Kellermann

Der Sonntagmorgen hatte in Berlin begonnen und in der Priegnitz sich noch längst nicht zum Mittag erhoben. Obwohl weit und breit kein anderes Auto zu sehen war, setzte Manfred Kucharski den rechten Blinker. Der weiße Golf rollte auf die Gulf-Tankstelle von Fehrbellin.
Einhundert Meter weiter hätte er zwei, drei Cent weniger für den Liter Benzin bezahlt. Dennoch tankte Kucharski, wenn er in der Gegend war, ausschließlich hier. Er schätzte es, dass ihm keine Automatiktür ein Sesam-öffne-dich vorgaukelte, sondern die Tür aufzudrücken war. Das Angebot rund um die Kasse war schmal, sah nach einer Stichprobe dessen aus, was einen in anderen Tankstellen erwartet.
Kucharski tankte auf den Cent genau für dreißig Euro. Für blaue Gauloises im Softpack legte er weitere fünf Euro hin. In Fehrbellin machten sich die ersten Hundehalter auf den Weg zum Zeitungskiosk.
Auf den umgelegten Rücksitzen hinter Kucharski lagen vier große Plastiksäcke mit getrocknetem Brot aus einem Burger-Restaurant. Die Schafe mochten trockenes Brot malmen und er war gern eingesprungen, um Abholung samt Lieferung zu erledigen.
Er verließ Fehrbellin in nördlicher Richtung auf der Ruppiner Straße bis Dammkrug, bog dort links ab und der Golf schnurrte Richtung Westen. Als ihn die Ideallinie in der lang gezogene Kurve zwischen Protzen und Manker auf die linke Spur führte, dachte Kucharski an den Thunderbird aus dem Autoquartett, in dem er jetzt gern sitzen würde. Er erinnerte sich an acht Zylinder, aber die PS-Zahl wollte und wollte ihm nicht einfallen. Er begann, die Taschen nach den Gauloises zu durchsuchen.
Der Mann oben in der Fahrerkabine des grünen John Deeres wusste genau, was sein Schlepper unter der Haube hatte. Bis zum letzten Moment rechnete er mit dem Ausweichen des kleinen Golfs, riss den Koloss nicht hinüber auf die für ihn falsche Seite. Sein Hupen war die letzte kontrollierte Handlung, bevor der Golf aufprallte und auseinanderflog.
Kucharski konnte den entgegenkommenden Schlepper gar nicht übersehen. Er beließ die Zigaretten dort, wo sie vielleicht waren, und wechselte rechtzeitig zurück auf die rechte Spur. Mit dem kurzen Gedanken daran, dass es ihn zu Krähenfutter hätte zerreißen können, passierte er ungemein wohligen Gefühls den John Deere.

