gekümmert. Es ging nur um zu groß oder zu klein. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie Schriftgestaltung einen Text alt aussehen lassen kann oder eben nicht. Mit einem Hegelzitat schwenkt sk rasant um zur Unternehmenskommunikation. Der Veranstalter, schräg vor mir sitzend, schaut auf die Uhr und drängt mit dezenter Handbewegung zur Eile. Ich habe den Eindruck, als seien wir noch mittendrin. Aber sk lässt keines ihrer Plakate unkommentiert. Sie wechseln allerdings ein wenig schneller. Abschließend erläutert sie Beispiele gelungener und misslungener Kommunikation aus dem Straßenbild. Zu verstehen als Aufforderung an das Publikum, die Augen offen zu halten; – der Dienst am Text endet nicht mit Büroschluss. Geschäftswerbung selbstverständlich, aber auch Suchzettel für entlaufene Tiere können gelingen oder eben nicht, wie die Fotos von sk zeigen. Angemerkt sei, dass aus den misslungenen Suchzetteln die größte Not und Sorge spricht und sie nicht unbedingt den Misserfolg schlechter Geschäftswerbung teilen müssen. Der Berliner berlinert, aber er ist tierlieb.
Starker Beifall belohnt den frei und gewinnend gehaltenen Vortrag. Nun Frage seitens des Veranstalters an das Publikum, aus welcher Not oder, um es leichter zu machen, in welcher Situation allgemein das Schreiben am besten gelänge. „Zeitnot, Kaffee, Alkohol, immer nachts.“ Seltsam, dass niemand das Motto BROKEN aufnimmt. Der Liebesbrief, broken hearts!
Nach Ende der Veranstaltung darf, wer möchte, auf ein Pedal an der ehrwürdigen Korrex Andruckpresse treten, ein Blatt einlegen, den Vorwärtsknopf drücken, zusehen wie neben dem in Schwarz vorgedruckten Text das in Rosa gehaltene Kolophon und sk in Langform erscheinen, den Rücklaufknopf drücken und das Blatt mitnehmen. Selbst gedruckt! Und allen, die es nicht ganz so eilig haben, ins Büro zu kommen, signiert Sonja Knecht das Blatt mit blauer Tinte neben dem Textbild: „Die bes en Tex e entstehen in größ er No .“ Es war nur ein t dieser Schrift vorhanden. Not macht erfinderisch.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

EM 2016 – die Vorrunde, fast alles

Wales – Slowakei
Aufschluss über das Selbstbewusstsein: Die Slowaken sind mehrheitlich tätowiert, von den Walisern keiner.
Rückschluss auf die Heimatländer: Das eine ist Splitterstaat in Folge der europäischen „Neuordnung“ seit 1990, das andere Teil des Englischen Königreichs seit 1536.

Die Berater sind los! Bild von der zeitgleich organisierten Copa America: Nun wurde auch für Messi der Vollbart angeordnet. Man stelle sich Libuda als Haken schlagenden Zausel vor!

Türkei – Kroatien
Die Fernsehsprecher machen unbekannte Spieler interessanter, indem sie erzählen, wo jene „ausgebildet“ worden seien. Es soll ein seriöser Lebensabschnitt suggeriert werden. Womöglich mit Zeugnisabschluss wie bei der Steuergehilfenprüfung. Das Zeugnis könnte so aussehen: Fallrückzieher: gerade noch befriedigend (3-), Nach-Hinten-Arbeiten: sehr gut (1).

England – Russland
Sir Alex Ferguson wird mit dem Satz zitiert, dass ihn ein Spieler der englischen Auswahl an den jungen Paul Gascoigne erinnere. Mir ist am gemeinten Spieler nichts aufgefallen, was ihn von den anderen unterschieden hätte. Auch von Pizzaschlachten im Hotel wird nichts erzählt. Ferguson muss den Spieler als Zwölfjährigen gesehen haben, bevor die „Ausbildung“ begann.

Je übler die Bars, desto größer die Bildschirme.

Spanien-Tschechien
Ein Minute vor Schluss. Der Fernsehsprecher voller Begeisterung über einen tschechischen Spieler, der beinahe noch zum Unentschieden getroffen hätte: „Seit zehn Jahren ernährt er sich glutenfrei!“ Als wäre das eine kuriose Entscheidung nach Lust und Laune. Frage aber auch, was die Mannschaften dem Fernsehen alles preisgeben müssen.

Belgien-Italien
Dank der belgischen Nummer 8 eine Erinnerung an die extravagante Erscheinung des Kolumbianers Valderrama.

Österreich-Ungarn
In der 30. Minute verliert ein Ungar seinen Fußballschuh. Er zieht ihn wieder an und kein Butler eilt auf den grünen Rasen, ihm die Schleife zu binden. Er macht es tatsächlich selbst. Ungarn scheint eine knallharte Ausbildung ohne Anführungsstrichelchen durchzupeitschen. Ostblock halt.

