Imbiss

Das Wetter hat umgeschlagen. Leere am Nachmittag im Raucherzelt vor der Edeka-Bäckerei. Erstmals seit den kalten Monaten zu Jahresanfang sind die Seitenplanen rund um die sechs Tische wieder heruntergelassen. Wir sind allein bei Kaffee, Käse- und Rosinenbrötchen zu Euro 5,61. Ein älterer Mann kommt ohne Tablett herein. Er hat drinnen beim Bäcker nichts erworben, setzt sich trotzdem und greift in die Einkaufstüte. Das ist billiger und üblich.
Vor ihm auf dem Tisch liegt jetzt ein Stück Wurst, mehr nicht. Sich leicht erhebend, greift er mit beiden Händen tief in die Hosentaschen, zieht aus der linken sein Taschenmesser und setzt sich wieder. Dann nimmt er die Wurst zur Hand, ritzt mit der Klinge die Pelle an und zieht sie etwas herunter. Mit Bedacht schneidet er ein Stück Wurst ab. Wider Erwarten spießt er es nicht auf, sondernd schiebt es mit der Hand in den Mund. Darauf gründliches Kauen. Ich beobachte, was sonst nur Fünfjährige mit Eistüte hinbekommen: Den Genuss in stiller Versunkenheit. Kein einziges Mal schaut er herüber. Üblicherweise gilt der forschende Blick hier als Angriff und wird kühl gekontert.
Ich hätte darauf gewettet, dass es nicht um die ganze Wurst geht. Aber er arbeitet sich tiefer und tiefer. Die Spatzen fliegen durch den nicht verhängten Eingang herein und erhalten die Brötchenkrümel. Als ich nach der Zigarette unser Tablett wieder in den Laden tragen will, ist von der Wurst nichts mehr übrig. Ich halte an seinem Tisch und sage dem Mann geradeheraus, dass ich das nicht erwartet hätte. Er lacht. Auf Nachfrage verrät er mir, dass er soeben ein gutes 200-Grammstück Krakauer zu Euro 1,55 gegessen habe. Die schmecke, weil reines Rindfleisch, obwohl sie so pollakisch klinge.
Gefragt, ob er diese Wurst jeden Tag esse, lacht er wieder und schüttelt den Kopf. Er sei wegen Mutters Geburtstag auf dem Friedhof gewesen und habe ordentlich Hunger bekommen.
Sein Alter, sein Alleinsein lassen mich vermuten, dass er mit Mutter die verstorbene Ehefrau meint. Ich stelle mir vor, wie nach Mutters Tod sein Taschenmesser zum meistbenutzten Besteck avanciert ist. Gehalten dagegen hat sich die gemeinsam gepflegte Legende von der Krakauer als einer Rindswurst. Und ein Ressentiment.

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Eine Antwort zu Imbiss

  1. Harald Schwarz schreibt:

    Sehr schön beobachtet und empathisch beschrieben. Ich war dabei.

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