Die Pfanne

Der Sohn/Bruder in Gewahrsam beim Tommy, der Ehemann/Vater beim Russen, standen Mutter und Tochter am Nachmittag fassungslos vor jenem Haus in Berlin-Reinickendorf, in dem sie bis zum Vormittag noch Mieter einer Zweieinhalbzimmerwohnung im dritten Stock gewesen waren. Durch verrußte Fensterhöhlen starrten sie in ein vollständig ausgebranntes Gebäude. Das große Glück, ohne Bombentreffer davongekommen zu sein, war zwei Wochen nach Kriegsende in verheerendes Unglück umgeschlagen.
Einiges sprach dafür, die Ursache im Laden unten, im Schuhfacheinzelhandel zu suchen. Der Händler hatte den Verkauf eingestellt und behauptet, keine Lederschuhe mehr auf Lager zu haben, spekulierte auf gute Geschäfte bei neuer Währung. Er wurde erschlagen, das randvolle Lager geplündert. Offenbar hielten die Plünderer ihn für den Hausbesitzer, der er aber nicht war, und steckten hernach auch noch das Haus an.
Nach einigen Tagen entdeckten Mutter und Tochter – ihr Hausrat war als letzter hinuntergestürzt und sollte obenauf liegen – als einzigen Artefakt die kleine schwarze Bratpfanne. Der Stiel verbrannt und verschwunden, sonst aber tadellos. Zugegeben, ein schwacher, sehr schwacher Trost.

Aber was geht mich das an? – Die beiden vor dem Nichts Stehenden sollten meine Mutter und Großmutter werden. Der Totalverlust verstärkte die ohnehin zeitgemäße Sorgfalt der Dingwelt gegenüber, die auch mir eingeschrieben ist. Meine Schrauben-, Bolzen-, Scheiben-, Mutternsammlung wirkt angesichts der Baumärkte mittlerweile seltsam anachronistisch.

Die Pfanne war mit dem kleinen Hausstand der Großmutter 1920 nach Berlin gelangt, da der väterliche Bauernhof in Westpreußen acht Kinder nicht ernähren konnte. Sie lernte einen im guten Sinne waschechten Weddinger Proleten kennen. 1927 wurde geheiratet. Mein zukünftiger Großvater arbeitete sich hoch vom Schmiermaxen zum Taxifahrer. Nach einigen Wohnungswechseln bezog die mittlerweile vierköpfige Familie die Wohnung in Reinickendorf. Meine Großmutter übernahm die Hauswartsstelle. Hinten heraus der Balkon zum Schäfersee, vorne heraus die Loggia zum Boulevard. Sehr nahe an Tucholskys Ideal:
„Ja das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“
Einer der Taxifahrerkollegen hieß (aufgepasst!): Erich Mielke. Als im Sommer 1931 zwei Polizisten auf dem Bülowplatz erschossen wurden, wusste jeder im Betrieb, dass es Mielke gewesen war. Noch Jahrzehnte später argwöhnte der Großvater bei jeder DDR-Durchquerung, der dort inzwischen allmächtige Mielke würde ihn als Mitwisser einkassieren.
Zunächst aber verschwanden beide Richtung Sowjetunion. Mielke begab sich in die Obhut der Partei, der Kollege Großvater folgte 1943 mit der Wehrmacht. Schon eingekleidet für das Afrikakorps, ging’s von Italien in die Ukraine.

Wäre er doch nicht Kraftfahrer, sondern wie Bruder Hans Tapezierer und Dekorateur gewesen! Denn nicht nur bekannte Namen wie Gustaf Gründgens und Carl Schmitt profitierten von der Macht des Dicken in Karinhall. Hans wurde UK gestellt, das heißt, unabkömmlich für Göring, den es in der Schorfheide nach Auffrischung des Interieurs drängte.

Nach dem Verlust der Bleibe unternahm die Großmutter etwas sehr modernes und besetzte eine verlassene Wohnung, zehn Fußminuten entfernt von der alten. Der Vormieter, ein Parteigenosse, war untergetaucht, die Hausverwaltung legalisierte den Coup. Als Sohn und Mann unversehrt wieder erschienen, entdeckten sie als bekanntes Hab und Gut einzig sie, die Bratpfanne.

