Irene P. (53, Taxifahrerin)

In Fritz Mauthners Wörterbuch der Philosophie lese ich im Artikel Bacon’s Gespensterlehre den Satz: „Ein Lahmer auf dem richtigen Wege kommt schneller voran als ein verirrter Schnellläufer.“
Ein Phänomen hat es verdient, diesen Satz wörtlich zu nehmen.
Mehringdamm Ecke Yorkstraße: Der weiße Zeitnehmer-SUV, Digitaluhr auf dem Dach, missachtet das Handzeichen eines Mannes mit knallgelber Warnweste und fährt in Höhe der ehemaligen Praxis Dr. Gottfried Benns über ein Nagelbrett.
Dem Wagen folgt in dreißig Meter Abstand das famose kenianische Führungsseptett in Pfeilspitzenformation. Man ist, wie immer, auf Weltrekordjagd. Vor sich sehen die sieben Kenianer den quer geschleuderten SUV auf vier Platten. Sie wissen, dass ein Ausweichen den Verlust wichtiger Zehntelsekunden bedeuten würde und entscheiden blitzschnell, den Laufrhythmus beizubehalten, biegen ab nach links in Richtung Tempelhofer Damm wie es der Westenmann anzeigt.
Die Läufer werden rechts und links von Fahrradfahrern eskortiert, die zur Organisation gehören. Ein Oberradler will die Streckenänderung nicht wahrhaben, hält an und spuckt große Töne. Der Westenmann zeigt einen Zettel: „Fahrbahnabsenkung, Plan B.“
Preußische Knappheit überzeugt. Der Radler schreit: „Plan B!“, steigt auf, biegt ab nach links. Alle Fahrradfahrer und Läufer folgen. Zunächst die kenianischen Verfolger der famosen Kenianer, dann deren Verfolger, dann größere Pulks, dann der Lindwurm von etwa fünfunddreißigtausend Marathonläufern, die bei Kilometer 19 noch im Rennen sind. Passieren tut nichts, die Polizei twittert sekundenschnell ein allgemeines Fahrverbot für alles mit Rädern, was nicht zum Tross gehört. Über dem Pfeilspitzenseptett kreist ein Hubschrauber, der anzeigt, wo es langgeht, wie die Kenianer meinen. Dabei ist es von jetzt an umgekehrt.
Als die ersten Fußlahmen erscheinen, die schon beim Gehen pausieren müssen, gibt der Westenmann die Strecke Richtung Yorkbrücken wieder frei, zieht die Weste aus und belohnt sich nebenan bei Curry 36.
Den Fußlahmen stehen noch dreiundzwanzig Kilometer bevor. Neunundfünfzig von ihnen schaffen es bis in Sichtweite des Brandenburger Tores, zweiundzwanzig können es noch durchqueren, von denen sechzehn wiederum fünfzehn Meter vor dem Ziel aufgeben und wie die anderen in den Besenwagen zusteigen. Rest sechs. Eine Frau mit blauen Turnschuhen muss sich einen Meter vor der Ziellinie unendlich erschöpft auf die Bordsteinkante setzen und durchpusten, gibt aber nicht auf.
Die übrigen fünf Männer fassen sich bei den Händen, zählen rückwärts von drei auf null und lassen sich bei null gemeinsam ins Zielband fallen. Fünf Träume werden wahr. Nicht ganz. Da ihre Füße zwanzig Zentimeter vor der Linie verbleiben, haben sie das Ziel nicht regelkonform durchquert. Trotz Zuspruchs der brodelnden Zuschauermasse, fehlt die Kraft zum finalen Krabbeln.
Nach zwei Minuten erhebt sich die vergessene Tochter des blauen Turnschuhs von der Bordsteinkante und stakst über die Liegenden hinweg ins Ziel.
Als Letzte ist sie nach knapp neun peinvollen Stunden die Doppelsiegerin des Berlin-Marathons. Irene gewinnt 50000 Euro, weil sie die beste Frau ist und nochmals 50000 Euro, weil kein Mann schneller war.
Das pfeilschnelle kenianische Septett hat indessen, ohne jemals Wasser zu fassen oder zu lassen, 190 Kilometer bewältigt und wird bei gleichbleibend hoher Geschwindigkeit in wenigen Minuten die Messestadt Leipzig erreichen.

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