Der Lehrer Horst Behn

1. Gesang
Groß von Wuchs, streng Wesen angepasst, war Arbeitsstätte ihm die Rote Schule.
Gebrannter Ziegelstein, gemauert, von innen wie von außen gut.
Den schlechten Schulen hart zum Gegensatz, die grau gegossen werden.
Sie hieß jedoch vom Amte her, politisch Rot zu meiden, Grundschule Nummer sieben.
Herbert Marcuse, Aufwiegler späterhin, doch schon in jungen Jahren
sich zeigend hier am Ort im Rat der Arbeiter, Soldaten,
ihn sollte keine Rote Schule ans Rot erinnern seiner Fahne.
Zu hindern war es dennoch nicht, dass Straßenvolk vom Stein her auf die Farbe kam.
Reinickendorf, ein Flecken von Berlin, den Ort zu nennen nun,
wo Bürgermeister Dünnebacke im Rathaus auf die Dinge schaute,
als Horst Behn zum Lehrer ward.

Im Klassenraum des Lehrers Behn befanden sich, neben Tischen, Stühlen und Kindern, vier Aquarien, ein Terrarium und ein Vollglasbecken. Die Aquarien bevölkerten: a) Schwertträger, Zebrabarben, Guppies b) Makropoden c) ein Kampffischpaar, d) Neons, Black Mollies, ein Wels; im Terrarium eine Wasserschildkröte (zur kalten Jahreszeit). Das schmale, aber hohe Vollglasbecken auf dem Lehrertisch bewohnten Stabheuschrecken. Säuger duften von zu Haus für einen Schultag mitgebracht werden. Doch damit nicht genug. Vor den Flurfenstern des Treppenhauses kamen hinzu vier Terrarien, trockene und feuchte, mit Feuersalamandern, Moor- und Grasfröschen, Lurchen, Blindschleichen, Eidechsen. Das größte Becken, ein 100 Liter-Aquarium im Hochparterre an der Wand des Eingangs gegenüber hatte der Lehrer Behn Skalaren und Fadenfischen reserviert. Und er konnte noch mehr. Wunderbare Tafelbilder mit bunter Kreide malen. Einmal malte er einen Kreis, den er halbierte, dann viertelte. Zwei Viertel waren also die Hälfte. Am Ende der Stunde sagte er, das sei Bruchrechnung gewesen. Ein Wort, das in anderen Klassen sofort Entsetzen auslöste.

2. Gesang
Auch fremdes Englisch sprach er vor, kannte die Pims , die Balls,
ließ Schüler Wortelisten schreiben, lernen, fragte hernach, zensierte.
So war’s, dass niemand empfing die Gabe des Schlafes in Stunden des Lernens und Wissens.

Im Frühjahr, Sommer, Herbst widmete sich der Lehrer auch dem Schulgarten; siebzig Quadratmeter von einer Hecke umgeben. Daneben ein kleines Dahlienfeld von zehn Quadratmetern und versteckt hinter dem Kompost eine Emailleschüssel mit Wasser, drumherum kleine Landschaft: Das Urlaubsdomizil der Wasserschildkröte. Im Frühjahr gruben die Schüler die Gartenfläche um, dann einige Prisen Blaukorn drüber (Hände waschen!) und die Schülerinnen harkten glatt.
Mit einer langen Schnur wurde die Fläche in gerade Beete geteilt, die je ein dreißig Zentimeter breiter Weg voneinander trennte. Wer beim Abmessen dabei war, wird noch heute auf Anhieb einen Dreißigzentimeterabstand zwischen die Handflächen bringen können. In den langen Abdruck des Harkenstiels hinein wurde gesät, dann zugedeckt, anderer Samen tiefer in Löcher gesteckt. Der nächste Wasserhahn war vierzig Meter entfernt an der Rückseite der Schule.

