Junger Ritter und uralte Alte (Teil 3)

Was bisher geschah: Zusammen mit seinem Schwager Kunolt will Ritter Kunold seine Geliebte Klotalde befreien, die Mister X mit Hilfe seines Kobolds Wladimir im Fichtelgebirge gefangen hält. In Bayern verbünden sich die Ritter mit den Waldfeen unter Führung der Klamutta.

Wladimirs Späher melden Bewegung in Bayern. Mister X grinst verächtlich, als er hört, dass Frauen unter Kunolt dienen. Er will die Sache mit links erledigen und schickt Verwandte des Wachungeheuers, die richtige siebzehn Beine ohne Saugnäpfte haben, dem Feind entgegen. Seine Miene lässt Erstaunen durchblicken, als Wladimir zerknirscht berichtet, wie keines zurückkehrt.
„Potz Zauberbart und Zauberglatze“, entfährt es ihm, „entroste das Flugzeugs!“
„Seffaständlich“, kräht Wladimir.
Als achtmal Flugzeugs vor dem Höhleneingang steht, wovon ganze 2/8 nicht nur so aussehen als wären sie flugfähig, greint Mister X: „Erbärmlich für einen Herrscher des Kosmos.“
„Sieht so aus, aber besser als nichts“, entgegnet Wladimir trocken. Mister X bläst Trübsal. Schließlich legt er sein Herrschergewand an und schreitet zum Spiegel der Vergangenheit. Ein rotgrüner, quasi brauner Samtvorhang bedeckt ihn. In der Regel scheut Mister X, den Vorhang zu lüften. Denn aus dem Spiegel würde sein Vater, Mister Y (mit der Zauberglatze), schauen, der von einem Sternenhagel erschlagen wurde. Er hat die dumme Angewohnheit, dem Sohn gute Ratschläge zu erteilen. Doch jetzt, wo die Verwandten des Wachmonsters vernichtet scheinen und so wenig Flugzeugs bereit steht, wagt Mister X die Konfrontation mit dem Altvorderen. Er zieht den rotgrünen, quasi braunen Vorhang zurück und sieht Mister Y (mit der Zauberglatze) sofort erscheinen.
„Wo ist dein Bart?“ hört er die an ihn gerichtete Frage erschallen.
„Beim Zaubern draufgegangen“, antwortet der Sohn kleinlaut.
„Ich wusste immer, dass Du der Falsche bist. Wäre nur dein Bruder Mister Z (mit dem Zauberohr) nicht an meiner Seite ebenfalls vom niedergehenden Stern getroffen worden, er stünde jetzt an deiner Stelle.“ Diese Rede kennt Mister X auswendig. Er erzählt vom anrückenden Kunolt.
„Wende List an. Wechsle vom Fichtelgebirge in den Harz.“ „Wie denn? Tatzelwurms Saugnapftatzen sind in den Fels gewachsen. Er kann nicht in den Harz wechseln.“
„Physikalisch unmöglich. Fels ist härter als Saugnapftatze.“
„Dann umgekehrt.“
„Schon eher. Ausgerechnet Tatzelwürmchen, der mir so viel Dienst erwiesen hat. Hast’s an Saugnapfpflege fehlen lassen, Sohn. Belass ihn, wo er ist. Alten Baum nicht verpflanzen. Noch was?“
Warum schweige ich, verschweige zu lange, was offensichtlich ist? denkt der Sohn und beichtet der Fehde Ursache: Klotalde.
„Der Kosmos verkommt und er beschäftigt sich mit Ritterfrolleins!“ grollt Mister Y. Dann jedoch will er mehr wissen. Vor allem wie Klotalde als Neunzehnjährige so war. Auch Wladimir spitzt hinter der Tür die ohnehin schon spitzen Ohren nochmals spitzer.
„Auch das noch!“ sagt der Vater zum Sohn, weil dessen detailreicher Vortrag wegen des fehlenden Schlüssels immer dann stockt, wenn es interessant wird. Schließlich verkündet Mister Y, er könne sich über die Zauberglatze streichen und das rückwärts wirkende Verjüngungsmittel oder aber den Schlüssel durchaus herbeischaffen.
„Du großer Kosmos, eine Entscheidung ist fällig!“ sagt der Sohn.
„Wenn’s geht, noch heute, Würstchen!“ fordert der Vater.
„Die Flasche“, entgegnet der Sohn blitzartig. Mister Y verschwindet und Mister X guckt hinter den Spiegel. Dort steht die Flasche. Auf die Zauberglatze ist Verlass. Er reibt sich die Hände, greift die Flasche und macht sich auf den Weg zur Zelle. Dort schläft die uralte Alte. Er weckt sie, spricht von einem Nachtrunk, sie trinkt und ist neunzehn. Von heißer Minne übermannt, steigt Mister X aus dem Herrschergewand. Klotalde, keck und jung, zeigt sofort, was sie zu bieten hat. Nämlich den fünfhundert Jahre alten Keuschheitsgürtel, der wieder so angegossen sitzt, wie am ersten Tag.
„Wladimir!“
„Wassn los?“
„Sieh dir das an.“ Wladimir sieht den nackten Mister X und fragt:
„Bademantel?“
„Quatsch! Der Blödmann Kunold hat das Lendenmetall nicht entfernt. Ab in die Werkstatt und die Schlüsselschüssel nach dem passenden Schlüssel durchsucht!“
„Hat vor fünfhundert Jahren schon nichts gebracht.“
„Seither füllt sich die Schlüsselschüssel. Wo ich einen Schlüssel fand, hob ich ihn auf und warf ihn in die Schüssel. Ans Werk, jetzt, da sie wieder neunzehn ist. Kein Widerspruch dem Herrscher über den Kosmos!“ So siehst du aus, denkt Wladimir.

