Was Canetti empfiehlt

Vor zwei Jahren lernte ich einen Mann aus der vierten Etage der Einrichtung kennen. Er saß unten in der Vorhalle, wo am Nachmittag ein kleiner Cafeteria-Betrieb öffnet. In den Essenräumen auf den Etagen sind Kaffee und Kuchen um diese Zeit umsonst zu haben. Aber einige entfliehen den immer gleichen Gesichtern bei Frühstück, Mittagessen und Abendbrot nach unten.
Ich saß am Nachbartisch, gönnte mir vor der Fahrt nach Haus noch eine Tasse Kaffee. Der Mann war mir sympathisch. Ich setzte mich zu ihm. Er war als Berliner in Hamburg zum Hamburger geworden. Nach dem Schlaganfall hatte ihn seine Schwester zurück nach Berlin geholt. Er sprach von Training, Fortschritt und Besserung und war guten Mutes, in einem halben Jahr die Einrichtung ohne Rollstuhl wieder verlassen zu können. Mit einer Fernsehproduktionsfirma hatte er Reisen auf dem ZDF-Traumschiff gemacht und war bei Dreharbeiten für den ARD-Tatort dabei. Indiskretionen über die Protagonisten waren ihm nicht zu entlocken. Als ich ihn eine Woche später auf der Bank vor dem Eingang traf, rauchten wir zusammen und kamen, worauf Raucher kommen: auf den Fußball. Wie jeder Hamburger Fußballanhänger hatte auch er sich entschieden, und zwar für den FC St. Pauli. Ich erwarb einen kleinen Wissensfundus über ihn. Lange Zeit sah ich ihn dann nicht mehr und dachte, er hätte es geschafft, die Einrichtung zu verlassen. Allerdings wusste ich mittlerweile, dass Ergotherapeuten zu gnadenlosem Optimismus neigen. So kann eine Neunzigjährige nach mühsamem Erheben aus dem Rollstuhl und vier zaghaften Schritten am Handläufer durchaus zu hören bekommen, sie würde demnächst an einem Marathonlauf teilnehmen.
Die Angestellten in der Pflegeindustrie versuchen mit Tatkraft und punktgenau gesetztem Frohsinn, eine Barriere vor der Einsicht zu errichten, dass sie selbst genau jene Schritte des Verfalls und Siechtums gehen werden, die sie tagtäglich in sämtlichen Stadien vor Augen haben. Das führt dazu, dass sie das zentrale Thema Tod den Insassen gegenüber und generell nicht aufgreifen dürfen.
Daher der Unterschied zur Pflege durch Ordensschwestern. Deren persönliches Streben und so auch die Ansprache zielen nicht auf ewiges krekel sein, sondern auf ewiges Leben im Reich Gottes. Gedanken an den Tod, den Tod als Etappenziel, und den leidvollen Weg dorthin, können sie daher trostreich deuten und benennen.
Eine Frau Mitte siebzig aus der 2. Etage hatte sozusagen einen beherzten Anlauf nehmen können, nachdem sie sich läuferisch tatsächlich verbessert hatte. Mit Hilfe der Schwägerin fand sie eine kleine Wohnung. Die Frau kündigte den Heimvertrag und die beiden kauften Möbel. Die Schwägerin wollte in den verbleibenden vierzehn Tagen bis zum Umzug alles herrichten. Eine Woche später vollzog sich der Umzug nicht in die Wohnung, sondern von der 2. Etage ins Krankenhaus, das die Frau lebend nicht wieder verließ.
Den Mann aus der vierten Etage sah ich erst auf dem Gartenfest im Juni wieder; immer noch im Rollstuhl. Ich sprach ihn an, aber er konnte mir trotz größter Anstrengung nicht mehr verständlich antworten. Mein Wissen über ihn nutzte ich zu längeren Monologen, die er nickend oder kopfschüttelnd kommentierte. Er lächelte, wenn ich über den HSV herzog.
