Kühn, kühner, am feigesten

img_0871Am Vormittag, den 13. Juli 1970, sitzt ein achtzehn Jahre alter Oberschüler aus Westberlin in einem Zimmer des Bahnhofs Griebnitzsee. Das Besondere daran: Der Bahnhof liegt im DDR-Grenzgebiet und ist Kontrollpunkt für die Transitzüge von Westberlin nach Hamburg. Der Oberschüler, vom Bahnhof Zoo angereist, darf den Zug dort gar nicht verlassen. Er hatte jedoch etwas vergessen, von dessen Vorhandensein man sich immer viermal überzeugt hatte, bevor es transit ging: Den Ausweis. Nach der ergebnislosen Aufforderung „Zollkontrolle der DDR. Die Reisedokumente!“ verließ er unter scharfer Bedeckung Abteil und Zug in Richtung jenes Zimmers. Dort sitzt er eine Stunde allein, bevor sich ihm ein Uniformierter gegenübersetzt, der das Vergehen und die Gesetze der DDR vorträgt. Dann muss der Oberschüler seinen Reiseplan darlegen, der so ausschaut, dass er mit dem Klassenkameraden aus dem Abteil um 13.30 Uhr in Büchen den Zug verlassen wollte, um mit den Rädern aus dem Gepäckwagen eine Tour nach Dänemark zu starten. Daraufhin soll er beweisen, friedliebender Westberliner und kein feindliches Element, gar Republikflüchtling zu sein. Das heißt, er muss auf detaillierte Fragen zu Westberliner Örtlichkeiten die richtigen Antworten geben. Das gelingt ihm auch. Nur die letzte Frage kann er nicht beantworten. Er weiß zwar, dass im Wirtshaus Wuppke in der Schlüterstraße der Flipper nach Öffnen der Tür gleich rechts steht, kann aber nicht sagen, ab welcher erspielten Summe der Apparat ein Freispiel herausgibt.
Der Uniformierte geniest grinsend die leise aufkommende Panik und schwenkt vom Verhör um zur Plauderei, die er mit der Feststellung eröffnet, nichts gegen lange Haare zu haben. Der Oberschüler nennt auf Frage seinen Berufswunsch und bekommt die Vorteile des DDR-Bildungssystems erläutert. Nach einer Fragerunde zu Details der besuchten Oberschule, wird er schließlich eingeladen, beim nächsten Besuch der Hauptstadt der DDR doch unverbindlich im Haus des Lehrers vorbeizuschauen. Mit einem Gegenzug darf er zurück nach Westberlin reisen und einen zweiten Versuch unternehmen.
Ich war also allein weitergefahren und hatte mich mangels Gesprächspartner den Parolen entlang der Bahnstrecke gewidmet. Neben immer wiederkehrenden Hinweisen, dass im Bunde mit der Sowjetunion nichts schiefgehen könne, fielen mir zwei äußerst eigenwillige Spruchbänder auf. Dem Inhalt des ersten „Die DDR. Ein Staat der Jugend, modern, stark und schön!“ widersprach der Blick nach draußen. Erst als zwanzig Jahre später westdeutscher Beton Einzug hielt, wurde, was modern, stark und schön hätte sein sollen, immerhin als charmant gedeutet. Die zweite Parole „DDR. Kraftquell der Nation!“ blieb so lange rätselhaft, bis sie im neuen Jahrtausend zur personifizierten Wahrheit wurde.