Portugal – Island
Wie lange kann der Fernsehsprecher an sich halten, bevor er einen Isländer inbrünstig „Wikinger“ nennt? Bis zur 60. Minute.
Vor Spielbeginn – (Frei erfundenes Beispiel, rankend um ein nicht frei erfundenes Konstruktionsgerüst dieses Fernsehsprechers. Es zeigt an, in welche Niederungen sich die erste deutsche EM-Fernsehsprecherin aus dem Spiel Wales-Slowakei hätte begeben müssen und wird begeben müssen, um seiner Hoheit, dem deutschen Fernsehapparateigentümer nicht auffällig zu werden.):
„Übrigens ein sehr interessanter Mann, die Nummer 17. Sein Schwager, der übrigens ein Faustballstar in der Auvergne ist und in der Heimat als Radiobastler gilt, hat also eine Garage voller Fahrradspeichen, der Schwager. Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und als er und die Nummer 17 eines Tages die Fahrradspeichen interessanterweise nach Länge sortierten in der Garage, verpasste die Nummer 17 den Trainingsbeginn. Was dazu führte, dass er übrigens vier Monate auf der Tribüne Platz nehmen musste, der Linksfuß, die Nummer 17. Aber das ist sechzehn Jahre her und wie wir sehen, hat es dem heute Einundzwanzigjährigen mehr oder weniger nicht geschadet. Selbst der deutsche Trainer der Roten an der Anfield Road, den Namen muss ich hier nicht extra erwähnen, hat schon Interesse bekundet, Jürgen Klopp, der Ex-Mainzer und Ex-Dortmunder Trainer und sein FC Liverpool von der Merseyside aus der englischen Premier League von der Insel, für alle, die sich im internationalen Fußballgeschäft nicht so perfekt auskennen. Wenn Sie übrigens zu Hause vor dem Fernseher oder dem PC oder der ZDF-App mitgerechnet haben, hat er als Fünfjähriger auf der Tribüne gesessen, die Nummer 17. Das muss man sich mal vorstellen. Das wäre in Deutschland unmöglich, dass ein Fünfjähriger auf der Tribüne sitzt. Das hat man noch nie gesehen von einem Fünfjährigen. Aber in die Vereinsfahne ist ein Spruch eingestickt, den man heute noch sehen kann. Übrigens von der Frau des Vereinsgründers persönlich in drei Sprachen, der seit 1927 übrigens spurlos verschwunden ist, der Vereinsgründer, und von Interpol immer noch gesucht wird wegen gewisser Unregelmäßigkeiten. Die heute gar nicht mehr strafbar wären, wie der aktuelle Vorsitzende in einem Interview mit unseren Kollegen von dpa heute Vormittag betont hat vor der internationalen Presse im BBC-EM-Sonderstudio mit Gary Lineker, der übrigens nie die Rote Karte gesehen hat, der englische Centre-Forward aus den Achtzigern, Gary the Goal aus Leicester, der Stadt des aktuellen Sensationsmeisters. Das ist schon kurios. Aber er hat halt diese Maxime auf der Fahne hinterlassen, der Vereinsgründer: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft der Verein.’ Und für die Historiker unter Ihnen zu Hause natürlich sehr interessant zu wissen, dass Gorbatschow eigentlich seinen berühmten Satz einer Vereinsfahne entnommen hat, der Generalsekretär, als Glasnost noch im Schwange war in der hohen Politik. Übrigens soll er heute im Stadion weilen, der Schwager und Sigmar Gabriel. Und vielleicht zeigt uns die Weltregie einige Bilder, die wir übrigens nicht beeinflussen können vom ZDF, die Weltregie. Übrigens wird, was, nachdem …“
Hymnen.

Rumänien-Schweiz
Über einen Spieler der Schweiz erzählt der Fernsehsprecher, dass er an Muskelmasse nochmals zugelegt haben soll und hält es nicht für möglich. Der Schweizer hat wenigstens einen Bewunderer seiner grotesken Körpergestalt gefunden. Denn während des Spiels Frankreich-Schweiz wiederholt derselbe Sprecher seine Beobachtung nahezu wortgleich.

Tagespiegel: „Holger Stanislawski ist der Taktik-Experte des ZDF bei der EM. Leider macht er keine gute Figur – seine Erklärungen enthalten zu viele Leerwörter.“
Ob gewollt oder nicht, Stanislawski und sein Touchscreen lehren uns erfreulich offen, wie mit Sport-TV Sende- und Lebenszeit zu vernichten ist. Das verbale und optische Tohuwabohu ist grandios. Wahrscheinlich ginge es origineller. Tafel, Kreide und Schwamm wären sensationell, würden aber das entscheidende Merkmal des Sport-TVs wiederum verschleiern. So aber schenkt uns der arme „Stani“ reinen Wein ein und wird gleichzeitig reicher.

