EM 2016 – die Vorrunde, fast alles

Wales – Slowakei
Aufschluss über das Selbstbewusstsein: Die Slowaken sind mehrheitlich tätowiert, von den Walisern keiner.
Rückschluss auf die Heimatländer: Das eine ist Splitterstaat in Folge der europäischen „Neuordnung“ seit 1990, das andere Teil des Englischen Königreichs seit 1536.

Die Berater sind los! Bild von der zeitgleich organisierten Copa America: Nun wurde auch für Messi der Vollbart angeordnet. Man stelle sich Libuda als Haken schlagenden Zausel vor!

Türkei – Kroatien
Die Fernsehsprecher machen unbekannte Spieler interessanter, indem sie erzählen, wo jene „ausgebildet“ worden seien. Es soll ein seriöser Lebensabschnitt suggeriert werden. Womöglich mit Zeugnisabschluss wie bei der Steuergehilfenprüfung. Das Zeugnis könnte so aussehen: Fallrückzieher: gerade noch befriedigend (3-), Nach-Hinten-Arbeiten: sehr gut (1).

England – Russland
Sir Alex Ferguson wird mit dem Satz zitiert, dass ihn ein Spieler der englischen Auswahl an den jungen Paul Gascoigne erinnere. Mir ist am gemeinten Spieler nichts aufgefallen, was ihn von den anderen unterschieden hätte. Auch von Pizzaschlachten im Hotel wird nichts erzählt. Ferguson muss den Spieler als Zwölfjährigen gesehen haben, bevor die „Ausbildung“ begann.

Je übler die Bars, desto größer die Bildschirme.

Spanien-Tschechien
Ein Minute vor Schluss. Der Fernsehsprecher voller Begeisterung über einen tschechischen Spieler, der beinahe noch zum Unentschieden getroffen hätte: „Seit zehn Jahren ernährt er sich glutenfrei!“ Als wäre das eine kuriose Entscheidung nach Lust und Laune. Frage aber auch, was die Mannschaften dem Fernsehen alles preisgeben müssen.

Belgien-Italien
Dank der belgischen Nummer 8 eine Erinnerung an die extravagante Erscheinung des Kolumbianers Valderrama.

Österreich-Ungarn
In der 30. Minute verliert ein Ungar seinen Fußballschuh. Er zieht ihn wieder an und kein Butler eilt auf den grünen Rasen, ihm die Schleife zu binden. Er macht es tatsächlich selbst. Ungarn scheint eine knallharte Ausbildung ohne Anführungsstrichelchen durchzupeitschen. Ostblock halt.

