Franz Kafka – Brief an den Intendanten

Sehr geehrter Herr,

eine Fälschung ist ein Skandal und ein Skandal ist etwas für die Presse, der es an Nachfolgern Egon Erwin Kischs nicht fehlen dürfte, sagte ich mir und suchte das Rathaus Steglitz auf, um die Zeitung zu lesen, die dort in Schaukästen zur Straße hin dargeboten worden war, als ich zum letzten Mal in Berlin weilte. Kein Wort zum Proceß, zur Auslegung des Manuskripts. Denn es gibt diese Schaukästen nicht mehr.

Der Fußweg von Steglitz hinunter zum Ort der Auslegung, zum Kunstgewerbemuseum, mittlerweile Gropius-Bau und Veranstaltungsort der Berliner Festspiele, denen Sie verantwortlich vorstehen, Herr Intendant, erschien mir zu beschwerlich. Ich nahm für eine erstaunliche Summe den Autobus. Bald warf sich jemand neben mich in die Sitzbank als sei ich nicht vorhanden. Ich verließ den Autobus an der nächsten Haltestelle, wo alle Aussteigenden sofort wussten, in welche Richtung zu gehen war. Es kam zu Schubsereien gegen mich, der ich einen Moment lang unschlüssig stand.

Erwarb daraufhin eine kräftigende Tomate. Nicht gewohnt, sie aus der Hand zu essen, biss ich zu wie bei einem Apfel und der größte Teil des Inhalts fuhr hinunter auf mein linkes Hosenbein, da ich blitzartig das Knie nach vorn bewegt hatte, um für mich zu retten, was gar nicht zu retten war. Die feuchte Masse bewegte sich langsam die Bügelfalte entlang nach unten, bis ich sie, bevor der Schuh erreicht war, abschüttelte.
Eine Tür, die ich öffnen wollte, um in einem Hausflur abseits der Öffentlichkeit an der Hose zu reiben, war verschlossen. Auf dem Klingeltableau erweckte einzig der Name Klawuttke Zuversicht, eingelassen zu werden. Ich klingelte bei Klawuttke, aber keiner der Klawuttkes öffnete. Stattdessen hörte ich durch den Lautsprecher den klawuttkischen Hund bellen.
Betrachten sie die letzten Zeilen nicht als skurrile Anekdote, die ich hätte weglassen können. Klawuttke wird für Sie noch wichtig werden, Herr Intendant.

Um vollends von der Tomate loszukommen, steckte ich den Rest, den ich noch immer in der Hand hielt, in den Mund und schlang ihn, entgegen meiner Gewohnheit, ohne zu kauen hinunter, worauf sich Magenschmerz entwickelte, sodass ich die Tomate verfluchte. Andererseits war mit einem verschmutzten Hosenbein nun zumindest ein Grund vorhanden, mir bis zum Gropius-Bau respektlos zu begegnen.

Als ich um zehn Uhr die Ausstellungsstätte betreten durfte – trotz der Zwischenfälle war ich zwanzig Minuten zu früh erschienen -, meinen Hut an der Garderobe abgegeben, den Obolus entrichtete hatte und in den ersten Stock hinaufgestiegen war, fand ich mich in den Räumen allein mit einem Wächter, der mich seine Beobachtung meiner Person spüren ließ. Selbst als Publikum nachrückte, behielt er speziell mich im Auge, als sei von mir das Schlimmste zu erwarten. Tatsächlich war mir mehrfach danach, augenblicklich den Tomatenrest heraufzuwürgen und auszuspeien.

Der Skandal, von dem nichts zu lesen war und mit dem ich mich in gewisser Weise bereits abgefunden hatte, erwies sich beim Betrachten der Glasvitrinen als ein Skandal mit dem ich mich auf keine Weise je abfinden werde können. Meine Absicht war, nach ruhiger Beschau der Manuskriptfragmente Ihnen, Herr Intendant, mitzuteilen, dass Der Proceß, so wie er ausgelegt ist, eine Fälschung sei. Der Skandal jedoch ist nicht die Fälschung, sondern die Echtheit.
Eine große Schrifttafel zu Beginn der Ausstellung weist ohne Umschweife darauf hin. Ich zitiere:

„Max Brod, der noch zu Kafkas Lebzeiten das Prozess-Manuskript vor dem Feuer rettet und sich später als Nachlassverwalter auch Kafkas letztem Willen widersetzt, sieht sich 1924 vor der großen Aufgabe gestellt, Kafkas Werk…“ usw., usw.