England-Wales
Auch das wissen die Fernsehsprecher, weil es die FIFA schließlich auch weiß: „Unnatürliche Körperhaltung! Klarer Elfmeter!“ Physiologische Interpretation der menschlichen Erscheinung, wenn ein Spieler der verteidigenden Mannschaft im Strafraum den Ball gegen dieses verflixte Ding von Arm bekommt, das aus der Schulter gewachsen ist.
Als gelte es, den einarmigen Biberkopp aus Berlin Alexanderplatz zu mimen, pressen die Spieler daher mal diesen, mal jenen Arm auf den Rücken, wenn der Ball geflogen kommt. Das wäre dann logischerweise die natürliche Körperhaltung. Die supernatürliche Körperhaltung besäße dann ein Spieler, der von vornherein nur einen Arm zur Verfügung hat, um noch das Gleichgewicht zu halten.
Wie das in etwa geht, hat ein Nationalspieler des VFB Stuttgart vorgemacht.

Türkei-Spanien
Heute Vormittag im Spätkauf für Zigaretten. Der junge Mann türkischer Herkunft schwört auf ein 1:0 für die Türken. Dazu dürfe allerdings ein bestimmter Spieler nicht ausgewechselt werden wie im letzten Spiel geschehen. Die Markise über dem Ladenfenster sei groß genug, um selbst bei Regen genügend Leute vor dem Bildschirm unterzubringen, sagt er. Sollte er mit dem Ergebnis richtig liegen, würde ich wiederkommen und irgendetwas ausgeben, sage ich. Es regnet schon den ganzen Tag.

Schweden-Italien
Schon wieder ein Schwager, ein Nowitzki-Schwager bei den Schweden.

Dann nachts: Nicht 1:0 für, sondern 0:3 gegen die Türken.

Frankreich-Schweiz
Fortwährend werden zerrissene Trikots gewechselt. Die Schweizer mit dem smartesten Stöffchen aller Mannschaften um die Leiber. Für den Schiedsrichter besser als jeder Videobeweis, dass die Zweikämpfe seitens der Franzosen gegen die Regeln geführt werden. Es ist ihm aber egal.

Ich habe es satt. Ich weiß, was ich alles nicht weiß und gern wissen würde und schaue Fußball. Und zu allem Überfluss mache ich mir auch noch Gedanken und schreibe sie auf. Aber ich bin mit Fußball aufgewachsen. Mein Vater konnte von rechts die Ecken mit links ins Tor drehen. Fußball war zu Hause immer Thema. Die Namen und Ereignisse sind wie nebenbei in mich eingesickert und jederzeit rückholbar. Jetzt muss ich alles dreimal lesen, um es zu behalten.
Ich hatte mir vorgenommen, mich auf die Vorrunde dieser Europameisterschaft zu beschränken und, wie es der Zufall will, dies oder jenes zu gucken, immer mit Auge und Ohr auf Kurioses achtend. Aber täglicher, stundenlanger Fernsehfußball ist keine sprudelnde Quelle von Kuriositäten, sondern ein ziemlich flaches, stehendes Gewässer, das allerdings als sprudelnde Quelle verkauft wird und daher zu fortwährenden Sticheleien reizt.
Nun, noch vor Ende der Vorrunde, breche ich ab, um mich von dieser misslichen Übung zu befreien. Ich habe angefangen, Paul Austers Mond über Manhattan zu lesen. Der Baseball spielt seine unbedeutende Nebenrolle. Übrigens…
Ja, jetzt könnte ich erzählen, wie ich das Buch in einer Kiste im Foyer des Rathauses Kreuzberg gefunden habe und warum ich dort um zehn vor elf auf jemanden gewartet habe, der zwar eine schmucke Leica dabei hatte, aber dass die Speicherkarte, als es darauf ankam, leider nichts mehr speichern wollte. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Das war schon kurios, wie die Speicherkarte aus meinem Apparat in der zwanzig Mal teureren Leica verschwunden ist und die Situation gerettet hat. Denn wir hatten nur anderthalb Stunden zur Verfügung in Zimmer 41, wo der Amtschimmel wieherte wie zu Tucholskys Zeiten, dem schnurrenden Tiger und Panther, der, anders als ich es kann, zum vernichtenden Prankenschlag gegen den Fernsehfußballspuk ausgeholt hätte. Und zwar in zwei Zeilen. Das müssen Sie sich mal vorstellen!

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Die Zeit

Sagen wir, als Achtjähriger auf dem Rasen – echt oder nicht – neben der Seitenauslinie in der Sonne liegend, Kopf gestützt in der Rechten, vor dem Bauch der Ball, darauf die Linke, hindösen zum Fußballspiel der etwas Älteren, allein oder in der Nähe ein Kumpel in gleicher Haltung, mal ein Wort, meist keines, zur Halbzeitpause aufspringend, ins freie Tor schießen, Eis besorgt, wiederkehren, dann im Schneidersitz, den Ball wieder vor dem Bauch, schweigend. Kinderzeit, schwereloses Glück.
Letzte Woche Körteplatz am Sonnabend, auf die Barriere gelehnt, wiedergesehen, wiedergefühlt. Die Zeit bleibt stehen.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Vorwärts

