So nah, sofern …

Wer die lange Woche am Tretwebstuhl einer Götzenmanufaktur sitzt (Nur Topmarken: Käptn Kirk, Rübezahl, Lenin, Nofretete), der darf sich am Wochenende was erlauben.
Schwaches Mintgrün, Weißwandreifen, Baujahr 1965. Ich erlaube mir das Herumgondeln mit einem Thunderbird.
„Mit der Schaukel kommse da niemals rauf und runter“, sagt mir ein uckermärkischer Landmann, als ich mich nach der Pfuhl-Ranch erkundige, und zeigt auf einen ansteigenden Feldweg. Dann wird er neugierig. „Was schluckt der denn so?“
„Iss mir egal. Ich tanke immer für dreißig Euro und keinen Cent mehr.“
„Also wie gesagt. Wollnse meinen Lada bis heute Abend und die Schaukel bleibt hier als Pfand?“
„Der Murkel passt ja in mein Handschuhfach. So was fahr ich aus Prinzip nicht“, antworte ich und kurble die Scheibe hoch. Dann biege ich in den Feldweg ein. Immer schön Spur halten neben den Treckerfurchen und vor sandigen Passagen aufs Gas. Zweimal setzt er auf, aber die Ölwanne hält durch.
Freund Till hat mich übers Wochenende auf seine Ranch am Pfuhl eingeladen; bisschen was mauern.
Die Fahrt endet vor einem Holztor. Rechts erhebt sich eine Feldsteinmauer. Das Giebeldreieck zeigt leichten Überhang, der stabilisierende Rest des Gebäudes, das Dach, fehlt. Würde sich einer der fußballgroßen Feldsteine – und das sind nicht die größten – oben in sechs Metern lösen, könnte er bis zur Ölwanne durchschlagen. Der Parkplatz unter einem Ahorn ist mir lieber. Ich setze zurück. Durch ein Gebüsch links des Tors geht’s rein zu Till.
Er schon in Arbeitskluft. Kurze Begrüßung aus der Ferne, ich gehe ins Haus und steige in den Blaumann. Till erscheint, der Handschlag wird nachgeholt.
Wir lernten uns im Sommer 2008 in der Hasenheide kennen. Er beobachtete unsere Sportgruppe vor dem Jahndenkmal. Und da er Interesse an chinesischer Bewegungskunst hatte, schloss er sich an. Seither gehört er zum harten Kern. Ich war auch schon hierher in die Uckermark eingeladen. Allerdings zur Sommerfrische, nicht zum arbeiten und ohne Thunderbird. Till machte damals vor, wie flott der Clio schwieriges Gelände nimmt. Denn auch der Weg von Norden, den er damals nahm, ist nicht ohne.
„Wo steht Dein Wagen? Misstraust Du der Mauer inzwischen auch?“ frage ich ihn.
„Nein, die steht, da fällt nichts. Ascia hat mich gestern hergefahren und holt mich am Montagabend wieder ab.“
Er borgt mir ein Paar Arbeitsschuhe. Die sind zwei Nummern zu groß und werden noch unangenehm auffallen. Ein Gerüst ohne rückwärtige Sicherung fällt in gleicher Weise auf. Davon später.

