25. Februar 2016

Nachts hat es geschneit. An Weiß erinnert in der Rosenthaler Straße um Mittag nur noch die abzweigende Gipsstraße.
„Jips gips inna Jipsstraße bei Frau Gips“, sagten wir Kleenen imma. Die Straße hieß auch mal Gipsgasse. Wir hätten mit Jipsjasse ein echtes Fremdwort erfinden können.
Die Rosenthaler 51 im Rücken lässt sich ins Gegenüberliegende auf zwei Wegen eindringen. Rechts an SAP vorbei, die Gipsstraße oder links an der AOK vorbei, die Sophienstraße entlang. Ich bin für links herum. Häuschen plötzlich und keine Häuser mehr, Lädchen für Bedürfnisse, über die ich staune, weil ich sie nicht habe.
Von weitem die Bäckerei/Konditorei Balzer. Und ungelogen, denn ich habe auch Bedürfnisse jenseits der grundliegenden, denke ich sofort an: Napoleonschnitte. Sehr ungewöhnlich liegt das Konditorsortiment im Fenster und mittendrin sie, die Napoleonschnitte. Ich bin so verblüfft, dass ich nicht eintreten kann und weitergehe. Nach einer Runde um den Block, stehe ich zehn Minuten später wieder bei Balzer und trete ein.
Ich sage, dass ich vor ein paar Minuten schon einmal vorbeigegangen sei, die Napoleonschnitten sah und jetzt zwei davon möchte.
Es ist Frau Balzer, nehme ich an, die ruft: „Um Himmels Willen!“ und sich die Hände vors Gesicht schlägt. „Machen Sie das nie wieder!“
Was tun? sprach Lenin. War das ein Rausschmiss? Und warum? Nein, sie erklärt. „Wenn Sie was sehen, sofort reinkommen und reservieren. Hier kommen plötzlich Leute und kaufen das ganze Tablett weg.“
Der Zungenschlag Frau Balzers lässt mich fragen, ob sie das Café Rose in Weimar kenne. Etwas außerhalb, nicht Goethe, vielmehr Herder im Blick, wo ich ähnlich guten Kuchen wie hier gesehen und gegessen hätte.
Sie sagt, dass sie Verwandtschaft in Thüringen habe, aber seit Jahren nicht mehr dort gewesen sei. Das Café kennt sie nicht. Aber im Zentrum seien ja überall nur noch die Großen. Man muss schon ein paar Schritte gehen bis dahin, wo es schmeckt. Wenn sie überhaupt irgendwo eine Napoleonschnitte sähe, dann sähe die so aus: Sie zeigt halbe Größe der ihren. Und die Füllung grauer Industriepudding und der Blätterteig genauso schlecht. Es sei nämlich nicht einfach, ordentlichen Blätterteig zu backen. Ich schaue am Tresen vorbei in die Backstube und sehe dort Herrn Balzer, der das kann. Sie hebt eine Napoleonschnitte an – zwei Lagen Pudding; oben, unten, in der Mitte Blätterteig – und nennt dazu den französischen Namen: „Mille Feuille.“ Gutes Handwerk will auch gut verkauft sein.
Seit drei Minuten stehen zwei Kunden hinter mir. Und dennoch oder genau darum, weil sie es den Wartenden dann nicht extra erklären muss, schärft sie mir nochmals ein, beim nächsten Mal sofort zu reservieren. Ich zahle pro Stück 1,60 Euro – eins zu 320 Gramm; ich musste später einfach wiegen – und gehe. Ich hätte auch hier gegessen. Aber mehr als zehn Quadratmeter hat der Raum nicht. Dem Tresen gegenüber ist zwar ein Brett montiert, wo sich essen ließe, aber das wäre dem guten Kuchen nicht angemessen. Oder doch? Es ist immerhin der Stehplatz unter den Urkunden.
Und Hinweis noch für alle, die nie eine Napoleonschnitte vor sich auf dem Teller sahen. Man greift also zur Kuchengabel, denkt, so etwas wie zweilagige Torte vor sich haben, und sticht zu. Aber Blätterteig ist hartnäckiger als Mürbeteig. Nun gibt man vorne Kraft hinzu, woraufhin sich die obere Lage hinten hebt. Durch ist die Gabel aber immer noch nicht. Bei weiter erhöhtem Druck und Ruckelei quillt nun die Füllung aus den Seiten hervor und die marmorierte Deckschicht steht nahezu senkrecht. Die Schnittenform ist endgültig hin. Vielleicht gründet in dieser Hartnäckigkeit gegen Verzehr, also Niederlage, auch die Namensgebung.
In der Rosenthaler gehe ich in den Rosen Kiosk für Zigaretten. Dort der sichere Griff nach rückwärts und der Schönen-Tag-noch-Singsang aus möglicherweise russischem Mund.
Nun hoffe ich, dass die Medienschaffenden der Umgebung, wenn es eine hübsche Akquise zu feiern gibt, sich mit Kuchen von Balzer eindecken und nicht mit Gummibärchen aus dem 3D-Drucker in der Magic Candy Factory. Niemand ist gezwungen, gegen Napoleon anzutreten. Balzer ist kein One Cake Shop.

 

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