DJ Knopfleiste

Ja, das bin ich schon oft gefragt worden, warum wir einen DJ in der Sprechergruppe haben, wenn der Fußball am Wochenende aus den Radios kommt. Und warum der junge Mann an jedem Wochenende anders heißt. Um mal von vorn anzufangen. Unser jetziger DJ war vorher im Ressort Entlaubung & Kompost tätig. So eine Feature-Abteilung. Sie wissen, was ein Radio-Feature ist? Das sind die Sendungen, die mit Straßenlärm anfangen und dann sagt eine Stimme: Wir sind mit Miguel dos Santos verabredet, der ein kleines Projekt zur Geburtenkontrolle leitet, das aus einem Fonds des Auswärtigen Amtes unterstützt wird. Dann drei Sekunden O-Ton Spanisch von Miguel, dann darübergelegt die Übersetzung, der Verkehrslärm wird ausgeblendet. Mit Miguel streifen wir durch enge Gassen, abseits der großen Avenidas. Miguel stoppt vor einem kleinen Laden und spricht mit der Besitzerin. Wir dürfen eintreten. Esmeralda da Silva lacht, sie verkauft Bohnen. Früher sei alles besser gewesen, sagt sie, aber seit die neue Regierung. Wir verabschieden uns. Miguel lädt uns zum Mittagessen ein in seine kleine Wohnung. Die Wände sind frisch gestrichen. Um den Küchentisch sitzen sieben Kinder. Auf dem großen Bildschirm über der Mikrowelle auf der Spülmaschine läuft eine US-Gewinnshow mit Untertiteln. Die Hausherrin, Olivia dos Santos, betritt die Küche. Sie lacht. Ohne das Geld aus Deutschland, sagt sie, weil alles immer teurer wird, seit die neue Regierung.

Von der Dingern produzierte der DJ fünf Stück am Tag, ohne jemals einen Fuß vor den Sender zu setzen. Wenn es Lücken im Programm gab, er konnte sie füllen, praktisch immer eine neue Platte auflegen. Daher DJ. Dann kam die Neustrukturierung des Programms und Entlaubung & Kompost fiel weg. Dafür ist jetzt noch mehr Free Jazz drin von der Sorte, wo man nicht mitsingen kann oder darf. Es gibt Schlimmeres, ich weiß. Da kam der Vorschlag, den DJ zum Fußball herüber zu holen. Vor allem darum, um die Sichtweise der jungen Generation auf den Sport im Portefeuille zu haben, sozusagen Auffrischung des Genpools. Denn ehrlich gesagt, gibt es bei uns niemanden, der den Fall Hamrin-Juskowiak nicht kennen würde. Und wie Herberger den Juskowiak danach behandelt hat! Ist vorbei, richtig. Alte Hüte müssen auch mal abgelegt werden, sonst stürzt die Quote in den Keller. So kam der DJ in unsere Fußballkonferenz am Wochenende. Es ist verabredet, dass zu Beginn der Übertragung, wenn das erste Mal zum DJ geschaltet wird, der entsprechende Kollege ihn so benennt, wie es ihm gerade kommt. Alle anderen halten sich dann daran. Das macht es bunter über die Wochen. Darum hieß er beim Südwestderby DJ All-Göwer, weil einem Kollegen das Stuttgarter Urgestein besonders ans Herz gewachsen war. Letzte Woche war ich der erste, der an ihn abgab, und ich nannte ihn DJ Knopfleiste. Warum? Weil vor mir auf dem Reportertisch eine Knopfleiste montiert ist. Jeder Knopf für ein Stadion zum umschalten. Und da es ulkig klingen muss, so wie bei den echten DJs in den echten Diskotheken, kam ich auf DJ Knopfleiste.