Auf dem Bahnhof Büchen lud ich die Fahrräder aus und erklärte den westdeutschen Zöllnern, warum ich mit gleich zweien einsam auf dem Bahnsteig stand. Sie machten mir Mut. Alles käme wieder in Ordnung. Der Hokuspokus, den die da drüben veranstalten würden, dauere zwar, aber der nächste Zug aus Berlin käme sowieso erst in knapp sieben Stunden.
Pünktlich um 20.14 Uhr rollte er ein und der einzige Reisende, der ausstieg, war tatsächlich mein Klassenkamerad. Es wurde dunkel, als wir uns auf die Räder setzten. Über Mölln erreichten wir nach Mitternacht Ratzeburg.
Es war Regattawoche. An von Haus zu Haus gespannten Leinen hingen die Flaggen der beteiligten Nationen. Wir holten zwei herunter. Der Kumpan wählte sofort die deutsche, ich die finnische. Finnland war meine heimliche Liebe, weil das Land, wie ich meinte, meinem Charakter am ehesten entsprach; stumme, stille Weite, wo Schweigen nicht Maulfaulheit, sondern Tugend ist.
Die Jugendherberge war natürlich geschlossen. In der einzigen noch geöffneten Gaststätte wurde fleißig gewürfelt. Wir tranken Für die Seele und die Kehle jeder ein Astra-Pils und fragten die Wirtin nach Sicherheitsnadeln. Sie gab uns eine handvoll, wir zählten acht heraus, für jeden vier. Wegen des 60×40-Formats ließen sich die geklauten Fahnen nur senkrecht hinten auf den Parkas befestigen. Wir saßen auf. Es ging Richtung Lübeck. Im frühen Berufsverkehr wurden wir häufig angehupt. Da uns oft zwanzig, dreißig Meter trennten, war bald klar, dass die Huperei ausschließlich Schwarz-Rot-Gold galt. Ergänzend wurde meinem Kumpan der Vogel gezeigt. Er genoss es und grüßte mit erhobener Arbeiterfaust zurück. Mir kam der Verdacht, dass bereits der fehlende Ausweis eine absichtliche Provokation gewesen sein könnte. Ich aber, das blaue Kreuz senkrecht auf dem Rücken, galt offenbar als christlicher Radler auf Pilgerfahrt und war keine Reaktion wert. Als wir uns am Nachmittag vor der Lübecker Jugendherberge anstellten, hatten wir fast anderthalb Tage nicht geschlafen.
Der Herbergsvater, Schrot und Korn-, nicht etwa Lübecker Marzipanbrot-Typ, lief rot an, als wir an der Reihe waren. Statt uns in seine Liste einzutragen, ließ er den Kugelschreiber sinken, holte einmal tief Luft und schrie: „Fahnenschändung! Raus!“
FAZ, 15. Dezember 2016: „Um zu provozieren, braucht es heute kaum mehr als eine Deutschlandfahne. Das denken auch…“
… auch zwei Herrenmodeblogger. Das Berufsbild ist mir unbekannt. Aber Herrenmodeblogger scheinen auch zu nähen oder jemanden zu kennen, der nähen kann. Denn den Link zu den Herrenmodebloggern angeklickt, war auf allerhand sportivem Textil die Deutschlandfahne zu sehen. Darin mittig der Adler kopfüber. Bückling vor dem Milieu, in dem sich Herrenmodeblogger offenbar bewegen und das nicht weniger aggressiv gepolt ist als das der Herbergsväter 1970, nur eben andersherum. Daher sicherheitshalber noch beim Sozichef untergekrochen mit der Benennung des Sortiments als Deutschland Pack.
Ich war drauf und dran, mich um die Telefonnummer des wahrhaft kühnen Provos von damals zu kümmern.