Portugal – Island
Wie lange kann der Fernsehsprecher an sich halten, bevor er einen Isländer inbrünstig „Wikinger“ nennt? Bis zur 60. Minute.
Vor Spielbeginn – (Frei erfundenes Beispiel, rankend um ein nicht frei erfundenes Konstruktionsgerüst dieses Fernsehsprechers. Es zeigt an, in welche Niederungen sich die erste deutsche EM-Fernsehsprecherin aus dem Spiel Wales-Slowakei hätte begeben müssen und wird begeben müssen, um seiner Hoheit, dem deutschen Fernsehapparateigentümer nicht auffällig zu werden.):
„Übrigens ein sehr interessanter Mann, die Nummer 17. Sein Schwager, der übrigens ein Faustballstar in der Auvergne ist und in der Heimat als Radiobastler gilt, hat also eine Garage voller Fahrradspeichen, der Schwager. Das müssen Sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Und als er und die Nummer 17 eines Tages die Fahrradspeichen interessanterweise nach Länge sortierten in der Garage, verpasste die Nummer 17 den Trainingsbeginn. Was dazu führte, dass er übrigens vier Monate auf der Tribüne Platz nehmen musste, der Linksfuß, die Nummer 17. Aber das ist sechzehn Jahre her und wie wir sehen, hat es dem heute Einundzwanzigjährigen mehr oder weniger nicht geschadet. Selbst der deutsche Trainer der Roten an der Anfield Road, den Namen muss ich hier nicht extra erwähnen, hat schon Interesse bekundet, Jürgen Klopp, der Ex-Mainzer und Ex-Dortmunder Trainer und sein FC Liverpool von der Merseyside aus der englischen Premier League von der Insel, für alle, die sich im internationalen Fußballgeschäft nicht so perfekt auskennen. Wenn Sie übrigens zu Hause vor dem Fernseher oder dem PC oder der ZDF-App mitgerechnet haben, hat er als Fünfjähriger auf der Tribüne gesessen, die Nummer 17. Das muss man sich mal vorstellen. Das wäre in Deutschland unmöglich, dass ein Fünfjähriger auf der Tribüne sitzt. Das hat man noch nie gesehen von einem Fünfjährigen. Aber in die Vereinsfahne ist ein Spruch eingestickt, den man heute noch sehen kann. Übrigens von der Frau des Vereinsgründers persönlich in drei Sprachen, der seit 1927 übrigens spurlos verschwunden ist, der Vereinsgründer, und von Interpol immer noch gesucht wird wegen gewisser Unregelmäßigkeiten. Die heute gar nicht mehr strafbar wären, wie der aktuelle Vorsitzende in einem Interview mit unseren Kollegen von dpa heute Vormittag betont hat vor der internationalen Presse im BBC-EM-Sonderstudio mit Gary Lineker, der übrigens nie die Rote Karte gesehen hat, der englische Centre-Forward aus den Achtzigern, Gary the Goal aus Leicester, der Stadt des aktuellen Sensationsmeisters. Das ist schon kurios. Aber er hat halt diese Maxime auf der Fahne hinterlassen, der Vereinsgründer: ‚Wer zu spät kommt, den bestraft der Verein.’ Und für die Historiker unter Ihnen zu Hause natürlich sehr interessant zu wissen, dass Gorbatschow eigentlich seinen berühmten Satz einer Vereinsfahne entnommen hat, der Generalsekretär, als Glasnost noch im Schwange war in der hohen Politik. Übrigens soll er heute im Stadion weilen, der Schwager und Sigmar Gabriel. Und vielleicht zeigt uns die Weltregie einige Bilder, die wir übrigens nicht beeinflussen können vom ZDF, die Weltregie. Übrigens wird, was, nachdem …“
Hymnen.

Rumänien-Schweiz
Über einen Spieler der Schweiz erzählt der Fernsehsprecher, dass er an Muskelmasse nochmals zugelegt haben soll und hält es nicht für möglich. Der Schweizer hat wenigstens einen Bewunderer seiner grotesken Körpergestalt gefunden. Denn während des Spiels Frankreich-Schweiz wiederholt derselbe Sprecher seine Beobachtung nahezu wortgleich.

Tagespiegel: „Holger Stanislawski ist der Taktik-Experte des ZDF bei der EM. Leider macht er keine gute Figur – seine Erklärungen enthalten zu viele Leerwörter.“
Ob gewollt oder nicht, Stanislawski und sein Touchscreen lehren uns erfreulich offen, wie mit Sport-TV Sende- und Lebenszeit zu vernichten ist. Das verbale und optische Tohuwabohu ist grandios. Wahrscheinlich ginge es origineller. Tafel, Kreide und Schwamm wären sensationell, würden aber das entscheidende Merkmal des Sport-TVs wiederum verschleiern. So aber schenkt uns der arme „Stani“ reinen Wein ein und wird gleichzeitig reicher.