An diesem Tag hat er bewiesen, dass wir nicht den falschen Fisch an Land gezogen haben. Er musste praktisch eine Platte nach der anderen auflegen. Denn es ist ja kein Geheimnis mehr, dass in Freiburg gar kein Spiel stattfand und er trotzdem berichtet hat. Da hatte ich gedacht, Glück gehabt, dass sie dich nicht nach Freiburg geschickt haben. Aber ich hatte kein Glück. Das Desaster des Spieltags spielte sich vor meinen Augen ab. Als DJ Knopfleiste die Sendung startete, ahnte noch niemand, dass er in einem leeren Stadion saß. Warum also nicht damit beginnen, dass ein Maulwurf genau unter dem Anstoßpunkt herumwühlt und Erde aufwirft? Auch ich hatte da noch keinen Verdacht. Hätte ich aber haben können, da sich auf dem Spielfeld bei mir jede Menge Spieler warm liefen. Viel zu viele, selbst wenn man die dritten und vierten Abseitsfallentrainer zweier Mannschaften hinzugezählt hätte. Selbst als Birkenstämme ins linke Mittelfeld gerammt wurden, hielt ich das noch für eine Reklamemaßnahme von Coca Cola, die schließlich jeden Spieltag mit neuen Ideen würzen, bevor es losgeht. Darauf bin ich in meinem ersten Statement gar nicht eingegangen. Auch nicht auf die Unmenge von Personal unten auf dem Spielfeld. Schließlich gibt es ein Regelwerk und ich dachte, es würde sich alles von selbst regeln, vielmehr der Schiedsrichter würde es regeln. Habe also die Stimmung als erwartungsfroh beschrieben und den Tabellenstand der Mannschaften analysiert, wo, wer hinklettern oder fallen würde bei Sieg oder Niederlage, also das Übliche. Als das gut durchgekaut war, gings wieder rüber nach Freiburg. Da fiel zum ersten Mal der Name DJ Knopfleiste wegen der Knopfleiste vor mir auf dem Pult. Sie sind wieder am Zuge, DJ Knopfleiste, sagte ich.

DJ Knopfleiste freute sich, dass dies genau zur richtigen Sekunde geschehen sei, weil nämlich soeben ein Heli im rechten Strafraum gelandet sei. Ein Trupp junger Mädels sei herausgesprungen und zum Mittelkreis geflitzt, um dort den Maulwurfstanz aufzuführen, sagte er. Natürlich hatte ich da den ersten Verdacht und stutzte. Da stimmt was nicht, dachte ich. Aber bei mir stimmte einfach alles nicht. Als nämlich quer über die Enden der Birkenstämme eine Nordmanntanne genagelt wurde, stand plötzlich ein drittes Tor auf dem Spielfeld. Ein Tor ohne Netz. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Von einer Torlinie, von Torlinientechnik im Gebälk ganz zu schweigen. Ein drittes Tor in Altvätermanier aus den Ursprungstagen des deutschen Fußballsports anno 1900! Reaktion der Zuschauer: Gelassen. Meine Erklärung: Der Wald stirbt – die Tanne steht. Dieses legendäre Transparent ist fester Bestandteil der deutschen Fußballannalen. Zwar lag die Tanne heute quer und mit der Tanne auf dem legendären Transparent ist eigentlich einer Fichte gehuldigt worden, vielmehr dem Libero Fichtel, der im hohen Alter noch in der Bundesliga spielte und in der Abwehr stand und stand und stand, sodass Bäumen gegenüber allgemein eine gewisse Sympathie vorhanden schien, war also meine Erklärung für die Ruhe auf den Rängen. Aber wie das den Hörern vermitteln? Schließlich übertrugen wir wieder interkontinental über die Meere, wo Birken, Tannen und Fichten nicht die Rolle spielen wie hierzulande. Dann sagte ich mir: Du bist ein Fahrensmann, eine gestandene Reporterfigur. Reiß dich zusammen! DJ Knopfleiste gab an mich ab, ich wollte mich gerade verwundern, dass auf dem Spielfeld Bäume wüchsen, um über den Witz auf das dritte Tor zu kommen, als aus Freiburg praktisch ein Alarmruf kam und sich DJ Knopfleiste sofort wieder dazwischenschob.

