Ich sagte: „Tach.“

In der Zentrale knallten die Sektkorken. Um den flachen Tisch in der Ecke seines Büros hatte Koslowski den Stab versammelt, mit dem er die Aktion Georgier abgeschlossen hatte. Er hob das Glas. „Auf das Ende des Georgiers!“ „Auf sein Ende!“ tönte es im Chor zurück. Man stieß an, leerte die Gläser und ließ sich in die Ledersessel fallen.
In Zusammenarbeit mit dem Dienst einer verbundenen Macht war es gelungen, das Agentennetz Tscherkesischwilis, den man kurz den Georgier nannte, auszuheben. In Koslowskis Stab wurde über Beförderungen gesprochen.
Die Stimmung sank abrupt auf den Nullpunkt, als der Georgier nur drei Monate später wieder auf der Bühne erschien. Und zwar nicht auf dem Feld, wo man hätte nachbessern können. Koslowski war zugespielt worden, dass eine großangelegte Sabotageaktion in Planung sei, die Mittel dazu würden aus dunkler Quelle geschöpft. Als das angeworfene Karussell der internen Konferenzen ergebnislos zum Stillstand gekommen war, erhielt ich einen Anruf der Zentrale. Koslowski fragte an, ob ich Kontakt zu Adrian herstellen könne, die Operation sei dringend und falle in dessen Metier.

Ich habe den auskömmlichen Status eines freien festen Mitarbeiters erworben, bin sozusagen der rauchende Nichtraucher für die Zentrale. Der Kontakt zu Adrian klappt nur über mich.
Warum? Antwort verweigert.
Überdies sagt man mir Verbindungen zu Markus Wolf & Nachfolgern aus der HVA des MfS nach. Derzeit muss man das nicht mehr hartnäckig dementieren. Koslowski hatte erfahren, dass ich im August 2006 auf dem Alexanderplatz erschienen war, wo auch Markus Wolf erwartet wurde. Jedoch allein darum, um Bücher zu signieren. Was man offenbar für geheimdienstlichen Austausch gehalten hatte, war Wolfs Frage, ob ich eine Widmung für jemanden wünsche. Das vorgelegte Buch trug ausgerechnet den Titel Freunde sterben nicht. Ich erbat lediglich Signatur und Datum. Die einzig gewonnene Erkenntnis: Der Ex-Generaloberst war Linkshänder. Als Koslowski mich auf das Zusammentreffen ansprach, hielt er diese Information für dezent gesetzt, so als wüsste ich mehr.
Jetzt jedoch drehte sich alles um Adrian. Mein Ostexpertentum trat eher zufällig hinzu.
Ihn zu treffen, ist nicht einfach. Bin ich für Koslowski der freie Feste, ist Adrian der freieste Freie.

Man muss sich ausdauernd an der Kanalbrücke in Kreuzberg aufhalten, irgendwann kommt er oder er kommt gar nicht. Koslowski gab mir eine Woche. Wir klärten die Honorar- und Spesenfragen. Dann buchte ich einen Flug nach Berlin und ein Zimmer im Hotel Riemers Hofgarten, das von der Brücke einen guten Fußweg entfernt liegt und zu den netten Inseln Berlins gehört, die immer weiter schrumpfen.
Wer an der Brücke jemanden wartet, muss nicht stundenlang am Geländer lehnen. Von zwei Pizzerias aus hat man alles im Blick. In der einen schmeckt es und ist knüppelvoll. Daher saß ich in der anderen, wo die Auswahl unter den besten Plätzen immer groß ist.
Nach zwei Tagen mit angekohlter Pizza und riesigen Salatblättern, die eine schwarze Olive mit Kern am Grund der Beilagenschüssel versteckten, blieb ich beim Getränk. Am vierten Tag sah ich ihn. Ein Nerd unter vielen und vielen anderen, die so tun als wären sie welche. Kurze Hosen, Flipflops, Blick durch die Sonnenbrille auf’s Handy, in der anderen Hand die Eistüte, so stand er am Brückengeländer. Als ich von hinten herantrat, fragte er, ohne sich umzudrehen: „Wer vier Tage auf mich wartet, hat was auf dem Herzen, oder?“
„Koslowski braucht dich und darum auch mich. Fünfhundert Euro pro Manntag plus Spesen. Das alles in Wien.“ Adrian drehte die Eistüte um, die grüne Kugel begann zu rutschen, löste sich und landete im Kanalwasser über dem versunkenen Lidl-Bike. Das war nicht gerade ein Zeichen der Freude, wieder mit mir zu arbeiten. Ich trat beiseite und rief Koslowski an.
„Und?“ fragte Adrian, als ich wieder neben ihm lehnte.
„Morgen, Freitag um 10.30 Uhr für dich Termin in der Zentrale. Ab 15 Uhr geht’s dann zusammen mit mir weiter nach Wien. Aus der Eiskugel habe ich acht- statt fünfhundert gemacht.“ Adrian nickte und verschwand grußlos zwischen den Eisessern und Biertrinkern. Ich nahm den Fluchtweg aus der Spanisch-Englisch-Wolke, die permanent über der Brücke hängt, in Richtung Westen zum Brachvogel. Mein Stammlokal mit deutscher Küche, wenn ich in Berlin weile. Ich würde ein Wiener Schnitzel bestellen. Da morgen Abend bereits in Wien, wollte ich es zu Vergleichszwecken auf jeden Fall gegessen haben.
Als das Essen auf dem Tisch stand, erschien ein dickleibiger Mann und ließ sich in einen der Strandkörbe fallen, die am Rand des Biergartens stehen. Er bestellte eine Flasche Wasser, dann noch eine. Das Schnitzel hatte ohne Panade etwa fünf Millimeter Durchmesser und schmeckte.