Die Ranch, die Datsche, das Anwesen sieht im Großen und Ganzen so aus: Ein 1200-Quadraumeter-Hofgeviert wird im Westen begrenzt vom Wohnhaus, gegenüber vom Riegel des intakten Stallgebäudes für das kleine Vieh, im Norden vom rechtwinkligen Mauerfragment der ehemaligen Tenne, im Süden vom Stall für die Großen mit dem überhängenden Giebeldreieck und ohne Dach. Hinten links, jenseits der Tenne, öffnet sich ein Garten nochmals von Hofgröße. Was Till hier ernten kann, kommt der Ressource eines Obst- und Gemüsehändlers gleich: Äpfel, Pflaumen, Birnen, Pfirsiche, Mais, Kirschen, Kartoffeln, Kürbis, Kohl und Kräuter. Dahinter der Pfuhl.
(„Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehn,
sofern die Winde wehn, ach wär das wunderschön.)
Algen, Schlamm, Blutegel & Pfuhlgeruch; Segeln iss nich. Aber dieses korrekte Deutsch: sofern die Winde wehn!
Klares Wasser bezieht Till aus eigenem Brunnen mit elektrischer Pumpe. Die muckt dann und wann, was aber kein Problem ist. Denn Ascia, Tills Frau, ist Installateurin. Mit Till, dem Maschinenschlosser, ein ideales Duo, um hier als Selbstversorger zu überleben, sofern Berlin weiterhin in den Untergang regiert wird. Hauptwohnsitz ist, bis es der Senat endgültig geschafft hat, Kreuzberg 36.
Wir stehen im Hof und beratschlagen den Tagesplan. Ausmisten steht nicht auf dem Programm, denn die Zeiten von Klein- und Großvieh sind lange vorbei. Die einzigen dem Haus verbundenen Tiere sind die Mäusefänger Paul, Franzi und Melli. Gelegentlich schaut ein roter Kater aus dem einen Kilometer entfernten Dorf vorbei. Sie sollen sich als Quartett gegen den Fuchs verbündet haben, der frech die Fressnäpfe leert, wenn sie sich mit den Mäuschen vergnügen, flötet der Pirol, sagt Till.

„Bisschen was mauern.“ Aber was?
„Kaffee?“ Also erstmal das. Vom Gartentisch mit der blauen Wachstuchdecke wandert der Blick zum vorbildlich gelungenen Gesellenstück links, zur ehemaligen Tenne, zum Windschutz gegen Norden; zwölf Meter lang, nochmals sechs um die Ecke, vier Meter hoch.
Die verfallene Krone ist wieder aufgemauert, die Fugen sind neu verfüllt. Um das gewaltige Tor und an den Kanten, sofern abgewittert, geben rote Ziegelsteine Halt. Die Lagerfugen verlaufen in der Regel waagerecht. Vor der Südseite reifen Tomaten, Tomaten, Tomaten. Ich stelle mir die Wiedergeburt als hiesige Tomate vor. Nachts die gespeicherte Sonnenwärme aus der rückwärtigen Mauer genießen und bei vollkommener Stille unter sternklarem Himmel kontemplativ reifen.
Wäre das nichts?
Der Blick wandert nun nach rechts zum maroden Mauerviereck des Großviehstalls. Das wird unsere Baustelle sein.
Die großen Steine sind gespalten und kehren die glatten Seiten nach außen, sind jedoch nicht wie gegenüber in Quader geschlagen. Sie liegen übereinander wie vom Himmel gefallen. Vermauert sind alle Größen, die die Endmoränen der Uckermark vor einhundertsechzig Jahren hergaben. War das größte Maß drüben der doppelte Schuhkarton, ist es hier der Riesenkürbis. Das Fugenbild erinnert an ein zersprungenes Handydisplay.
Wir starten eine Begehung.
Der schiefen Giebelwand fehlt das Pendant etwa fünfundzwanzig Meter gegenüber. Übriggeblieben ist dort eine fragile Steinsäule. Sofern der Pirol sich schwungvoll obenauf setzte, könnte er den Turm zum Einsturz bringen. Auf der Mauerkrone wachsen Pflanzen, die Wurzeln drücken in die Fugen, Steine sind herausgefallen wie schlechte Zähne. Das Holz der Fenster- und Türstürze ist gefault, dann zusammengekracht und wieder purzelten Steine. Ein Nussbaum hob die Mauer, immerhin 2,60 m hoch, 0,60 m tief, auf zwei Meter und ließ eine kleine Endmoräne entstehen. Den Innenraum hat Gestrüpp erobert. Trennwände konnten nicht zusammenfallen, weil es keine gibt. Lediglich eine gemauerte Tränke läuft quer über die gesamte Breite. Der Anblick ist deprimierend einerseits, andererseits ist das Gemäuer eine wilde Schönheit, ein gruselsteigerndes Element bei Mondschein. Der Adel hat sich so etwas extra bauen lassen.
Seit zwei Jahren hegen Ascia und Till den Instandbesetzungtraum. Darum bin ich hier, darum steht der Betonmischer auf einer gerodeten Fläche im Mauergeviert neben einem abgedeckten Sandhaufen und einer umgedrehten Tuppe.
Wir kehren zurück und trinken die letzte Träne Kaffee. Dann schaffen wir mit zwei Schubkarren Kompressor, Schaufeln, Kabelrolle, Wasserwaage, Hämmer, Arbeitshandschuhe, Eimer, Kellen, Quaste, Wasserkanister, Zement und Kalk aus dem ehemaligen Stall für das Kleinvieh heran. Till deckt den Sandhaufen ab und spricht: „Sand und Kalk, etwas Zement, das, was der Maurer Mischung nennt.“ Dann rotiert die Trommel. Nun nicht zu viel und nicht zu wenig Wasser hinein und langsam entsteht das, was Till die Matschepampe nennt. Kopfüber entlässt der Mischer den Mörtel in die Tuppe, aus der heraus wir in schwarze Eimer abfüllen.
Auf geht’s, was mauern.
Außen, an der langen Mauer gegen Süden, steht ein Gerüstteil. (Zarewitsch: „Es steht ein Gerüst am Mauerrand, hält Wache …“) Till wird sich von dort aus den Abbruch rund um eine Fensteröffnung vornehmen. Der herausgefallene Eisenrahmen gibt das Innenmaß, ein Betonsturz liegt bereit, die Wasserwaage mahnt zur Sorgfalt. Ich bin mit oben und Till zeigt auf die Ursache der Malaise. Es ist die Lücke im zweischaligen Mauerwerk, in der zum einen die Pflanzen wachsen, zum anderen Regen eingedrungen ist, der das alte Lehm/Kalk/Sand-Gemisch aus den Fugen geschwemmt oder in Krümel verwandelt hat. Es entstand haltloses Trockenmauerwerk. Daher sind auch Steine weiter unten in der Mauer locker, denen ich nun zeigen werde, wo die Kelle hängt.
Steige also wieder ab und nehme mir einen besonders lädierten Quadratmeter vor. Gewisse Vorkenntnisse sind erworben bei häuslichen Arbeiten mit Gips. Immer Gips, nie Moltofill; soll es ja schon fertig in der Tube geben!
Einige kleinere und mittelgroße Steine sind bereits dorthin zurückgekehrt, woher sie kamen; auf den Boden zu meinen Füßen. Die ganz großen halten Gewicht und Druck noch am Platze.

