Goethe und ich in der Körtestraße

Am Nachmittag Goethe im U-Bahnhof Südstern abgeholt. Er kam aus Tegel. Das Kreuzberger Bahnsteigpersonal zog die Kappen bei Annäherung des Geheimen Legationsrats, der huldvollstes Nicken zurückgab. Als wir im Hellen standen, orientierte er sich und wir wandten uns dem Beginn der Körtestraße auf linker Seite zu. In das anfangs der Straße liegende Rasenstück waren vier abkürzende Wege getreten. Goethe sprach davon, wie wichtig es sei, vor der Gestaltung zu erkunden, welche Wege das Volk gehen wolle. Andernfalls bedürfe der Berliner offenbar einer soliden Mauer.
Bei Annäherung an den ersten Bäcker gab Goethe zu verstehen, wie ihn im Moment nach scharfem Mokka dürste, wenn süßes Backwerk beiläge. Er nahm an einem der vor der Bäckerei stehenden Tische Platz, während ich innen die Bestellung aufgab, die Rechnung beglich und hinaus trug, was bestellt. Goethe nippte, sagte klassischer Mokka sei das nicht, das Gebäck zu süß und schon erhob er sich wieder. Ich eilte ihm nach und da saß er bereits beim zweiten Bäcker zu Tische. Ich gab innen gleichlautende Bestellung wie eben auf, beglich die Rechnung und trug wiederum hinaus, was bestellt. Hier war Goethe nun weniger unzufrieden und bezeichnete den Mokka als zumindest starken Kaffee, wollte zum Backwerk jedoch nichts sagen.
Zwei junge Damen angenehmster Erscheinung traten jetzt an den Tisch, gaben sich als Schülerinnen des Lyceums Leibniz aus und baten um Interpretation des Clavigo. Ich erwartete gespannt wie er seinem Ruf als Charmeur gerecht werden würde, als Goethe sagte, er sei Schiller, und beide abwies. Dinge dieser Art bedürfen der vorherigen Anmeldung, sonst äußere er sich nicht, sagte er mir und zog die Mütze tiefer in die Stirn. Wir erhoben uns und setzten unsere Wanderung fort, um seinem Plane, der Körtestraße und ihren Menschen zu begegnen, gerecht zu werden. Wir verwunderten uns, dass nach dem zweiten Bäcker sogleich ein dritter Tisch und Stuhl auf dem Gehsteig stehen hatte und gingen vorüber. Ein Schild Fisch-Feinkost irritierte, denn angeboten wurden Gemüse und Obst. Goethe erbat sich Kleingeld und erstand einen roten Apfel, den er sogleich aß.
Die Straße war nun recht belebt, trotzdem konnte jeder unbedrängt seines Wegs gehen.
Erst ein junger Besucher aus dem Morgenland verkannte Goethes Kleiderschrankfigur, als jener sich die Fassaden betrachtete und geriet nach dem Aufprall ins Taumeln. Daraufhin sahen wir ein indisches Gasthaus, daneben ein italienisches mit türkischem Patron. Von diesem Pizza Prinz sei auch bei Hofe in Weimar schon gesprochen worden, verriet Goethe und grüßte, kurz die Hand hebend, ins Ladeninnere.
Im Weinladen, einige Schritte weiter, überraschte er den Händler und mich damit, dass er eine Kiste Nahe- und eine Kiste Saalewein für größere Festivität benötige. Dem Händler glänzten die Augen wie auf Knopfgabeln geputzt und bereitwillig ließ er Goethe Glas auf Glas probieren. Der legte sich schließlich auf die Sorten fest und der Händler glaubte ihm die Zusicherung, dass Bezahlung und Abholung in der nächsten Stunde erfolgen würden. Dabei wies Goethe auf mich. Auf der Straße sagte Goethe, er habe nach Backwerk und Apfel einen ordentlichen Schluck nötig gehabt. Die Verkostung würde den Mann nicht ruinieren. Für die Kisten fänden sich späterhin andere Abnehmer. Man solle dem Handel dann und wann robust begegnen. Denn dieser täte es dem Kunden gegenüber ständig.