Das Mottodach einer jährlich wiederkehrenden Veranstaltung muss ausladend sein. Es liegt bei der Anmoderation, den jeweiligen Vortrag unters Dach zu zwingen. Denn es gibt Stammgäste, die nicht im Traum daran denken, ihren Themenbereich zu verlassen.
Das diesjährige Motto der Typo Berlin war Beyond Design und, für was auch immer, das Dach schlechthin. Motto der TYPO 2017 ist indes Wanderlust und eine wirkliche Herausforderung an Moderatorinnen und Moderatoren. Kein noch so gutwilliger Speaker wird als Singer mottotreu des Müllers Lust am Wandern vortragen wollen. Es erscheinen schließlich Typographen, Designer, Coder, nicht schroffe Gestalten vom Alpenverein.
Aber gibt es statt T-Shirt wenigstens einen Stocknagel als Souvenir? Dann käme nach Scheitel/Vollbart und knierissigen Hosen als Trend17 endlich das Gehen am Stock.

 

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Kreativer Morgen mit Püppi

Es gibt den weltweit organisierten Creative Morning einmal im Monat. Und es gibt den an einen einzigen Ort gebundenen Kreativen Morgen jeden Dienstag.
Ein Creative Morning findet in der Regel im Stadtzentrum statt; der Berliner vom 6. Mai dieses Jahres in Kreuzbergs FORUM Factory. Speaker war Kathrin Passig zum Thema Crowdfunding und Wunschdenken. Mit dem Resultat, dass dem Crowdfunding die Problematik der ollen Sammelbüchse innewohnt, das Tagesmotto REALITY also punktgenau getroffen war.
Die Zuhörer strebten nach Ende der Veranstaltung an die digitalen Arbeitsplätze in ihren Büros. Daher der Morgentermin; mit Input hinein ins Vergnügen.
Der Kreative Morgen ist offshore in Berlin-Reinickendorf im Zelt vor der Reichelt-Bäckerei angesiedelt. Die Beteiligten gehen anschließend nach Hause. So viel zu den Unterschieden.
Dienstags weile ich dort mit meiner Mutter zum Kaffeetrinken. Es ist immer ungefähr zehn Uhr. Der kleine Einkauf im als generationenfreundlich zertifizierten Supermarkt ist getätigt. Am Stand des Bäckers bestelle ich zwei Tassen Kaffee, ein belegtes Brötchen und eine Schnecke. Mit dem Tablett in Händen verlasse ich den Laden und biege nach rechts ein unter das Zeltdach, wo meine Mutter bereits an einem der sechs Tische sitzt. Man könnte auch drinnen sitzen, aber dort ist das Rauchen verboten, womit die erste Parallele zum Creative Morning gezogen ist. Sie überzeugt nicht so recht. Daher eine zweite: Auch hier gibt es Speaker, wennauch immer dieselben. Der erste ist ein ehemaliger Busfahrer der BVG mit einem Sidekick, der etwas später auftaucht. Die zwei anderen sind verheiratet. Die Frau fährt am Rollator vor und setzt sich. Laufen ist Krauchen, Sitzen ist Thronen. Ihr Fahrzeug hat durch allerhand Zubehör an Design eingebüßt. Sie haut sich eine Spritze in den Bauch. Vorher hat sie beim Bäcker Frühstück bestellt, das später herausgebracht wird. Während der Bestellung wischt der Mann den Tisch ab, leert den vollen Aschenbecher in einen anderen vollen und schiebt den Tisch so lange hin und her bis er nicht mehr wackelt.
Der Ex-BVGler sitzt über das Kreuzworträtsel der BZ gebeugt, Latte Cappuccino aus dem Kühlregal für 49 Cent auf dem Tisch. Waren aus dem Regal dürfen verzehrt werden; nur Alkohol nicht. Einkaufen geht er bei Aldi gleich nebenan. Er raucht Zigarillos.