Anderntags wartete ich vor der Zentrale, die sich derzeit als Verlagshaus tarnt. Die Standorte werden immer durchsichtiger, was beim Wort zu nehmen ist. Durch die Scheiben im Erdgeschoss war mäßiges Treiben zu beobachten.
Punkt 15 Uhr stand plötzlich Adrian neben mir. Reisefertig mit Rucksack wie ich auch. Er hatte ein Ticket nach Wien für heute 17.30 Uhr. Das meine war am Vormittag auf dem Handy angekommen. Adrian gab kurzen Rapport. Eine Art von Demokratisierungskampagne unter dem Titel Deutschland spricht solle in wenigen Wochen starten. Einer, den sie gerade kalt gestellt hätten, der Georgier, habe sich überraschend eingemischt mit Deutschland verstummt. Besser gesagt, er sei drauf und dran, sich einzumischen. In Wien gäbe es die Möglichkeit mehr zu erfahren. Näheres dann vor Ort.
„Tscherkesischwili, ein Veteran von Format“, sagte ich.
„Wer?“ fragte Adrian. „Noch mal.“
„Tscher-ke-sisch-wili.“
Fast-Track Sicherheitskontrolle und Speedy Boarding waren für uns nicht dazugebucht. Wir stürzten uns in die Menschenmasse in der ehemaligen Air Berlin-Halle. Mein Feuerzeug im Rucksack blieb unentdeckt. Am Band gegenüber musste eine Frau ihre halb ausgedrückte 125g-Zahnpastatube abgeben. Ich stecke immer etwas Verbotenes ins Handgepäck und muss sagen: Wenn das Outsourcing von Sicherheit beginnt, müssten in Koslowskis Büro eigentlich die Warnlampen durchknallen.
Als wir unsere Plätze einnahmen, saß als dritter Passagier bereits der Mann aus dem Strandkorb am Fenster. Beschattung hebt die Güte einer Aktion. Ich hätte zwölfhundert Euro Tagessatz fordern können. Bis zur Landung schaute er nicht einmal zu uns herüber, sondern fotografierte Landschaften und Wolken.
Vor dem Start konnte die Stewardess den Anschnallgurt zwischen seinen Speckfalten nicht erkennen musste nachfragen. Einfacher als in Schwechat ist ein Mann nicht abzuschütteln, der so beleibt ist, dachte ich.
Als wir uns auf die kilometerlange Wanderung durch die Flughafengebäude zur S-Bahnstation machten, verblüffte mich der Dicke jedoch. Auf zweihundert Meter hielt er wacker mit, erst danach war sein Hecheln hinter uns nicht mehr zu hören. Er tat mir regelrecht leid. Ich würde sein Engagement sofort bezeugen, träfe ich Tscherkesischwili nochmals wieder. 1977 hatten wir uns an der Long-Bar des Raffles Hotels in Singapur kurz angegrinst.

Die Order auf den Handy besagte, den zweiten Wagen der S7 zu nehmen und uns gleich rechts von der Tür zu setzen. Dann in die unter dem Fenster hängenden Zeitschriften der Wiener Linien schauen. Wir fanden, was wir suchten. Adrian mit überraschendem Städtevergleich: Shithole Berlin. Die Zeitschriften würden dort keine Stunde hängen. Trotzdem wolle er nicht woanders wohnen. Schon sein Ururgroßvater rückwärts bis ins 19. Jahrhundert sei Berliner gewesen.
Die auf den Rand der zweiten Zeitschrift geschriebene Adresse lautete: AllYouNeed-Hotel, Große Schiffgasse 12. Wir ließen das Blättchen mitgehen und stiegen an der Station Praterstern um in die U-Bahn.
Die Zentrale hatte unauffällige Mittelklasse reserviert. Wir erhielten Zimmer im sechsten Stock. Die Klimaanlage war bei der anhaltenden Hitze willkommen. Die Türschlösser ordentlich, nicht durch bloßes Anstarren zu knacken. Wir gingen hinaus in den späten, heißen Abend.
Auf einem kleinen Vikualienmarkt in der Nähe waren noch zwei Buden geöffnet. An den Seiteneingängen standen die Fahrradlieferanten Schlange. Ein gutes Zeichen. Ein Schnitzel stand nicht auf der Karte. Stattdessen Burger jenes Formats, das Messer und Gabel erfordert. Ausgerechnet!
Nach einem enttäuschenden Besuch der Ausstellung Von Hopper bis Rothko in der Potsdamer Kulturattrappe Museum Barberini – zwei Hopper, einer untypisch! – hatte ich mich in einem Burgerrestaurant entschädigen wollen. Vor mir landete ein Ungetüm von Burger. Der Biss durch die Komposition, das, was den Burger schließlich ausmacht, ist unmöglich. Man muss Messer und Gabel benutzen und isst die Einzelteile. Selbst wenn es in Mode käme, Schweinebraten aus der Hand zu vertilgen, würde ich keinen Hamburger mit Besteck mehr essen wollen, hatte ich damals beschlossen.
Aber wir hatten keine Wahl. Adrian bestellte vegetarisch, ich üblich. Vor Beginn der Säbelei erzählte ich ihm von meinem enttäuschenden Besuch der Ausstellung Von Hopper bis Rothko in der Potsdamer Kulturattrappe Museum Barberini – zwei Hopper, einer untypisch! – und wie ich mich in einem Burgerrestaurant hatte entschädigen wollen.
An der Wand eines indischen Restaurants nahe der Brücke hinge ein Druck von Hoppers Nighthawks an der Wand, erzählte Adrian. Dann machte er übliches Hamburgeressen vor, was auf groteske Weise misslang. Wir griffen zu Messer und Gabel.
Nach Adrians zweitem Aperol Spritz wurde abkassiert. Ich war beim Bier geblieben, bin ja auch nie Nerd gewesen. Als ich das Alter hatte, adelte man sich zum Trotzkisten oder Gammler. Welchen Typus bringen die Nerds hervor?
„Und morgen?“ fragte Adrian.
„Nach Schönbrunn und dort zum Taubenhaus.“
„Wie bitte?“ Wir durchstreiften den Platz. Keine Spur des Dicken.