Und zwar damit: Eine Gruppe Pfadfinder wollte ein Feuer ohne Zündhölzer entfachen und als der Rasen leise kokelte, schritt die Stadionfeuerwehr ein und der Platzwart musste das Stück schwarzen Rasens durch ein Stück grünen Rasens ersetzen. Sie wissen ja alle mittlerweile, was vorgefallen ist, denken Sie. Aber ich weiß mehr, als in den Zeitungen stand, was nämlich verschwiegen wurde. Und die bildgebenden Medien haben nicht mal einen Schattenriss der Vorkommnisse in die Glasfaserkabel gedrückt! DJ Hosennaht, pardon, DJ Knopfleiste hatte zum Feldstecher gegriffen und erkannt, was sich im Abseits, in der Loge hinter Glas tat. Da war das Präsidium des Verbands mit Entourage erschienen. Und zwar keilförmig im 5-4-2-1-System. Vorn der Präsident, dann die zwei Vizepräsidenten, dann viermal Vorstand, dann fünfmal Beigeordnete oder so was. Im 5-4-2-1 waren auch die Stühle gestellt mit Blick raus ins Schwarzwald-Stadion. Da wurde gerade eine Oper gegeben, die Aida hieß. Darauf ging DJ Knopfleiste nur am Rande ein, er behielt den Systemkeil in Auge, wie er den Präsidenten und Gefolge jetzt immer nannte und was sich mittlerweile auch eingebürgert hat, außer in den bildgebenden Medien. Als der Präsident sein viertes Gedeck bekam, bekamen die Vizepräsidenten ihr drittes, die Vorstände ihr zweites und die Beigeordneten ihr erstes. Da wendet sich der Präsident um und sieht, wie ein Beigeordneter das System verlassen will. Der Präsident springt auf, dreht dem Beigeordneten den linken Arm auf den Rücken und herrscht ihn an. Er sei der Maulwurf, muss sich der Beigeordnete sagen lassen, liest DJ Knopfleiste dem Präsidenten von den Lippen ab. Ob der Präsident den Richtigen erwischt hat, ist die Frage. Der Beigeordnete schwor wenig später, seine rechte Hand ruhte auf einem Fußball, niemals Maulwurf gewesen zu sein und auch keiner werden zu wollen. Da ließ der Präsident von ihm ab und begab sich wieder ins System, also ganz nach vorn, hat DJ Knopfleiste mir später erzählt. Aber Grund, nach einem Maulwurf zu suchen, war natürlich vorhanden. Denn der SC Freiburg hatte freiwillig auf sein Heimspiel verzichtet und trat auswärts an, eben weil der Systemkeil erscheinen würde. Nur erscheint der Systemkeil immer unerwartet, um sich ein Bild vom deutschen Fußballsport in der höchsten Liga zu machen. Es musste also einen Maulwurf gegeben haben, der vor der Ankunft des Systemkeils gewarnt hatte. Im Grunde ist der Besuch immer harmlos, da ein Gedeck nach dem nächsten gereicht wird und mal was zum Beißen zwischendurch. Der alleinige Grund, warum die Freiburger die Flucht ergriffen, ist der, dass sie den Systemkeil schlicht nicht leiden können, am allerwenigsten den Präsidenten. Und am allerwenigsten können den Präsidenten die Anhänger leiden, die geschlossen ihrer Elf in den knalllgelben Auswärtstrikots hinterhergereist seien, sagte DJ Knopfleiste. Die Gastmannschaft war informiert worden und zu Hause geblieben und praktisch Gastgebermannschaft statt Gastnehmermannschaft, wie das mit dem Geben und Nehmen so ist. Dass also niemand im Stadion war, damit rückte er erst jetzt heraus in bester Feature-Manier. So, wie auch der Knaller, wofür Olivia dos Santos das Geld aus dem Fonds des AA ausgibt, erst recht spät eingeblendet wurde. Ich hatte kurz gedacht, die Freiburger nutzen die Gelegenheit und strampeln mit den Mountainbikes über den Feldberg, um Muskeln aufzubauen und fahren doch nicht irgendwohin in die Weltgeschichte, weil es so nicht auf dem Spielplan steht.