Das Ehepaar trinkt zum Frühstück vier große Kaffee, sogenannte Pötte. Darauf angesprochen sagt der Mann: „Wie haben kein Auto und keine Kinder, was soll’s?“ Der Satz gehört zum festen Repertoire und fällt oft. Die Frau isst kein Eigelb. Sie pult es heraus und lässt es vom Löffel auf den Teller des Mannes fallen. Salami isst sie auch nicht. Die Scheibe legt der Mann auf sein Zwiebelmettwurstbrötchen.
Das ist leider keine Parallele zum Creative Morning. Zum Kaffee der Firma Electric Espresso gibt es dort süßes Gebäck. Ein zweites Salami-Zwiebelmettwurstbrötchen wird es allerdings nirgendwo auf der Welt geben. Die beiden bewahren die Zigaretten in Etuis auf, haben damit die Wirkung der Warnaufschriften ausgetrickst und den Gruselbildern vorgebeugt. „Vorbeugen ist besser als Heilen“, sagt die Frau. REALITY als Tagesmotto; zweifellos.
Dienstag, 8. März 2016
Der BVGler vor unüberspringbarer Hürde im Kreuzworträtsel.
BVGler: „Vorname von Morgenstern. Drittletza Buchstabe I.“
Sidekick: „Morjensterne jipps viel.“
„Christian“, rufe ich hinüber.
BVGler: „Christian passt, danke. Und Jagdhund iss Dackel.“
Sidekick: „Kann ooch Teckel sein.“
BVGler: „Nu hör aba uff! Watt du fürn Blödsinn erzählst!“
Sidekick: „Aba erst seit ick dich kenne.“
Und ehe die Parallele zum Creative Morning vom 6. Mai verblasst: „Publikum – noch stundenlang – wartete auf den Bumerang“, sprach als Moderatorin Sonja Knecht zur Stimmprobe ins Mikrophon. Das war Ringelnatz. Aber sind er und Morgenstern nicht Verwandte im Genre?
Dienstag, 5. April 2016
Das Ehepaar hegt eine griechische Landschildkröte. Ihr Name ist Püppi. Püppi ist einundsechzig Jahre alt und seit fünfundfünfzig Jahren in Familienbesitz. Nach dem Winterschlaf ist ihr eine Raumtemperatur von vierzehn Grad die liebste, im Sommer kommt sie in den Garten.
Das Geschlecht ist bekannt, weil sie a) bereits ein Ei gelegt und b) einen flachen Bauchpanzer hat. Das Männchen dagegen hat, um beim Akt nicht abzuschmieren, einen nach innen gewölbten. Püppi braucht kein Männchen, um ein Ei zu legen, weil die Henne auch keinen Hahn braucht, um ein Ei zu legen, dessen Eigelb die Frau nicht isst. Trotz perfekter Raumtemperatur fühlt sich Püppi nicht. Sie muss zur Tierärztin, zur Frau Doktor. Die Röntgenaufnahme zeigt gleich zwei Eier, die Püppi unmöglich herausbringen kann. Der Eingriff glückt. Zur Beobachtung verbleibt sie drei weitere Tage bei Frau Doktor zum Tagessatz von Euro 4,36. Der Mann sagt: „Wie haben kein Auto und keine Kinder, was soll’s?“ An dieser Stelle sollte auffallen, dass er die geborene Zielperson des Crowdfunding ist.
Um all das über Püppi zu erfahren, griff ich früh ein ins Zwiegespräch mit der Frage: „Wie heißt sie denn?“ Von da an war Fluss im Vortrag. Meine Mutter hat noch nie einen Ton gesagt, amüsiert sich jedoch im Stillen. Sie ist das Publikum. Wenn keiner der Speaker sprechen will, spreche ich. Das heißt, ich spreche einen der vier an, auf dass er oder sie sprechen möge. Maßloses Erstaunen über irgendeine getroffene Feststellung ist das beste Mittel und hilft immer weiter. So bin ich der unerkannte Moderator.
Das Zelt ist ein Habitat der Berliner Ureinwohnerschaft, um nach all der Annährung zwischen Creative Morning und Kreativem Morgen den Graben zu nennen, der beide Veranstaltungen denn doch trennen tut.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Wg. Statik II (noch unerfreulicher)

