(Ohren-Kalle)

Zweimal im Jahr besucht Kalle die Familie und Freunde in Berlin. Der Ort seines Daseins ist Todtnauberg im Schwarzwald.
Im warmen Sommer 2015 drehten wir eine freundschaftliche Runde vom Blücherplatz zum Heinrichplatz und zurück. Wir unterbrachen die Rücktour am Kanal, kauften zwei Biere und setzten uns, das Krankenhaus am Urban im Rücken, ans Ufer. Plötzlich begann in meinem linken Ohr das so genannte Reißen. Es steigerte sich zu einem Schmerz, der jede Kopfbewegung, jede Mundbewegung unmöglich machte. Ich musste nach Hause. Dort fand ich Ohrentropfen. Die Flüssigkeit war einst durchsichtig, jetzt, nach sechs Jahren über dem Verfallsdatum, war sie gelb. Dennoch ließ ich einige Tropfen ins Ohr fallen. Ein mutiger Druck dagegen, um die Flüssigkeit zu verteilen, ein letzter Schmerz und die Malaise wie weggeblasen, als sei nichts gewesen.
Kalle kommt zum zweiten Besuch am 28. Dezember. Wir treffen uns bei mir und beschließen, auf den Kreuzberg zu steigen, da das Wetter sehr klar ist. Bevor wir gehen, zeige ich Kalle zwei Ohrenpfropfen aus Schafswolle und wir erinnern uns an den Sommer. Darüber ziehe ich noch eine Mütze. Wie alle oben am Denkmal versuchen wir uns zu orientieren und identifizieren dies und das. Dann bekommen wir Hunger, gehen herunter zum Kanal und kehren ein in die Gaststätte Brachvogel. Es ist ein typisches Berliner Gartenlokal mit angeschlossenem Minigolfplatz. Der Garten jetzt abgeräumt und leer, aber Minigolf wird bis in die Dämmerung gespielt. Der große Gastraum ist spärlich besetzt. Als wir um acht Uhr bezahlen, sind wir die einzigen Gäste. Es war ein rundum unterhaltsames Treffen.
Einen Tag später, am Dienstag, bekomme ich Schmerzen in beiden Ohren. Am Mittwoch gehe ich mit meinen alten Ohrentropfen, denen ich plötzlich misstraue, in die Apotheke, um frische zu besorgen. Ich kaufe sie zunächst nicht, will nur sichergehen, dass sie am Lager sind. Denn vorher möchte ich mir noch ins Ohr schauen lassen. Die Apothekerin winkt ab. Alle Ärzte der Umgebung seien über die Feiertage und Sylvester in Urlaub. Dennoch gehe ich ins Ärztehaus in der Bergmannstraße. Der HNO-Arzt hat geschlossen. Aber auf einem Zettel hinter der Glastür sind allerhand Ausnahmeöffnungszeiten angezeigt. Ich mache ein Foto. Auf dem Rückweg kaufe ich die Ohrentropfen, die, eingeträufelt, diesmal nichts bewirken. Offenbar sind nicht richtig abgestanden.
Ich schaue mir das Foto an und entdecke, dass es an Sylvester eine Sprechstunde von 9-12 gibt.
Um zwanzig Minuten vor neun stehe ich vor der Tür. Eine Frau ist schon da. Wir kommen ins Gespräch. Sie hat eine geschwollene Zunge, sie weiß Schlechtes über Fielmann zu berichten. Als geöffnet wird, sind wir sechs. Die Frau und ich werden zusammen aufgerufen. Sie eilt zum Behandlungszimmer 1, ich zu Zimmer 2. Nach fünf Minuten erscheint ein aufgeräumter Arzt und fragt, ob ich gut hören könne. Ich nicke. Damit scheint für ihn eine Palette von möglichen Beschwerdeursachen des HNO-Bereichs auszuscheiden. Erst dann fragt er, worum es geht. Die Ohren, sage ich. Er schaut durch einen Trichter hinein und stellt Gehörgangentzündung fest; in jedem Ohr eine. Dann nimmt er eine Tube zur Hand und drückt. Aus der fabelhaften Tube erscheint ein flauschiger Faden, den er nach zehn Zentimetern mit der Schere abschneidet und mittels Pinzette mir ins linke Ohr stopft. Bevor