Die Arbeit stelle ich mir so vor: Die losen Steine rund um die Riesen müssen raus, die Reste des ollen Fugenkitts müssen raus, die Lücke erhält einen Quastschwung Wasser, die Steine werden wieder eingemörtelt. So einfach geht das auf der Mauerkrone, wenn man abheben und auflegen kann bis es passt, aber nicht hier. Einem entfernten Stein folgen zwei, drei andere. Ihre Stammplätze soll sich mal jemand merken, wenn sie unten bei den anderen gelandet sind. Nur ausnahmsweise gelingt, was man Rückführung in die Heimat nennt. Es geht um Millimeter. Was, liebe Experten von Leben heißt Kleben e.V., ist dagegen Eure Suche nach dem Anfang auf der Tesarolle?
Dann stoße ich auf Hohlräume, in denen kellenweise Mörtel nutzlos verschwände, sofern ich nicht einen Stein als Pfropfen davorsetzen würde. Dann passen die vorn schon gar nicht mehr. Gelegentlich hilft ein wütender Hammerschlag und treibt den Widerspenstigen hinein. Es ist zum …! Nanu?
„Nur nicht vorschnell die Kelle in den Mischer werfen und Bier trinken, lieber Sohn und Neffe“, raunt es. Die da raunen sind Vater und Onkel, auch: Keule und Jünne, beide waren gelernte Handwerker. Der eine brauchte keinen Zollstock, um eine Dreißigzentimeterleiste zuzuschneiden, der andere griff niemals zum falschen Schraubenschlüssel.
„Danke, old fellows, die Mahnung kommt zur rechten Zeit“, raune ich zurück und betrachte die Auswahl zu meinen Füßen nun gelassener. Ich bekomme ein Auge dafür, welcher Stein passen könnte, welcher nicht. Schauen, Bücken, Aufnehmen, Verwerfen, Bücken, Aufnehmen, Einmörteln; die Arbeit erhält einen Rhythmus.
Alle Steine werden letztendlich wieder irgendwo in der Mauer landen. Ich meine, das macht die Mauer jünger. Hierarchien werden umgekrempelt, die Verantwortung für Halt und Festigkeit wechselt den Stein. Allerdings hege ich insgeheim die Vorstellung, dass Gestein keine leblose Materie ist und frage mich, ob ich der Mauer tatsächlich einen Gefallen tue, sofern sie sich ihrem Untergang Jahr für Jahr geduldig ergeben hat. Und danach sieht es aus. Mein Bedenken der Lage führt dazu, dass ich den nächsten Stein lange in der Hand halte und schließlich mit einer leisen Entschuldigung einmauere.
Wie abgesprochen zieht Till eine zweite Karte aus dem Code of Conduct.
„Kennste den Maurer Rudi Klafutzke?“
„Nee.“
„Der hat vor dem Mörteln einen widerspenstigen Junikäfer aus der Fuge komplimentiert und ihm den Mafiatod erspart.“
„Hier?“
„Nein. Steht im Buch Beruf eines Vogels.
„Nie von gehört.“
„Die Kreuzberg 61er kennen natürlich unsere großen SO 36er Malerpoeten nicht. Das ist Günter Bruno Fuchs!“
„Übrigens habe ich noch nicht ein Tierchen eingemörtelt“, rufe ich nach oben. „Deine 36er Dichter brauch ich nicht. Nicht dazu.“
Mehr Worte sind seit Arbeitsbeginn nicht gefallen. Es gibt auch kein Kofferradio. Die Länge des Staus am Dreieck Leonberg interessiert hier nicht. Gelegentlich springt der Kompressor an. Die Druckluft nutzt ausschließlich Till, weil der Schlauch nicht bis zu mir reicht. Ich muss die Fugen auskratzen, auswischen und bepusten. Der kleinere Schreck für die zahlreichen Mauersiedler, verehrter Herr Till, denke ich.