Es war das kleine, interne Fest im vorderen Gartenteil. Für jeden eine Grillwurst, Mostrich, Ketschup, Kartoffelsalat, etwas Grünes, dazu Saft, Sprudel, auch Pils oder Berliner Weiße mit Schuss. Das große, öffentliche Gartenfest kommt noch. Bis dahin Spielenachmittage, Tanztees, eine Dampferfahrt, Zoo-, Museumsbesuche. Kleine Felsen im Meer der Eintönigkeit.
Was ein Pflegeheim tun kann und muss, wird getan. Die Verwaltung funktioniert tadellos und ist sich ihrer eigenen therapeutischen Funktion vielleicht gar nicht bewusst. Sie beruht schlicht darauf, dass es kaum Personalwechsel gibt. Wer Organisatorisches wissen will, weiß, an wen sich zu wenden ist. Auf den Etagen sieht das ganz anders aus.
Manchen Vormittag sehe ich einen Mann, der mit Ausdauer eine richtige Tageszeitung liest. Aber ich sehe ihn nie mit jemandem sprechen. Auf den Tischen in den Fluren stapeln sich die bunten Wochenheftchen mit angefangenen Kreuzworträtseln.
Die Sprachlosigkeit macht große Sprünge nach vorn, wenn die vertraute Umgebung verloren ist, wenn zwei kleine Kommoden und ein Tisch übriggeblieben sind von dem, was man sich durch jahrzehntelange Arbeit angeschafft hat, worauf man stolz war. Die Lampen, das Kaffeeservice, der Besteckkasten, die Teppiche, die Küche, die kleinen hilfreichen Gerätschaften an ihren angestammten Orten. Jetzt ist trotz nur eines Zimmers der Kugelschreiber unauffindbar, was zu regelrechtem Aufruhr führt. Die Angehörigen deuten es als latente Demenz, also in ihrem Sinne als normal. Tatsächlich sind diese wiederkehrenden Situationen verdeckter Protest gegen den Aufenthalt, auf den man sich aus vielen guten Gründen einmal geeinigt hat. Gekannt hat man, so wie ich, nur den zu zahlenden Preis in Euro.
Die Angehörigen stellen sich das so vor: Zwei Kleinkinder rennen von verschiedenen Richtungen auf einen Spielplatz zu. Die Eltern freuen sich, dass zwei Spielgenossen aufeinandertreffen. Zwei Alte begegnen sich im Pflegeheim. Die Kinder freuen sich, dass zwei Gesprächspartner aufeinandertreffen. Was passiert tatsächlich? Die Kinder bewerfen sie sich sofort mit Sand und schreien, die Alten werfen sich abschätzige Blicke zu und verstummen. Nicht immer ist es so, nicht auf dem Spielplatz, nicht im Altenheim. Um die Wahrscheinlichkeit eines sich entwickelnden gedeihlichen Miteinanders von Menschen zu ermessen, die sich im dritten oder achtzigsten Lebensjahr zum ersten Mal begegnen, sind nur die Altersangaben zu vertauschen.
Dem wollte der so genannte Gesetzgeber zum 1.1.2015 mit dem Pflegestärkungsgesetz entgegensteuern. Aus dem Gesetz ergibt sich, dass nun Hilfskräfte eingestellt werden, die mit den Bewohnern Wege außer Haus machen, sie zu Brettspielen animieren, ihnen vorlesen oder Fotoalben anschauen sollen. Deutlicher ist die auswegslose Einsamkeit nicht zu illustrieren. Was Aufgabe der nachrückenden Familie wäre, soll nach Dienstplan von Fremden erledigt werden, die Offenheit vorspielen müssen, selbst wenn ihnen tiefes Misstrauen entgegenschlägt. Wer es durchsetzen kann, stellt die letzte Lebensweiche rechtzeitig anders.
Es ist mir zweimal passiert. Einmal auf der Straße einmal in einem Café. Die eine Frau verschnaufte auf dem schmalen Sitz ihres Rollators. Die andere ließ sich, am Ende ihrer Kräfte angelangt, auf einem Stuhl nieder. Beide lächelte ich an, beide lächelten zurück und sagten dann unvermittelt denselben Satz: „Altwerden ist Scheiße!“ Ich vermute, es ist die derbe Reaktion auf die Propaganda agilen Seniorentums durch den Gesetzgeber. Öffentlich ausgesprochen und zitierbar gemacht hat den Satz Joachim Fuchsberger. Die Frau auf der Straße kannte ich. Ihr älterer Sohn war festes Mitglied unserer Spielplatzgemeinschaft. Er starb vor dreißig Jahren an einem Gehirntumor. Ihr jüngerer Sohn arbeitet für Volkswagen in Übersee. Die Frau im Café war mir unbekannt.