Advertisements
Veröffentlicht unter Sparsonne | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Unsere Freundin, die Weihnachtsgans

Tagesspiegel vom 12. Dezember 2016:

„Seit Jahrhunderten bedeutet der Gänsebraten ein Martyrium…“

Stopp! Der Tagesspiegel wird mir verraten wie ich den weißen Vogel, ohne ihm das tradierte Martyrium zu bereiten, vom Leben zum Tode befördere. Endlich! Ich erwarte, dass mir Art und Marke der besten Messer genannt werden, dann ein Organ, in das es beherzt zu stechen gilt. Dazu werden sicher allerneueste Erfahrungen aus den Drei-Vier-Fünf-Sterne-Küchen der Hauptstadt vorliegen. Oder ist es eleganter zu strangulieren, zeitgemäßer zu tasern, schicker zu vergasen? Zu all dem erfahre ich nichts. Denn der Satz endet so:

„… für den, der ihn zubreiten muss.“

 

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Magic Anaximander

Martin A. Ciesielskis Start mit fernöstlicher Tiefenatmung und dem Herausschreien der angesammelten Energie wirkte im Rahmen eines Creative Mornings der Medienbranche kurios, ließ an sündhaft teure Seminare denken, in denen bornierte Manager aufgeweckt und zum Zuhören animiert werden müssen. Den Schrei beantwortete ein Hund prompt mit herzlichem Bellen. Es konnte losgehen im hübsch betonierten Keller des Generator Hostels.
Das Motto des Tages hieß magic. Nicht immer findet man in den Vorträgen des CM das Motto wieder, heute in jedem Satz. Denn alles um uns herum ist magisch. Ob Smartphones, Containerschiffe, Harry Potter, Steve Jobs, Geldscheine, die Beziehungen der Dinge und Personen zueinander. Das mag beruhigen, wenn der Durchblick abhanden gekommen ist und die, die darauf Wert legen, dass das so ist, werden sich darüber freuen.
Die Welt gerade umgekehrt als nicht magisch zu begreifen, gilt gemeinhin als großer Kulturfortschritt, der mit dem Namen Anaximander und seinem ersten Satz der abendländischen Philosophie verbunden wird. Den Mann und seinen Satz muss niemand kennen, trotzdem leben wir mit den Folgen. Und es schien am Ende, dass das Publikum sich vom Gegenteil nicht hat überzeugen lassen, so unterhaltsam und gekonnt der Vortrag dieses Wochenende auch einläutete.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Doof und dick

Lektüre: Witzel, Die Erfindung der… usw.
Lektüre so verstanden, dass ich das Buch zehnmal auf- und wieder zuschlug und nie mehr zur Hand nehmen werde. Und keiner soll mir erzählen, er hätte die 817 Seiten gelesen. Mir hatte das Buch ein Freund nach einem Viertel bewältigter Textmenge übergeben, was ich als hartnäckige Leseleistung bewundern muss.
Dennoch lag die sechste Auflage auf dem Tisch. Mittlerweile gibt es eine siebente, ein Hörbuch, ein E-Book und ein Taschenbuch. Warum?
Rezensenten und Geschenkbuchkunden bevorzugen den kurzen Blick. Der Autor und seine Helfer haben daher drei Leimruten an günstigen Stellen ausgelegt: Im vollständigen Titel erscheint die RAF, zu Beginn des Textes ein Adorno-Zitat, zum Abschluss eine Strophe Pop. Dazwischen dick Text. Das reicht für Auflage.
Den Ton gibt die Rock & Pop-Bagage an, die einem eigentlich die Zeit beim Autowaschen oder Kartoffelschälen verkürzen sollte, hier aber als Würze ermüdender Reflexionen dient. In Dialogen fallen Namen aus den Geisteswissenschaften, weil hinten ein Register prominent befüllt werden muss. Mehr Detektivarbeit würde Lesen erfordern. Aber nicht von mir.
Ich höre den Nachbarn die Treppe heraufsteigen, eile zu Tür, zeige das Buch, er will es nicht, er hat es schon. Noch ein Abbruchleser. Der Moment ist gekommen, des Baumes zu gedenken, der für Papier gefallen ist. Amen.

 

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Im Jarten

img_0647

Große Freude bringt der Garten
würden vor der Städte Mauern
nicht noch andre Gäste warten
und auf fette Beute lauern.

Der Blattsalat ist erstes Ziel,
nicht Baum, auch nicht die Hecke,
sie fressen oft, sie fressen viel,
der Gartenfeind heißt: Nackte Schnecke.

Branntkalk, Asche Sägermehl,
Kaffeesatz aus fairem Handel,
alles umsonst, alles schlägt fehl,
der Kampf braucht radikalen Wandel.

Der Gärtner wohnt in bester Lage,
sah früher Vopos, Mauerbau,
bedenkt erneut die Gartenplage,
sagt plötzlich: „Logisch, ganz genau!“

Der Schutzwall, Ulbrichts Konzeption!
Natürlich kleiner, schöner besser,
nicht gegen NATO-Aggression,
sondern nackte Gemüsefresser.

Scharfkantiges Schneckenblech: der Schneckenzaun,
handhoch, mit Biegung oben, dann noch um die Ecke,
umschließt komplett den Gartenraum,
hier scheitert selbst die Superschnecke.