In dem nun folgenden Papierwelt geheißenen Laden erstand ich auf Goethes Wunsch Schreibblock und Bleistift, da er beides im Hotel de Russie, wo er mit dem jungen Herzog Karl August abgestiegen, vergessen hatte. Er notierte sofort zwei auf der Fahrt von Tegel nach dem Südstern gereimte Zeilen und trug sie auch sogleich vor:
„Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.“
Er sammle Reim und Gedanken für größeres Werk, erklärte Goethe und schob den Zettel in die Manschette seiner Bluse, gab mir Block und Bleistift.
Den Laden GehenSitzenLiegen bedachte Goethe mit der Äußerung: „Ja, was denn nun?“
Frau Mahn, der Optikerin, und dem Blumenladen Magnolia gab er indes gute Note, da Optik und Botanik immer intensive Beschäftigung wert seien. Gemütlich bummelnd, erreichten wir die Buchhandlung.
Goethe betrachtete ausgiebig das Schaufenster und lachte herzlich über den Titel Vollidiot. Der Roman. Er forderte Block und Bleistift und notierte das Kuriosum. Dann zog er die Mütze nochmals tiefer ins Gesicht und wir traten ein. Wo steht Goethe, fragte Goethe unvermittelt den im Raume stehenden Buchhändler Kirchner. Trotz der durch Mützenschirm verborgenen oberen Gesichtshälfte, erkannte Kirchner den Schöpfer der Leiden des jungen Werthers sofort und gab zu, mit der Ehre dieses Besuchs innerhalb seines gesamten Buchhändlerlebens nicht gerechnet zu haben. Er sagte, nun die Frage beantwortend, Goethe stünde hoffentlich in der Ruhmeshalle, bei ihm allerdings im Reclam-Fach.
Er schickte seine Frau, einen Werther, den er als Sprengstoff bezeichnete, herbeizuholen, als ein Bub von etwa zehn Jahren den Laden betrat, sich herzlich wenig um uns kümmerte und forsch nach Gleim verlangte. Wie er auf Vater Gleim käme, fragte Goethe den Buben, der antwortete, dass sie in Heimatkunde den Wedding durchnähmen, wo der Gleimtunnel sei. „Einen Tunnel nach Vater Gleim benannt, so ist’s recht“, sagte Goethe. Sowohl Kirchner als auch ich wussten die innewohnende Ironie dieser Worte zu deuten, stand Goethe doch auf keinem guten Fuß mit dem Halberstädter. Der Bub betrachtete neugierig die seltsame Gewandung Goethes und Kirchner löste das Rätsel, indem er verriet, dass dies der Herr Wolfgang Goethe sei. „Der Klassika?“? fragte der Bub. „Nun, mein Sohn“, sagte Goethe, „noch sind wir beim Sturm und Drang, erst danach dürf man sich klassisch nennen.“ „Ach so“, sagte der Bub, „erst Stürma, denn Mittelfeld wie beim Fußball?“ „Köstlich! Das muss ich der Schopenhauerin erzählen“, rief Goethe aus und bat mich die Metapher aus Kindermund zu notieren. „Wie heißt er denn?“ fragte Goethe den Buben. Der zögerte und erst gutes Zureden Kirchners verhalf ihm zur Sprache, sodass er schließlich den Namen Wolfgang verriet.
„Nein!“ rief Goethe entzückt. „Zwei Menschen so verschiedenen Alters und doch gleichen Vornamens in einem Raume.“ Der Bub bat Goethe um ein Autogramm auf sein Basecap. Kirchner lieh einen starken Stift und Goethe schrieb, ohne dass der Bub das Basecap absetze, seinen vollen Namen auf den Kappenschirm. Inzwischen hatte die Buchhändlerin zwei Reclambändchen auf den Tresen gelegt. Einen Gleim: Gedichte und Interpretationen, und den Werther. Der Bub schnappte sich den Gleim und verschwand wie ein geölter Blitz aus dem Laden. Man sah wie sich des Kirchners Muskeln spannten, um ihn einzufangen, als Goethe beschwichtigend beide Hände hob und die finanzielle Seite der Angelegenheit an mich verwies.
