Irland

Ein kahler Baum auf einem Plateau, zwei Gestrandete, sonst nichts. Viele dieser Pechvögel haben sich aufgebäumt und dem Schicksal getrotzt, sei es Robinson, sei es Odysseus. Estragon und Wladimir dagegen lassen den Tag einen guten Mann sein, warten, öden sich an, piesacken sich.
Im 4. März 2016 war ich eingeladen und habe mir das Stück angesehen. Seit 2007 bleibt der rote Lehnstuhl frei. George Tabori hatte sich still hineininszeniert. Seine Schauspieler sind noch dieselben.
Meiner Doppelbegleitung gefiel es gar nicht, wie ich mich sofort in die erste Reihe setzte. Es herrschte Argwohn, ob man nicht einbezogen würde. Denn die Probebühne im BE liegt ebenerdig zur ersten Reihe. Und tatsächlich, wer dort in der Mitte sitzt, muss eine Mohrrübe auffangen, dann wieder hergeben und bekommt im 2. Akt einen Hut gereicht, der erst nach Ende der Veranstaltung zurückerbeten wird. Wir aber saßen am Rand und blieben unbehandelt.

Schlaf, Kindlein, schlaf!
Dein Vater hüt’ die Schaf.
Die Mutter schüttelt’s Bäumelein,
da fällt herab ein Träumelein.
Schlaf, Kindlein, schlaf.

Das Schlaflied für Estragon – im französischen Original eine Reihung von Dodododos, im Englischen Bye bye, bye – mussten allerdings alle Zuschauer singen. Und erst beim zweiten Versuch war es Axel Werner laut genug. In den Regieanweisungen Becketts spielt das Publikum keine Rolle.
Der Sitzplatz vorn zog mich in den Theaterabend, die Kunst der Schauspieler bewundernd. Interessanten Zutritt zum Inhalt verschaffte die Rezension dieses Buches:
Pierre Temkine (u.a.) Warten auf Godot. Das Absurde und die Geschichte.
Entdeckt in der WELT einen Tag vor dem Theaterbesuch. Gemeint ist die Geschichte Frankreichs, die Zeit der Résistance; das Absurde der Kontrapunkt. Beckett war Mitglied im Widerstand, musste untertauchen und wusste, was es heißt, vor der Besatzungsmacht zu fliehen. Danach, Ende der Vierziger schrieb er das Stück. Das alles ist bekannt. Temkine entdeckt darüber hinaus bislang übersehene Hinweise zum Jüdischen. Er untermauert seine These, dass Estragon und Wladimir als zwei gestrandete, jüdische Mitglieder der Résistance gelten könnten mit Ortsangaben im Text. Godot wird zu einem passeur, der den beiden einen Weg aus misslicher Lage weisen sollte, wenn er denn käme. Aber den Ortsangaben ergeht es wie dem Schlaflied. Aus der Vaucluse im Französischen – für Temkine ein wichtiger Anhaltspunkt – wird im Deutschen der Breisgau, im Englischen Macon country. Auch alle anderen Orte wechseln die Namen. Dem Autor lag nichts an zeitbezogener Interpretation. Er verwischte diese Spuren.
Unverwischt bleibt das Begebnis auf der Otto-Suhr-Allee, wo 1975 einer meiner Bekannten von einem Mann angesprochen wurde. Der fragte in gutem Deutsch nicht nach dem Weg ins Nirgendwo, sondern dezidiert nach jenem zum Schloss Charlottenburg. Das war schon in Sichtweite. Beckett hatte die Brille – (ganz aktuell: Mister Spex Collection Beckett) – im Schillertheater vergessen oder die falsche aufsitzen.
Er selbst gab nie eine Deutung seines Stücks. Stattdessen gab er Pozzo und Lucky, die seit der ersten Aufführung wie Brandbeschleuniger die Deuter befallen.
Temkine hat auf eine mögliche Wurzel hingewiesen; Wurzeln muss das Stück schließlich haben. Ich lauschte scharf nach Bezügen und entdeckte keine. Seine Spekulation im Hinterkopf entkam ich jedoch der Dialogdusche.
Obwohl das Buch in Übersetzung seit 2008 vorliegt, spielt der passeur, beim deutschen Wort genommen, dem hiesigen Regietheater erst jetzt in die Karten. Wann kommt die aktuelle Neuinszenierung? Wie lange muss das Freikartenestablishment noch warten, um nach der Premiere bedrückt und der Worte kaum mächtig in die Kameras zu stottern, bevor es sich schleunigst in die Gastro entlässt, um einen zu heben?

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