Für Hartmut

img_09141970. Zu Beginn des Schuljahres kam ein Neuer in die Klasse. Hartmut. Den erstaunten Lehrern nannte er in einem Atemzug Namen und Existenzform. Heute heißt sie Verweiler, damals Sitzenbleiber. Hartmut kürte sich zum Repetenten. Er war neunzehn, zwei Jahre älter als wir anderen. Es zierte ihn ein blonder Bart in der Facon wie Walter Ulbricht seinen grauen trug. Hartmut lief nicht gebeugt unter der Last des US-Imperialismus, sondern wahrte aufrechte Haltung, trug geputzte Schuhe und gebügelte Oberhemden. Nein, Krawatten trug er nicht. Er war ein Dandy im Versuchs- oder Frühstadium und er kellnerte; und zwar regelmäßig, auch unterhalb der Woche. Der Laden hieß Steamer of Bremen. Wir vermuteten dort Leute seines Schlages, mit denen nichts anzufangen war. Der Neue brachte alle Voraussetzungen mit, ein Außenseiter zu werden, hätte es nicht ein anarchistisches Mädchentrio mit feiner Witterung für Verbündete gegeben.
Die drei waren nicht nur der Alptraum des Lehrkörpers. Auch die auf Bewusstseinserweiterung gepolten Ad-hoc-Gruppen und HISTOMAT-DIAMAT-Kader hatten ihre Probleme. Die beste Freundin des Trios hieß Anja. Anja hatte nichts dagegen, wenn die drei sich abends in der Schule einschließen ließen, ihre Vorbereitungen für einen fröhlichen Schulbeginn am nächsten Morgen trafen und aus dem Parterre wieder entstiegen. Anja war die Schäferhündin des Hausmeisters. Ergänzend wurde nun Hartmut in Dienst genommen.
„Und nun zu …“, ein Klassensatz Reclamhefte landete auf dem Lehrertisch, „… Brecht.“
Hartmut gluckste zweimal, hielt sich dann gekonnt den Handrücken vor den Mund und hüstelte, dem Lehrer anzeigend, die Contenance nur vorübergehend verloren zu haben. Den verdeckten Lacher nahm jedoch das Trio auf, das seine Sympathisanten ansteckte, sodass schließlich die gesamte Klasse bis zur Erschöpfung lachte. Eingeschlossen selbst die, die niemals lachten: Verlobte Schwangere und Zahnarztsöhne. Brauchte man frischen Impuls, reichte ein Blick hinüber zu Hartmut, der das prustende Hufeisen mit allergrößter Verständnislosigkeit betrachtete.
Er setzte sein Glucksen absolut instinktsicher. Es vergingen Tage, an denen wir nicht ein einziges Mal lachten. Als aber die Aufsichtsperson während einer Klassenarbeit selbstvergessen im Yoghurt rührte und schließlich den Löffel zum Munde hob, gab Hartmut Signal und die Lawine brach los. Als sie verebbt war, hörten wir, wie gesund Yoghurt sei, sahen Hartmut zustimmend nicken und es ging wieder los.
Der Musikunterricht fand nur theoretisch statt, tatsächlich herrschte große Pause. Auch hier griff Hartmut ein. Als die Pädagogin, unter Gegrummel und Gemache unsererseits, ein Stück am Flügel beendet hatte, stand er auf und applaudierte. Sie bedankte sich und gestand, für den kleinen Vortrag zu Haus sogar geübt zu haben. Hartmut setzte sich, wir schwiegen betreten. Keine Lehrkraft hatte es je geschafft, der Klasse Musik näherzubringen. Hartmut sorgte für die Wende.
Er mag eine gute Musiknote bekommen haben, die übrigen Fächer konnte er nicht bewältigen. Selbst Schuld. Wir hielten seine Kellnerei für exzentrisch überspannt, nicht für existenziell notwendig. Nach einem Halbjahr verschwand er wieder, blieb aber ein Weilchen präsent, weil das Mädchentrio seiner gedachte. Ihm zu Ehren erfanden sie ein Wesen namens Hartmude. Mitten im Unterricht fiel plötzlich dieses Wort und ein Zeigefinger deutete gegen die Decke. Dort war nichts. Aber alle schauten hinauf und fragend oder zurechtweisend begrüßten wir das Deckenphantom: „Hartmude?“ „Hartmude!“ Am Ende des Schuljahres wurde das Trio gesprengt.
Ich war neunundzwanzig, Hartmut wäre einunddreißig gewesen, als ich einen Klassenkameraden traf, der in Hartmuts Nähe gewohnt hatte. Er erzählte, dass Hartmut, drei Jahre nachdem er die Schule hatte verlassen müssen, mit seinem roten NSU Prinz gegen einen Baum gekracht und zweiundzwanzigjährig verstorben sei. Zur Beerdigung seien nur er, der Klassenkamerad, und Hartmuts alter Vater erschienen, dem gänzlich unklar geblieben sei, was passiert war.
Hartmut war der erste Tote meiner Generation, den ich kenne.
Ahoi Hartmut! Das wollte ich doch geschrieben haben. Worte sind kein neues Leben, ich weiß. Doch mehr als Worte machen, kann ich nicht. Verzeih mir mögliche Fehldeutungen und den Blick ins Private. Mit Sicherheit wärest du der Käptn im Steamer geworden.

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