England-Wales
Auch das wissen die Fernsehsprecher, weil es die FIFA schließlich auch weiß: „Unnatürliche Körperhaltung! Klarer Elfmeter!“ Physiologische Interpretation der menschlichen Erscheinung, wenn ein Spieler der verteidigenden Mannschaft im Strafraum den Ball gegen dieses verflixte Ding von Arm bekommt, das aus der Schulter gewachsen ist.
Als gelte es, den einarmigen Biberkopp aus Berlin Alexanderplatz zu mimen, pressen die Spieler daher mal diesen, mal jenen Arm auf den Rücken, wenn der Ball geflogen kommt. Das wäre dann logischerweise die natürliche Körperhaltung. Die supernatürliche Körperhaltung besäße dann ein Spieler, der von vornherein nur einen Arm zur Verfügung hat, um noch das Gleichgewicht zu halten.
Wie das in etwa geht, hat ein Nationalspieler des VFB Stuttgart vorgemacht.

Türkei-Spanien
Heute Vormittag im Spätkauf für Zigaretten. Der junge Mann türkischer Herkunft schwört auf ein 1:0 für die Türken. Dazu dürfe allerdings ein bestimmter Spieler nicht ausgewechselt werden wie im letzten Spiel geschehen. Die Markise über dem Ladenfenster sei groß genug, um selbst bei Regen genügend Leute vor dem Bildschirm unterzubringen, sagt er. Sollte er mit dem Ergebnis richtig liegen, würde ich wiederkommen und irgendetwas ausgeben, sage ich. Es regnet schon den ganzen Tag.

Schweden-Italien
Schon wieder ein Schwager, ein Nowitzki-Schwager bei den Schweden.

Dann nachts: Nicht 1:0 für, sondern 0:3 gegen die Türken.

Frankreich-Schweiz
Fortwährend werden zerrissene Trikots gewechselt. Die Schweizer mit dem smartesten Stöffchen aller Mannschaften um die Leiber. Für den Schiedsrichter besser als jeder Videobeweis, dass die Zweikämpfe seitens der Franzosen gegen die Regeln geführt werden. Es ist ihm aber egal.

Ich habe es satt. Ich weiß, was ich alles nicht weiß und gern wissen würde und schaue Fußball. Und zu allem Überfluss mache ich mir auch noch Gedanken und schreibe sie auf. Aber ich bin mit Fußball aufgewachsen. Mein Vater konnte von rechts die Ecken mit links ins Tor drehen. Fußball war zu Hause immer Thema. Die Namen und Ereignisse sind wie nebenbei in mich eingesickert und jederzeit rückholbar. Jetzt muss ich alles dreimal lesen, um es zu behalten.
Ich hatte mir vorgenommen, mich auf die Vorrunde dieser Europameisterschaft zu beschränken und, wie es der Zufall will, dies oder jenes zu gucken, immer mit Auge und Ohr auf Kurioses achtend. Aber täglicher, stundenlanger Fernsehfußball ist keine sprudelnde Quelle von Kuriositäten, sondern ein ziemlich flaches, stehendes Gewässer, das allerdings als sprudelnde Quelle verkauft wird und daher zu fortwährenden Sticheleien reizt.
Nun, noch vor Ende der Vorrunde, breche ich ab, um mich von dieser misslichen Übung zu befreien. Ich habe angefangen, Paul Austers Mond über Manhattan zu lesen. Der Baseball spielt seine unbedeutende Nebenrolle. Übrigens…
Ja, jetzt könnte ich erzählen, wie ich das Buch in einer Kiste im Foyer des Rathauses Kreuzberg gefunden habe und warum ich dort um zehn vor elf auf jemanden gewartet habe, der zwar eine schmucke Leica dabei hatte, aber dass die Speicherkarte, als es darauf ankam, leider nichts mehr speichern wollte. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Das war schon kurios, wie die Speicherkarte aus meinem Apparat in der zwanzig Mal teureren Leica verschwunden ist und die Situation gerettet hat. Denn wir hatten nur anderthalb Stunden zur Verfügung in Zimmer 41, wo der Amtschimmel wieherte wie zu Tucholskys Zeiten, dem schnurrenden Tiger und Panther, der, anders als ich es kann, zum vernichtenden Prankenschlag gegen den Fernsehfußballspuk ausgeholt hätte. Und zwar in zwei Zeilen. Das müssen Sie sich mal vorstellen!

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