Das Wetter spielt mit anlässlich des kleinen Gartenfestes. Die Sonnenschirme sind nicht nur zur Dekoration aufgespannt. Es werden sogar Hüte verteilt, die zwecks Aufmunterung sicher auch ohne Sonne verteilt worden wären. Aber sie scheint nun mal. Die allgemeine Stimmung ist gut und erwartungsfroh. Konträr zum Wetter intoniert eine kleine Combo – Schiffermützen, blauweiß gestreifte Hemden, rote Halstücher – ausschließlich Lieder vom kühlen Nass. Alles eine Spur zu langsam, zu mollig, seltsam kindgerecht.
Mitten im Genuss von Wurst und Weiße setzt sich eine Pflegekraft an den Tisch und fasst die Nebensitzenden bei den Händen. Es muss geschunkelt werden. Einige nehmen es gern, viele nicht. Die überfallartige Zuwendung macht Zwietracht sichtbar, überbrückt sie nicht. Freundlich erwidert wird hingegen die persönliche Ansprache beim Servieren von Speisen und Getränken. Zwischendrin immer wieder erstaunlich zielsicheres Reichen von Medikamenten. Immerhin ist die Mehrzahl der einhundertsiebzig Insassen dem Ruf nach draußen gefolgt und man sitzt nicht in Etagenordnung.
Eine Frau quält sich mit ihrem Rollstuhl zentimeterweise der Tür entgegen. Hierzu Zitat aus dem Kopfkissenbuch der Hofdame Sei Shonagon: „Was verächtlich behandelt wird: Eine Greisin, die das Höchstalter überschritten hat.“ Hinzugefügt sei heute, tausend Jahre später: Pflegestufe 3; demnächst Pflegegrad 5.
Ich möchte derjenige von draußen sein, der sich nicht blind und taub stellt und biete Hilfe an. Im Haus frage ich, wohin sie möchte. Zur Toilette, sagt sie. Ich denke, sie will auf die Toilette ihres Zimmers und frage, wo es sei. Sie sagt, sie wisse es nicht. Ich aber weiß, dass sich im Parterre eine Besuchertoilette befindet. Ich schiebe sie hinein bis vor die Toilettentür und sage, dass ich jetzt nichts mehr für sie tun könne. Sie sagt, sie käme schon allein hinein, aber nicht wieder heraus. Eine im Gang vorbeigehende Besucherin verspricht, eine Pflegerin zu holen. Als ich wieder im Garten bin, spricht sie mich nochmals an und sagt, dass die Pflegerin der Frau auf der Toilette jetzt behilflich sei.
Am Tisch gehe ich eine Wette ein, dass gleich Schurickes Capri-Fischer gespielt werden. Als Freddys Junge komm bald wieder ertönt, schreibe ich Caprifischer als Wunsch auf eine Serviette, gehe zur Combo und halte sie dem Gitarristen hin.
„Spielen wir nicht!“
Etwa eine Stunde vor Ende formiert sich die Reihe der Rollstühle. Das Zubettgehen der Schwerbehinderten braucht Zeit und muss rechtzeitig begonnen werden. Die meisten werden geschoben. Es gibt aber auch Selbstfahrer mit Elektrostühlen. Zur Steuerung sind so etwas wie eine Handytastatur und ein kleiner Joystick zu bedienen.