3. Gesang
Der Schläuche viel trifft man in Gärten heute,
hier sah niemand einen. Aufgewickelt nicht oder
am Boden schlangengleich sich windend.
Blecherne Kannen schwer wie geschmiedet standen drei stattdessen. Zehn Liter jede Wasser fassend, hieß noch zehn Kilo mehr,
den Knirpsen an den Armen zerrend.

Die ganze Klasse war regelmäßig draußen und drinnen beschäftigt, aber die Zeit war zu knapp für all die Arbeit.
Es bildete sich ein Fünfergruppe um den Lehrer Behn, die über die sechste Stunde hinaus blieb, um in aller Ruhe Kies und Filterwatte zu waschen, Lebendfutter aus dem Zooladen zu holen, die schweren Kannen zu schleppen und Unkraut zu hacken. Dabei gab es ganz ohne Worteliste zu wissen, dass Rettich und Kohlrabi Kreuzblütler, Ringelblumen und Dahlien Korbblütler, Klee und Bohnen Schmetterlingsblütler seien. Im Spätsommer war es dann vorbei mit dem Verstecken im Mais-Stangenbohnenwäldchen. Dafür gab es einen Anteil Ernteertrag mit nach Haus – 1000 Gramm sind ein Kilo, aber kein Kürbis – und ab und zu einen Strauß Pompons aus dem Dahlienfeld.
Für die Ferien war ein Fütterungsdienst organisiert. 1964 platzte das Passierscheinabkommen dazwischen. Mit dem Schein durfte man rüber nach Ostberlin.

4. Gesang
Vierteljahrhundert, bevor die Woge schlug in andere Richtung um, nach Westen nun.
Auch wogte an die Physikerin, die promovierte,
die jene Macht sich anzuhelfen wusste, die sie nun hat
und teilt mit niemandem.
Sie schweigt oder gibt Glaubenssätze kund. Das reicht.
Wie wundersam.

Die Rote Schule war Antrags- und Ausgabestelle für die begehrten Scheine. Die Fütterer hangelten sich das schmiedeeiserne Schulhofgitter entlang. Anders war kein Durchkommen.
„Was wollt ihr den hier?“
„Die Fische füttern und die Lurche.“
Zum großen Erstaunen der drängelnden Menge öffnete sich das Tor einen Spaltbreit.

5. Gesang
Die treuen fünf der rastlosen Brigade, der Meinung, sie täten alle Arbeit, irrten.
Überstunden schob der Lehrer Behn. Urlaub war ihm fremdes Wort.
Die Pflanzen grünten, Früchte zeigten sich, wenn alle
nach den Ferien wieder kamen.
Wer hatte da gegossen das Wasser aus den Kannen, den blechernen?
Wer grub die Dahlien herbstens aus. Die fünfe nicht.
Sie fand ihn Klasse, wie man sagt, des Lehrers Klasse.

Die Schulgärten heute. Kein Lehrer Behn weit und breit. Schon für den ABC- und 1×1-Unterricht sind zu wenige da. Und von diesen Wenigen wollen wiederum nur wenige wissen, dass im griechischen paidagogía die Worte Kind und leiten stecken. Dafür geben sie nach einem halben Liter Retsina gern Preis, dass ihnen die kinderfreie Schule noch am ehesten liegen würde.
Und in irgendeiner Hofecke duselt allüberall still der Schulgarten vor sich hin.
Im Jahre 2012 kam jedoch der Tag, da die wissenschaftliche Arbeit „Entfremdung der Gesellschaft von Nahrungsmitteln“ beendet wurde. 1946 ist Ernst Kreuders „Die Gesellschaft vom Dachboden“ erschienen. Sie ist, im Unterschied zur Gesellschaft von Nahrungsmitteln, nicht entfremdet. Da Nahrungsmittel bestenfalls einen Haufen, aber keine Gesellschaft bilden können, wäre der Titel eventuell so zu deuten, dass sich die Gesellschaft entfremdet hat, und zwar von den Nahrungsmitteln.

