Und in der linken Ecke: sk!

Mitte der 80er sah ich mir in der Potsdamer Straße eine Wohnung an. Sie lag im ersten Stock links und hatte einen schönen Erker. Eine Röntgenpraxis war gerade ausgezogen. Das hätte der Vermieter vielleicht verschwiegen, wären unter der Tapete keine Bleiplatten gewesen.
Vor derselben Hausnummer lande ich heute. Die Straßenfront ist eingerüstet. Der Erker macht nach wie vor Eindruck. Und wieder treffe ich auf Blei. Im letzten Hof befindet sich die Galerie p98a. Sie ist Ausstellungsraum und Druckwerkstatt zugleich. Wer wissen will, wie das Drucken mit Bleisatz und Holzlettern funktioniert, könnte es hier beobachten. An diesem Freitag verwandelt sich die Werkstattgalerie zum Vortragsraum für Sonja Knecht. Sie spricht im Rahmen der Veranstaltungsreihe Creative Morning. Das weltweit organisierte Vormittagstreffen steht heute unter dem Motto BROKEN. Der Raum ist überfüllt. Es stehen so viele Besucher wie sitzen. Die Reihen der Hocker kreisen die linke Ecke förmlich ein, aus der heraus sk sprechen wird. Den Unterhaltungen ist zu entnehmen, dass ordentlich Lehrkörper anwesend ist. Der Veranstalter weist darauf hin, den guten alten Brauch der Vorabregistrierung einzuhalten.
Neben einer Staffelei, auf der zusammengeheftete Plakate stehen, die während des Vortrags, eines nach dem anderen abgetrennt, zu Boden fallen werden, weitet sk ihr verkürzt formuliertes Thema „Text in Not“ zu: „Die besten Texte entstehen in größter Not.“ Ihr Interesse gilt den aus Not und Leid heraus entstandenen Texten, nicht der Not des Buchhandels. Eine Liste von Schriftstellerinnen und Schriftstellern von Ingeborg Bachmann bis Kleist als Beleg. Robert Walser und sein Bleistiftgebiet mit Extraerwähnung. Allesamt Personen, die ihr Zerbrechen mit Literatur hinauszögerten, beschleunigten, anzeigten. Nicht unerwähnt bleibt, dass selbstverständlich auch gesunde und frohe Menschen lesbare Literatur schreiben können. Ein ermutigender Hinweis für die Vielen im Publikum, die sich auch kommerziell mit Schrift und Text befassen.
Aber was ist Text, nachdem Intuition und Lebenserfahrung, ob bitter oder süß, ihn provoziert haben? „Text ist gestaltete Sprache“, definiert sk. Die Ausdrucksmittel sind „Sprache, Inhalt, Form.“ Diesen Dreiklang für allgemein gültig erklärt, bliebe uns viel Sprache ohne Inhalt, aber in immer neuen Formen, erspart. Der anstehende Berliner Wahlkampf wird beweisen, dass daran nicht zu denken ist.
Und plötzlich fällt ein Wort, das mir die alte Potsdamer Straße mit dem Sportpalast und den Damen vor den Stundenhotels ins Gedächtnis ruft: Sexbombe. Die Cooper Black – zu sehen ist als Beispiel das Wort Mopsdiebstahl – sei nämlich die Sexbombe unter den Schriften. Ich habe mich nie um die Schriftarten meiner Schreibmaschinen gekümmert. Es ging nur um zu groß oder zu klein. Jetzt kann ich mir vorstellen, wie Schriftgestaltung einen Text alt aussehen lassen kann oder eben nicht. Mit einem Hegelzitat schwenkt sk rasant um zur Unternehmenskommunikation. Der Veranstalter, schräg vor mir sitzend, schaut auf die Uhr und drängt mit dezenter Handbewegung zur Eile. Ich habe den Eindruck, als seien wir noch mittendrin. Aber sk lässt keines ihrer Plakate unkommentiert. Sie wechseln allerdings ein wenig schneller. Abschließend erläutert sie Beispiele gelungener und misslungener Kommunikation aus dem Straßenbild. Zu verstehen als Aufforderung an das Publikum, die Augen offen zu halten; – der Dienst am Text endet nicht mit Büroschluss. Geschäftswerbung selbstverständlich, aber auch Suchzettel für entlaufene Tiere können gelingen oder eben nicht, wie die Fotos von sk zeigen. Angemerkt sei, dass aus den misslungenen Suchzetteln die größte Not und Sorge spricht und sie nicht unbedingt den Misserfolg schlechter Geschäftswerbung teilen müssen. Der Berliner berlinert, aber er ist tierlieb.
Starker Beifall belohnt den frei und gewinnend gehaltenen Vortrag. Nun Frage seitens des Veranstalters an das Publikum, aus welcher Not oder, um es leichter zu machen, in welcher Situation allgemein das Schreiben am besten gelänge. „Zeitnot, Kaffee, Alkohol, immer nachts.“ Seltsam, dass niemand das Motto BROKEN aufnimmt. Der Liebesbrief, broken hearts!
Nach Ende der Veranstaltung darf, wer möchte, auf ein Pedal an der ehrwürdigen Korrex Andruckpresse treten, ein Blatt einlegen, den Vorwärtsknopf drücken, zusehen wie neben dem in Schwarz vorgedruckten Text das in Rosa gehaltene Kolophon und sk in Langform erscheinen, den Rücklaufknopf drücken und das Blatt mitnehmen. Selbst gedruckt! Und allen, die es nicht ganz so eilig haben, ins Büro zu kommen, signiert Sonja Knecht das Blatt mit blauer Tinte neben dem Textbild: „Die bes en Tex e entstehen in größ er No .“ Es war nur ein t dieser Schrift vorhanden. Not macht erfinderisch.

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