Ins SMS-Tagesprotokoll notiert und abgeschickt: Flughafen, einen Verfolger abgeschüttelt, Hotel, Abendessen, Rückkehr ins Hotel 22.20 Uhr.

Zum Frühstück im Hotelgarten war es noch angenehm lau. Dann begann die Stadt zu glühen. Schönbrunn legte noch zwei, drei Grad dazu. Publikum war weit und breit nicht zu sehen, als wir vor der hohen runden Voliere mit Kupferkuppel in einem Seitenweg standen. Denn trotz der Hitze zog die Karawane hinauf zur Gloriette, um von dort aus Schloss Schönbrunn und das dahinter liegende Wien zugleich ins Handy zu befördern. Eine ungeheure Beweislast scheint auf den Schultern japanischer Touristen zu ruhen. Kann schließlich jeder sagen, es ginge nach Europa, dabei ist bloß Taiwan gebucht.
Wir setzten uns auf eine Bank.
„Schau dir die Voliere an“, sagte ich. „Rassetauben sind drin, aber sie dürfen nicht raus, die Wildtauben draußen nicht rein. So stellen sie sich in der Zentrale die Zentrale vor.“
„Und dafür schicken sie uns in die Hitze raus nach Schönbrunn?“
„Es ist wegen dir. Koslowski misstraut Freelancern. Wer mit ihm arbeitet, soll sich als edle Taube fühlen, die drin sitzt und ein Auge auf die haben, die rein wollen. In unsrem Fall der Georgier. Koslowski liebt die materielle Darstellung seiner Vorgaben. Ist angenehmer und einprägsamer als sich durch’s Handbuch zu quälen, glaub mir.“
„Meinetwegen. Er bezahlt ja für’s Nichtstun. Lass uns in die Stadt fahren und was trinken und essen“, schlug Adrian vor. Wir fuhren zum McDo am Schwedenplatz, obwohl ich Schnitzel essen sollte.
„Nach Plan ginge es jetzt in die Hofburg. Da wir aber jemandem im Nacken haben könnten, trennen wir uns jetzt. Treffen ist in einer eine halben Stunde vor dem Eingang der Schatzkammer. Im Shop die Schallplatte mit Originaltondokumenten der Kaiserin Sissi kaufen und rückwärts mit 78 Umdrehungen abspielen. Danach bist Du dran.“
Adrian saugte per Strohhalm die letzten Tropfen Cola zwischen den Eisstücken hervor und sagte dann: „Mann, Mann, geht’s noch komplizierter? Ich weiß jetzt schon, was da rauskommt. Lass uns die Hofburg überspringen. Wenn sie mich dabei haben wollen, gibt es nur einen Zielort. Und der ist nicht die Hofburg.“
„Nicht an den Gittern des Taubenhauses sägen. Genießen wir doch das Raffinement alter Schule. Mit Koslowskis Abschied Ende des Jahres ist es damit sowieso vorbei.“
Ich wanderte zum Stephansdom und zündete meinem Großvater eine Kerze an. Mit unendlicher Geduld hatte er es geschafft, mir das Räuberschach abzugewöhnen.
Adrian war pünktlich.
Schon mal vor der Schatzkammer, wollten wir auch die Kaiserkrone sehen. Wir zahlten Eintritt, suchten und fanden zwei. Eine für die Krönung, eine für den täglichen Gebrauch. Dann kaufte ich die Platte.
Jeder aus unserer Branche kennt den An- und Verkauf Rustenschacher, wo sämtliche Unterhaltungselektronik des vergangenen Jahrhunderts zu haben ist. Über der Tür k.u.k. Hoflieferant aus der Zeit, als hier noch Helferlinge für die anspruchsvolle Küche verkauft wurden. Jetzt in den Schaufenstern schicke alte Radios. Schade, dass Designirrtümer heute gnadenlos ausgemerzt werden oder sich als stilbildend durchsetzen.
„Würden die Japaner nicht ordentlich bestellen, ich könnte den Laden zusperren“, sagte Frau Rustenschacher. Das war der Satz, den sie jedem sagte, bevor sie herausgefunden hatte, in welche Fraktion die Kundschaft einzuordnen war. Wir stiegen in ein Kellergewölbe, wo sich in Regalen bis unter die Decke Stereoanlagen und Plattenspieler stapelten.
Ich entschied mich für eine Mikroanlage wegen der Schlepperei. Einen Plattenspieler mit Rückwärtsgang hatte Frau Rustenschacher natürlich nicht, manipulierte uns aber einen 33er-45er-78er-Philipps-Plattenhobel im Handumdrehen. Damit war klar, dass wir keine Musikfreunde waren, sondern zu jener Kundengruppe gehörten, mit der sie tatsächlich ihr Geld verdiente. Auch Musk bestelle Teile aus Goebbels’ Volksempfänger, ohne die seine Marsreisen nicht funktionieren würden, behauptete Frau Rustenschacher; wohl um den Preis zu rechtfertigen.
Denn wir erhielten keine drei Anlagen zum Preis von einer, um Platz schaffen, sondern umgekehrt. Adapter und Entzerrervorverstärker, um den Hobel überhaupt nutzen zu können, kamen noch obenauf.
Zurück im Hotel landeten unsere Helferlinge auf meiner Matratze. Bluetooth war nicht. Ich machte mich ans Verkabeln. Adrian sah zu und behauptete abermals längst zu wissen, worauf das Ganze hinausliefe. Er schrieb’s auf einen Zettel. Als alle Kabel saßen, gab ich Strom, legte die Platte auf und ließ sie mit Höchstgeschwindigkeit rückwärts rasen. Und tatsächlich krächzte die Kaiserin Sissi uns zwischen Rauschen und Knistern Adrians niedergeschriebene Worte: „House of Nakamoto.“ Ich versenkte die Anlage in den Wäschewagen auf dem Flur mit dem Hinweis: „Von zufriedenen Gästen.“ Die Platte knickten wir in der Mitte. Für jeden eine Hälfte als Souvenir.
Den Tag beendeten wir mit einem Spaziergang am Uferkai des nahen Donaukanals. In einem Hotelprospekt hieß das: Summerstage/chilliges Strandfeeling. Wir setzen uns vor einen Ausschank. Musik laut, Gespräche laut, Zurufe lauter. Adrian trank seinen Aperol Spritz, ich mein Bier. Werden gemütliche Ecken in Prospekten genannt, ist es meist aus mit der Gemütlichkeit. Ich vermute, dass Wiener, die es beschaulich wollen, genau gegenüber auf den Stufen sitzen, die dort zum Kanal abfallen. Es fehlt der Raum für Buden, Bänke, Liegestühle. Da Adrian am bunten Treiben nichts auszusetzen hatte und kein Dicker weit und breit zu sehen war, der uns hätte aufscheuchen können, blieben wir. Adrian erzählte, Straßenmusiker würden fünfzig Euro die Stunde machen. Er kenne einen. Hielte der zehn Stunden durch, käme er auf die fünfhundert, die Koslowski zunächst angeboten habe.