6. Gesang
Analysen folgen Taten oft. Zu Potsdam, im Blinddarm von Berlin,
der Schreiber, der wackere, nun gründet den Verein, der so viel Gutes spenden will.
Platon, Sohn des Ariston und dessen Frau, der Periktione, steht bei
und paidagogía weht heran.
GemüseAckerdemie heißt der Verein, etymologisch im Namen akademeia tragend,
des Platons Ort für Grübelei und Rede alter Zeit, sagt man in Potsdam, Blinddarm von Berlin.
Und Pate stünd der Grieche auch für’s Credo des Vereins,
das laut gesprochen heißt: „Zielorientierung, Effizienz
und Leidenschaft und Transparenz.“
„Jawoll!“ sprach Platon nicht, – ich sag’s.

Jetzt, ein Ackerdemiker wird es können, der Schulbegleitende Bildungsprogramm-Rap: „Learning by doing, Sozialkompetenz und Persönlichkeit, Ganzheitlichkeit, Intergenerationelles Lernen.“ (Und noch einmal:) Und fertig. Strophen 2, 3, 4, 5 dürfen entfallen. Denn wer ihr so genau auf’s Maul geschaut hat, der kann die Verwaltung auch mit einer Strophe weichkochen!
Und immer noch geht es um den Schulgarten. Dort passiert, Akquise geglückt, Fuß in der Tür, nun Folgendes: „Unter fachlicher und pädagogischer Anleitung bauen Kinder und Jugendliche mehr als 25 verschiedene Gemüsearten nach ökologischen Kriterien an. Die Ernte wird im Anschluss vermarktet, so dass die Kinder die vollständige Wertschöpfungskette des Gemüses erleben und selbst gestalten.“

7. Gesang
Nun vorgestellt die kesse Kassenwartin der 6b.
Sie zählt das Geld, sie schnallt, wie großer Rettich mehr erbringt
als winzige Radieschen.
Und gibt die Frage in die Runde, warum im nächsten Jahr nicht nur den Rettich ziehen?
Warum das Blumenzeugs am Gartenrande nicht entfernen
und, noch mehr Rettich ziehend, vermehrte Werte schöpfend so?
Wie? sie fragt, Fruchtfolge hindert mein Verlangen?
Wozu ist Blaukorn da? Was, Blaukorn kommt nicht aus der Tüte?
Ich denke wir gestalten?

Ja, was nun, Ackerdemiker? Wird der Kleinen jetzt erklärt, was Entfremdung ist, dass aber ein bisschen gutgemeinte Entfremdung auch nicht nur immer total schaden tut und irgendwie halt dazugehört, wie Adorno aus Frankfurt, aus Franfurt am Main, nicht an der Oder, ungefähr meint, weil Marx aus Trier, die älteste Stadt Deutschlands, Secunda Roma, mal so gesagt, der erste wäre, der sich nicht ein Stückchen weit und breit geirrt hätte? „Wer ist Andorno, wer ist Max?“ Sehr frech. Die Kassenwartin muss in einem Lernsetting schwer nachsitzen und ihre Teilkompetenz im Bereich Biodiversität vertiefen. Und vielleicht auch in Heimatkunde.
Jeder hat meinen gehörigen Respekt, der Firma oder Verein auf die Beine stellt, mit Weltrettungsphantasien die Behörde einwickelt, Schulgärten zum Leben erweckt und Geld verdient; auch die Gemüseplatoniker.

8. Gesang
Bewunderung jedoch allein gilt Lehrerinnen, Lehrern, welche Hürden, Gräben,
die fest- und vollgefressene Verwaltung
nicht müde wird zu ziehen,
überwinden, aufgehend im Berufe, von selbst drauf kommen,
wie Kinder, die ihnen anvertraut und keinem sonst,
begeistert lernen und Bauchweh vor der Schultür
nur vom Reden andrer kennen.
Nicht einsam, aber selten doch, stand dafür ein
der Lehrer aus der Überschrift:
Horst Behn.

Werbeanzeigen
Dieser Beitrag wurde unter Sparsonne abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s