Wenig später höre ich von oben: „Die zweite Mischung, bitte. Und etwas dicker ansetzen.“ Zwei leere Eimer fliegen zu mir herunter.
Vier Schippen Sand, zwei Schippen Kalk, eine Schippe Zement, das Wasser, die Rotation, der Kopfstand der Trommel. Niemand würde vermuten, dass ich das zum ersten Mal mache. Ich bringe Till die vollen Einer auf das Gerüst. Grandios, was er für Brocken von unten hochholt, um über dem Fenstersturz die Mauerkrone hinzubekommen.
Mir würde es sehr gut gefallen, könnte ich alle Fugen gleich breit gestalten. Auch jemandem von der Bauaufsicht würde das gefallen, weil es für die Fugenbreite im Bruchsteinmauerwerk eine DIN-Norm gibt. Handflache Steine für die letzten zu schließenden Lücken sind indes Mangelware. Nur per Zufall gelingt es, einen zurechtzuhauen. Ich bin kein Steinmetz, sondern sitze, wie schon erwähnt, am Tretwebstuhl einer Götzenmanufaktur, um letztmalig kryptisch zu fassen, was ich eigentlich tue.
Die Lösung des oben benannten Problems besteht im Auszwicken der nassen Lücke mit vielen kleinen Steinen. Dann folgt ein Schwung Mörtel und sie sitzen. Der für’s Design entscheidende, außen in der Fuge verstrichene Mörtel überschreitet gelegentlich aber doch das Höchstmaß von drei Zentimetern Breite. Mein Werk sieht jedoch so schlecht nicht aus, sofern ich etwas auf Distanz gehe. Vor der dritten Mischung befiehlt Till: „Kaffeepause!“
Nach gründlichem Kellenputzen verlassen wir die Baustelle und Till verschwindet in der Küche. Ich bin mit dem Handy unterwegs und nutze das Tool Maßband und den Rechner.