Ins SMS-Tagesprotokoll notiert und abgeschickt: Schönbrunn (Taubenhaus), Hofburg (Platte), Rustenschacherscher Laden, Donaukanal, Rückkehr ins Hotel 23.40 Uhr.

Nach dem Frühstück war endlich Adrian am Zug. Unser Ziel der Ort, wo der Georgier, gemäß Sissi, sich auf den neuesten Stand von Finanzierung gebracht haben könnte. Deutschland verstummt schien ein teures Unterfangen. Zu Adrians Freude steuerten wir vektororientiert das House of Nakamoto, den Bitcoinladen in der Führichgasse an und traten ein. Ich sagte: „Tach.“
Adrian wandte sich grußlos nach links und blätterte in den aufgehängten T-Shirts. Der Laden fiel nach hinten ab, ein Mann aus Adrians Generation, so um die dreißig, stieg die Stufen herauf.
Ich zeigte auf goldglänzende Münzen, die auf dem Tresen lagen. Ihnen war das dem Dollar ähnliche Symbol der Bitcoins aufgeprägt.
„Sind das die Bitcoins, die man hier erwerben an?“
Der Mann stufte mich sofort als Ahnungslosen ein, von denen hier sicher ab und an einer hereinschneit und möglichst schnell abzufertigen ist. Nein, das sei reines Merchandizing, sagte er.
„Hatte ich mir fast gedacht“, sagte ich. Bitcoins sind unsichtbar, oder? Kein Geschenkkarton, kein Einwickeln oder so etwas?“
„Exakt.“
„Aber wozu dann ein Laden, ich meine …“
Ich hatte große Lust weiter zu bohren. Da wirbelte Adrian herum – um etwas James Bond-Würze beizugeben – und fragte, was die Miner so bringen würden. Dabei wies er auf ein Regal mit zwei schuhkartongroßen Geräten, die in etwa so aussahen, wie das zusammengestauchte Innenleben eines alten PC. Der Gesicht das Verkäufers hellte sich auf.
Die seien längst veraltet, sagte er, stünden nur zu Deko da. Heute …
„Der AntMiner S9 von Bitmain“, warf Adrian ein. Von nun an waren die beiden unter sich, ich trat zurück in die Merchandizingkulisse.
Inhaltlich blieb mir die Bitcoinwelt verschlossen, atmosphärisch schien die Sonne. Keiner der beiden gewann die Oberhand. Jeder wusste Details, die den anderen interessierten. Aber dazu waren wir nicht nach Wien gereist.
„War der vor kurzem hier?“ unterbrach ich und zeigte ein Bild des Georgiers.
An der Miene des Verkäufers war abzulesen, dass er das Gesicht wiedererkannte.
„Hier kommen viele Leute rein, um sich zu informieren.“
„Hey, Sie werden sich wohl an einen Herrn so um die achtzig erinnern! Das ist nicht gerade Stammkundschaft. Der Mann ist, knapp gesagt, Terrorist und plant einen Schlag gegen Deutschland. Und dazu braucht er Geld.“
„Mit Drogenhandel wäre er schneller und einfacher bedient als mit Bitcoins. Bohren Sie mal in diese Richtung und lassen mich in Ruhe.“
Adrian in eiskalter Tatortmanier sofort hinterher: „Wenn Sie nicht auspacken, sind Sie dran wegen Mittäterschaft.“
„Schwachsinn. Aber ehe Sie mir eine Glock unter die Nase halten. Er war hier.“
„Was wollte er?“ fragte ich.
„Er hat alle FAQs gestellt, die auch im Internet gestellt und beantwortet werden. Von Terror war nicht die Rede.“
„Will er minen? Hat er sich nach dem AntMiner S9 erkundigt?“ fragte Adrian.
„Kann schon sein. Aber wir verkauften keine. Fragen sie bei Bitmain an.“
„Haben Sie ihm das Verhältnis von Stromkosten und geminten Bitcoins klargemacht?“ fragte Adrian.
„Wollte ich. Hat ihn aber nicht interessiert.“
„Interessant“, sagte Adrian.
„Wieso? Wenn ich auch mal was fragen darf.“
„Also bitte! Wer im großen Stil minen will, wem die Stromkosten dabei egal sind, der sollte Ihnen eigentlich verdächtig vorkommen“, sagte Adrian und ging zur Tür.
„Einem Rentner ohne Durchblick, der im Rollstuhl geschoben wird, sind die Stromkosten egal. Und dann rufe ich den Innenminister an, oder wie?“
„Wer hat ihn geschoben?“ fragte ich.
„Irgendwer. Vielleicht einer vom Fahrdienst.“
„Wie sah er aus?“
„Ich würde ihn den Fatman nennen. Noch irgendwelche Fragen?“
„Nee, schönen Tag noch.“ Wir traten hinaus auf die Fürichgasse.

