Wg. Statik II (noch unerfreulicher)

Der Kenner kennt einen Kenner, beide wiederum kennen noch einen.
Benny Goodman und Band rauschen gerade noch hörbar aus den Boxen, als Kenner 3 – mal die Pfeife im Mund, mal in der Hand – auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Es handelt sich bei ihm also um einen Kenner gehobener Partymusik. Kenner 1, der mit der Waschküche, ist Kenner vergangener Fetenmusik von 1965 bis etwa 1980, der zweite, im selben Genre, Kenner von 1985 bis etwa 2000. Es gibt allerhand Überlappungen, die dafür sorgen, dass die drei Kenner jenes Kleeblatt überhaupt bilden konnten. Bei Ergänzungskäufen legen sie Wert darauf, dass irgend möglich eine Überlappungserwerbung dabei ist. Seit fünfzehn Jahren treffen sie sich halbjährig immer die Reihe rum. Heute bei Nummer 3, dem Kenner mit dem Rotweinkeller, der auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Seinem Rotweinkeller entsprechen die Waschküche von Kenner 1 sowie der Gymnastikraum mit Sauna von Kenner 2. Und, nicht schwer zu erraten, diese extravaganten Räumlichkeiten weisen wegen der Vinylmassen darüber alle den Riss in der Decke auf, der wiederum zum dreimaligen Auftritt des unverschämten Statikers führte.
In den Gläsern ist also Rotwein. Besonderer Rotwein, den Kenner 3 ausführlich würdigt, bevor er auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Der Satz des Statikers, dass auch übermorgen nichts zusammenstürzen würde, hatte Kenner 3 nicht beruhigen können. Allein das Wort zusammenstürzen hatte ihn zusammenzucken lassen und zu schneller Handlung getrieben. Die anderen beließen zunächst alles beim Alten. Aber weder hatte Kenner 3 vergraben noch ausgelagert. Alle Scheiben stehen weiterhin im Regal genau wie bei Kenner 1 und Kenner 2. Und trotzdem ist bei ihm nichts wie vorher, gar nichts.
Er hatte für einen Plattenhülle 70 Gramm angesetzt und mit 1734 multiplizieren müssen. Bei Entfernung aller Plattenhüllen ergab sich also eine Gewichtsreduzierung von 121 Kilo und 380 Gramm. Dazu der Bonus aus dem Gewicht der Doppelalben. Das sollte zur Entlastung reichen. Da wegen des schnellen Zugriffs die Plattenhüllen sowieso schon immer mit dem Rücken zur Wand standen, braucht er die bunte Pappe nicht zur Orientierung. Er weiß auch so, wo, was steht.
Auf diesen Hinweis, den man sich gegenseitig immer mal wieder gern zu wissen gibt, stoßen sie an. Hüllenrücken gegen die Wand! Nur der scheinbar blinde Griff bezeugt die Kennerschaft des wirklichen Kenners. Keiner hat dem turnusmäßigen Gastgeber je eine Suchaufgabe gestellt. So wie Kenner anderer Art sich vor den gut 1700 Quadratmetern des Bauernkriegspanoramas von Werner Tübke auch keine Suchaufgaben stellen. Sie wissen, wo beispielsweise die Rockergruppe, wo beispielsweise Hitler unter den dreitausend gemalten Personen versteckt sind.
Der sichere Griff ins Plattenregal gehört dazu wie das Bier bei Kenner 1, wie der Fruchtshake bei Kenner 2, wie der Rotwein bei Kenner 3, nach dessen Genuss bis zur Neige Kenner 3 auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Vor zwei Jahren war ein Prahlhans aufgetaucht. Er war Bekannter eines Arbeitskollegen des Bruders von Kenner 2 und hatte bei einem zufälligen Treffen dieser vier auf der Eisbahn wieder und wieder behauptet, sein Plattenbau decke alles ab, was seit 1950 leicht beschwingt oder laut dröhnend erschienen sei und dass er jeden Kenner in die Tasche stecke. Kenner 1 und 3 hatten einem Treffen sofort zugestimmt. Den wollten sie sehen. Das Zusammentreffen fand bei Kenner 3 statt, der turnusmäßig, so wie heute auch, an der Reihe gewesen war.