Till sitzt bereits am Gartentisch und stippt einen mürben Keks in den Kaffee, als ich wiederkomme. Ich frage ihn, ob er den Wert des Stalls erfahren möchte. Denn ich wüsste jetzt alles, wegen dem hier und meine das Handy.
„Schiess los.“
„Die Längen, Tiefen, Höhen ausgemessen, Fundament auf einen Meter Tiefe geschätzt, Fenster, Türen, die kleinen Ziegelflicken, die Fugen pauschal abgezogen, kommen wir auf ein Feldsteingewicht von 350 Tonnen. Nun wäre der Fruchtwert beizuziehen, sofern Deutschland den Sprung in den Club der Bananenrepubliken schafft. Ein Kilo Bananen mit 1,99 Euro angesetzt, ergäben sich rund 695000 Fruchtwerteinheiten. Würde sich Deutschland hingegen intellektuell erholen und auf die Schokoladenseite der Weltpolitik wechseln, wäre natürlich ein Kilo Schokolade der Referenzwert und Du würdest im Siebenstelligen landen.“
„Dein Lohn steht fest: Ein Zentner Schokovollmilchnuss.“
„Meine Lieblingssorte. Aber nicht ohne dritte Mischung, stimmt’s?“
„Genau.“
„Alle sagen jetzt immer genau.“
„Genau.“

Wie ich, haben auch die Hofkatzen noch nichts vom mauernden Tierfreund Klafutzke gehört. Denn als ich die dritte Mischung ansetze, trägt der schwarze Paul eine totgebissene Meise heran und legt sie auf dem Sandhaufen ab. Soll ich den armen Wicht etwa als Zusatzstoff beigeben? Während sich die Mischertrommel dreht, beerdige ich den Vogel unter einem Holunder. An kleinen Grabsteinen besteht kein Mangel, sodass alles seine Ordnung hat mit dem Start in den Vogelhimmel.
Till kommt zurück vom Plumpsklo; letzte Tür links im Kleinviehstall. Im Haus rauscht natürlich die picobello Wasserspülung, aber sofern man draußen ist, geht man auch draußen. Er füllt seine Eimer mit Mörtel und macht weiter mit Fensteröffnung und Mauerkrone.
Ich rücke samt meiner Gerätschaften ein Stück weiter nach links. Der Zustand des Mauerwerks vor mir unterscheidet sich in nichts vom vorigen. Wieder fallen Steine heraus, die ich für festsitzend gehalten habe und wieder bekomme ich nicht alle passgenau an ihren Stammplatz zurück.
„Nur nicht vorschnell die Kelle … und Bier …“ Ich weiß, meine Herren Schwäger. Ruhet nur wieder sanft. Ich wandre ja auf euren Pfaden: Überblick behalten, Wägen, im Rhythmus bleiben.
Langsam verschwindet die Sonne im Westen, wie es ihre Art ist.
Die Trommel spielt das Lied zum baldigen Feierabend. Till setzt die vierte und für heute letzte Mischung an. Mit vollen Eimern treten wir vor mein Mauerstück.
„Macht stabilen Eindruck. Kannst stolz auf Dich sein“, sagt Till. Das ist ein Arbeitgeber!
Dann steigt er unverdrossen auf die Leiter. Für mich ist die Mischung zu fett. Ich verschwinde wieder im Mauerviereck, um etwas Wasser zuzugeben und höre Till stöhnen. Das beunruhigt mich nicht, denn er stöhnt oft, wenn er besonders schwere Steine hebt. Als ich zurückkomme, steht er jedoch nicht in zwei Meter Höhe auf dem Gerüst, sondern unten und reibt sich mit der Linken den Rücken.
„Was ist?“
„Den einen Schritt rückwärts zu viel gemacht und vom Gerüst auf einen Stein geflogen.“
„Und?“
„Wahrscheinlich Rückenprellung.“
„Das sagst Du so?“
„Bin nicht das erste Mal ohne Leiter abgestiegen. Schluss für heute. Meine eiserne Maxime, wenn die Kondi nachlässt“, sagt er.
Wir säubern die Werkzeuge und verstauen sie im Stall. Zu guter Letzt verschwinden die Tuppe mit der vierten Mischung und der Sandhaufen unter einer festen Plane, je ein Stein auf den vier Ecken.