Und jetzt der Tiefschlag, wie man im Boxsport sagt. Denn was sehe ich unten bei mir auf dem Spielfeld, nachdem sich die Männer der Trainingsanzüge entledigt hatten? Zehn knallgelbe Trikots! Dazu zehn blaue Trikots, zehn graue Trikots, der Torwart der Freiburger in Blau, der der Blauen in Grau, der der Grauen in Knallgelb. Die Freiburger sind ins falsche Stadion gefahren! Drei Teams auf dem Platz und der Schiedsrichter steht bereit zum Anstoß. Das gibt es ja eigentlich gar nicht. Wie sollte ich das in die Welt kommunizieren unter die Kokospalmen, wo sie in den Hängematten liegen mit den Kofferradios auf dem Bauch? Ja, ich habs versucht, denn nun war ich wieder dran, und habe viele schöne Zuschriften aus Freiburg bekommen wegen Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe gesagt, in Freiburg wohnen die Querdenker, die Alternativsten der Alternativen, die härtesten Graswurzeltypen Deutschlands. Ich konnte aus dem Vollem schöpfen, weil ich selbst schon unten war. Wo steht denn sonst der Tesla vor der Bonny & Kleid Boutique mit fair gehandelten Golfbällen im Handschuhfach? habe ich durchs Radio gefragt. Na wo denn? Und da wusste jeder, wenn es welche schaffen, ein Triospiel zu verabreden, weil sie schon mal da sind, dann die Freiburger in Knallgelb mit dem Ekel vorm Establishment, vorm Systemkeil. Ein Alternativspiel erster Güte darf man das wohl nennen, war meine Meinung. Sie können sich vorstellen, wie tief ich durchgeatmet habe, als ich diese Klippe sozusagen meisterhaft umschifft hatte. Eins, zwei, drei, Osterei, tönte es mittlerweile von den Rängen. Darauf gab ich wieder hinüber nach Freiburg. Die Regie hatte sich zu einer Dialogkonferenz entschieden und alle anderen Kollegen aus der Leitung genommen, weil in Freiburg und bei mir alles einmalig war. Auch die derzeit einmalige Hertha aus der Bundeshauptstadt flog raus, wo der Trainer die A-Jugend spielen lässt, einerseits, andererseits zwei sogenannte Fußballrentner immer wieder in den Kampf wirft. Inklusionsfußball nennt das der Berliner Boulevard seit Wochen. Wenn das nicht einmalig ist. Mal abgesehen von: Der Wald stirbt – die Tanne steht, was aber schon etwas her ist. Das war 1985. Immerhin nicht 1958 wie der Fall Hamrin-Juskowiak. Reportertrick: Einfach die beiden letzten Zahlen eines Ereignisses umdrehen und Sie haben das andere sofort parat. Schade drum, dass die Hauptstädter rausgeflogen sind. Aber es ist schließlich nicht der letzte Spieltag, oder DJ?

DJ Knopfleiste bedankte sich wie üblich und legte eine neue Platte auf. Die Riesenmenge von Aida-Leuten von Hauptsänger und Hauptsängerin bis zu den Komparsen war nämlich gerade geflüchtet, weil die Hundestaffel der Freiburger Polizei den Rasen betreten hatte. Die grimmigen Tiere sollten ein Päckchen Zigaretten aufspüren, dass der Platzwart im Maulwurfsloch unter dem Anstoßpunkt versteckt hatte, sagte DJ Knopfleiste. Dann sagte er, das ging aber schnell. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz, das verrät die Anzeigetafel, hat das Corpus Delicti sofort entdeckt. Er beschrieb den Hund als ein hochbeiniges, stolzes Tier mit Schlappohren. Es darf mit seinem Halter zum Präsidenten und wird ihm vorgestellt. Das wird wahrscheinlich mit Überreichung einer Urkunde verbunden sein und dauern, sagte er. Die typische Floskel, um wieder an mich zu übergeben, fürchtete ich. Und genauso war es. Ich war wieder dran.