Der Kenner kennt einen Kenner, beide wiederum kennen noch einen.
Benny Goodman und Band rauschen gerade noch hörbar aus den Boxen, als Kenner 3 – mal die Pfeife im Mund, mal in der Hand – auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Es handelt sich bei ihm also um einen Kenner gehobener Partymusik. Kenner 1, der mit der Waschküche, ist Kenner vergangener Fetenmusik von 1965 bis etwa 1980, der zweite, im selben Genre, Kenner von 1985 bis etwa 2000. Es gibt allerhand Überlappungen, die dafür sorgen, dass die drei Kenner jenes Kleeblatt überhaupt bilden konnten. Bei Ergänzungskäufen legen sie Wert darauf, dass irgend möglich eine Überlappungserwerbung dabei ist. Seit fünfzehn Jahren treffen sie sich halbjährig immer die Reihe rum. Heute bei Nummer 3, dem Kenner mit dem Rotweinkeller, der auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Seinem Rotweinkeller entsprechen die Waschküche von Kenner 1 sowie der Gymnastikraum mit Sauna von Kenner 2. Und, nicht schwer zu erraten, diese extravaganten Räumlichkeiten weisen wegen der Vinylmassen darüber alle den Riss in der Decke auf, der wiederum zum dreimaligen Auftritt des unverschämten Statikers führte.
In den Gläsern ist also Rotwein. Besonderer Rotwein, den Kenner 3 ausführlich würdigt, bevor er auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Der Satz des Statikers, dass auch übermorgen nichts zusammenstürzen würde, hatte Kenner 3 nicht beruhigen können. Allein das Wort zusammenstürzen hatte ihn zusammenzucken lassen und zu schneller Handlung getrieben. Die anderen beließen zunächst alles beim Alten. Aber weder hatte Kenner 3 vergraben noch ausgelagert. Alle Scheiben stehen weiterhin im Regal genau wie bei Kenner 1 und Kenner 2. Und trotzdem ist bei ihm nichts wie vorher, gar nichts.
Er hatte für einen Plattenhülle 70 Gramm angesetzt und mit 1734 multiplizieren müssen. Bei Entfernung aller Plattenhüllen ergab sich also eine Gewichtsreduzierung von 121 Kilo und 380 Gramm. Dazu der Bonus aus dem Gewicht der Doppelalben. Das sollte zur Entlastung reichen. Da wegen des schnellen Zugriffs die Plattenhüllen sowieso schon immer mit dem Rücken zur Wand standen, braucht er die bunte Pappe nicht zur Orientierung. Er weiß auch so, wo, was steht.
Auf diesen Hinweis, den man sich gegenseitig immer mal wieder gern zu wissen gibt, stoßen sie an. Hüllenrücken gegen die Wand! Nur der scheinbar blinde Griff bezeugt die Kennerschaft des wirklichen Kenners. Keiner hat dem turnusmäßigen Gastgeber je eine Suchaufgabe gestellt. So wie Kenner anderer Art sich vor den gut 1700 Quadratmetern des Bauernkriegspanoramas von Werner Tübke auch keine Suchaufgaben stellen. Sie wissen, wo beispielsweise die Rockergruppe, wo beispielsweise Hitler unter den dreitausend gemalten Personen versteckt sind.
Der sichere Griff ins Plattenregal gehört dazu wie das Bier bei Kenner 1, wie der Fruchtshake bei Kenner 2, wie der Rotwein bei Kenner 3, nach dessen Genuss bis zur Neige Kenner 3 auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Vor zwei Jahren war ein Prahlhans aufgetaucht. Er war Bekannter eines Arbeitskollegen des Bruders von Kenner 2 und hatte bei einem zufälligen Treffen dieser vier auf der Eisbahn wieder und wieder behauptet, sein Plattenbau decke alles ab, was seit 1950 leicht beschwingt oder laut dröhnend erschienen sei und dass er jeden Kenner in die Tasche stecke. Kenner 1 und 3 hatten einem Treffen sofort zugestimmt. Den wollten sie sehen. Das Zusammentreffen fand bei Kenner 3 statt, der turnusmäßig, so wie heute auch, an der Reihe gewesen war.
Dem Kenner in spe 4 stellten die drei natürlich keine pubertäre Suchaufgabe, als Kenner 3 sagte: „Und? Helmut Zacharias?“ Kenner in spe 4 war jedoch der Meinung, dass man die hunderte von Platten extra wegen ihm herumgedreht hatte und nahm Position vor dem Regal ein. Er brachte es fertig, Helmut Zacharias nicht zu finden. Jeder ABC-Schütze hätte die Plattenhülle gefunden. Denn Helmut Zacharias war unten rechts vor den beiden Zwingenbergern eingerückt. Kenner in spe 4 jedoch zupfte in Brusthöhe und jedes Zupfen untermalte er mit den Satz: „Zachi, jetzt bist du fällig!“ Das war sehr deprimierend anzuschauen und anzuhören. Kenner in spe 4 wusste, dass er Helmut Zacharias niemals finden würde, meinte jedoch, dass allein der unterdrückte Bückreflex hinreiche, ihn als Kenner zu identifizieren, weil er damit eine kennerhaft groteske Sortierung – er selbst ordnete nach dem Farbenspektrum – anerkannte und würdigte. Damit lag er nicht ganz falsch. Bei Kenner 3 von Z unten rechts auf A oben links zu schließen, wäre tatsächlich obernaiv gewesen. Daher war die Aufgabe, die Kenner in spe 4 nicht löste, auch eine ganz andere. Während er zum wiederholten Mal „Zachi, jetzt bist du fällig!“ äußerte, drehte nämlich jener Zachi seine Bebop-Runden mit Quartett auf dem Plattenteller gegenüber in der Musikkonsole. Kenner 1, 2, 3 hätten nach Hinweis von Kenner in spe 4 auf Musik und Werdegang von Helmut Zacharias den  Zachi-jetzt-bist-du-fällig-Sermon gar nicht aufkommen lassen.
