Ukraine

Mit einer in der Sowjetunion aufgewachsenen Bekannten beinahe an einem Schuhkarton ohne Deckel vorbeigegangen. Mein kurzer Blick: Zwei Bücher. Ein gewaltiges über Handarbeiten als spannendes Hobby, ein kleines mit Knicken im Einband und gebräunt, sofort als ein Reclam-Leipzig-Band erkennbar. Ich schwieg, meine Begleiterin nicht. Das Buch habe sie als Schülerin gelesen, ein Klassiker sei das. Mit einem ganz bekannten Zitat irgendwo. Das Leben ist kurz, den Tag nutzen oder so ähnlich. Ich nahm das kleine Buch, das roch wie es riechen musste, und steckte es in die Rückentasche meiner Regenjacke. Gefragt, ob das Zitat eine Spruchbandparole gewesen sei, sagte sie, dazu sei es zu lang.
Mir gefallen solche Zufälle.
Ich begann, dem Zitat entgegenzulesen. Und ich hoffe, es war nicht in den ersten 120 Seiten versteckt. Denn bis dorthin lassen einen allerhand unbedruckte Seiten recht zügig vorankommen. Mittlerweile bin ich genau auf Seite 200 und eine Langform von Carpe diem ist mir noch nicht aufgefallen.
Was passiert gerade? Ein Brief trudelt ein. Bruder und Mutter atmen auf. Die Tochter des Oberförsters erfasst inneres Beben. Der Klassengraben zwischen Bourgeoisie und Proletariat scheint überwunden. Tonja liebt Pawel. Pawel liebt Tonja. Maschinengewehrgeknatter.
Die erste deutschsprachige Ausgabe erschien 1937. Meine ist von 1968. Zu dieser Zeit habe ich Jack Kerouac gelesen.
Mit Seite 501 ist Schluss. Was bis dahin geschah: Pawel kämpft in der astreinen Roten Reiterarmee von Budjonny gegen die vertierten, weißen Polen.
Isaac Babel, Kriegsberichterstatter bei Budjonny, schrieb das Buch Die Reiterarmee, das dem astreinen General gar nicht gefiel. Babel musste es büßen. Budjonny wurde Mitglied des Obersten Sowjets und starb 1973 eines natürlichen Todes. Babel wurde 1940 hingerichtet.
In den Kämpfen wird Pawel verwundet. Tonja findet den zeitgemäßen Klassenstandpunkt nicht, die Trennung kurz und schmerzlos. Nach dem Friedensvertrag mit Polen verbleibt Pawels Heimatstadt in der ukrainischen Sowjetrepublik. Als Komsomolze ist er an einem einem mörderischen Bahnprojekt beteiligt und erkrankt an Typhus.
Nun das gesuchte Zitat auf den Seiten 310/11. Pawel weilt auf Genesungsurlaub zu Haus und gedenkt auf dem Friedhof der im Bürgerkrieg umgekommenen Genossen:
„Das Wertvollste, was der Mensch besitzt, ist das Leben. Es wird ihm nur ein einziges Mal geschenkt, und er muß es so verbringen, daß ihn später die zwecklos verlebten Jahre nicht qualvoll gereuen, die Schande einer unwürdigen, nichtssagenden Vergangenheit ihn nicht bedrückt, und daß er sterbend sagen kann: ’Mein ganzes Leben, meine ganze Kraft habe ich dem herrlichsten auf der Welt – dem Kampfe für die Befreiung der Menschheit – geweiht.’ Und er muß sich beeilen, zu leben. Denn eine dumme Krankheit oder ein tragischer Zufall kann dem Leben jäh ein Ende setzen.“ Der Inhalt der letzten zwei Sätze ging mir auch schon durch den Kopf. Aber verändert habe ich nichts.
Wieder halbwegs gesund, kämpft Pawel an der sowjetisch-polnischen Grenze gegen Schmuggler, Partisanen und Trotzkisten. Alte Verletzungen machen sich bemerkbar. Nach einem Sanatoriumsaufenthalt auf der Krim, zieht er mit Genossin Taja nach Moskau. Dort Lähmung der Beine und Erblindung. Er diktiert und ein Mädchen schreibt auf wie die Komsomolzen zu Stahl gehärtet wurden. Er hört Radio. „Das Radio gab ihm das, was ihm die Blindheit genommen hatte: Die Möglichkeit, zu lernen.“ Dafür beneiden ihn heute nicht nur die Blinden. Sein Manuskript wird angenommen. Die letzten drei Worte: „Zum Leben zurückgekehrt.“
Das Buch ist in etwa die Autobiographie des Autors Nikolaj Ostrowski und trägt den Titel Wie der Stahl gehärtet wurde. Es erschien in zwei Bänden 1932/34. Der Autor verstarb zwei Jahre später und wurde 32 Jahre alt.
Nichts liegt kulturell derzeit ferner als der Sozialistische Realismus. Wir machen uns nicht einmal mehr lustig. Aber Ostrowski und die jungen Kommunisten der frühen 20er konnten die Herzen erobern. Sie hatten einen Plan. Der Kapitalismus hatte nie einen. Ist das gut oder schlecht, wenn man so um sich schaut?

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