Der Schiedsrichter stand noch immer im Mittelkreis. Die Mannschaften wussten nicht, wie sie sich aufstellen sollten mit einem dritten Tor mitten im linken Mittelfeld und die Torsteher wussten nicht, was bei diesem Tor vor dem Tor und hinter dem Tor ist, weil ohne Netz, und die drei Mannschaftskapitäne wussten nicht, wie die Seitenwahl funktioniert, weil die Münze des Schiris nur zwei Seiten und nicht drei hat und der Schiedsrichter wusste es auch nicht. Keiner hat hier einen Schimmer, habe ich damals sagen müssen. Die Spieler hatten dann wieder die Trainingskleidung angelegt, manche sogar den Vereinsanzug mit Oberhemd und Krawatte und Kopfhörern. Es sah nicht nach Spiel aus, im Gegenteil. Denn jetzt kam die Taktik ins Spiel. Darum sind alle in den Katakomben verschwunden, kann ich heute verraten, weil die Taktiktafeln in den Kabinen stehen, nicht draußen. Zwei Mannschaften schworen auf Ballbesitzfußball. Aber wie soll man den spielen, wenn eine dritte Mannschaft auf den Spielfeld ist, die schließlich auch dann und wann den Ball hat? Nun gibt es, solange Fußball gespielt wird, aus der Welt der Ahnungslosen immer wieder den Hinweis, dass man doch einfach jedem Spieler einen Ball geben solle, dann müssten sie sich nicht so abjackeln und schwitzen. Über diesen ausgelaugten Scherz kam man schließlich zum Kern des Problems. Wenn zwei Mannschaften einen Ball brauchen, wie viele Bälle brauchen dann drei Mannschaften? Anderthalb! Ganz klar. Der Ball lag nun quasi im Feld des Zeugwarts, der anderthalb Bälle bereitstellen sollte. Seine erste Handlung bestand darin, zum Messer zu greifen und einen Ball zu halbieren. Nun hatte der Schiedsrichter seine anderthalb Bälle. Das war natürlich nicht die Lösung. Die Zeiger der Uhr drehten unaufhaltsam ihre Runden und schließlich wurde die Idee geboren, dass ein halber Ball auch jener sei, der die Hälfte des Volumens des Spielballs haben würde. Nun schlug die Stunde eines Balljungen aus der E-Jugend des hiesigen Vereins, der zugleich Sohn des Zeugwarts ist. Er verschaffte sich Zutritt zum nahe gelegenen Kindergarten, in dem seine kleine Schwester keinen Betreuungsplatz erhalten hatte, und erschien mit einem Ball vom halben Volumen des Balles, der für Männerspiele vorgeschrieben ist. Der Junge wird seither von West Ham United beobachtet, behauptete der Vater mir gegenüber in einer späteren Stellungsnahme. Fingerzeit Richtung West Ham: Bobby Moore, schon mal gehört? Nee? Macht nichts. Ist auch schon etwas her. Da das Wichtigste, also die Ballfrage, geklärt war, erschien man wieder auf dem Spielfeld. Der Schiedsrichter schritt zum Anstoßpunkt und legte die anderthalb Bälle zu seinen Füßen nieder. Möglich, dass die Ratlosigkeit um die nur zweiseitige Münze sofort wieder aufgeblitzt wäre, wenn die Freiburger Querdenker nicht freiwillig das Tor aus Birke und Nordmanntanne für das erste Spieldrittel akzeptiert hätten. Zwei Pausen, drei Drittel standen an. Schließlich musste jede Mannschaft einmal das Holztor verteidigen. Aber darüber wurde gar nicht diskutiert, wie ich weiß. Wo die Freiburger auftauchen, ist sofort alles anders, so wie bei ihnen zu Hause im Schwarzwald.

Ein Sofortruf aus dem Breisgau unterbrach meine Überlegung. Genosse, sagt DJ Knopfleiste im ernsten Ton. Fünfmal wird der Pausentee gereicht, da sechs Sechstel gespielt werden. Wie? Ja, es reiche nämlich nicht, dass jedes Team einmal das Holztor verteidige, die Teams mit Aluminiumtor müssten schließlich ebenso wechseln, sagte er. Das ist die wache Jugend und die rechnende, stellte ich fest. Denn jetzt hagelte es Zahlen. Bei regelkonformer Spielzeit von neunzig Minuten würde ein Sechstel genau fünfzehn Minuten dauern. Zu wenig, sagte DJ Knopfleiste. Legte man aber die fünfundvierzig Minuten der herkömmlichen halben Spielzeit auf jedes Sechstel um, ergäben sich in toto vier Stunden und dreißig Minuten. Zu lange, sagte DJ Knopfleiste. Hinzu jeweils fünf Pausen zu fünfzehn Minuten, fügte er korrekterweise an, bevor ich auf die Pausen hinweisen konnte, da ich mittlerweile mitgedacht hatte.