Die drei Kenner gehen höflich und rücksichtvoll miteinander um. Nur der unverschämte Statiker hatte sie anders kennengelernt.
Auch mit Kenner in spe 4 gingen sie höflich und rücksichtsvoll um. Denn am Prüfungsabend ließen sie keine deutlichen Worte hören. Vielmehr reagierten sie zeitversetzt, indem sie seine zwei Monate später erfolgte Einladung ignorierten. Denn aus dem Fehlen deutlicher Worte hatte Kenner in spe 4 geschlossen, dass er nun zweifellos Kenner 4 sei und einladen müsse.
Mithin ist kein vierter anwesend, als Kenner 3 auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Um den Vorgang der Gewichtsreduzierung und Rettung des Weinkellers für sich sichtbar und unwiderruflich zu machen, hatte Kenner 3 zwei Tage lang die Plattenhüllen direkt vor dem Regal zerrissen und in blaue Müllbeutel geworfen. Was danebenflog, sammelte seine Frau auf. Sie war keine Kennerin in Platten-, aber in Rotweinhinsicht, also vollen Herzens dabei. Es kam der Tag der Sperrmüllabfuhr. Die Säcke standen bereits am Abend abholbereit vor dem Gartentor.
Am nächsten Morgen um 6.30 Uhr passierte Folgendes: Ein Passat hielt, ein Stöberer stieg aus. Er blickte in die Säcke und begann mit der Arbeit. Die Frau des Kenners schaute aus dem Küchenfenster gebannt zu wie der Stöberer die zerrissenen Plattenhüllen auf dem Bürgersteig wieder zusammenfügte. Das fertigmontierte Cover mit der roten Sonne war ihr Signal, zum Rotwein zu greifen. Sie trank auf das, was dringesteckt hatte. Es war die Musik Nina Simones gewesen.
Der Stöberer fixierte mit Tesafilm. Immer wenn er zehn Hüllen zusammengeklebt hatte, tat er sie unter der geöffneten Hecklappe hinein in den Passat. Warum hat er so viele Rollen Klebeband zur Hand? fragte sich die Frau. Die Natur des gewieften Stöberers war ihr also unbekannt. Als der Stöberer beim einundzwanzigsten Durchgang war, betrat der Kenner die Küche. Der Frühstückstisch war nicht gedeckt, seine Frau stand regungslos am Fenster, neben ihr Rotweinflasche und Glas. Er stellte sich dazu. Beide sprachen nichts. Die Gedanken waren die gleichen. Die schönen Plattenhüllen! Aber nicht der Stöberer hatte sie zerstört, sie waren es selbst gewesen. Noch dazu aus gutem Grund. Wie wollten sie ihn zur Rede stellen? Die Frau hatte Strichliste geführt und konnte den siebenundzwanzigsten Durchgang melden, als schließlich die Sperrmüllabfuhr erschien und der Stöberer das Feld räumte.
Kenner 3 und seine Frau vergaßen den Vorfall. Erfreuten sich vielmehr am Rotwein aus unbedrohten Flaschen, der Kenner zusätzlich daran, was der Plattenspieler ihm dabei sang.
Es ging auf Weihnachten 2014. Den Weihnachtsmarkt der fünf zusammengewachsenen Ortschaften besuchten natürlich auch Kenner 3 und seine Frau. Es wunderte sie der mäßige Andrang, bis sie Kind und Kegel zusammengedrängt vor einem Stand entdeckten.
„Einmaligste Errettung der Erinnerung an die großen Größten in purer Handarbeit.“ Wie unbeholfen das Schild über dem Stand, dachte Kenner 3. Wollen mal sehen, dachte seine Frau und bahnte beiden Gasse. Und da lagen die zusammengeklebten Plattenhüllen und gingen dem Stöberer weg wie warme Semmeln zu 14.99 Euro das Stück. Kopfmultiplikation: 270 mal 15 gleich 4050 Euro minus 270 Cent. Erlös an Brunnenbohrung irgendwo. Wahrscheinlich exakt neben der eigenen Laube.
Die Frau hatte die Woche vor Weihnachten auf dem Weihnachtsmarkt mitten im Gedränge sofort laut „Du Idiot!“ zu Kenner 3 gesagt, nachdem sie die Summe überschlägig in Rotweinkisten verwandelt hatte. Am Tag als sich andere „Prost Neujahr!“ wünschten, hatten sie sich getrennt. Die letzten Worte, die Kenner 3 von seiner Frau mit schwerer Zunge hörte, waren: „Du Vollidiot!“ Sie wankte ab.
Kenner 3 weist die Kenner 1 und 2 nun auf das Fehlen der Plattenhüllen hin, was die beiden natürlich längst bemerkt haben, bevor er auf ihr gemeinsames Eheproblem zu sprechen kommt.
Dies verberge sich hinter der Gewicht mindernden Plattenhüllenvernichtung und sei nur durch Konsequenz zu vermeiden, sagt er. Was bedeute: Plattenhüllenverbrennung im Gartengrill. Denn nur halbherzige Plattenhüllenvernichtung führe zum Abgang der Ehefrau, deren Verschwinden er ihnen, den Kennern 1 und 2, hiermit mitteile. Dies wünsche er, Kenner 3, ihnen wirklich nicht, wolle daher auf die Gefahr, so wie es sich für diesen Kreis gehöre, hingewiesen haben. Denn es sei schließlich nichts anderes vorstellbar, als dass sie, Kenner 1 und 2, seiner eleganten Art dem Deckenriss zu begegnen, folgen würden; also das Papp- vom Vinylmassengewicht zu trennen. Kenner 1 und 2 können sich auf die sogenannte halbherzige Plattenhüllenvernichtung als Ursache für die gründliche Trennung der Ehe keinen Reim machen. Aber vielleicht erfahren sie die Stöberergeschichte noch.
Ein letzter Puster des King of Swing, der Tonarm hebt ab, schwenkt zurück und geht in Lauerstellung nieder, der gute.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Wg. Statik I (unerfreulich)