Dem Kenner in spe 4 stellten die drei natürlich keine pubertäre Suchaufgabe, als Kenner 3 sagte: „Und? Helmut Zacharias?“ Kenner in spe 4 war jedoch der Meinung, dass man die hunderte von Platten extra wegen ihm herumgedreht hatte und nahm Position vor dem Regal ein. Er brachte es fertig, Helmut Zacharias nicht zu finden. Jeder ABC-Schütze hätte die Plattenhülle gefunden. Denn Helmut Zacharias war unten rechts vor den beiden Zwingenbergern eingerückt. Kenner in spe 4 jedoch zupfte in Brusthöhe und jedes Zupfen untermalte er mit den Satz: „Zachi, jetzt bist du fällig!“ Das war sehr deprimierend anzuschauen und anzuhören. Kenner in spe 4 wusste, dass er Helmut Zacharias niemals finden würde, meinte jedoch, dass allein der unterdrückte Bückreflex hinreiche, ihn als Kenner zu identifizieren, weil er damit eine kennerhaft groteske Sortierung – er selbst ordnete nach dem Farbenspektrum – anerkannte und würdigte. Damit lag er nicht ganz falsch. Bei Kenner 3 von Z unten rechts auf A oben links zu schließen, wäre tatsächlich obernaiv gewesen. Daher war die Aufgabe, die Kenner in spe 4 nicht löste, auch eine ganz andere. Während er zum wiederholten Mal „Zachi, jetzt bist du fällig!“ äußerte, drehte nämlich jener Zachi seine Bebop-Runden mit Quartett auf dem Plattenteller gegenüber in der Musikkonsole. Kenner 1, 2, 3 hätten nach Hinweis von Kenner in spe 4 auf Musik und Werdegang von Helmut Zacharias den  Zachi-jetzt-bist-du-fällig-Sermon gar nicht aufkommen lassen.
Die drei Kenner gehen höflich und rücksichtvoll miteinander um. Nur der unverschämte Statiker hatte sie anders kennengelernt.
Auch mit Kenner in spe 4 gingen sie höflich und rücksichtsvoll um. Denn am Prüfungsabend ließen sie keine deutlichen Worte hören. Vielmehr reagierten sie zeitversetzt, indem sie seine zwei Monate später erfolgte Einladung ignorierten. Denn aus dem Fehlen deutlicher Worte hatte Kenner in spe 4 geschlossen, dass er nun zweifellos Kenner 4 sei und einladen müsse.
Mithin ist kein vierter anwesend, als Kenner 3 auf ihr gemeinsames Problem zu sprechen kommt.
Um den Vorgang der Gewichtsreduzierung und Rettung des Weinkellers für sich sichtbar und unwiderruflich zu machen, hatte Kenner 3 zwei Tage lang die Plattenhüllen direkt vor dem Regal zerrissen und in blaue Müllbeutel geworfen. Was danebenflog, sammelte seine Frau auf. Sie war keine Kennerin in Platten-, aber in Rotweinhinsicht, also vollen Herzens dabei. Es kam der Tag der Sperrmüllabfuhr. Die Säcke standen bereits am Abend abholbereit vor dem Gartentor.
Am nächsten Morgen um 6.30 Uhr passierte Folgendes: Ein Passat hielt, ein Stöberer stieg aus. Er blickte in die Säcke und begann mit der Arbeit. Die Frau des Kenners schaute aus dem Küchenfenster gebannt zu wie der Stöberer die zerrissenen Plattenhüllen auf dem Bürgersteig wieder zusammenfügte. Das fertigmontierte Cover mit der roten Sonne war ihr Signal, zum Rotwein zu greifen. Sie trank auf das, was dringesteckt hatte. Es war die Musik Nina Simones gewesen.