Das Frühjahr kommt, die Pflanzen sprießen,
es steht aus Aluzink die Wehr.
Der Gärtner will Erfolg genießen.
Doch, huch! Es kommen keine Schnecken mehr!

Hat sich der Bau herumgesprochen,
wird woanders konsumiert?
Sind sie zum Nachbarn hingekrochen,
wer hat hier wen frustriert?

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Weiter mit ehrwürdigen Werken

 

IMG_0458

Heute: Das älteste.

Kythera, Tod des Peliden, Danaergeschenk
kommen in der Ilias gar nicht vor!
Erst die Schwabsche Dehnung schafft
vor und hinterm Homerischen Epos
Raum für Helenas Seitenwechsel,
Ferse und Pferd.

Auch für Ajaxens Ende.
Ajax ist nicht der Hund des Odysseus.
Der heißt Argos und tritt in Epos 2,
Odyssee genannt, auf. Ajax vielmehr ist
der erste suizidale Amokläufer
der abendländischen Geschichte.

(HOPPLA! Mit dem wäre ja zu punkten, wenn ho, ho, hoffentlich die Öffentlich Rechtlichen nach dem nächsten PÄNG! wieder ins Studio bitten.)

 

Veröffentlicht unter Sparsonne | Verschlagwortet mit , , | Kommentar hinterlassen

Welche Freude!

FAZ, 4. Juli 2016: „Das Ende der Überweisung. Das Handy macht es möglich: Nie mehr Zettel ausfüllen, um Geld zu überweisen. Das Leben wird einfacher, wenn die Bank nicht von gestern ist.“ Das Leben wird einfacher? In welchem Stollen, abseits alles Lebendigen, nistet die FAZ? – So weit, so eng.

Und jetzt das hier:

IMG_0421
Diese Textmenge! Es können nur die Schriftmächtigen aus dem hedonistischen Kreuzberg rechter Hand gemeint sein. Linker Hand beginnt Neukölln.
Das Schild wird mehrere Auflagen erleben. Erstens und offensichtlich, weil den Kreuzbergerinnen und Kreuzbergern rechter Hand mit Sicherheit das unziemliche „Lieber Besucher“ übel aufstoßen wird. Zweitens, weil das Leben, laut FAZ, immer einfacher wird. Fällige Ergänzung also: „Bitte Bankgeschäfte per Handy außerhalb des Friedhofs tätigen.“ Und wer weiß, was das Leben sonst noch einfacher machen wird und die Totenruhe komplizierter.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Und in der linken Ecke: sk!

Mitte der 80er sah ich mir in der Potsdamer Straße eine Wohnung an. Sie lag im ersten Stock links und hatte einen schönen Erker. Eine Röntgenpraxis war gerade ausgezogen. Das hätte der Vermieter vielleicht verschwiegen, wären unter der Tapete keine Bleiplatten gewesen.
Vor derselben Hausnummer lande ich heute. Die Straßenfront ist eingerüstet. Der Erker macht nach wie vor Eindruck. Und wieder treffe ich auf Blei. Im letzten Hof befindet sich die Galerie p98a. Sie ist Ausstellungsraum und Druckwerkstatt zugleich. Wer wissen will, wie das Drucken mit Bleisatz und Holzlettern funktioniert, könnte es hier beobachten. An diesem Freitag verwandelt sich die Werkstattgalerie zum Vortragsraum für Sonja Knecht. Sie spricht im Rahmen der Veranstaltungsreihe Creative Morning. Das weltweit organisierte Vormittagstreffen steht heute unter dem Motto BROKEN. Der Raum ist überfüllt. Es stehen so viele Besucher wie sitzen. Die Reihen der Hocker kreisen die linke Ecke förmlich ein, aus der heraus sk sprechen wird. Den Unterhaltungen ist zu entnehmen, dass ordentlich Lehrkörper anwesend ist. Der Veranstalter weist darauf hin, den guten alten Brauch der Vorabregistrierung einzuhalten.
Neben einer Staffelei, auf der zusammengeheftete Plakate stehen, die während des Vortrags, eines nach dem anderen abgetrennt, zu Boden fallen werden, weitet sk ihr verkürzt formuliertes Thema „Text in Not“ zu: „Die besten Texte entstehen in größter Not.“ Ihr Interesse gilt den aus Not und Leid heraus entstandenen Texten, nicht der Not des Buchhandels. Eine Liste von Schriftstellerinnen und Schriftstellern von Ingeborg Bachmann bis Kleist als Beleg. Robert Walser und sein Bleistiftgebiet mit Extraerwähnung. Allesamt Personen, die ihr Zerbrechen mit Literatur hinauszögerten, beschleunigten, anzeigten. Nicht unerwähnt bleibt, dass selbstverständlich auch gesunde und frohe Menschen lesbare Literatur schreiben können. Ein ermutigender Hinweis für die Vielen im Publikum, die sich auch kommerziell mit Schrift und Text befassen.
Aber was ist Text, nachdem Intuition und Lebenserfahrung, ob bitter oder süß, ihn provoziert haben? „Text ist gestaltete Sprache“, definiert sk. Die Ausdrucksmittel sind „Sprache, Inhalt, Form.“ Diesen Dreiklang für allgemein gültig erklärt, bliebe uns viel Sprache ohne Inhalt, aber in immer neuen Formen, erspart. Der anstehende Berliner Wahlkampf wird beweisen, dass daran nicht zu denken ist.
Und plötzlich fällt ein Wort, das mir die alte Potsdamer Straße mit dem Sportpalast und den Damen vor den Stundenhotels ins Gedächtnis ruft: Sexbombe. Die Cooper Black – zu sehen ist als Beispiel das Wort Mopsdiebstahl – sei nämlich die Sexbombe unter den Schriften. Ich habe mich nie um die Schriftarten meiner Schreibmaschinen gekümmert. Es ging nur um zu groß oder zu klein. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie Schriftgestaltung einen Text alt aussehen lassen kann oder eben nicht. Mit einem Hegelzitat schwenkt sk rasant um zur Unternehmenskommunikation. Der Veranstalter, schräg vor mir sitzend, schaut auf die Uhr und drängt mit dezenter Handbewegung zur Eile. Ich habe den Eindruck, als seien wir noch mittendrin. Aber sk lässt keines ihrer Plakate unkommentiert. Sie wechseln allerdings ein wenig schneller. Abschließend erläutert sie Beispiele gelungener und misslungener Kommunikation aus dem Straßenbild. Zu verstehen als Aufforderung an das Publikum, die Augen offen zu halten; – der Dienst am Text endet nicht mit Büroschluss. Geschäftswerbung selbstverständlich, aber auch Suchzettel für entlaufene Tiere können gelingen oder eben nicht, wie die Fotos von sk zeigen. Angemerkt sei, dass aus den misslungenen Suchzetteln die größte Not und Sorge spricht und sie nicht unbedingt den Misserfolg schlechter Geschäftswerbung teilen müssen. Der Berliner berlinert, aber er ist tierlieb.
Starker Beifall belohnt den frei und gewinnend gehaltenen Vortrag. Nun Frage seitens des Veranstalters an das Publikum, aus welcher Not oder, um es leichter zu machen, in welcher Situation allgemein das Schreiben am besten gelänge. „Zeitnot, Kaffee, Alkohol, immer nachts.“ Seltsam, dass niemand das Motto BROKEN aufnimmt. Der Liebesbrief, broken hearts!
Nach Ende der Veranstaltung darf, wer möchte, auf ein Pedal an der ehrwürdigen Korrex Andruckpresse treten, ein Blatt einlegen, den Vorwärtsknopf drücken, zusehen wie neben dem in Schwarz vorgedruckten Text das in Rosa gehaltene Kolophon und sk in Langform erscheinen, den Rücklaufknopf drücken und das Blatt mitnehmen. Selbst gedruckt! Und allen, die es nicht ganz so eilig haben, ins Büro zu kommen, signiert Sonja Knecht das Blatt mit blauer Tinte neben dem Textbild: „Die bes en Tex e entstehen in größ er No .“ Es war nur ein t dieser Schrift vorhanden. Not macht erfinderisch.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

EM 2016 – die Vorrunde, fast alles

Wales – Slowakei
Aufschluss über das Selbstbewusstsein: Die Slowaken sind mehrheitlich tätowiert, von den Walisern keiner.
Rückschluss auf die Heimatländer: Das eine ist Splitterstaat in Folge der europäischen „Neuordnung“ seit 1990, das andere Teil des Englischen Königreichs seit 1536.