„Was haben Schönbrunn, Hofburg, Rustenschacher, Bitcoinladen gebracht? Wir haben Koslowskis Verdacht erhärtet, mehr nicht. Wir wissen weder, wo die Miner stehen, noch haben wir das Wallet“, fasste Adrian die Aktion zusammen.
„Wozu die Miner, warum bist du bei der Stromfrage wach geworden?“
„Der Georgier kauft keine Bitcoins. Er würde nur Geld umtauschen und müsste auf steigenden Kurs hoffen. Er schürft, er mint sie selbst mit dem neusten Geräten von Bitmain.“
„Hurra, das mache ich auch!“
„Klingt nach einfachem Reichwerden, ich weiß. Aber wie beim rentablen Goldschürfen ist auch Minen von Bitcoins mit Kosten verbunden. Die Stromkosten sind so hoch, dass es sich kaum oder gar nicht lohnt, wenn der Bitcoinkurs unter eine bestimmte Marke fällen würde. Du brauchst billigen Strom. Und die Geräte kosten auch.“
„Was wäre wichtiger, der Ort, wo der Georgier schürft oder dieses Wallet?
„Das Wallet, die Brieftasche. Es besteht aus zwei Codes. Einer ist der öffentliche Schlüssel. Wer den kennt, kann mir Bitcoins schicken. Will ich zum Beispiel was verkaufen und mit Bitcoins bezahlt werden, muss der Kunde diesen öffentlichen Code kennen. Dann muss dieser Kunde wiederum seinen privaten Schlüssel nutzen, um seine Bitcoins bewegen zu können. So funktioniert die Kryptotransaktion.
Hat allerdings jemand den privaten Schlüssel eines anderen, hat er sofort Zugriff. Nichts hindert ihn mehr. Keine Name wird abgefragt, nichts. Wer das Wallet hat, hat die Bitcoins. Es stellt sich die Frage der sicheren Aufbwahrung.
Online- oder Software-Wallets sind verschwunden, wenn der Computer verschwunden oder geschrottet ist. Die Alternative ist das Paper-Wallet. Was wird beim herkömmlichen Einbruch mitgenommen? Eine Tonne Bücher, Zeitschriften, in der irgendwo das Paper Wallet steckt oder der Laptop, der schnell zu Geld zu machen ist? Sollte man drüber nachdenken.“
„Oder einen Stick mit dem Wallet im Wald vergraben und sich die Koordinaten merken.“
„Und wenn du wiederkommst, sind sie am Roden.“
„Dann einprägen.“
„Zu kompliziert.“