Soeben aus der Waschküche heraufgestiegen und dort den Riss in der Decke betrachtet, standen der Kenner und der Statiker nun vor der Ursache des Schadens.
„Und wobei weinen Sie?“ wurde der Kenner gefragt. Er wusste es, gab aber keine Antwort. Denn der Frager war kein guter Bekannter. Er war nur Statiker und rein beruflich anwesend. Fragte nun, auf das deckenhohe Regal weisend: „Wie viel Vinyl über den Daumen gepeilt? Die kleinen Scheiben vorerst weggelassen.“
„Zwölfhundertfünfzehn“, antwortete der Kenner präzise. Der Statiker öffnete den Aktenkoffer und entnahm eine flache, schwarze Waage.
Er fragte: „Darf ich?“ und griff, ohne Antwort abzuwarten, in die Sammlung. Hielt nun eine Platte Elvis Costellos in der Hand, die in leicht zwielichtiger Popschrift Trust betitelt war. Der Statiker las, was er lesen wollte.
„252 Gramm. Da habe ich aber schon ganz anderen Frust geschoben.“ Er streckte kurz den linken Arm aus, legte das Handgelenk frei und multiplizierte auf der Uhr.
„306180 Gramm oder auf gut deutsch 306 Kilo, 180 Gramm für alles.“
Der Kenner schaute ihn an und der Statiker sagte: „Ich weiß, manche Hüllen sind aufklappbar, also schwerer. Wie viele haben Sie davon schätzungsweise?“
„Dreihundert“, sagte der Kenner und zog selbst eine aus dem Regal, langem Herumsuchen durch fremde Hand zuvorkommend.
„Ich fasse es nicht!“ sagte der Statiker. „Unkraut vergeht nicht, was? Haben Sie außer dem Jagger bei den Engländern auch was von Frank Sinatra? Exakt 240 Gramm. Das ist weniger als dieser zweite Elvis. Erstaunlich. Wahrscheinlich sind die Platten verschieden dick oder die Pappe oder es liegt Reklame drin oder Sie haben was dazugetan. Kann das sein? Vielleicht Liebesbriefe von früher? Schlage vor, wir berechnen die aufklappbaren Geschosse nicht extra und nehmen das Frustgewicht als Durchschnitt, bleiben also bei 306180 Gramm.“
Der Kenner schaute ihn an. „Ich weiß“, sagte der Statiker, „da wären noch die Doppelalben. Darf ich um eins bitten.“
Er bekam Joe Cocker in die Hand.
„Ein Zappelphilipp nach dem anderen? Lässt sich über Geschmack eigentlich streiten oder nicht? Was meinen Sie? 382 Gramm. Wie viel davon? Also nicht von dem hier, wer hat schon doppelte Doppelalben, sondern von den anderen mit den zwei Platten.“
„Etwa fünfzig.“
„Demnach fünfzig Mal die Differenz zu Frust addiert. Das sind 130 Gramm mal …“ Er tippe ein auf der Uhr. „6500 Gramm plus 306180 Gramm, summa summarum 312680 Gramm. Dazu das Regal, dann Sie selbst, wenn Sie davorstehen, also gute 400 Kilo. Kommt Besuch, der auch mal rumschnuppern will, eine halbe Tonne. Da kann sich in der Waschküche schon mal ein Riss in der Decke zeigen. Meine Vorschläge: Zunächst der teure: Sie lassen sich eine stabilere Decke einziehen. Wie stabil die sein muss, kann ich Ihnen sofort ausrechnen. Der preiswerte: Sie verteilen die Last. Dreihundert Stück ins Bad, vierhundert in die Küche und fünfhundert in die Garage. Das Kleinzeugs bleibt an Ort und Stelle. Für den Riss unten reicht ein Napf Gips.“
„Rest fünfzehn“, sagte der Kenner, der mitgerechnet hatte. „Was damit?“
„Im Garten vergraben. Oder liegt da schon wer oder was? Mit Rechnung oder bar auf die Hand? Und keine Panik. Hier stürzt Ihnen auch übermorgen noch nichts zusammen. Haben Sie eigentlich irgendwo schwere Musik dazwischengeschoben? Also nicht, dass der Berg dann schwerer wäre. Sie wissen schon, Rachmaninow und so weiter. Der kommt in dem Film vor, wo diese amerikanische Blondine über dem U-Bahnschacht steht, als der Zug kommt.“
Der Kenner bestand auf Rechnung. Die Herumsteherei des Statikers deutete auf Tässchen Kaffee. Der Kenner sortierte ungerührt die drei Alben ein. Der Statiker mobilisierte sich, legte die Waage in den Aktenkoffer – „Hab schon Schlimmeres erlebt!“ – und ging.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen