Sehr geehrter Herr Tucholsky,

wenn ich mich mal äußern darf?

Soll die alte Dame nicht mehr mit dem Pudel aus dem Fenster schauen dürfen? Sind ihre frühmorgendlichen Treffen mit der befreundeten Halterin eines Dackels am Zeitungskiosk passé? Denn immerhin schreiben Sie: „Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“ Nicht den Kiosk. Sie meinen den Hund.
Ja, es geht um Ihr „Traktat über den Hund“. Hört das nie auf? fragen Sie. Nein, das hört nie auf.

Es gibt Hundemenschen und Katzenmenschen, schreiben Sie an anderer Stelle. Sie zählen sich zur zweiten Sorte. Was passiert eigentlich mit den Hundemenschen und den vielen Bonzos in Ihrer „fortgeschrittenen Zivilisation“?  Würden Sie die ans deutsche Ende der Welt verbannen? In den Hunsrück, der zuweilen ja auch als ein Hundsrück daherkommt?

Aber damit wäre es nicht getan. Sie ahnen nicht, was Sie derzeit auf Erden alles stören könnte, was abzuschaffen wäre. Es gibt Skateboards, es gibt Rollkoffer, es gibt Personen, die garantiert vor ihrem Fenster stehenbleiben, um laut und lange zu telefonieren. (Das liegt am vor einiger Zeit erfundenen Taschentelefon.) Es gibt riesige Eisenbehälter auf den Straßen, in die Flaschen eingeworfen werden. Vor Ihrer Tür stünde natürlich einer, so wie vor meiner. Und es gibt Autoauspüffe, die extra laut puffen, aber vom Autoradio aus dem Innern noch übertönt werden. Ich kann Ihnen sagen. Sie würden sich das Hundebellen zurückwünschen!

Letztlich haben Sie das alles aber doch geahnt, ich weiß: „Den Mann gibt es gar nicht, er ist nur der Lärm, den er verursacht.“ Dieser eine Satz von Ihnen kostet in derzeitiger Währung übrigens 29,99; nur der Satz ohne Buch drumherum! Und es gibt dutzende andere aus Ihrer Feder in dieser Preisklasse. Alle auf knopflose, ärmellose Hemdchen gedruckt. Bei ordentlicher Beteiligung hätten sie schnell das Geld zusammen, um in ihr Ideal zu wechseln: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“ Schade, dass Sie das nicht verwirklichen können. Ich hätte mal geschaut.

Aber lassen Sie mich nochmals zubeißen und auf den Hund zurückkommen. „Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt“, zitieren Sie Leibniz zu Beginn des Traktats über den Hund. Nun frage ich Sie, Herr Tucholsky, warum soll ein gut gepflegter Deutscher Schäferhund befloht sein? – Allein das großdeutsche D lässt sie jetzt auffahren, oder? Sie sehen Stachelhalsband und Hundepeitsche an meiner Garderobe hängen und an die Knobelbecher geschmiegt, sendet mir Hector einen unsagbar demütig-blöden Blick, den ich mit einem unsagbar herrisch-blöden erwidere. Sie verbitten sich Ansprache von einem aus der Hundesoldateska, nicht wahr?

Aber ich sage Ihnen was, Katze aus dem Sack: Ich habe nie einen Hund gehalten. Verhindert haben es über die Jahre Katzen, die ich eine nach der anderen aufgenommen habe. Jede habe ich geschätzt, der jetzigen sogar zweihundert Seiten gewidmet. Nicht übel, oder? Trotzdem bin ich kein Hundehasser, egal, wer da schnüffelnd längs kommt oder sich bellend äußert.

Wenn ich durch die Neuköllner Hasenheide gehe, beneide ich Frauchen, Herrchen und Hundchen um ihr Miteinander. Und winters hätte ich den Wams eines Hundes – den eines Chow-Chows, wenn möglich – darum gern zu meinen Füßen, weil der Prolet unter mir, in ein nordpoltaugliches Kostüm gewandet, Kohlen spart. Nein, er spart an der Zentralheizung. Denn Kohle wird in Deutschland momentan abgeschafft. Jetzt heißt es: Dekarbonisierung, Herrschaften! Das nur mal nebenbei mitgeteilt. Denn ich vermute, dass Ihnen zum Frühstücksei ausschließlich das Petrusblatt gereicht wird, worin Sinn und Unsinn hier unten auf Erden nicht vorkommen.

Ihnen und Ihren schnurrenden Gefährten Mingo und Parteivorstand die besten Grüße von einem ihrer Leser und Freund aller Vierbeiner, ob bellend oder miauend.  Tucho, – Sie gestatten? – wir vermissen Sie!

Recht schönen Gruß

 

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