Betaästhetik

Sparsonne: Frau Dr. v. Grundbeben, zunächst vielen Dank für das Interview.

Grundbeben: Es wird mein erstes und letztes sein.

Wir stehen hier auf einer massiven Stahlbetonplatte im Keller Ihres Hauses. Warum ist Ihnen diese Platte wichtiger als der Goldfischteich im Garten?

Grundbeben: Goldfischteich?

Anders gefragt: Warum die massive Stahlbetonplatte?

Grundbeben: Weil man sich dem Grundbeben gegenüber offensiv verhalten sollte.

An welche Art von Grundbeben denken Sie da, Frau Dr. v. Grundbeben?

Grundbeben: Grundbeben jeder Couleur.

Tektonische, intellektuelle, religiöse? Alle?

Grundbeben: Alle.

Und kostet, über den Daumen gepeilt, wie viel?

Grundbeben: Den Beton habe ich selbst geschüttet, vorher die Moniereisen zusammengerödelt. Wie auf dem Belegfoto erkennbar. Mit meiner alten Voigtländer geschossen. Hier, heben Sie mal an.

Auch aus Stahlbeton?

Grundbeben: Da hat man was in der Hand, wie? Ist sogar ein Film drin. Wissen Sie was das ist, ein Film? Scheißegal. Was wollten Sie wissen?

Die Kosten für die Stahlbetonplatte.

Grundbeben: Selbst schütten und zusammenrödeln spart Geld. Und ich weiß von vornherein, dass die Mischung stimmt und alles sitzt. Wem Look and feel egal ist, bekommt es noch preiswerter. Allerdings kenne ich mittlerweile kein Gebäude, wo Betaästhetik der Bodenplatte nicht bis zum Dach durchgeschlagen hätte. Paläste mausern sich zu Bruchbuden. Und keiner weiß, warum.

Können Sie Beispiele nennen?

Grundbeben: Die Regierungsbauten der Bonner in Berlin. Man kann’s aber auch metaphorisch nehmen.

Wann sind sie zum ersten Mal auf das Phänomen des Grundbebens gestoßen?

Grundbeben: Nach meiner Scheidung, als meinem Mann unserer gemeinsames Haus, besser gesagt, unsere gemeinsame Bruchbude zugesprochen wurde. Das Grundstück wurde allerdings geteilt und ich bekam das Hammergrundstück hier hinten. Als ich dann mit dem Vorschlaghammer das Gewächshaus zertrümmerte, war ein gewisses Grundbeben zu spüren. Bei meinen Ex sozialwissenschaftlich als manifeste Kränkung, bei den Nachbarn eher naturwissenschaftlich als manifestes Bodenzittern. Davor will ich mich selbst dauerhaft schützen.

Die nachbarliche Seite, die physikalisch-tektonische, leuchtet sofort ein. Sollten die Herrschaften ihrerseits ihre Gewächshäuser zertrümmern, würde die Bodenplatte, auf der wir hier stehen, sicher abweisend wirken. Aber die psychologisch-soziologische Seite ist doch sehr rätselhaft.

Grundbeben: Warum? Die 1A-Stahlbetonplatte unterstützt die Herausbildung eines stahlbetonharten Gemüts. Und zwar in jedem Alter, junger Mann!

Könnte man sagen, dass Sie über das Hammergrundstück, das Sie zum Hammer greifen ließ, auf das Grundbeben aufmerksam wurden, Frau Dr. v. Grundbeben?

Grundbeben: Tatsächlich ist es so. Als emeritierte Pathologin war mir der Begriff des Grundbebens vorher vollkommen fremd.

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