Wir gehen rüber zur Tennenmauer und pflücken Tomaten. In diesem Moment meldet sich das Handy aus der Brusttasche und ich lese folgende Nachricht im Slack: „Hey, das CSS-Preprocessor-Package im Docker-Container auf CI-Umgebung ist inkompatibel mit der laufenden Node-Version. Keine Ahnung wie wir den Build kurzfristig wieder green kriegen.“ Ich lasse das Handy sinken und starre hoch zur Mauer. Dann kippt mir das Kinn auf die Brust.
„Schlechte Nachrichten? Familie?“ fragt Till.
„Nee, das Büro; der Horror. Webseite kaputt und das Deployment läuft nicht. Ausgerechnet jetzt.“
„Was läuft nicht?“
„Dein Klafutzke kommt auf die Baustelle, will mauern, aber seine Kelle ist verbogen. So ungefähr.“
„Au warte! Was mit Medien, was mit Mörtel. Der Anschiss lauert überall. Lass uns reingehen und was brutzeln. Das kriegen die schon hin.“
„Ich kann das Team nicht hängenlassen. Heute ist Präsentation.“
„Auf’n Sonnabend?“
„Ging nicht anders; der Großkunde regiert.“
„Die Kollegen wachsen am Problem wie Du an der Mauer, glaub mir. Brauchst Du einen kernigen Begriff für’s Meeting am Montag?“
„Lass hören.“
„Die Kollegen da, Du hier, die Arbeit ist grundverschieden, alle wachsen. Das nennt sich: Gegenstrebige Fügung. Und in Dir drin noch mal das gleiche. Tastatur und Kelle, nicht oder. Na?“
„Sehr gut. Noch nie gehört den Ausdruck. Es ist zwar nicht meine Art, aber bevor es Slack-Nachrichten hagelt…“, und schon ist das Handy in den Flugzeugmodus verabschiedet.

Total gegenstrebig sitze ich am Küchentisch und schäle Kartoffeln. Till schneidet Tomaten.
„Bisschen dick die Kartoffelscheiben, oder?“
„Der gute Willi zählt“, sagt Till und gießt Öl in die Bratpfanne.
Mir steht der Sinn nach kollektivem Ungemach, wo ihm der Rücken weht tut und mir gar nichts. Ich könnte fragen, ob ihm beim Einschäumen auch immer Wasser vom nassen Rasierpinsel in den Ärmel laufen würde, woraufhin er sagen könnte, klar, unangenehm, sodass wir eine gemeinsame Verdrussbasis hätten, von der aus es sich heiter in den Feierabend starten ließe, denke ich, als mir plötzlich klar wird, was mich die ganze Zeit schon stört.
Till erhält das Holzbrett mit den Kartoffeln zugeschoben und ich gehe in den Flur, um endlich die schweren Arbeitsschuhe gegen meine dünnsohligen Thunderbird-Turnschuhe zu tauschen. Welche Erleichterung! Dennoch sieht mich Till in die Küche humpeln. Auf einen Schlag habe ich mit dem Rücken gleichgezogen und kann mir die Rasierpinselkatastrophe wahrlich sparen.
„Ich kann das recht Knie nicht mehr bewegen.“
„Schmerzen?“
„Und wie!“
Im Küchenschrank findet Till einen Streifen Ibo 600 mit zwei Kapseln. Er verschreibt mir eine, sofern der Kanten Veterano nicht helfen sollte, den er jetzt eingießt. Rippe (Orthopäde: gebrochen; wg. mangelhafter Rüstung) und Knie (Orthopäde: Schienbeinkopfblockade; wg. fremden Schuhwerks) stoßen an. Der Schnaps tut gut, das Essen ist soweit, als mich Schüttelfrost packt. Zitternd stochere ich mit der Gabel in den Bratkartoffeln herum. An heiteres Plaudern ist nicht zu denken. Das Bett ruft.
„Nehmen wir noch einen?“
„Danke, nein. Nur die Ibo und eine Wärmflasche, sofern im Haus. Mir wird immer kälter.“
Die Wärmflasche ist tatsächlich im Haus. Ich schlucke die Kapsel. Dann geht’s ab ins Bett unter doppelter Decke an einem warmen Spätsommerabend.
„Jeder weckt jeden, wenn es schlimmer wird“, ruft Till mir hinterher.