Ich bedankte mich. Aber wofür? Dass die Dauer eines Sechstels in keinem Regelwerk definiert war? Wann sollte ich denn sagen: Noch eine Minute im fünften Sechstel zu spielen, jetzt heißt es für die Mannschaften, sich ungeschoren zum fünften Pausentee zu retten. Ja, wann denn? Und als hätte ich nicht genug Probleme, fügte ich nahezu halsbrecherisch ein weiteres hinzu. Untermauerte sozusagen die Zwickmühle, in der ich saß, indem ich ins Mikro fragte, ob alles nur zur Hälfte zähle, was mit dem halben Ball angestellt würde? Halbe Tore beispielsweise. Ich dachte, ein torloses Unentschieden wäre sicher die beste Lösung und sagte das mehrfach. Ich sprach also vom 0:0:0. Der Sender erhielt prompt Anrufe, warum sie einen alten Sack mit Sprachfehler ans Mikrophon lassen. Das tat weh, das tat sehr weh, als mir das über Ohrstöpsel mitgeteilt wurde. Das wünsche ich niemandem, der schon so lange dabei ist wie ich. Ich habe auch sofort die Konsequenzen gezogen und zum Sender gefunkt, dass sie die Telefonnummern dieser Herrschaften aufschreiben sollen. Und dann ab die Liste zur Antialtersdiskriminierungsbeauftragten und ab vor den Kadi, die Typen. Das war der Punkt, wo ich für den Moment schlicht draußen war aus allem, was auf dem Spielfeld passierte und gab wieder rüber zu DJ Knopfleiste ins Breisgau.

Der sagte, heißen Dank Genosse, und sprach von blutigen Ereignissen. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz habe nämlich einem Vizepräsidenten in die Hand gebissen, als der ihn tätscheln wollte. Mein Hund mag auch nicht, von Fremden getätschelt zu werden. In dem Punkt hat DJ Knopfleiste absolut die Wahrheit gesagt. Das war nicht die B-Seite irgendeiner Verlegenheitsplatte, die er aufgelegt hat. Dann gab er wieder zurück.

Nun konnte auch ich mich bedanken für den richtigen Zeitpunkt. Denn der Schiedsrichter führte gerade die Pfeife zum Mund, sodass jeden Moment der Anpfiff zum ersten Sechstel von irgendwelcher Länge ertönen würde. Womöglich waren die Sechstel sogar von verschiedener Länge, was ganz zum Bild der Erzalternativen aus Freiburg gepasst hätte. Ebenso würde passen, dass sie gar nicht versehentlich erschienen waren, sondern mit Absicht die falsche Ausfahrt genommen hatten. Ich unterdrückte ein Schluchzen. Aufrecht im Stuhl hielt mich in diesem Moment nur die aufrechte des Haltung des Schiedsrichters, als letztem Repräsentanten traditionellen Fußballsports. Und wäre nicht bereits ausgiebig von Bäumen die Rede gewesen, hätte ich gesagt, er stünde wie eine Eiche. Ich fügte mich in die waltenden Umstände. Auf gehts ihr Mannen da unten, die ihr wieder in kurzen Hosen und Trikots und bemalten Armen euch zeigt. Dieser Satz des Ansporns lag mir auf der Zunge. Aber Pustekuchen. Um 23.30 Uhr erlischt das Flutlicht immer automatisch, da kann man so viele Stecker reinstecken und Hebel umlegen wie man will. Das gehört sich so, um den Anwohnern die Nacht nicht zu vermiesen. Anwohnerschutz geht selbst dem Gläubigerschutz voraus in Deutschland, sagte ich hinaus in die Welt, um mal einen Eindruck davon zu geben, wie wir hier leben. Tatsächlich war es auf die Sekunde genau 23.30 Uhr, als die Lippen des Schiedsrichters die Pfeife berührten und es stockfinstere Nacht wurde. Sofort gingen überall die grellen Lampen der Handys an. Da vorher aber anhaltend dokumentiert worden war, ich sage nur Einrammen der Birkenstämme, Nageln der Nordmanntanne, gingen sie auch nacheinander wieder aus, bis es abermals stockfinster war. Und dann habe ich einen Satz gesagt, der mir viel Lob im Sender eingebracht hat, weil er kompromisslos und trotzdem richtig war. Der ging so: Ein Handy ist auch nur ein Tesla, weil wenn der Akku leer ist, läuft nichts mehr. Aggressive Gesänge wallten jetzt durch das Stadion: Licht an! Licht an! Dann: Licht an oder Spielabbruch! Licht an oder Spielabbruch! In sich widersinnig, weil das Spiel gar nicht angepfiffen worden war. Aber eingelernt, ist eingelernt, sagte ich mir. Dann drückte ich den Knopf Richtung Freiburg zu DJ Knopfleiste. Ich muss mich hier sofort um Eigensicherung kümmern. Adieu, sagte ich. Dann wurde auch mir im Reporterstübchen der Strom abgedreht.