Hat er sich diese sogenannte große Aufgabe nicht selbst gestellt, als er, was ich zweimal verfügte, missachtete? Sollte die erste Verfügung meinetwegen als Resultat einer momentanen Gemütsstörung angesehen worden sein, so sollte die zweite, genauere Vernichtungsverfügung diesen Eindruck korrigiert haben. Setze ich mich in ein Café U.d.L. und verlange ausdrücklich keinen Apfelkuchen, bekomme dann aber welchen, wurde meinem Wunsche keineswegs entsprochen. Herr Brod, dem ich nunmehr das freundschaftliche Max entziehe, war offenbar anderer Auffassung.

Ich darf nun den Schluss des Zitats nochmals zitieren: „ …sieht sich 1924 vor der großen Aufgabe gestellt, Kafkas Werk…“ Sehe ich mich vor die kleine Aufgabe gestellt, ein großes CASUS! an den Rand zu malen? dachte ich und habe es nicht gewagt, spürte ich doch den Blick des Wächters in meinem Rücken.

Bei Beschau des Manuskripts dachte ich, ja, das hast alles du geschrieben, ja, hast das alles du geschrieben? Denn ich erkannte die Schrift Herrn Brods, der im Text herumgefuhrwerkt hat.
Daher meine Frage: Warum liegen die Fragmente unter Glas? Warum lassen Sie, Herr Intendant, das Publikum nicht Sätze streichen, die missfallen, Passagen hinzufügen, die zu fehlen scheinen? Warum verwehren Sie dem Publikum, was sich Herr Brod herausgenommen hat?

Bevor ich mich über drei Arten der Betrachtung auslasse, möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass ein Blatt in Kopie vorliegt.
Beschauen Sie sich bitte die mit 26 bezeichnet Seite. In der unteren Hälfte ist ein kleiner Teil der Schrift verwischt. Er ist darum verwischt, weil mir über die mit der Zahl 34 bezeichnete Seite während der Niederschrift ein Glas Wasser auskippte und ein Spritzer auf Blatt 26 landete. Ich tupfte mit einem Taschentuch darüber und beließ den Flecken, da noch zu lesen war, was zu lesen sein sollte. Bei Blatt 34 war das nicht der Fall. Ich beschrieb ein neues, sodass hier eine saubere Kopie des unleserlich gewordenen Originals vorliegt. Was ich Herrn Brod ausdrücklich nicht gestattete, gestatte ich nun Ihnen, nämlich den Eingriff in den Text, indem Sie über Blatt 34 ein Glas Wasser auskippen mögen, was vor Fachkollegen als Emendation leicht zu rechtfertigen wäre.

Ich habe von einer Arte povera sprechen hören, wo die alleinige Menge der auf den Museumsboden hingeworfenen Eierschalen oder Schnürsenkel künstlerische Wirkung erzielt. Nun, mit drei Schritt Abstand von den Vitrinen gleichen sich auch die Manuskriptseiten wie ein Ei dem anderen. Nur hingeworfen sind sie nicht. Die Anordnung der Seiten in den Vitrinen ist eines Landvermessers durchaus würdig, denn um keinen Millimeter weichen die Abstände der Seiten voneinander ab, um keinen Grad wird der rechte Winkel verlassen.
Da auch Eierschalen- und Schnürsenkelberge wahrscheinlich nicht bloß hingeworfen, sondern ebenso pedantisch geschichtet wie die Manuskriptblätter gelegt sind, wich einiges Publikum jene eingewöhnten drei Schritte zurück und schlug das Manuskript als dargebotene Materialmenge aus Papier und Tinte offenbar der Bildenden Kunst zu.
Oder meinen Sie gar, Herr Intendant, ich hätte mir die Seiten jemals auf diese Weise betrachtet, sie seien gleichsam authentisch platziert? Ich habe stets recht kleine Zimmer bewohnt, keine Säle. Das Manuskript war mir immer ein Faszikel, in dem zu blättern ist.

