James Tscherkesischwili

Das Ehepaar Graumann bewohnte eine Parterrewohnung mit kleinem Garten nach hinten. Im Sommer war das sehr schön, die Terrassentür stand immer offen. Eines Tages wollte sich Herr Graumann, das Fenster zum Garten im Rücken, auf die Couch setzen, um Fernsehen zu gucken. Doch sein Gesäß traf nicht auf das gewohnte Kissen, sondern auf eine Katze, die laut aufschrie. Herr Graumann ruckte in die Höhe, die Katze sprang auf den Sessel rechter Hand und starrte Herrn Graumann an, der gebückt über der Couch verharrte.
Frau Graumann, vom Schrei angelockt, starrte auf die Katze, ihr Mann zuckte ratlos die Schultern und setzte sich. Frau Graumann machte kehrt und ging in die Küche. Sie kam mit einem Tellerchen Milch wieder, stellte es vor den Sessel rechter Hand und setzte sich gegenüber auf den Sessel linker Hand. Sowohl Herr Graumann als auch Frau Graumann erwarteten nun, dass die Katze die Milch trinken würde. Aber die Katze rollte sich zusammen und schlief ein. Nach Ende der Fernsehsendung lag die Katze in gleicher Haltung, an gleicher Stelle. Die Graumanns vermuteten eine lange, ermüdende Wanderschaft, die in ihrer Parterrewohnung ein glückliches Ende gefunden haben mochte.
Nachdem die Katze sich einmal erhoben, bucklig gezeigt und sofort wieder niedergelegt hatte, war klar, dass die Katze ein Kater war. Ein brauner oder, wie man sagt, roter, der sich durch nichts von der Farbe der Couch und der der Kissen auf der Couch und der der Sessel und der der Kissen auf den Sesseln unterschied. Er wurde ohne Diskussion als Untermieter akzeptiert. Dafür gibt es Gründe, die an dieser Stelle jedoch nicht interessieren, da sie uns aus der Geschichte hinausführen würden.
Die Graumanns nannten das Tier James, weil es bei einer Portion James Last aus dem Radio gemeinsam mit Herrn Graumann die Ohren gespitzt hatte. Frau Graumann forderte ihren Mann auf, seine zweiundachtzig James Last-Platten aus dem Keller zu holen. Herr Graumann erwiderte seiner Frau, dass weder Kater James noch irgendwer daraus Gewinn ziehen könne, da ja kein Plattenspieler mehr im Haus sei. Warum er denn die Schallplatten überhaupt aufhebe, fragte Frau Graumann. Dafür gab es seitens Herrn Graumanns natürlich triftige Gründe, die an dieser Stelle jedoch nicht interessieren, da sie uns, wie bereits oben warnend erwähnt, aus der Geschichte herausführen würden. Denn es soll keine lange, sondern eine tatsächlich kurze Kurzgeschichte werden; mit Pfiff, – das sei jetzt schon verraten.
Der Pfiff ertönte sozusagen bei Edeka. Um ihn zu hören, muss man wissen, dass die Graumanns ihren James nie fressen sahen. Frau Graumann hatte aus dem Katzenfutterregal alles herauf- und heruntergekauft, aber James fraß keinen Bissen. Vielmehr lag er im Sessel rechter Hand. Oder er lag nicht im Sessel rechter Hand. Es kam auch zu Irrtümern bezüglich An- oder Abwesenheit, da er ja von den Kissen und vom Sesselbezug farblich nicht zu unterscheiden war.
Bei Edeka traf Frau Graumann Frau Rübener. Frau Rübener stand vor dem Regal mit dem Katzenfutter, wo auch Frau Graumann nach einer neuen Sorte Ausschau hielt. Frau Rübener sagte, ihr Kater fresse ihnen, den Rübeners, praktisch die Haare vom Kopf. Wenn man ihn aber gemütlich auf dem Sessel liegen haben und sich ergötzen wolle, sei er verschwunden. Frau Graumann sagte, dass ihr Kater ihnen, den Graumanns, stundenlang im Sessel den hübschesten Anblick böte, aber partout nichts fressen würde.
Als erste stutzte Frau Rübener und fragte nach dem Namen des Tieres. Frau Graumann verriet ihn: James. Frau Rübener verriet den ihren: Tscherkesischwili, was Frau Graumann ratloses Gesicht machen ließ. Frau Rübener fügte an, dass dies der einzig ernst zu nehmende Widersacher Stalins in Georgien gewesen sei, was die Erkenntnislage Frau Graumanns keineswegs verbesserte, wie Frau Rübener scharfsichtig bemerkte. Daher ergänzte sie, etwas Verdruss der Stimme beigebend, dass ihr Mann als ehemaliger Mitarbeiter des Instituts für Marxismus-Leninismus halt sehr geschichtsinteressiert sei. Frau Graumann sah sich nun aufgefordert zu erwähnen, welche Marotte sich hinter dem Namen James verbarg und verriet, dass ihr Mann Parteigänger des Happy Party Sounds von James Last sei, jedoch auf dem Trockenen sitze, weil er keinen Plattenspieler mehr habe.
Kurzzeitig versuchten nun beide Frauen, sich darin zu überbieten, was nutzloser sei: zwei Kisten Marx/Lenin oder zwei Kisten James Last.
Der neben ihnen das Hundefutterregal auffüllende Praktikant mit dem herrlich bunt tätowierten Kahlkopf hätte längst das Weite gesucht, wäre er als Praktikant nicht der letzte in der hiesigen Edeka-Kaderkette gewesen.
Über den Seltsamkeiten des Privaten hatte Frau Rübener jedoch nicht vergessen, warum sie vor zwanzig Minuten gestutzt und den Namen des Katers erfragt hatte. Zweckmäßigerweise erbat sie sich nähere Angaben zur äußeren Erscheinung des Tieres.
Aus der jetzt wechselseitig vorgetragenen und von zahlreichen Ausrufen des Erstaunens immer wieder unterbrochenen Beschreibung ergab sich, dass der Kater als Tscherkesischwili sich bei den Rübeners verpflegte und als James bei den Graumanns verdaute.
Frau Rübener hatte eine Schwester mit Vornamen Rita. Die Schwestern hatten voreinander keine Geheimnisse. So wusste Rita, dass der Schwester die ungebremste Wollust des mittlerweile siebenundsechzigjährigen Marxisten-Leninisten nicht ausschließlich Vergnügen bereitete. Und Frau Rübener wusste, wie glücklich Rita darüber war, dass der erst achtundvierzigjährige Berni, so wurde Ritas Ehemann gerufen, in dieser Hinsicht überhaupt keine Ansprüche stellte.
Als die beiden Schwestern eine Woche nach dem klärenden Gespräch zwischen Frau Graumann und Frau Rübener bei Penny neben Edeka in Fehrbellin durch die Regale bummelten, erzählte Frau Rübener ihrer Schwester Rita die Geschichte von James Tscherkesischwili, so brennend die ihr auf der Zunge lag, sicherheitshalber nicht. Obwohl es eine wirklich fabelhafte Tiergeschichte ist, von einem Kater, der an einem Ort den Sesselfläzer gibt und am anderen sich holt, was er sonst noch braucht.

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