Der Hund der Schäferei erkannte Kucharski am Motorengeräusch. Er steckte die Schnauze unter dem Hoftor hervor und winselte sein Willkommenslied. Das Schäferehepaar war Richtung Hamburg unterwegs, um einen Eisenofen abzuholen, der Schlüssel zur Pforte an vereinbarter Stelle versteckt. Kucharski stieg aus, tat einen geübten Griff ins Schlüsselversteck und öffnete die Pforte neben dem Tor. Der Hund, etwa gleich schwer wie Kucharski, sprang bellend an ihm hoch. Der übliche Begrüßungszweikampf begann. Erst als die bereit liegende Leine am Halsband saß, beruhigte er sich, nun sicher, dass sie zum üblichen Spaziergang gegenüber durch die Felder aufbrechen würden.
Sie verließen das Grundstück.
Kirchturmspitzen in weiter Ferne, kein Mensch zu sehen. Vor allem keiner mit Hund. Kucharski war der Überzeugung, dass der kaukasische Wolfsjäger neben ihm einen John Deere hätte anziehen können, würden 150 Meter Distanz zu einem Artgenossen unterschritten. Der Hund schnüffelte bei durchhängender Leine am Wegrand. Wind und wärmende Sonne im Rücken, nutzte Kucharski die Gelegenheit und begann, die Taschen nach den Gauloises zu durchsuchen. Der Hund spürte die Nachlässigkeit, zog an, riss Kucharski das Leinenende aus der Hand und rannte ins abgeerntete Maisfeld.
Kein kenianischer Wunderläufer hätte ihn je eingeholt, wäre sein Ziel ein gesichtetes Reh gewesen. Nach einhundert Metern, die er wohl aus Übermut und Freude geradeaus gelaufen war, nahm er jedoch die Zickzackspur eines Hasen auf. Kucharski, der sich nicht mit Zurufen aufgehalten hatte, sondern sofort gestartet war, konnte aufholen. Er zögerte den finalen Hechtsprung hin zum Leinenende so lange hinaus, bis er sicher war, es auch zu erreichen. Er dankte Gott, dass dieser den Hasen erschaffen hatte, sprang, aber dort, wo die Leine hätte sein müssen, war sie nicht mehr. Der Hund hatte die Witterung einer schnurgeraden Fährte aufgenommen und verschwand gegen den Horizont.
Als wildernd von Jägern erschossen, auf der Autobahn, auf Bahngleisen überfahren. Diesen Preis würde der Hund für seine Freiheit zahlen müssen, dachte Kucharski. Nun vollkommen erschöpft, unfähig, nochmals die Verfolgung aufzunehmen.
Kucharski, dem selbst die Kirchtürme am Horizont präsent waren, konnte die viel näher stehenden Hochstände gar nicht übersehen. Schon dutzende Male war er den Weg entlang gegangen, wusste natürlich, dass sich hier Wild aufhielt, ja hatte es selbst oft bemerkt. Immer vor dem Hund, dem die Sichthöhe fehlte. Niemals hätte er den Griff an der Leine gelockert. Kucharski beließ die Zigaretten dort, wo sie vielleicht waren, ließ sich kurz durchschütteln von einem Ereignis, das wieder nicht eingetreten war und beide drehten ihre Runde wie gehabt ohne jeden Zwischenfall.
Zurückgekehrt trank der müde Hund ordentlich Wasser und war froh sich in den Zwinger legen zu dürfen, wo er allen Schutz- und Wachaufgaben enthoben war.
Nachdem Kucharski einen Fünflitereimer mit Brotstücken gefüllt hatte, machte er sich auf den Weg zur Weide, die ein Elektrozaun in zwei Hälften teilt. Links die Herde des Schäfers, die nach dem Lammen Anfang März auf sechzig, siebzig Tiere anwachsen würde. Rechts die aus misslicher Situation in der Stadt hierher evakuierten Pensionäre im vorgerückten Alter; jene sich langsam, Jahr für Jahr verkleinernde Herde von Kucharskis Frau. Man musste nur am Rand der Weide mit dem Eimer winken und die fünfzehn Gesellen vergaßen Rheuma und Arthrose und setzten sich in Bewegung. So gerecht es im Gedrängte eben ging, verteilte Kucharski das Brot. Mehr war für ihn nicht zu tun.
Er schlenderte zurück zum Auto, schloss die Pforte ab und deponierte den Schlüssel an üblicher Stelle.