Auftrag erledigt? Freizeit? Mal das eine oder andere Palais beschauen? Kutsche fahren? Oder vier Flaschen Bier kaufen und auf den Stufen gegenüber der Strandmeile in den Abend dämmern? Fehlanzeige!
Ich hätte die Beschattung im ersten SMS-Tagesprotokoll nicht erwähnen dürfen. Für den Abend hatte die Zentrale ein Manöver geplant, um diesen Verfolger endgültig abzuschütteln. Aber warum? Morgen früh sollten wir Wien verlassen. Bis dahin würden wir nichts mehr unternehmen, was einen Verfolger interessieren könnte. Die SMS auf meinem Handy besagte:
Zur U-Bahnstation Donauinsel fahren, in der Donau plätschern, dann plötzlich loslegen und zum anderen Ufer schwimmen. Unsere Sachen würden gegenüber bereitliegen.
„Wie das?“ fragte Adrian. Ich zuckte die Schultern. Adrian kaufte eine Adidas Kastenbadehose, ich Adidas Badeshorts. Dazu einen wasserdichten Beutel für Handys und Schlüssel, Kreditkarten. Die wollten wir dem undurchsichtigen Transfer denn doch nicht anvertrauen. Wir bogen Ufergestrüpp auseinander, überstiegen Geröll im flachen Uferwasser.
„Die reine Schikane, wie Schönbrunn“, beschwerte sich Adrian.
Kein Einwand meinerseits.
Nach einer lästigen Passage mit Wasserpflanzen erreichten die freie Donaumitte.
Das Bad war mäßig erfrischend. Wie kann ein fließendes Gewässer so warm sein? Aber solange nur wir auf dem Rücken schwammen, war die Katastrophe nicht erreicht.
Als wir aus dem Wasser stiegen und den Uferweg in Augenhöhe bekamen, sahen wir unsere Sachen und dahinter ein Paar Sandalen, aus denen kräftige Waden ragten. Ich schaute nach oben. Es war der Dicke in kurzen Hosen und im blauen Polohemd.
„Lasst dicke Männer um mich sein, sprach Cäsar“, sagte er grinsend und: „Ich war so frei.“ Er wies auf unsere Sachen.
„Kommen Sie hoch zu mir. Handtuch?“ Er reichte uns zwei originalverpackte. Wir hatten tatsächlich keine besorgt. Adrian sah in mein ratloses Gesicht, ich in seines.
„Ehe Sie fragen. Ja, die SMS könnte von mir gewesen sein. Schlage vor, alles weitere in entspannter Runde zu bekaspern. Café Tiroler Hof?“
Und wieder ging es in den Fürichgasse. Wir passierten das House of Nakamoto. Beim Stand der Dinge war es überflüssig so zu tun, als sähen wir den Laden zum ersten Mal.
„Interessanter Laden, was?“ sagte der Dicke.
„Geht so“, sagte Adrian.