Dies zur ersten Art der Betrachtung, die meist der zweiten folgte, welcher die dritte als eine erste voranging. Jene zweite setzt nun ein Heranrücken an die Vitrinen voraus. Es wird beschaut, jedoch nicht gelesen. Denn als sei der Boden vor den Vitrinen ein stetig sich vorwärts bewegendes Band, gleitet das Publikum langsam dahin und vorbei. Die Betrachtungsweise ist also wiederum eine ästhetische, gilt meinetwegen Schwüngen oder anderen Besonderheiten meiner Handschrift, auf die ich nicht den geringsten Wert legte. Die Vereinigung von Bildender Kunst und Schrift hat in der westlichen Welt jedoch Herr Cy Twombly bestens zu Wege gebracht, nicht ich.

Die dritte Betrachtungsweise, die jeder Beteiligte nun richtigerweise als die erste erkennen wird, ist die des Lesens. Mir fiel auf, dass Lesen und lautes Hersagen immer den ersten Halbsatz betrafen, den man offenbar auswendig kennt. Denn er ist nicht leserlicher ausgefallen als der Rest. Hinzu kam mehrfach Verwunderung über den Umlaut in verläumdet, der mein offenbar kurioses Wesen offenbart. Aber wozu auch dutzende Seiten angestrengt entziffern, wenn Herr Brod die Fragmente zu einem Buch geschmiedet hat? Betrachtungsweisen zwei und drei konnten beginnen.
Ich mache dem Publikum weder zum Vorwurf, dass es den der Arte povera gemäßen Abstand einnimmt, noch sich kalligraphisch interessiert nähert oder den ersten Halbsatz für das Ganze nimmt. Wenn Der Proceß nun einmal ausliegt, die unerhörte Maßnahme gegen mich vollbracht ist, steht es jedem frei, eine Haltung zu wählen, die gefällt.

Als eine Stunde vor Mittag, wohl um dem Begriff Berliner Festspiele zu genügen, in einem Nebenraum Der Film zum Manuskript abgespielt wurde, verließ ich mit jetzt heftigen Magenkrämpfen das Gebäude. Es war mir eine große Erleichterung zu sehen, dass der Chauffeur seinen Rausch ausgeschlafen und meinen bequemen Reisewagen vorgefahren hatte. Ich musste jedoch noch einmal umkehren, den Hut auszulösen.

In meiner Rocktasche steckten einige Seiten harmlosen Inhalts, die ich als ein Original gegen die Fälschung, die leider keine ist, hatte hergeben wollen. Ja, ich hatte die Absicht, Sie zu retten, Herr Intendant!

Ich schrieb diese Seiten während meines letzten Aufenthalts in Berlin und weiß, dass nach ihnen gesucht wird. Empfängerin war ein Mädchen, das seine Puppe im Steglitzer Stadtpark verloren hatte und bitterlich weinte. Ich habe die Puppe dem Mädchen Briefe schreiben lassen von einer schönen Reise mit dem glücklichen Ende einer Heirat. So war das Mädchen schließlich über den Verlust getröstet und die Mutter gab mir die Seiten mit herzlichem Dank zurück.
Nach meinem Besuch im Gropius-Bau vor zehn Tagen, habe ich den Bentley neben einem Abfallbehälter halten lassen. („Eins, zwei, drei vier Eckstein, Alles muss versteckt sein!“ ruft die freche Puppe im Moment, als das Mädchen glaubt, sie verloren zu haben.) Ich füge eine Zeichnung bei, wo sich der Abfallbehälter befindet, in den ich die Seiten fallen ließ.

Ausschließlich Sie, Herr Intendant, erhalten diesen Hinweis und ich setze einen zweiten hinzu: Die Klawuttkes hätten es nicht weit!
Sehen Sie es als einen bescheidenen Gunsterweis an. Denn womöglich haben Sie die Zurschaustellung des Manuscripts gar nicht aus eigenem Antrieb veranstaltet. Der Berliner Geschäftsbetrieb verführt schließlich manchen braven Mann zu Taten, die später zu bereuen sind.

K.

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