Die Berater sind los! Bild von der zeitgleich organisierten Copa America: Nun wurde auch für Messi der Vollbart angeordnet. Man stelle sich Libuda als Haken schlagenden Zausel vor!

Türkei – Kroatien
Die Fernsehsprecher machen unbekannte Spieler interessanter, indem sie erzählen, wo jene „ausgebildet“ worden seien. Es soll ein seriöser Lebensabschnitt suggeriert werden. Womöglich mit Zeugnisabschluss wie bei der Steuergehilfenprüfung. Das Zeugnis könnte so aussehen: Fallrückzieher: gerade noch befriedigend (3-), Nach-Hinten-Arbeiten: sehr gut (1).

England – Russland
Sir Alex Ferguson wird mit dem Satz zitiert, dass ihn ein Spieler der englischen Auswahl an den jungen Paul Gascoigne erinnere. Mir ist am gemeinten Spieler nichts aufgefallen, was ihn von den anderen unterschieden hätte. Auch von Pizzaschlachten im Hotel wird nichts erzählt. Ferguson muss den Spieler als Zwölfjährigen gesehen haben, bevor die „Ausbildung“ begann.

Je übler die Bars, desto größer die Bildschirme.

Spanien-Tschechien
Ein Minute vor Schluss. Der Fernsehsprecher voller Begeisterung über einen tschechischen Spieler, der beinahe noch zum Unentschieden getroffen hätte: „Seit zehn Jahren ernährt er sich glutenfrei!“ Als wäre das eine kuriose Entscheidung nach Lust und Laune. Frage aber auch, was die Mannschaften dem Fernsehen alles preisgeben müssen.

Belgien-Italien
Dank der belgischen Nummer 8 eine Erinnerung an die extravagante Erscheinung des Kolumbianers Valderrama.

Österreich-Ungarn
In der 30. Minute verliert ein Ungar seinen Fußballschuh. Er zieht ihn wieder an und kein Butler eilt auf den grünen Rasen, ihm die Schleife zu binden. Er macht es tatsächlich selbst. Ungarn scheint eine knallharte Ausbildung ohne Anführungsstrichelchen durchzupeitschen. Ostblock halt.

Portugal – Island
Wie lange kann der Fernsehsprecher an sich halten, bevor er einen Isländer inbrünstig „Wikinger“ nennt? Bis zur 60. Minute.
Vor Spielbeginn – (Frei erfundenes Beispiel, rankend um ein nicht frei erfundenes Konstruktionsgerüst dieses Fernsehsprechers. Es zeigt an, in welche Niederungen sich die erste deutsche EM-Fernsehsprecherin aus dem Spiel Wales-Slowakei hätte begeben müssen und wird begeben müssen, um seiner Hoheit, dem deutschen Fernsehapparateigentümer nicht auffällig zu werden.):
„Übrigens ein sehr interessanter Mann, die Nummer 17. Sein Schwager, der übrigens ein Faustballstar in der Auvergne ist und in der Heimat als Radiobastler gilt, hat also eine Garage voller Fahrradspeichen, der Schwager. Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und als er und die Nummer 17 eines Tages die Fahrradspeichen interessanterweise nach Länge sortierten in der Garage, verpasste die Nummer 17 den Trainingsbeginn. Was dazu führte, dass er übrigens vier Monate auf der Tribüne Platz nehmen musste, der Linksfuß, die Nummer 17. Aber das ist sechzehn Jahre her und wie wir sehen, hat es dem heute Einundzwanzigjährigen mehr oder weniger nicht geschadet. Selbst der deutsche Trainer der Roten an der Anfield Road, den Namen muss ich hier nicht extra erwähnen, hat schon Interesse bekundet, Jürgen Klopp, der Ex-Mainzer und Ex-Dortmunder Trainer und sein FC Liverpool von der Merseyside aus der englischen Premier League von der Insel, für alle, die sich im internationalen Fußballgeschäft nicht so perfekt auskennen. Wenn Sie übrigens zu Hause vor dem Fernseher oder dem PC oder der ZDF-App mitgerechnet haben, hat er als Fünfjähriger auf der Tribüne gesessen, die Nummer 17. Das muss man sich mal vorstellen. Das wäre in Deutschland unmöglich, dass ein Fünfjähriger auf der Tribüne sitzt. Das hat man noch nie gesehen von einem Fünfjährigen. Aber in die Vereinsfahne ist ein Spruch eingestickt, den man heute noch sehen kann. Übrigens von der Frau des Vereinsgründers persönlich in drei Sprachen, der seit 1927 übrigens spurlos verschwunden ist, der Vereinsgründer, und von Interpol immer noch gesucht wird wegen gewisser Unregelmäßigkeiten. Die heute gar nicht mehr strafbar wären, wie der aktuelle Vorsitzende in einem Interview mit unseren Kollegen von dpa heute Vormittag betont hat vor der internationalen Presse im BBC-EM-Sonderstudio mit Gary Lineker, der übrigens nie die Rote Karte gesehen hat, der englische Centre-Forward aus den Achtzigern, Gary the Goal aus Leicester, der Stadt des aktuellen Sensationsmeisters. Das ist schon kurios. Aber er hat halt diese Maxime auf der Fahne hinterlassen, der Vereinsgründer: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft der Verein.’ Und für die Historiker unter Ihnen zu Hause natürlich sehr interessant zu wissen, dass Gorbatschow eigentlich seinen berühmten Satz einer Vereinsfahne entnommen hat, der Generalsekretär, als Glasnost noch im Schwange war in der hohen Politik. Übrigens soll er heute im Stadion weilen, der Schwager und Sigmar Gabriel. Und vielleicht zeigt uns die Weltregie einige Bilder, die wir übrigens nicht beeinflussen können vom ZDF, die Weltregie. Übrigens wird, was, nachdem …“
Hymnen.

Rumänien-Schweiz
Über einen Spieler der Schweiz erzählt der Fernsehsprecher, dass er an Muskelmasse nochmals zugelegt haben soll und hält es nicht für möglich. Der Schweizer hat wenigstens einen Bewunderer seiner grotesken Körpergestalt gefunden. Denn während des Spiels Frankreich-Schweiz wiederholt derselbe Sprecher seine Beobachtung nahezu wortgleich.

Tagespiegel: „Holger Stanislawski ist der Taktik-Experte des ZDF bei der EM. Leider macht er keine gute Figur – seine Erklärungen enthalten zu viele Leerwörter.“
Ob gewollt oder nicht, Stanislawski und sein Touchscreen lehren uns erfreulich offen, wie mit Sport-TV Sende- und Lebenszeit zu vernichten ist. Das verbale und optische Tohuwabohu ist grandios. Wahrscheinlich ginge es origineller. Tafel, Kreide und Schwamm wären sensationell, würden aber das entscheidende Merkmal des Sport-TVs wiederum verschleiern. So aber schenkt uns der arme „Stani“ reinen Wein ein und wird gleichzeitig reicher.

England-Wales
Auch das wissen die Fernsehsprecher, weil es die FIFA schließlich auch weiß: „Unnatürliche Körperhaltung! Klarer Elfmeter!“ Physiologische Interpretation der menschlichen Erscheinung, wenn ein Spieler der verteidigenden Mannschaft im Strafraum den Ball gegen dieses verflixte Ding von Arm bekommt, das aus der Schulter gewachsen ist.
Als gelte es, den einarmigen Biberkopp aus Berlin Alexanderplatz zu mimen, pressen die Spieler daher mal diesen, mal jenen Arm auf den Rücken, wenn der Ball geflogen kommt. Das wäre dann logischerweise die natürliche Körperhaltung. Die supernatürliche Körperhaltung besäße dann ein Spieler, der von vornherein nur einen Arm zur Verfügung hat, um noch das Gleichgewicht zu halten.
Wie das in etwa geht, hat ein Nationalspieler des VFB Stuttgart vorgemacht.

Türkei-Spanien
Heute Vormittag im Spätkauf für Zigaretten. Der junge Mann türkischer Herkunft schwört auf ein 1:0 für die Türken. Dazu dürfe allerdings ein bestimmter Spieler nicht ausgewechselt werden wie im letzten Spiel geschehen. Die Markise über dem Ladenfenster sei groß genug, um selbst bei Regen genügend Leute vor dem Bildschirm unterzubringen, sagt er. Sollte er mit dem Ergebnis richtig liegen, würde ich wiederkommen und irgendetwas ausgeben, sage ich. Es regnet schon den ganzen Tag.

Schweden-Italien
Schon wieder ein Schwager, ein Nowitzki-Schwager bei den Schweden.

Dann nachts: Nicht 1:0 für, sondern 0:3 gegen die Türken.

Frankreich-Schweiz
Fortwährend werden zerrissene Trikots gewechselt. Die Schweizer mit dem smartesten Stöffchen aller Mannschaften um die Leiber. Für den Schiedsrichter besser als jeder Videobeweis, dass die Zweikämpfe seitens der Franzosen gegen die Regeln geführt werden. Es ist ihm aber egal.

Ich habe es satt. Ich weiß, was ich alles nicht weiß und gern wissen würde und schaue Fußball. Und zu allem Überfluss mache ich mir auch noch Gedanken und schreibe sie auf. Aber ich bin mit Fußball aufgewachsen. Mein Vater konnte von rechts die Ecken mit links ins Tor drehen. Fußball war zu Hause immer Thema. Die Namen und Ereignisse sind wie nebenbei in mich eingesickert und jederzeit rückholbar. Jetzt muss ich alles dreimal lesen, um es zu behalten.
Ich hatte mir vorgenommen, mich auf die Vorrunde dieser Europameisterschaft zu beschränken und, wie es der Zufall will, dies oder jenes zu gucken, immer mit Auge und Ohr auf Kurioses achtend. Aber täglicher, stundenlanger Fernsehfußball ist keine sprudelnde Quelle von Kuriositäten, sondern ein ziemlich flaches, stehendes Gewässer, das allerdings als sprudelnde Quelle verkauft wird und daher zu fortwährenden Sticheleien reizt.
Nun, noch vor Ende der Vorrunde, breche ich ab, um mich von dieser misslichen Übung zu befreien. Ich habe angefangen, Paul Austers Mond über Manhattan zu lesen. Der Baseball spielt seine unbedeutende Nebenrolle. Übrigens…
Ja, jetzt könnte ich erzählen, wie ich das Buch in einer Kiste im Foyer des Rathauses Kreuzberg gefunden habe und warum ich dort um zehn vor elf auf jemanden gewartet habe, der zwar eine schmucke Leica dabei hatte, aber dass die Speicherkarte, als es darauf ankam, leider nichts mehr speichern wollte. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Das war schon kurios, wie die Speicherkarte aus meinem Apparat in der zwanzig Mal teureren Leica verschwunden ist und die Situation gerettet hat. Denn wir hatten nur anderthalb Stunden zur Verfügung in Zimmer 41, wo der Amtschimmel wieherte wie zu Tucholskys Zeiten, dem schnurrenden Tiger und Panther, der, anders als ich es kann, zum vernichtenden Prankenschlag gegen den Fernsehfußballspuk ausgeholt hätte. Und zwar in zwei Zeilen. Das müssen Sie sich mal vorstellen!

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen

Die Zeit

Sagen wir, als Achtjähriger auf dem Rasen – echt oder nicht – neben der Seitenauslinie in der Sonne liegend, Kopf gestützt in der Rechten, vor dem Bauch der Ball, darauf die Linke, hindösen zum Fußballspiel der etwas Älteren, allein oder in der Nähe ein Kumpel in gleicher Haltung, mal ein Wort, meist keines, zur Halbzeitpause aufspringend, ins freie Tor schießen, Eis besorgt, wiederkehren, dann im Schneidersitz, den Ball wieder vor dem Bauch, schweigend. Kinderzeit, schwereloses Glück.
Letzte Woche Körteplatz am Sonnabend, auf die Barriere gelehnt, wiedergesehen, wiedergefühlt. Die Zeit bleibt stehen.

Veröffentlicht unter Sparsonne | Kommentar hinterlassen