Die Balkonesen (81)

Hinter dem gelben Wagen

Der Postbote ist ein langer, schwerer Kerl. Zwei Meter mal zwei Zentner. Im Haus gibt es keine Hausbriefkästen. Er muss zwei Vorderhäuser hoch in den Vierten, dann warten zwei Seitenflügel und ein Quergebäude. Wenn er die Stufen herunterhastet bebt das Treppenhaus. Man würde ihn gern grüßen, man würde ihm gern zu verstehen geben wie hart die Arbeit ist, man würde ihm gern ein freundliches Wort schenken oder zu Weihnachten fünf Euro. Man hat zwei, drei Wochen lang versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen., Aber der Postbote erwiderte nichts, kein Sterbenswörtchen, wechselte die grimmige Mine nie. Da seine Gestik unauffällig ist, trifft die Vermutung, er sei stumm, wahrscheinlich nicht zu. Seine Art ist Angst einflößend, so als würde er irgendwann explodieren. Die Mieter sind froh, ihm nicht zu begegnen. Vor einer Woche deutete er an, wozu er fähig ist.
Es klingelte. Mit dem Klingeln flog die Abdeckung der Klingel von hoch oben herunter auf den Boden. Das hatte per Knopfdruck von außen noch niemand geschafft. Der Postbote stand vor der Tür, eine Sendung in der Hand, die nicht durch den Briefschlitz gepasst hätte. Ich war schockiert. Nicht wegen der Größe des Umschlags, sondern weil allein sein Fingerdruck ausgereicht hatte, um bei mir drinnen etwas zum Schlechten zu verändern. Welche Potentiale hatte dieser stumme, grimmige Mann? Er hielt den Umschlag hin, kein Wort von ihm, kein Wort von mir. Ich nahm den Umschlag, er drehte um und ließ es beben.

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