er auch das rechte verschließt, erklärt er, dass dieser Faden mit einem Antibiotikum getränkt sei. Bis übermorgen im Ohr belassen, dann die Tropfen, die er mir verschreiben wird, zweimal täglich hineingeben, bis die Flasche leer ist. Und nach jedem Tropfen die Salbe, die er mir sofort in die Hand drückt, mit einem Ohrenstäbchen im oberen Gehörgang verteilen. Kein Wasser, nicht untertauchen, Wärme. Ich zeige ihm meine Ohrentropfen. Die würden nichts taugen, nur betäuben, hätten ihren Platz in der Tonne, erklärt er. Meine Wunderheilung im Sommer erwähne ich nicht. Er sagt, dass es ja günstig sei, an Sylvester einen Hörschutz zu haben. Dann sind beide Ohren verschlossen. Draußen, wo das Rezept ausgedruckt wird, verstehe ich die Frau hinter dem Tresen nicht. Schließlich gibt sie mir das Rezept auch ohne Dialog, guckt aber böse.
Erst als ich mein Rad abgeschlossen habe und mich vom Bürgersteig aus schwungvoll in den Verkehr einreihen will, bemerke ich wie wichtig das Gehör ist. Glücklicherweise schaue ich vor dem entscheidenden Pedaltritt einmal nach links und sehe zehn Meter entfernt ein Auto in voller Fahrt in meine Richtung kommen. Ich habe den Eindruck, als hätten alle Wagen von einer Sekunde zur anderen auf Elektrobetrieb umgerüstet. Die Tastatur, jetzt vor mir, höre ich auch nicht. Ich könnte auch nicht telefonieren, trage zudem ein Stirnband und entdecke im Spiegel entfernte Ähnlichkeit mit Luis Trenker.
Am Nachmittag fahre ich zu meiner Mutter, ihr einen guten Rutsch zu wünschen. In der U-Bahn ist es herrlich still, obwohl sie voll ist. Meine Mutter ist etwas schwerhörig. Bei Reichelt trinken wir einen Kaffee und essen Pfannkuchen mit Erdbeermarmeladenfüllung; – zwei von fünftausend, die an diesem Tag verkauft werden. Wir müssen einen seltsamen Eindruck machen. Immer wieder beugen wir uns vor und bitten wechselseitig um Wiederholung des gerade Gesprochenen. Nur wenn ich auch die Mundbewegungen sehe, kann ich verstehen. Ich behaupte, keine Schmerzen zu haben. Sie soll sich nicht sorgen. Auf dem U-Bahnhof dann eine Situation wie beim Aufsteigen auf das Fahrrad. Es sind noch vier Minuten, bis der Zug kommt. Ich trete vor und wieder zurück und warte, dass die Minuten verrinnen. Bei einem dieser Schritte nach vorn fährt mir ein Rollstuhl über den Fuß. Praktisch werde ich überfahren; – auf eine Weise überfahren wie es ein Rollstuhl hinbekommen kann. Der Mann im Gefährt ist völlig perplex, ich auch. Meine Winterschuhe mit Stahlkappe verhindern eine Verletzung. Andersherum hätte der Mann auch im Gleisbett landen können, wenn meinem Schritt der übrige Körper sofort entschlossen gefolgt wäre.
Der Faden im Ohr schafft keine schnelle Linderung. Es ist 21 Uhr. Ich gehe ins Bett. Auch ohne Ohrenweh könnte ich jetzt noch nicht einschlafen. Kurz nach neun müssten die Nachrichten beendet sein. Vielleicht bringt das Radio etwas bis um halb. Ich schalte ein und höre natürlich nichts. Schalte wieder aus und, um zu lesen, die Stehlampe hinter dem Bett an. Sie glimmt kurz auf und dann ist Feierabend. Ich gebe auf. Um 21.30 Uhr ist eine Ibu 600 fällig. Vom Sylvesterknallen höre ich nichts. Um vier Uhr jedoch kontert mein Körper die schmerzstillende Wirkung von Ibuprofen mit einer Allergieattacke. Von den Kniekehlen an aufwärts beginnt es zu jucken. Dem helfe ich erfolgreich ab mit Klosterfrau Franzbranntwein. Unregelmäßig auftretende Stiche in den Ohren verhindern, dass ich wieder einschlafe.