Verstehe, Genosse, hörte ich den DJ sagen, da ich nun das Batterieradio eingeschaltet hatte, um ihn zu hören. Immer den Überblick behalten, wie mein Bruder immer sagt, sagte ich mir. Er ist Fluglotse. Eine Thermosflasche habe ich auch immer dabei. Ich gebe jetzt den längeren Wortbeitrag von DJ Knopfleiste mundgerecht wieder, so gut wie ich kann, um die Geschichte dieses Spieltags abzurunden, weil Sie mich ja danach gefragt haben. Aber was heißt Spieltag? Es wurde aus zwei Stadien berichtet, in denen nicht eine Sekunde gespielt wurde. Ein Novum, das sich kaum wiederholen wird. Wahrscheinlich werden entsprechende Maßnahmen ergriffen, um dem Regelwerk wieder Geltung zu verschaffen. Ich aber kann heute sagen: Ich war dabei! DJ Knopfleiste sieht das übrigens genau so. Alt und Jung in einem Boot.

Also ich jetzt ungefähr als DJ: In Freiburg gehts weiter, Genosse. Der Präsident hat per Notverordnung ein Notstromaggregat anwerfen lassen, als auch hier pünktlich das Flutlicht erlosch. Da es momentan heftig regnet und die Brandgefahr gleich Null ist, bekommen gerade die Pfadfinder eine zweite Chance. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz hat übrigens einem Vizepräsidenten …, das hatten wir schon, stimmt. Die Pfadfinder murksen bei strömendem Regen mit Feuersteinen herum. Es sieht so aus als würde sich der Systemkeil geschlossen entfernen wollen. Denn die Jalousien hinter der Glaswand der Loge sind soeben heruntergeglitten. Der Präsident und Gefolge werden womöglich heraus zu ihren Limousinen getragen. Vorsicht mit allzu schnellen Urteilen. Trinkt man nicht überall gern einen über den Durst und kippt vom Stuhl? frage ich Sie am Radio. Stichwort: Mojito, Stichwort: Futschi. Nehmen Sie teil an unserem Gewinnspiel. Wie viele Gedecke nahm der Präsident heute während des nicht ausgetragenen Heimspiels des SC Freiburg zu sich? Addieren Sie, freuen Sie sich über den Gewinn eines Radios mit extra langer Teleskopantenne. Nochmals die Frage: Wie viele Gedecke usw., usw., Sie wissen schon. Schreiben Sie mir keine Postkarten zwecks Aufklärung. Ich weiß es auch nicht. Wer weiß schon, was hinter den heruntergeglittenen Jalousien noch gereicht wurde? Auf nächste Woche und Ende der Sendung, aber nicht des Programms. Ich darf Sie auf die Rede des Präsidenten zum Wochenausklang hinweisen, die sogleich direkt aus seiner Kalesche ausgestrahlt wird. Danach das Neuste aus der Mikroelektronik, dann das Neuste aus der modernen Gehirnforschung. Thema heute: Warum wir lachen. Auf Wiederhören. So ungefähr DJ Knopfleiste in meinen Worten.

 

 

 

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