Der Goldene Bär 2016 geht an RADIOGYMNASTIK (Demokratische Volksrepublik Korea)

Das absonderliche Drama feinsten Kinostoffs hebt damit an, dass ein verletzter Fabrikarbeiter nach Haus humpelt und sich ins Bett legt. Per Rückblende erfährt der Zuschauer, dass der kräftige Mann an der Drehbank umgeknickt ist und sich offenbar Bänderdehnung oder Kapselriss im Sprunggelenk zugezogen hat. An Heiner Müllerischer und Brechtischer Sichtweise geschult, wird nun ein Arbeiterschicksal flott ausgebreitet.
Der Verletzte legt den Fuß hoch und in rasanter Zeitraffereinstellung zeigt sich wie der Knöchel dicker und dicker wird. Die Familie ist besorgt. Das alles spielt sich in einer Kleinstadt vor der überragenden Kulisse eines nordkoreanischen Maschinenbaukombinats ab. Trotz kalter Umschläge, die mit Kräutern gewürzt werden, welche der Sohn aus dem Wald holt, stellt sich keine Besserung ein. Als der Sohn wieder einmal im Wald ist, trifft er auf einen als Chinesen verkleideten amerikanischen Agenten, der ihm Westsalbe für Vaters Knöchel verspricht, wenn er dafür eine Zeichnung der Drehbank aus der Fabrik erhält. Der Sohn kontaktiert sofort den nächststehenden als Förster verkleideten Polizisten. Der stimmig inszenierte Konflikt beginnt mit einem Schusswechsel und endet mit der Verhaftung des Agenten.
Die Westsalbe will der Sohn dem leidenden Vater dennoch besorgen. Die familiär aufgeladene Atmosphäre wechselt und er verlässt unbemerkt das Land. Der menschlich und körperlich intensive Film zeigt von nun an den Protagonisten als nordkoreanischen Tom Cruise, charmant, tollkühn, siegesgewiss.
In China verkauft er für viel Geld eine Jademuschel. Er durchreist die Philippinen mit bunten Kleinbussen, die in Kidlak Tahimis Der parfümierte Albtraum berühmt wurden, wir feiern ein Wiedersehen mit der Kölner Domplatte und erleben wie sich der Held in Bremerhaven nach Valparaiso einschifft, um von dort über San Diego schließlich einen Drugstore in Los Angeles zu erreichen. Inszeniert mit Sinn für gewaltiges filmisches Tableau, erschallt von der sorgfältig gestalteten Tonspur nun der überwältigende Sound der nordkoreanischen Frauenpopband Moranbong. Unser Held gibt den Verzweifelten und die Verkäuferin (Cher) schenkt ihm die Salbe. Dies alles ist in beklemmenden Einstellungen festgehalten wie wir sie nur aus Vera Romeyke ist nicht tragbar von Willutzki kennen. Die Liebe des inzwischen vom Teenager zum Twen gereiften Nordkoreaners zu einer Bedienung in der Filiale der „What-A-Burger“-Kette nahe Minneapolis – wiederum Cher; statt mit grüner nun mit gelber Perücke; herrlich! – endet abrupt, als der junge Mann ihr den Kimilsungismus, jene nordkoreanische Juche-Philosophie, im rustikalen Setting hinter dem Drive-in erklärt.
Nach einigen Abenteuern wieder zu Haus im ‚Land des stillen Morgens’, erweist sich, dass die Salbe nichts taugt. Die Familie beschließt, das Radio einzuschalten, und wir werden Zeuge wie der Vater durch regelmäßig mitgeturnte Radiogymnastik seine Geh- und Sprungfähigkeit vollkommen zurückerlangt als sei nichts gewesen.
Die offenbar von Übelmeinern gestreute Legende, der Film dauere nur drei Minuten, erwies sich nach sieben genüsslichen Stunden im Kinosessel als haltlos.
Man verlässt die Flohkiste, wie Friedrich Luft den Filmsaal im Herzen Berlins immer nannte, mit der letzten eindringlichen Einstellung im Kopf, die einen verschrotteten Zerstörer im Gelben Meer zeigt, darauf Vater und Sohn herumhopsend; – Praktisch zeitgleich mit diesem Zitat aus Eisensteins bekanntem Panzerkreuzermovie fällt auch der mottenzerfressene Vorhang.
Denn der Abspann besteht aus nur aus einer Zeile, die auf ein Schauspieler- und Produktionskollektiv verweist. Kenner der nordkoreanischen Filmszene vermuten jedoch den Vorvater des modernen nordkoreanischen Films, Cho-Gwang-jo, hinter dem glänzenden Projekt. Die überraschenden Farbaufnahmen aus dem fernen  US-Amerika sind, wie man hört, den guten Beziehungen zwischen dem Disney-Konzern und Nordkoreas staatlichem SEK-Trickfilmstudio geschuldet, wo Teile von König der Löwen und Pocahontas gezeichnet wurden. Ein Lehrstück für die von einem Abgrund in den nächsten taumelnden Babelsbergstudios.
Wenn die Juryvorsitzende und Kinolegende Meryl Streep sich bereits Monate vor der Preisverleihung für Radiogymnastik als Gewinner des Goldenen Bären festgelegt hat, kann man ihr nur zu ihrem guten Näschen gratulieren. Ein Film ohne jeden antijapanistischen Gestus für die ganze Familie, erhebend und trotzdem unterhaltsam, für den in Westeuropa kein Verleih zur Verfügung steht.

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Eine Antwort zu Der Goldene Bär 2016 geht an RADIOGYMNASTIK (Demokratische Volksrepublik Korea)

  1. Harald schreibt:

    Lebhaft und eindringlich geschildert – ergreifend wie live Kino. Schade, das es keinem Verleih gibt – ich wäre Dauergast geworden und hätte passende Events mit Verkleidung organisiert.

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