Am Morgen des ersten Tages im neuen Jahr bemerke ich die laufende Waschmaschine nur daran, dass sich die Wäsche bewegt. Ich bin verblüfft, obwohl ich mittlerweile wissen müsste, was mit mir los ist. Am Mittag steht meine Frau in der Tür des Arbeitszimmers und zeigt zwei gekreuzte Gabeln. Wer weiß, wie lange sie schon so gestanden hat, um mir die Mahlzeit anzuzeigen. In den Ohren habe ich nicht nur die Fäden, sondern auch ein stetiges Klopfen; den deutlichen Widerhall meiner Pulsfrequenz. Ich sehne den nächsten Morgen herbei, wenn die Ohren wieder frei sind.
Ja, das ist heute ein schöner Morgen. Hurra, die Fäden sind heraus, ich kann wieder hören. Ich tropfe, ich salbe. Vom Schmerz kündet nur noch schwacher Druck. Dann gehe ich in die Küche. Der Kaffee ist schon durch den Filter gelaufen. Aber der hohe Becher, aus dem ich immer trinke, steht im Abwasch. Ich habe keine Lust, ihn auszuspülen, und fülle eine herkömmliche Kaffeetasse, kehre zurück zum Schreibtisch und stelle sie ab. Es ist kurz vor acht und noch dämmerig. Den goldenen Schimmer auf der rechten Seite der Tastatur schiebe auf den Lichteinfall und umfasse die Maus. Sie lässt sich nicht schieben wie üblich. Der Grund ist schnell herausgefunden. Die Maus liegt in einer Kaffeepfütze. Die Schatten auf der Tastatur stammen vom gleichen Getränk. Die ungewohnt zierliche Tassenform, aber das Abstellen als wäre es der klobige Becher, müssen zum Überschwappen geführt haben. Als hätte der plötzliche Hörgenuss den anderen Sinnen Kraft entzogen.
Ich habe eine zweite Tastatur und weiß, was jetzt zu tun ist. Batterien entfernen und Duschen der Tastatur über der Wanne. Kräftig ausgeschüttelt landet sie auf dem Heizkörper. Dann schließe ich das Kabel der alten an und beginne, den Morgen zu notieren. Ich mache viele Fehler, da ich nicht mehr gewohnt bin, kräftig in die Tasten zu hauen.
Von jetzt an wieder mit der zierlichen Funktastatur: Was passiert heute noch so? Sollte ich den Ohrenschmerz, der genau dann auftritt, wenn Kalle seine zwei Berlinbesuche macht, mit ihm in Verbindung bringen? Ist das gerecht?
Oder haben die Ohren, als die zuständigen Organe, schlicht meinen Impuls von Mitte Dezember aufgenommen und radikalisiert? Seit dieser Zeit lese ich keine Zeitung mehr. Weder die im Internet noch die vom Kiosk. Auch das Radio bleibt zur vollen und halben Stunde ausgeschaltet; am besten immer. Alles unter dem Motto: Ich kann es nicht mehr hören! Der Satz ist Reaktion auf die bislang unbeantwortet gebliebene Frage: Warum führt die Physikerin ihre Untertanen um die Fichte, wenn das genaue Gegenteil ihre Verpflichtung ist?
Weil die folgsamen Ohren sich nicht zuklappen können, es aber hartnäckig versuchen, um meinem Motto zu folgen, entzünden sie sich vor Anstrengung. Danke, liebe Ohren, aber bitte keinen zweiten Versuch.
Bleibt noch übrig, das Sommerdesaster zu erklären. Ich werde schlicht im Durchzug gestanden haben, bevor Kalle klingelte. Die Überschrift nehme ich zurück.

 

2.1.2016

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Eine Antwort zu (Ohren-Kalle)

  1. Harald schreibt:

    Die Physikerin ist eine folgsame Angestellte. Die Ihr übertragenen Aufgaben erfüllt sie. Wie Ihre Vorgänger in der BRD.

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