Goethe und ich in Marienbad

Nach dem Mittagessen bei Göte. Auf mein Klopfen öffnete sein Diener Stadelmann und sagte sogleich, dass der Herr Geheimrat neuestes Betriebssystem aufspiele. Ich möge später wiederkommen. Nein, nein, hörte man Göte aus der Stube rufen, herein mit ihm, er weiß die Dinge. Göte saß sehr gemütlich, mir den Rücken zugekehrt, vor seinem aufgeklappten MacBook Pro und nöthigte mich, neben ihm Platz zu nehmen. Stadelmann war behänd mit einem Stuhl zur Stelle, sodass Göte sofort zeigen konnte, was er aufgespielt. Man habe ihm zum OS X Lion Upgrade geraten, was er gern befolgt habe, da ihn diese Gesellschaft aus Amerika mit ihren Ratschlägen noch nie enttäuscht habe. Ich konnte beipflichten, wonach Göte das Gerät zusammenfaltete, sich mir zuwandte und vom Hofe in Weimar berichtete, ohne jedoch das Thema zu wechseln.
Der Großherzog teile diese unsere, ebend erwähnte Haltung leider nicht, sagte Göte nun sichtlich verbittert. Dieser habe zwar einen fürstlichen Bildschirm, halte jedoch fest an Windows 95. Seinen Satz, dass nämlich ein schlechtes Betriebssystem besser sei als die beste Langeweile, kenne bei Hofe in Weimar und darüber hinaus inzwischen einjeder. Dabei koste es mehr Arbeit und Ausgaben, wenn man schlecht bei der alten Mode bliebe. Wäre das großherzogliche Büro nicht seinem, Götes, Ratschlag gefolgt und hätte sich nach dem Neuesten orientiert, hätte seit Jahren schon kein Bediensteter mehr Lohn erhalten. In diesem Moment erhielt Göte eine SMS auf dem iPhone. Er merkte an, dass er den Twitteraccount immer vorziehen würde. Allein wegen der gebotenen Kürze. Aber noch nie in der Weltgeschichte habe es Konsensus über die Nutzung oder Ablehnung von Neuartigem gegeben, dozierte er. Meist sei die verschiedene Haltung zu Ungunsten der Ablehner ausgegangen. Man denke nur an die Fortentwicklung der Waffenkunst, der er sich momentan wissenschaftlich zuwende, da die Ballistik ein lang von ihm vernachlässigtes Steckenpferd sei. Dann las er die SMS und sagte, Antwort eingebend, Riemer, die treue Seele, hat nur einen guten Tag wünschen wollen. Mit Gruß an alle Anwesenden, also an Sie, lieber Freund. Ich dankte auf das herzlichste und merkte mir diesen Umstand, um ihn Riemer gegenüber zu erwähnen, da ich ihm bis dato noch nicht nahe gekommen war.
Göte, nun wieder, dank Riemers Tagesgruß, in angenehmer Stimmung, nahm anjetzto das iPad zur Hand. Ob es mir auch so ginge, dass nämlich Wieland auf dem iPad zugewinne, Herder aber verlöre, wollte er wissen. Auch ich hätte diese merkwürdige Beobachtung bereits gemacht, stimmte ich ihm zu und wollte soeben beifügen, dass Friedrich Nietzsche auf dem iPad ordentlich profanisiere, als mir einfiel, dass der Röckener heute, 1821, noch gar nicht gezeugt und die Welt noch 23 Jahre auf die Tragödie der Geburt  würde warten müssen. Um den alten Herrn nicht zu verwirren, behielt ich diesen Gedanken für mich. Er zeigte mir noch ein Wappen mit einem Adler über dem Kaktus und dann gings hinaus an die frische Luft, denn nur von dieser und dem hiesigen Brunnenwasser hatten die Ärzte ihm Linderung seiner Gebrechen in Aussicht gestellt.