Mich wecken schreiende Kraniche am frühen Morgen. Ich spüre hinunter zum Knie. Nichts. Ich stehe auf. Nichts. Ich laufe in die Küche. Nichts. Till kommt herein. Er hat chinesische Gymnastik bei Sonnenaufgang geturnt. Vergebens, der Schmerz ist stärker geworden. Er schluckt die letzte Kapsel Ibo und schenkt sich zwei weitere Mauertage. Die letzte Prellung hat sich anders angefühlt. Wir werden heute gemeinsam zurückfahren. Aber zunächst wird gefrühstückt.
Till serviert geschmolzenen Ziegenkäse auf Birnenscheiben aus dem Flachtoaster der Kabelwerke Oberspree. Updaten heißt, den Stecker in die Dose stecken und er läuft.
Till: „Das Eisen gibt nie auf. Lass es Dir schmecken.“
Nach einer Blitzheilung schmeckt eigentlich alles. Aber Ziegenkäse auf Birnenscheiben! Das Eisen muss noch einmal ran.

Auf dem Feldweg habe ich weniger Sorge um die Ölwanne als um den Auspuff. Hinten hängt der Thunderbird etwas. Im Kofferraum lagert Gartenernte. Aber mit Till neben mir, der jeden Zentimeter des Wegs kennt, schaffen wir es bis zur Straße ohne Materialverlust. Auf der Autobahn werden aus stillen Hausträumen gesprochene Worte.

Der 150-Quadratmeterstall soll das neue Wohnhaus werden! Im Dachstuhl des alten wütet der Holzbock seit Jahren und langsam frisst sich die Nässe von unten hoch. Endmoränensteine blockieren dagegen Nässe konsequent (Vorteil), genauso konsequent wie sie die Kälte nach innen befördern (Nachteil). Permanent Make-up gemäß Energieeinsparverordnung kommt nicht in Frage, stattdessen eine zweite Mauer aus Ziegelsteinen innen. Die Tränke könnte die Spüle werden, Kochen mit Pfuhlgas, Zwischenwände aus Feldstein, die Betten auf einem riesigen Lehmofen. Den Giebel links hochmauern, dann ein neuer Dachstuhl. Den ausbauen und zu erreichen – mein Vorschlag – über eine Treppe so sanft ansteigend wie die in Goethes Haus am Frauenplan. Ich war da. Kaum zu merken, dass man aufsteigt. Unterm Dach dann ein Plätzchen für das Himmelsfernrohr. Ein ganz eigenes Haus, sofern die Sterne günstig stehen und es Taler regnet. Till hält inne. Wir haben Berlin erreicht und stehen im Stau.

Siebzehn Tage später eine der herausragenden Berliner Grotesken: Die Internationale Tourismusbörse ist es nicht, da bereits gelaufen. Der Marathon startet. Bei einem Energieverbrauch von durchschnittlich 15000 Kilojoule pro Läufer, bringen 40000 an diesem 28. September 600 Millionen kJ zusammen. Was wiederum etwa 375000 Handwerkerstunden entspricht. Die entschlossen auf den Stall geworfen und er wäre einen Wimpernschlag später hergerichtet wie erträumt.

So fern.

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