Das Café befand sich an der nächsten Straßenecke. Vor Adrian und mir betrat eine alte Dame mit ebenso betagtem Dalmatiner das Café. Der Dicke hatte sich unhöflich vor Frau und Hund hineingezwängt. Er saß bereits, der Ober stand neben ihm, als wir uns setzten. Der Dicke bestellte: „Eine Lore Würstel, ein Gösser.“ Der Ober stutzte, der Dicke formte mit den Händen einen Hügel auf dem Tisch, um zu zeigen, was er mit einer Lore meinte. Wir nahmen jeder Apfelstrudel und einen Braunen.
„Ab ovo, meine Herren“, sagte der Dicke, als das Bier kam. „Doch zunächst: Zum Wohle!“ Er stürzte das Bier mit einem Zug hinter die Binde.
„Na dann los“, sagte ich.
„Ihr nennt Tscherkesischwili den Georgier, wir nennen ihn wie er sich selbst nennt: den Schweiger. Er redet nicht viel, hört andere nicht gern reden. Vor allem das Gerede dieser Anderen störte ihn schon immer. Mittlerweile hasst er es. Sein Gehör hat ihm den Appetit an Menschen verdorben.
Es gibt eine Anekdote, die er früher gern erzählt hat:
Ein Franzose saß wegen Devisenvergehen, so wurde es genannt, in einem kubanischen Gefängnis. Er las eifrig Marx und lobte die kubanische Revolution. Die Kubaner blieben misstrauisch und stellten ihm eine Falle. Er durfte sich einen Graupapagei halten. Der hockte dem Mann von nun an auf der Schulter, wohin es auch ging. Eines Tages schrie der Vogel beim Hofappell: „Ich vais tuer Fidel! Je vais tuer Fidel!“ Der Franzose wollte ihm den Schnabel zuhalten. Der Vogel biss sich los und schwirrte ab über die Gefängnismauer. Erst als Mitterand Präsident wurde und Régis Debray einschaltete, kam der Franzose frei. Das war aber zwölf Jahre später.“
„Aha“, sagte Adrian.
„Pointe verstanden?“ fragte der Dicke.
„War so schwer nicht“, sagte Adrian.
Die Lore Würstel kam. Der Ober stellte den Teller in die Tischmitte, als sei Essen für drei bestellt worden und der Apfelstrudel Nachspeise. Der Dicke zog den Würstelberg zu sich heran und begann ihn abzutragen. Sprechen mit vollem Mund schien seine Stärke.
„Der Schweiger hätte längst in Ruhestand gehen können, denkt aber nicht daran. Seine Gesundheit wird nicht aus Tiflis, sie wird von Moskau aus überwacht, egal, wo auf der Welt er sich aufhält. Dieses Detail nur, damit Sie eine Vorstellung von seiner Position vor und nach Zerfall der SU haben. Das Chaos hat seine Position sogar gestärkt. Er ist der letzte Kirchenvater in der Branche. Das müssen Sie sich alles nicht merken, Koslowski ist im Bilde.“
„Ich auch“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte der Dicke. „Der Hinweis galt ihrem Kollegen.“
Der Apfelstrudel kam.
„Der Schweiger kennt Deutschland aus KGB-Zeiten. Was Sie nicht wissen, er liest lieber Schopenhauer, bevor er zu Stalins Werken greifen würde. Stalin, der bekannteste Georgier immerhin. Sagt Ihnen der Name etwas?“, fragte der Dicke, sich an Jüngsten unter uns, an Adrian wendend.
„Alle fünf Teile der Befreiung an einem Tag gesehen. Da kommt er vor, oder?“ gab Adrian zurück.
„Ja, der Schauspieler ist dem Generalissimus frappierend ähnlich. Was für ein Opus!“ Der dicke winkte dem Ober und bestellte sein zweites Gösser. „Übrigens schmeckt Apfelstrudel nur noch halb so gut, wenn er kalt ist.“
Wie auf Befehl griffen wir zu den Kuchengabeln. Wieder das Schnitzel vergessen, dachte ich.
„Das, was vor einiger Zeit passiert ist, passiert jedem Dienst irgendwann“, fuhr der Dicke fort. „Agenten fliegen auf, andere fliegen wieder ein. Das ist ein Mückenstich. Aber Deutschland spricht wirkt auf den Schweiger wie der Angriff eines Hornissenschwarms. Das hätten Sie nicht tun sollen, taktisch sehr unklug. Schweiz, Österreich, Dänemark wollen sich sogar anschließen.“
„Umso schwieriger für ihn dazwischenzufunken“, sagte ich.
„Auf seine alten Tage hat der Schweiger die Freiheit, sich jeden Wunsch zu erfüllen. Jeden! Und der heißt jetzt aus alter Liebe zu Deutschland: Deutschland verstummt. Auch die anderen werden keine Freude haben. Geplant ist kein schwarzer Bildschirm, wenn Deutschland spricht an den Start gehen soll oder Westeuropa per Geoengeneering mit tennisballgroßen Hagelkörnern einzudecken. Eine Truppe Spezialisten wird Verwirrung stiften. Die Leute, die sich treffen und miteinander sprechen sollen, werden plötzlich andere Adressen, andere Telefonnummern haben oder die Treffpunkte sind die falschen. Deutschland ist sprachlos, verstummt. Vorsausetzung: Der Start eines Satelliten, der auch noch andere Dinge kann. Teurer geht’s nicht, Georgien muss haushalten, also werden Bitcoins produziert.
Dass Georgien zugleich an internationalem Gewicht zulegt, wird natürlich gern gesehen. Auch in Moskau wird niemand in Tränen ausbrechen.“
Adrian kratzte abwechselnd Muster in die Vanillesoße und hob den Blick zum Kronleuchter.
„Ihr ward im Bitcoin-Laden. Der Mann weiß tatsächlich nicht mehr als er gesagt hat. Nun sage ich Euch, woher der Schweiger die immense Menge Strom bekommt, um die Miner laufen zu lassen. Denn mit einem Luftschlag ist wohl nicht zu rechnen. Die deutsche Armee soll ja aktuell kein flugfähiges Material haben.“
„Aber schwimmendes. Quer durch die Donau ohne Verpflegungsstopp“, sagte ich.
„Ich war entzückt. Zwei Kampfschwimmer ohne Handtuch. Die nächste Runde geht auf mich.“
„Der Strom“, sagte Adrian.
„Der Strom fließt. Georgien hat eine der größten Talsperren der Welt und produziert dort in etwa tausend Megawatt. Und es laufen nicht alle Turbinen. Der Schweiger zapft vor Ort ohne Netzverlust. Sollte das nicht reichen, hat er Zugriff auf armenischen Atomstrom zu einem Preis, der genau genommen keiner mehr ist. Aber selbst mit Bombern, die nicht nur so aussehen als könnten sie fliegen, würde kein Bundeskanzler eine 270 Meter-Staumauer und ein Atomkraftwerk angreifen. Die schon geschürften Bitcoins wären sowieso nicht gefährdet. Was ihr braucht, ist das Wallet, nicht wahr, junger Freund?“
Adrian nickte gähnend.
„Das Wallet bekommt ihr von mir, und zwar auf Papier. Man sollte sich nicht zu früh von der Knopfkiste trennen, obwohl der Klettverschluss regiert. Stick, Laptop, externe Festplatte verschwinden beim simplen Einbruch, Papier bleibt.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Ach!“ verwunderte sich der Dicke. „Ich hielt Sie für einen Festgeldtyp.“
Adrian stand auf, verschwand Richtung Toilette.
„Hat er was?“ fragte der Dicke.
„Druck“, sagte ich.
„Für das Wallet geht der Gegenwert von 25 Prozent der inzwischen geminten Bitcoins an mich, dazu ein deutscher Reisepass, Ausweis und Führerschein auf den Namen Klaus Bunker. Warum nutzt er das Wallet nicht selbst? Fragen Sie sich, wird sich Koslowski fragen. Warum nimmt Bunker nicht 100 statt 25 Prozent? Ich verrrat’s Ihnen: Via trita, via tuta, wie die Juristen sagen. Ein ausgetretener Weg ist ein sicherer Weg. Herumdoktern am Computer erhöht meinen Blutdruck, schnelles, echtes Bargeld hingegen lacht und macht mich froh. Zweitens, 25 Prozent von viel, sind viel und nur ein echter deutscher Pass ist ein echter deutscher Pass. Deutschland wird sich demnächst um die Echtheit von Dokumenten kümmern müssen, wenn der bunte Anstrich nicht blättern soll, meinen Sie nicht auch?“
„Warum riskieren Sie das?“ fragte ich.
„Der Schweiger hielt mich für unzuverlässig zu einer Zeit, als ich absolut zuverlässig war. Und ehe ich ohne Grund eine Kugel im Kopf oder ein Messer im Rücken habe, dann besser mit Grund oder noch besser, gar nicht. Also mit Geld in der Tasche, nicht in der Blockchain, und mit einwandfreien deutschen Papieren.
Adrian setzte sich wieder an den Tisch.
„Wollen Sie meine Meinung, Herr Bunker, wenn ich mal so sagen darf? Meine Meinung zum Zerwürfnis zwischen Ihnen und Tscherkesischwili?“
„Bitte.“
„Selbst mir fällt auf: Sie reden zu viel. Und ich bin wahrlich kein Schweiger. Oder Adrian? Was meinst du?“
„Manchmal schon.“
„Kleiner Dissens im Team, wie? Was es auch gewesen war, ich stehe auf der Abschussliste. Das Paper Wallet hilft da raus. Und nun?“
„Wir gehen raus einen Kaffee trinken“, sagte ich.

