Kühn, kühner, am feigesten

img_0871Am Vormittag, den 13. Juli 1970, sitzt ein achtzehn Jahre alter Oberschüler aus Westberlin in einem Zimmer des Bahnhofs Griebnitzsee. Das Besondere daran: Der Bahnhof liegt im DDR-Grenzgebiet und ist Kontrollpunkt für die Transitzüge von Westberlin nach Hamburg. Der Oberschüler, vom Bahnhof Zoo angereist, darf den Zug dort gar nicht verlassen. Er hatte jedoch etwas vergessen, von dessen Vorhandensein man sich immer viermal überzeugt hatte, bevor es transit ging: Den Ausweis. Nach der ergebnislosen Aufforderung „Zollkontrolle der DDR. Die Reisedokumente!“ verließ er unter scharfer Bedeckung Abteil und Zug in Richtung jenes Zimmers. Dort sitzt er eine Stunde allein, bevor sich ihm ein Uniformierter gegenübersetzt, der das Vergehen und die Gesetze der DDR vorträgt. Dann muss der Oberschüler seinen Reiseplan darlegen, der so ausschaut, dass er mit dem Klassenkameraden aus dem Abteil um 13.30 Uhr in Büchen den Zug verlassen wollte, um mit den Rädern aus dem Gepäckwagen eine Tour nach Dänemark zu starten. Daraufhin soll er beweisen, friedliebender Westberliner und kein feindliches Element, gar Republikflüchtling zu sein. Das heißt, er muss auf detaillierte Fragen zu Westberliner Örtlichkeiten die richtigen Antworten geben. Das gelingt ihm auch. Nur die letzte Frage kann er nicht beantworten. Er weiß zwar, dass im Wirtshaus Wuppke in der Schlüterstraße der Flipper nach Öffnen der Tür gleich rechts steht, kann aber nicht sagen, ab welcher erspielten Summe der Apparat ein Freispiel herausgibt.
Der Uniformierte geniest grinsend die leise aufkommende Panik und schwenkt vom Verhör um zur Plauderei, die er mit der Feststellung eröffnet, nichts gegen lange Haare zu haben. Der Oberschüler nennt auf Frage seinen Berufswunsch und bekommt die Vorteile des DDR-Bildungssystems erläutert. Nach einer Fragerunde zu Details der besuchten Oberschule, wird er schließlich eingeladen, beim nächsten Besuch der Hauptstadt der DDR doch unverbindlich im Haus des Lehrers vorbeizuschauen. Mit einem Gegenzug darf er zurück nach Westberlin reisen und einen zweiten Versuch unternehmen.
Ich war also allein weitergefahren und hatte mich mangels Gesprächspartner den Parolen entlang der Bahnstrecke gewidmet. Neben immer wiederkehrenden Hinweisen, dass im Bunde mit der Sowjetunion nichts schiefgehen könne, fielen mir zwei äußerst eigenwillige Spruchbänder auf. Dem Inhalt des ersten „Die DDR. Ein Staat der Jugend, modern, stark und schön!“ widersprach der Blick nach draußen. Erst als zwanzig Jahre später westdeutscher Beton Einzug hielt, wurde, was modern, stark und schön hätte sein sollen, immerhin als charmant gedeutet. Die zweite Parole „DDR. Kraftquell der Nation!“ blieb so lange rätselhaft, bis sie im neuen Jahrtausend zur personifizierten Wahrheit wurde.
Auf dem Bahnhof Büchen lud ich die Fahrräder aus und erklärte den westdeutschen Zöllnern, warum ich mit gleich zweien einsam auf dem Bahnsteig stand. Sie machten mir Mut. Alles käme wieder in Ordnung. Der Hokuspokus, den die da drüben veranstalten würden, dauere zwar, aber der nächste Zug aus Berlin käme sowieso erst in knapp sieben Stunden.
Pünktlich um 20.14 Uhr rollte er ein und der einzige Reisende, der ausstieg, war tatsächlich mein Klassenkamerad. Es wurde dunkel, als wir uns auf die Räder setzten. Über Mölln erreichten wir nach Mitternacht Ratzeburg.
Es war Regattawoche. An von Haus zu Haus gespannten Leinen hingen die Flaggen der beteiligten Nationen. Wir holten zwei herunter. Der Kumpan wählte sofort die deutsche, ich die finnische. Finnland war meine heimliche Liebe, weil das Land, wie ich meinte, meinem Charakter am ehesten entsprach; stumme, stille Weite, wo Schweigen nicht Maulfaulheit, sondern Tugend ist.
Die Jugendherberge war natürlich geschlossen. In der einzigen noch geöffneten Gaststätte wurde fleißig gewürfelt. Wir tranken Für die Seele und die Kehle jeder ein Astra-Pils und fragten die Wirtin nach Sicherheitsnadeln. Sie gab uns eine handvoll, wir zählten acht heraus, für jeden vier. Wegen des 60×40-Formats ließen sich die geklauten Fahnen nur senkrecht hinten auf den Parkas befestigen. Wir saßen auf. Es ging Richtung Lübeck. Im frühen Berufsverkehr wurden wir häufig angehupt. Da uns oft zwanzig, dreißig Meter trennten, war bald klar, dass die Huperei ausschließlich Schwarz-Rot-Gold galt. Ergänzend wurde meinem Kumpan der Vogel gezeigt. Er genoss es und grüßte mit erhobener Arbeiterfaust zurück. Mir kam der Verdacht, dass bereits der fehlende Ausweis eine absichtliche Provokation gewesen sein könnte. Ich aber, das blaue Kreuz senkrecht auf dem Rücken, galt offenbar als christlicher Radler auf Pilgerfahrt und war keine Reaktion wert. Als wir uns am Nachmittag vor der Lübecker Jugendherberge anstellten, hatten wir fast anderthalb Tage nicht geschlafen.
Der Herbergsvater, Schrot und Korn-, nicht etwa Lübecker Marzipanbrot-Typ, lief rot an, als wir an der Reihe waren. Statt uns in seine Liste einzutragen, ließ er den Kugelschreiber sinken, holte einmal tief Luft und schrie: „Fahnenschändung! Raus!“
FAZ, 15. Dezember 2016: „Um zu provozieren, braucht es heute kaum mehr als eine Deutschlandfahne. Das denken auch…“
… auch zwei Herrenmodeblogger. Das Berufsbild ist mir unbekannt. Aber Herrenmodeblogger scheinen auch zu nähen oder jemanden zu kennen, der nähen kann. Denn den Link zu den Herrenmodebloggern angeklickt, war auf allerhand sportivem Textil die Deutschlandfahne zu sehen. Darin mittig der Adler kopfüber. Bückling vor dem Milieu, in dem sich Herrenmodeblogger offenbar bewegen und das nicht weniger aggressiv gepolt ist als das der Herbergsväter 1970, nur eben andersherum. Daher sicherheitshalber noch beim Sozichef untergekrochen mit der Benennung des Sortiments als Deutschland Pack.
Ich war drauf und dran, mich um die Telefonnummer des wahrhaft kühnen Provos von damals zu kümmern.

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Eine Antwort zu Kühn, kühner, am feigesten

  1. Harald schreibt:

    Sehne mich zurück. Heute vergessen nicht mal Attentäter ihre Ausweise.

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