Im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1966 hatte Geoff  die Engländer gegen Deutschland mit dem berühmten Wembley-Ghost-Goal auf die Siegerstraße geschossen. Und was verlautbarte ausgerechnet der deutsche Bundespräsident anderntags? Einen Vierwortedolchstoß in den Rücken Fußballdeutschlands: „Der Ball war drin.“ Empörend! Der Lübke-Satz war in aller Munde, im großelterlichen Haushalt konnte er sich jedoch nicht behaupten. Ein Vierwortsatz des Großvaters auf eine unendlich oft gestellte Vierwortfrage dominierte.
Frage: „Ist die Rente durch?“
Antwort: „Die Rente ist durch!“
Die Ungewissheit wegen der verbrannten Unterlagen war beendet. Der Großvater befeuerte nicht länger die Heizung eines Heims für schwer erziehbare Mädchen, sondern nahm Platz am kleinen Tisch im Wohnzimmer mit Blick auf die Kastanien im großen Hof. Interna über das Heim? Sind mir nicht bekannt.
Von der Oberschule aus machte ich oft den kleinen Umweg, um bei den Großeltern zu Mittag zu essen. Sie aßen Punkt zwölf, ich, wenn ich kam.
Wenn ich jetzt unerbittlich zum Kotelett hinschwenke, das die Großmutter stets auf den Tisch brachte, dann nickt der gähnende Leser und weiß hinzuzufügen, dass Salzkartoffeln und viel braune Soße dazugehörten und niemals Salat. Da es die Pfanne jedoch in die Überschrift geschafft hat, muss das Kotelett dazu herhalten, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen, oder? Ist hiermit geschehen.

Mein Großvater war ein guter Mann, ein stiller Mann. Laute Ausrufe kannte ich von ihm nicht. Doch eines Tages: „Dawei, Wassili, dawei!“ Vor Schreck ließ ich Messer und Gabel in die Soße sinken. Er war schon beim Dessert, beim Zigarillo, das, wie man weiß, durchaus als Gedankenzündkerze dienen kann.
Wer war Wassili? Etwa ich? Mein neuer Spitzname? Sollte ich schneller essen? Nein, mit dem zitierten Kommando begann weites Ausholen in wieder gewohntem Tonfall. Wassili war der Name des ukrainischen Kollaborateurs, der sich und den Großvater im Panjewagen über die Felder jagte, um der Roten Armee zu entkommen. Es war endgültig Schluss mit gemütlichen Übernachtungen auf den Kachelöfen der Bauern rund um Krivoi Rog. Die Geschichte endete in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus. Eine andere begann. Der Großvater avancierte zum außergewöhnlich guten Schachspieler, lief allerdings ins offene Messer, als er einen sowjetischen Wachoffizier matt setzte. Es folgte kein fröhliches Wodkagelage, sondern ein Monat im verschärften Arrest. Danach verlor er mit Absicht, nie aber gegen mich.
Ich musste mich mit längeren Denkpausen seinerseits zufrieden geben, wenn wir nach verzehrtem Kotelett am kleinen Tisch saßen und eine Partie spielten. Mit diesen Pausen gab mir der Großvater zu verstehen, dass auch ich dann und wann einen Zug vorausgedacht hatte, also Schach spielte, nicht Abräumen.
Als letztes Wort an mich sprach er meinen Vornamen aus. Es klang, als wäre ich für irgendetwas vorbestimmt. Ich saß zum ersten Mal an einem Sterbebett und konnte nichts erwidern. Wir reichten uns die Hände.
Sieben Jahre später wechselte meine Großmutter in ein katholisches Altenheim, wo sie wiederum sieben Jahre später, 1994, verstarb. Ich hatte gehofft, sie würde ein komplettes Jahrhundert durchleben. Anlässlich des Umzugs ins Altenheim erbat und erhielt ich die Pfanne, an der nun die Geschichte des neuen Jahrtausends anzuhaften beginnt.

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Eine Antwort zu Die Pfanne

  1. Harald schreibt:

    Ist poetisch! Bin mit allen Sinnen dabei.Schön geschrieben!

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