Wir setzen uns an einen Tisch am Straßenrand. Gleich links von mir schob sich kurz ein tätowierter Schwarzenegger-Arm ins Bild, der zu einem Mann gehörte, der ungemein lässig neben der Einwurfklappe an einem Müllwagen hing.
Als der Ober die Tür aufstieß, um den Braunen zu bringen, verließen gleich hinter ihm die alte Dame und der betagte Dalmatiner das Café.
„Er will ins Taubenhaus“, sagte Adrian.
„Ja, ein lupenreiner Überläufer. Ich muss mit Koslowski telefonieren, und zwar aus einer Zelle. Aber wo ist hier die nächste Zelle?“
„Vielleicht drinnen? Steht doch genug Schnickschnack aus alten Zeiten herum, warum keine Zelle?“
„Als du verschwunden warst, hat er den Begriff Blockchain erwähnt.“
„Was du wissen musst, weißt du.“
Als wir ins Café zurückkehrten, war der Dicke eingenickt, Kinn auf der Brust, die Arme hingen schlapp an den Seiten herunter. Hinter ihm die Wand, sah man ihn vom Tresen her von vorn. Dort lehnte der Ober und löffelte Thunfisch aus der Dose.
„Hat er mit Schnaps nachgelegt?“ fragte ich.
„Nein“, antwortete der Ober. „Die Frau mit dem Dalmatiner hat kurz mit ihm gesprochen. Dann ist er eingeschlafen.“
Zurück am Tisch sagte ich: „Herr Bunker? Herr Bunker, aufwachen!“ Herr Bunker rührte sich nicht. Adrian trat an ihn heran, zuckte kurz zurück und flüsterte, ohne mich anzusehen: „Der Rücken.“ Ich umrundete den Tisch und sah zwischen den Verstrebungen der Rückenlehne des Bugholzstuhls den Messergriff. Die feuchte Stelle im blauen Polohemd rund um den Einstich wurde langsam größer. Ich zeigte auf die Brieftasche in der Hose. Adrian versperrte dem Ober die Sicht, ich griff zu.
„Ja, wenn es so ist, Herr Bunker. Wir sind gleich wieder da“, sagte ich laut und ging zurück zum Ober.
„Soll er weiter schlafen. War ein anstrengender Tag. Wir holen ihn gleich mit dem Wagen ab, zahlen aber schon mal.“

„Dem Dalmatiner nachschnüffeln?“ fragte Adrian auf der Straße.
„Das können andere machen“, antwortete ich und besah mir die Brieftasche.
„Schön blöd, wenn er das Wallet in der Brieftasche stecken hätte“, sagte Adrian, als ich zwischen zwei Eurozehnern die Visitenkarte unseres AllYouNeed-Hotels entdeckte.
„Das testen wir jetzt. Zuzutrauen ist es ihm“, sagte ich.
Der Frau hinter der Rezeption reichte ich eine Kreditkarte des Dicken. „Im Fahrstuhl gefunden.“ Sie legte die Karte ins Fach mit der Nummer 614.
„Na bitte. Auch noch im gleichen Geschoss wie wir. Dann mal hoch.“
Das Zimmer war nicht verschlossen. Drinnen sah es nicht allzu zu chaotisch aus. Der Handkoffer war ausgekippt, eine Jackett lag auf dem Boden.“
„Profis suchen bei Profis den Stick. Offenbar hat er einen angeboten und den haben sie prompt gefunden. Wir suchen was Schriftliches. Das Paper Wallet. Richtig?“
„Sehr gut“, lobte Adrian.
Aus der Innentasche des auf dem Boden liegenden Jacketts zog er einen englischsprachigen Stadtplan Budapests. Er hielt die Seiten des Straßenverzeichnisses gegen das Licht, dann die aufgefaltete Karte und sagte: „Interessant. Vierundzwanzig Wörter sind schwach markiert. Eiweiß vielleicht. Kein Wort kürzer als vier Buchstaben. Das ist es.“
„Der private Schlüssel?“
„Nicht ganz. Es ist der Mnemonic Seed. Aber jeder Praktikant von Koslowski baut aus den ersten vier Buchstaben der Wörter den privaten Schlüssel.“
„Hallo, das ist ja wie auf der Minigolfbahn. Abschlag auf Bahn 6 und der Ball landet im Loch von Bahn 7“, sagte ich.
„So ungefähr“, sagte Adrian und faltete die Karte zusammen.
„Die andere Seite wird allerdings schnell merken, dass ihnen der Stick nichts nützt und wiederkommen. Wir sollten jetzt verschwinden.“
„Mit Koslowski telefonieren?“ fragte Adrian.
„Zu heikel.“
Wir checkten aus, buchten um und flogen zum vierfachen Preis des Hinflugs am gleichen Abend zurück Richtung TXL.
In der Business Class mag es Wiener Schnitzel gegeben haben.

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