Der Mann kommt gemessenen Tempos von rechts und muss nach links zur offenen Tür einbiegen. Statt jedoch den Steuerknüppel zu bedienen, landet die Hand auf den Tasten. Damit gibt er Vollgas und schiebt den Stuhl samt Bewohnerin mir gegenüber einen halben Meter den Büschen entgegen. Pflegekräfte eilen herbei. Aufregung wie bei einem Auffahrunfall draußen in der richtigen Welt. Glücklicherweise ist weder Personen- noch Sachschaden entstanden. Eine Pflegerin zieht den Rollstuhl zwei Meter zurück und gibt die Fahrt erneut frei. Und erneut gibt der Mann Vollgas geradeaus. Meine Mutter, sozusagen noch in Deckung, bekommt wieder nichts ab, würde aber nach einem dritten Aufprall rückwärts im Gebüsch landen. Ich stehe auf und stelle mich als Poller zwischen Gefährt und Tisch. Jetzt wird der Mann geschoben. Im Vorbeirollen entschuldigt er sich, schaut aber nicht auf. Sein Kontrollverlust vor aller Augen ist ihm unangenehm. Zehn Jahre zuvor mag er noch Oberklasse gefahren haben.
Auf dem Parkplatz des Supermarkts gegenüber ist zu beobachten, dass der vermutlich letzte Wagen noch einigermaßen agiler Rentnerpaare meist zu groß ausfällt; viertürige Limousinen, SUVs. Das Benehmen mit dem Einkaufswagen zwischen den Regalen ist entsprechend, soll ungebrochene Souveränität in der Warenwelt anzeigen, lässt einen dennoch an letztes Aufbäumen denken. Die Männer schäkern beim Zahlen mit der Kassiererin, die Frauen sortieren abgewandt die Ware.
Ist der Youtube-Knaller Opa kriegt die Kurve nicht auf Sendung gegangen? Nein, die derzeit in der Einrichtung wohnende Generation besitzt keine entsprechenden Geräte, den Angestellten ist es verboten, Interna des Heims ins Internet zu schleusen.
Nochmals aus dem von Elias Canetti zur Lektüre empfohlenen japanischen Kopfkissenbuch: „Es war einmal ein Kaiser, der nur junge Leute in seinem Reich dulden wollte. Er erließ einen Befehl, dass jeder, der vierzig Jahre alt geworden ist, dem Kaiser aus den Augen gehen müsse.“
Am 22. Juni 2015 lese ich in der Süddeutschen Zeitung die Überschrift: Forscher planen die Abschaffung des Alterns. Eine Zwischenüberschrift lautet: Die Pläne sind konkret. Was heißt, die Pharmaindustrie startet bereits Versuchsreihen. Sollte es der Gesetzgeber schneller haben wollen, wird er nicht das Altern, sondern die Alten abschaffen müssen. Als mehrfacher Exportweltmeister wird er aus entsprechenden Erfahrungen schöpfen und die ihm gemäße, intelligente Lösung vorweisen:
Jeder Export einer Kurz- oder Langwaffe wird persönlich exekutiert. Die ergraute Überringerin, der ergraute oder kahlköpfige Überbringer verbleiben dann gleich am Bestimmungsort. Oder die Millionen ergrauter oder eben kahler deutscher Köpfe erwarten Habitate in sonst menschenleeren Einöden. Sie finden vor deutsche Architektur aus dem 3D-Drucker, Bedienungs- und Pflegeroboter allzeit in Topform und mit menschlichem Antlitz. Egal, welcher Plan umgesetzt wird, Deutschland schrumpft zusammen auf die vier Großstädte Berlin, Hamburg, Frankfurt, München, worin sich flotte Businessjungs untereinander und an blonden Mädels vergnügen. Die Mittel- und Kleinstädte, Land und Dörfer gehen über in die Verfügungsmacht derjenigen, die seit geraumer Zeit ein Auge darauf haben. Kaiser und Gefolge, d. i. der Gesetzgeber, dürfen altern wie hergebracht und halten sich offshore verborgen.
„Das ist doch kein Zustand!“
Richtig, die Lage wird sich nochmals deutlich verändern.
Aber wie ging die Geschichte im alten Japan aus? Der Kaiser nahm seinen Befehl zurück. Denn letztlich rettete nur die Weisheit eines vor ihm versteckt gehaltenen alten Ehepaares das Land vor der Eroberung durch die Chinesen. Aber Ehepaare gibt es in der Einrichtung so gut wie gar nicht. Worauf sollen wir hoffen?

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