Der Garagenplatz in Berlin lag zehn Fußminuten von der Wohnung entfernt. Kucharski parkte ein, sperrte ab und wendete sich nach rechts, ging an einem öffentlichen Gebäude entlang. Schräg gegenüber saßen sie auf der Bank vor dem Männerwohnheim und stritten wie üblich lautstark um nichts.
Er hatte etwa die Hälfte des öffentlichen Gebäudes passiert, als er rechts von sich ein Geräusch hörte, weiter ging und das Geräusch ausblieb. Er kehrte um und das Geräusch war wiederum zu hören. Einige Schritte weiter wieder Stille. Kucharski lief nun mehrfach hin und her, um den Ursprungsort zu lokalisieren. Diese Bewegungen, die von weitem auf die Unschlüssigkeit eines Verwirrten deuteten, ließ die Männer auf der Bank schräg gegenüber verstummen. Nichts ist ihnen interessanter zu beobachten, als jemanden mit Defekten ärger als die ihren.
Kucharski hatte schließlich dasjenige aus der langen Reihe der Kellerfenster identifizieren können, aus dem die Laute kamen; Tierlaute. Er fühlte sich angerufen. Da an einem Sonntag ein öffentliches Gebäude geschlossen ist, blieb ihm nichts anderes übrig, als die Lösung des Problems seiner Frau zu übertragen, die in diesem Gebäude arbeitete und die Telefonnummer des Hausmeisters kennen musste.
Er traf sie an in aufgeräumter Stimmung. Jene Arbeit, die sie gehindert hatte, das Brot selbst hinauszufahren, war soeben beendet. Kucharski begann, die Taschen nach den Gauloises zu durchsuchen, sie goss Wein in zwei Gläser.
Gern hätte Kucharski jetzt die Zigaretten dort belassen, wo sie vielleicht waren. Aber der Kunstgriff, eine Fiktion kurz zu genießen, um sich danach umso wohler fühlen, funktionierte, anders als beim John Geere und beim Kaukasen, nicht.
Er fand die Zigaretten und berichtete rauchend von den Klagelauten einer Katze. Der Wein blieb ungetrunken. Es wurde telefoniert, es wurde sich verabredet und fünfzig Minuten später schoss ein noch junger fuchsfarbener Kater aus dem Transportkorb unter den Küchenschrank. Ein Tag der gemütlich hatte enden sollen, war auf seinen Höhepunkt zugesteuert.
Oskar – als sein Foto im Netzt stand, hatte ihn die erste Kommentatorin so genannt und Kucharski ein Kellermann wegen des Fundorts hinzugefügt -, Oskar Kellermann wurde Tag für Tag zutraulicher. Er wohnte sich ein.
Warum hatte Kucharski gehofft, dass sein in der Priegnitz zweimal bewährter Trick auch in den eigenen vier Berliner Wänden seine Kraft entfalten möge? Wo waren die Probleme versteckt, was sprach gegen eine Aufnahme des Katers?
Oskar Kellermann war nicht der einzige Asylant bei den Kucharskis. Es gab bereits eine weiße Perserkatze, die Frau Kucharski  in Nähe des gleichen öffentlichen Gebäudes  halb tot in einem Schuhkarton gefunden und geborgen hatte. Die neue Konstellation brachte Dramatik ins Haus. .
Die Wohnung wurde geteilt wie einst Deutschland. Oskar erhielt den Osten nach hinten heraus, dazu den Flur. Die Perserin die zwei Zimmer nach Westen. War sie über die Jahre zu einer Art Dekofigur mit Pulsschlag geworden, zeigte Oskar alsbald, was junges Leben ist. Nachts donnerte er Walnüsse über die Flurdielen, am Tage lauerte er auf Durchschlupf in den goldenen Westen. „Open this gate, Mister Kucharski!“ hörte der sich Tag für Tag angerufen, wenn Oskar neugierig vor einer der geschlossenen Türen saß und zu ihm aufschaute. Der Bettelblick des Charmebolzens blieb erfolglos. Immerhin lag einstimmig gefasster, gegenteiliger Politbürobeschluss vor.
Dann berichtete Kucharskis Sportkamerad Hans, dass dessen zwei Katzen sich die Türen selbst öffneten, indem sie auf die Klinke sprangen. Daraufhin trat das Politbüro zusammen, erörterte und beschloss schließlich die kontrollierte Zusammenführung unter Aufsicht, um Oskar das Motiv zu nehmen, revolutionär zu handeln.
Die Situation begann unerwartet traulich. Oskar Kellermann legte sich rücklinks auf ein Stuhlkissen, ließ den Kopf über die Stuhlkante hängen und betrachtete sich die westliche Welt minutenlang verkehrt herum. Direkt unter ihm lag regungslos die Perserin. Als er meinte, seine Friedfertigkeit zur Genüge bewiesen zu haben, drehte er sich und berührte mit langer Pfote das weiße Fell unter sich.  Die Perserin zeigte Charakter zeigte und ließ hören, dass sie durchaus fauchen konnte. Eckermann verließ blitzartig seinen Platz und wählte als neuen Beobachtungsort den Sessel in etwa einem Meter Entfernung. Als er sich eines Tages daranmachte, das Trockenfutter der Perserin krachend zu zermalmen, rissen mögliche zarte Bande auf immer.  Es war kein Futterneid. Nein, der Perserin wurde offensiv vorgeführt, dass sie keine Zähne mehr hatte. Kellermann schwenkte bald vollständig um auf Rindsgulasch, aber der Graben war gezogen.
Zur Nacht oder wenn beide Kucharskis die Wohnung verließen, blieb  nichts anderes übrig, als  Kellermann mit hingeworfenen Nüssen in den Flur zu locken und die Zweistaatentheorie wieder in Praxis zu setzen.

*

„Sehr weit gefasst, um mit einem gewissen Kucharski – kenne ich den? – Reklame für blaue Gauloises zu machen, die, nicht geraucht, wohl aber in der Tasche, einen brenzlige Situationen überstehen lassen. Finden Sie nicht, Herr Z?“
„Darum geht’s gar nicht, Herr X. Die Schreckmomente sind ausschließlich unterhaltsamer Umweg hin zu Oskar. Wenn Sie mir schmeicheln wollen, könnten sie das Wort Literatur fallen lassen. Und denken Sie daran, wir sind Materie. Unser Endzweck erschöpft sich, wenn wir uns nach dem Tod mit anderer Materie verbunden haben und wieder erscheinen. Und da sei doch zu wünschen, dass wir dank guter Taten zumindest als kräftiges Grasbüschel und nicht als diebische Elster zurückkehren, oder? Nehmen Sie sich Kucharski als Vorbild, tun Sie auch mal Gutes, selbst wenn es nicht in den Plan passt.“

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