Da ich Göte gegenüber immer ohne Falsch war, gab ich zu verstehen, auf Wald und Flur nicht erreichbar zu sein. Göte erwiderte gefällig, dass er das sehr wohl geahnt bei einem, der sich mit ihm ausschließlich über die E-Mail verabrede. Nichtsdestotrotz wolle er Ratschlag und Warnung zugleich erteilen. Im Reich der Mitte, wo der Chinese seit nunmehr 177 Jahren unter der Herrschaft der Mandschuren leide, sei nachgemachtes Gerät unter dem Namen iPhome aufgetaucht, das gewiefter Handel bis hierhin in unser Europa schleppen würde. Ich versprach, wenn die Zeit des Erwerbs käme, mich vom sogenannten iPhome fernzuhalten und dankte Göte für den Hinweis.
Nach zehn Minuten zügigen Ausschreitens, setzten wir uns auf eine Bank, von der Göte wusste, dass dort ordentliches WLAN zu erwarten sei. Er winkte seinem Diener, der ihm das MacBook Pro reichte und aufklappte. Göte tippte sein Passwort ein, was meiner ungebührlichen Beobachtung nach „Schniller“ lautete.
Er wolle nun seine Homepage inspizieren, die er einem Berliner Genius auf Empfehlung der Humboldts zwecks Neugestaltung überantwortet habe, sagte Göte. Dieser Tausendsassa sei natürlich ein gefragter Mann und die Angelegenheit käme nicht so schnell zum Ende wie erwartet. Aber, führte Göte aus, in historischen Umbrüchen seien Genies die meistbeschäftigten Menschen. Er denke in diesem Falle vor allem an Napoleum, fügte er an, über den Austausch des letzten Vokals gar selbst schmunzelnd. Ei, sagte er, die Schrifttype ist nach meinen Wünschen verändert, auch mein Konterfei ist nun jenes, das bei Zelter in Berlin hängt. Göte fragte, ob ich es kennte und drehte mir das schlanke MacBook Pro zwecks Einsichtnahme zu. Ich konnte bejahen und zum Ausdruck bringen, dass auch mir die vorherige Abbildung weniger ähnlich schien als die nun verwendete. Göte lobte mich darauf und trank einen Schluck Brunnenwasser aus der Flasche. Er stelle sich nicht des morgens an den Brunnen unter die vielen Leute, sagte er. Gerade wenn er die Morgenanrufe aus Weimar erhalte, seien ihm zu viele Menschen hinderlich bei notwendigen Antworten, die der Anrufer zu Recht erwarte. Beide hatten wir indes eine Dame auf der Bank gegenüber bemerkt.
Sie legte justament die Feder beiseite und löschte die frische Tinte eines Briefleins mittels Inhalts einer zierlichen Streusandbüchse. Göte sagte, dass er sich zu diesen Fällen nicht mehr mündlich äußere, seit er von einem Kurgast, den er immer für umgänglich gehalten habe, bedroht worden sei. Diesen habe er, Göte, in aller gebotenen Höflichkeit an die fortschreitende Zeit erinnern wollen, indem er ihn aufgefordert habe, doch das Haus zu verlassen und sich in eine Erdhöhle zurückzuziehen, wenn er schon mit der Feder schriebe. Nur sein treuer Stadelmann habe ihn vor körperlichem Ungemach bewahrt. Er erwähnte, an einem Quartett von Sonetten zu arbeiten, die dieses Thema abschließend behandeln würden.
Dessonderen habe er seit Jahresfrist Schluss machen können mit der Aufbewahrung jener elendiglich dicken Briefbündel, die ihm Fach auf Fach verstopft hätten, wo doch seine Mineraliensammlung erste Rechte besäße. Nun aber, seit ihm das Fräulein v. Levetzow einen Doxie Go zum Geschenk gemacht habe, scanne er die Briefpost ein und übergebe das Papier an Stadelmann, dem er einen Reisereißwolf angeschafft habe. So sei wieder ein Übelstand gelöst, über den er selbst schon gründliche Studien verfertigt habe. Es freue ihn indes immer, wenn auch anderen Orts die Probleme der Zeit erkannt und gelöst würden, sagte Göte bescheiden und ohne Neid.