Nun sah Goethe sich im Laden um und tat kund, dass nur senkrecht nebeneinander stehende Bücher dem Kunden Prüfung und Kauf ermöglichen könnten, nicht aber hohe Stapel. Die Kirchners seufzten und verwiesen auf Platzmangel allerorten. Ja, sagte Goethe, er, Kirchner, müsse wohl alsbald in größere Räume, wobei er allerdings dies eingepasste Regal zurücklassen müsse. Kirchner berichtete, es sei einhundert Jahre alt und diente einst Zigarrenkisten als Aufbewahrungsort. Unter dem Tresen verlaufe sogar ein Gasrohr, das eine damals ständig brennende Flamme gespeist und das Zigarrenanzünden schon im Raum möglich machte. Goethe nannte diese Vorrichtung kurios, aber richtig, obwohl er selbst nicht rauche. Nun schlug die Buchhändlerin das Reclamheft auf und Goethe widmete für „Meisterin und Meister Kirchner“, dabei fragend, ob der Tonträger „Meyer pfeift Goethe“, der in Kürschners Literatur-Kalender erwähnt, zufällig am Lager sei, was Kirchner verneinte, jedoch rückfragte, wer dieser Meyer sei. „Jener Dichter mit Vornamen Detlev sollte eigentlich bekannt sein“, schloss Goethe nicht ohne Strenge und wandte sich zur Türe, ich zahlte den Gleim.
Auf der Straße sprach er einen Mann an, der seinen Hund fortwährend anschrie und erfuhr, der Hund hieße Askan, sei taub, achtzehn Jahre alt, sähe aber jünger aus, weil gestern geschoren, damit er in der Hitze nicht schwitze. „Sehr brav“, sagte Goethe zum fortwährend schreienden Mann. Auf die Apotheke deutend, sagte er, kein Pulver ersetze die böhmische Badekur.
Nun auf die vielen Schaufenster schräg gegenüber zielend, stellte er fest, dass er nie Schach gespielt, um seine Zeit nicht zu vergeuden. Gewerbe wie dieses Spielbrett seien unerkannte Diebe, was man erst später erkennen würde, wenn, in Gedanken zurückschweifend, man bemerke, was man alles wegen der Spielsucht unterlassen.
Goethe, jetzt etwas erschöpft, setzte sich an einen Tisch der nunmehr vierten Bäckerei, nachdem eine Seitenstraße überquert ward. Ich ging hinein, wiederum Bestellung aufgebend, zahlend und hinaustragend, was bestellt. Erstmalig verglich er die Qualität der Backware mit der des Café Rose im heimatlichen Weimar.
Die nun folgenden Läden rangen Goethe keinen Kommentar ab. Er fragte allerdings nach einer Hanfbier-Brauerei, von der ich nichts wusste. Auffällig hernach sein überaus gefälliger Blick hinüber zum Gasthaus Mädchen ohne Abitur.
Das Ende der Körtestraße markierte schließlich einer der immer seltener werdenden Kioske aus festen Holz an der Ecke zur Urbanstraße. Jetzt hieße es, Abschied nehmen, sagte Goethe. Er sei mit dem Herzog auf der Admiralbrücke verabredet. Dem Sonnenuntergang dort beizuwohnen, hätten sich beide in die Hand versprochen. Darauf gab ich seinem Bitten nach, ihm zwei Geldscheine auszuhändigen, da der Herzog einen Ausflug generell mit einer Erfrischung abschließe, jedoch nie Geld bei sich habe.
„Nun denn, lieber Freund“, sprach Goethe, „bleibt mir von Berlin als schöne Erinnerung Tegel, Ihre unterhaltsame Gesellschaft sowie die Bekanntschaft mit dem guten Kirchner und dem kecken Buben.“ Ein kurzer Händedruck und Goethe querte bei roter Ampel und wehenden Rockes die Fahrbahn zu direkter Richtung der erwähnten Brücke.

 

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