Der Stöberer fixierte mit Tesafilm. Immer wenn er zehn Hüllen zusammengeklebt hatte, tat er sie unter der geöffneten Hecklappe hinein in den Passat. Warum hat er so viele Rollen Klebeband zur Hand? fragte sich die Frau. Die Natur des gewieften Stöberers war ihr also unbekannt. Als der Stöberer beim einundzwanzigsten Durchgang war, betrat der Kenner die Küche. Der Frühstückstisch war nicht gedeckt, seine Frau stand regungslos am Fenster, neben ihr Rotweinflasche und Glas. Er stellte sich dazu. Beide sprachen nichts. Die Gedanken waren die gleichen. Die schönen Plattenhüllen! Aber nicht der Stöberer hatte sie zerstört, sie waren es selbst gewesen. Noch dazu aus gutem Grund. Wie wollten sie ihn zur Rede stellen? Die Frau hatte Strichliste geführt und konnte den siebenundzwanzigsten Durchgang melden, als schließlich die Sperrmüllabfuhr erschien und der Stöberer das Feld räumte.
Kenner 3 und seine Frau vergaßen den Vorfall. Erfreuten sich vielmehr am Rotwein aus unbedrohten Flaschen, der Kenner zusätzlich daran, was der Plattenspieler ihm dabei sang.
Es ging auf Weihnachten 2014. Den Weihnachtsmarkt der fünf zusammengewachsenen Ortschaften besuchten natürlich auch Kenner 3 und seine Frau. Es wunderte sie der mäßige Andrang, bis sie Kind und Kegel zusammengedrängt vor einem Stand entdeckten.
„Einmaligste Errettung der Erinnerung an die großen Größten in purer Handarbeit.“ Wie unbeholfen das Schild über dem Stand, dachte Kenner 3. Wollen mal sehen, dachte seine Frau und bahnte beiden Gasse. Und da lagen die zusammengeklebten Plattenhüllen und gingen dem Stöberer weg wie warme Semmeln zu 14.99 Euro das Stück. Kopfmultiplikation: 270 mal 15 gleich 4050 Euro minus 270 Cent. Erlös an Brunnenbohrung irgendwo. Wahrscheinlich exakt neben der eigenen Laube.
Die Frau hatte die Woche vor Weihnachten auf dem Weihnachtsmarkt mitten im Gedränge sofort laut „Du Idiot!“ zu Kenner 3 gesagt, nachdem sie die Summe überschlägig in Rotweinkisten verwandelt hatte. Am Tag als sich andere „Prost Neujahr!“ wünschten, hatten sie sich getrennt. Die letzten Worte, die Kenner 3 von seiner Frau mit schwerer Zunge hörte, waren: „Du Vollidiot!“ Sie wankte ab.
Kenner 3 weist die Kenner 1 und 2 nun auf das Fehlen der Plattenhüllen hin, was die beiden natürlich längst bemerkt haben, bevor er auf ihr gemeinsames Eheproblem zu sprechen kommt.
Dies verberge sich hinter der Gewicht mindernden Plattenhüllenvernichtung und sei nur durch Konsequenz zu vermeiden, sagt er. Was bedeute: Plattenhüllenverbrennung im Gartengrill. Denn nur halbherzige Plattenhüllenvernichtung führe zum Abgang der Ehefrau, deren Verschwinden er ihnen, den Kennern 1 und 2, hiermit mitteile. Dies wünsche er, Kenner 3, ihnen wirklich nicht, wolle daher auf die Gefahr, so wie es sich für diesen Kreis gehöre, hingewiesen haben. Denn es sei schließlich nichts anderes vorstellbar, als dass sie, Kenner 1 und 2, seiner eleganten Art dem Deckenriss zu begegnen, folgen würden; also das Papp- vom Vinylmassengewicht zu trennen. Kenner 1 und 2 können sich auf die sogenannte halbherzige Plattenhüllenvernichtung als Ursache für die gründliche Trennung der Ehe keinen Reim machen. Aber vielleicht erfahren sie die Stöberergeschichte noch.
Ein letzter Puster des King of Swing, der Tonarm hebt ab, schwenkt zurück und geht in Lauerstellung nieder, der gute.

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