So strich der späte Nachmittag dahin, bis Göte seinen Rechner wieder dem Diener aushändigte. Einige Kurgäste, die vor der aufkommenden Abendkälte ins Innere der Gebäude flüchteten, grüßten brav und wir schlossen uns ihnen an. Noch auf der Terrasse tätigte Göte einen Anruf und orderte statt Kamillen-, Pfefferminztee für den Abend, der dann auch prompt auf dem Tische stand und sich nach dem kühlen Abend als sehr bekömmlich erwies.

Aus Götes iPhone-Bilderarchiv

Neben das Fischbesteck legte Göte nun sein iPhone, was allgemeine Beachtung fand. Allein darum, weil jeder der Anwesenden mitanhören konnte, wenn Göte nun Anweisungen und Ratschläge zur Nacht in die Ferne erteilte, denen die Lauschenden sonst nie teilhaftig geworden wären. Als er schließlich dem Fisch zusprechen wollte, war dieser kalt geworden. Mit der Bemerkung, dass Fisch heiß zu sein habe, schickte er den Bediensteten mit dem Fisch zurück in die Küche und erhielt bald einen neuen, den er mit großem Appetit verspeiste. Nach dem Essen philosophierte er über die Fischzucht und sagte voraus, dass der Walfisch bald in großen Becken gezüchtet werden würde. Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten ließen in diesem Fall gar keine andere Schlussfolgerung zu. Ein adrette Dame vom Nebentisch erhob sich, stellte sich als russische Baronin vor und teilte Götes Meinung in allen Belangen. Dieser nickte wohlwollend und die Baronin sah sich ermuntert, Götes iPhone-Nummer zu erfragen. Als Göte willig die Zahlenreihe aufsagte, suchte die Baronin zu verbergen, dass sie diese in ein Gerät der finnischen Firma Nokia einspeiste. Göte bemerkte die Verlegenheit und sprach artig von der engen Nachbarschaft Finnlands zu Russland, der natürlich in einigen Belangen zu entsprechen sei. Die Baronin verbeugte sich erleichtert, versprach baldigen Anruf und ließ das Telefon in den Busen gleiten. Mir schien, Göte hatte an der schwarz gekleideten Russin Interesse gefunden, erwiderte er doch auf ihr Versprechen des baldigen Anrufs, dass dies Versprechen hoffentlich kein leeres sei.
Dieses Intermezzo hatte die Zeit fortschreiten lassen, sodass Göte die Bergamottenbirne zum Dessert ablehnte, da er es um diese Zeit gewohnt sei, sich den eingegangenen Faxmeldungen zu widmen. Es sei immer wieder Interessantes darunter, wobei er besonders so genannte meterlange Angebote für Artikel des tägliches Gebrauchs erwähnte, die ihm die reitende Post jahrelang vorenthalten habe. Sein Haushalt daheim in Weimar, aber auch sein Reisegepäck, würden ihm weniger Freude bereiten, hätte er dann und wann nicht zugegriffen. Allenfalls misslich sei ihm die Dienerschaft Weimars, die nichtssagende Billets ihm ins Haus trage, jedoch allein in der Absicht käme, auszuspähen, was es Neues gäbe, um dann der Herrschaft zu berichten. Ein Übelstand, dem er mit einem zusätzlichen Hausknecht bei seiner Rückankunft begegnen werde. Göte wünschte mir schließlich eine angenehme Nachtruhe und verließ den Speisesaal. Da ich mich der neugierigen Nachfragen, von welcher Gerätschaft der Geheimrat soeben gesprochen habe, nicht erwehren konnte, verließ auch ich kurz nach Göten den Raum.

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