Die durchtrainierten Waldfeen legen ein Tempo vor, dass Kunold und Kunolt der Atem weg bleibt. Die Feen überspringen sogar Flussläufe, durch die die beiden waten müssen. Und fortdauernd schließen sich verbündete Verbände dem Heerzug an. Zwei-, dreihunderttausend starke Damen wälzen sich dem Fichtelgebirge entgegen. Und als es den Kämpferinnen zu bunt wird, also zu langsam, nehmen sie Kunold, Kunolt, den Erzkanzler und Liana einfach Huckepack. Die kampfschwachen Flötisten lassen sie zurück. Die gründen, wo sie gerade stehen, einen Möbelversand.
Das Heer kommt jetzt deutlich schneller voran. Die Kanonen geraten erst außer Sicht-, dann außer Hörweite. Inzwischen fühlt sich Liana der Waldfee Wielanda, einer buckligen Schmiedin, auf deren Rücken sie reitet, immer zärtlicher verbunden. Sie übernachtet sogar auf dem Feenbaum, während die Herren sich Erdlöcher graben müssen. Im nassen Erdloch kauernd, gesteht Kunolt seinem Erzkanzler im nassen Erdloch nebenan, dass sie wohl besser im sagenumwobenen Atlantis hinter den Bergen im Meer geblieben wären. Der Erzkanzler erinnert an das mehrteilige Besteck.

Mister X, Wladimir und die neunzehnjährige Klotalde sind indes mit dem Planwagen Richtung Harz unterwegs, wie der Vater geheißen. Das Flugzeugs ist schon vorgeflogen. Der Wagen wird gezogen von zwei Pferden, die zusammen drei Beine haben. Des Tags, wenn Wladimir lenkt, sitzt Mister X im Planwagen und probiert die Schlüssel aus der Schüssel. Des Nachts, wenn er schläft, probiert Wladimir heimlich die Schlüssel aus der Schüssel. Keiner will passen. Aber noch sind nicht alle durchprobiert, weil die Schlüsselschüssel in Wahrheit eine Schlüsselbadewanne ist.

Endlich erreicht das Heer das Fichtelgebirge. Klamutta will sofort hinunter ins Verließ, als sich ihr Kunold geistesgegenwärtig in den Weg stellt. Das verblüfft Klamutta maßlos. Sie schäumt. Als sie vom wahrscheinlichen Feuerstoß erfährt, lässt sie Kunold gewähren. Das Heer aber murrt schon. Aus zwei Reisesäcken entnimmt Kunold allerhand Eisen und schraubt seine doppelte Ritterrüstung zusammen. Dann geht’s hinein. Außen glühend, innen kühl, kehrt er wieder. Nun stürzen Klamutta und Liana mit der Flasche hinab ins Verließ, um die Geschlechtgenossin aus der Zelle und von ihrem Alter zu befreien. Sie kehren mit leeren Händen, die Flasche ausgenommen, zurück.
„Ausgeflogen“, bellt Klamutta in die Runde und donnert mit der blinkenden Keule gegen den Felsen, womit der Blinkmechanismus geschrottet ist. Der Donnerschlag weckt einige zurückgelassene Lehrkobolde der Wladimir-Rotte aus der Hypnose. Sie stürzen benommen ins Freie. Verblüfft über die Menschenansammlung, versäumen sie es, sich die Zipfelmützen vom Kopf zu reißen. Sie wären ihnen harte, immer treffende Wurfgeschosse gewesen. Inmitten der breitschultrigen Kriegerinnen stottert einer sofort, dass Klotalde in den „Ha-Ha-Harz“ überführt wurde. Er und seine Kumpane werden als Geiseln genommen. Vor dem Abzug gibt Klamutta der murrenden Heerschar das befreiende Kommando: „Feuer frei!“ Die Damenschar holzt das Fichtelgebirge ab und setzt es in Brand. Dann ist’s Zeit für knuspriges Hühnerbein, geräucherte Speckseiten, saftiges Wildbrett, dampfende Kutteln, heiße Milchsuppe und süßen Kuchen.

Am Fuße des Harzes ist es soweit. Mister X hat das Startsignal gegeben. Zweimal Flugzeugs steigt in den dumpfblauen Himmel. Das Heer der starken Damen lacht herzerfrischend auf, als das Zeugs knapp über den Köpfen herumkreist. Kunolt erklärt die für die Damen unbekannte Kriegskunst. Insbesondere weist er darauf hin, dass das Zeugs meist irgendwelches Zeugs fallen lässt, bevor es verschwindet. Klamutta zeigt beim nächsten Anflug mit der geschrotteten Keule auf die Geiseln. Die haben sich zwar unsichtbar gemacht, verschwunden sind sie dennoch nicht. Die auf dem Boden schleifenden Fußfesseln bezeugen ihre Anwesenheit. Das bemerkt auch Geschwaderkommandant Wladimir aus der Höhe mit seinen superscharfen Koboldaugen. Den Daumen schon auf dem roten Auslöserknopf für den Sekundenklebertank, bläst er den Angriff mit der Trillerpfeife ab. Er desertiert nach Koboldhain hinter den Bergen, aber nicht im Meer.
Und so stehen sich wenig später Mister X, der Herrscher über den Kosmos, hinter sich die Gefangene im Planwagen, und Kunold, Kunolt, der Erzkanzler, Liana und Klamutta, hinter sich fünfhunderttausend Kriegerinnen, gegenüber. Die Memme X gibt sofort auf und lässt noch einmal den Memmensingsang hören:
„Wladimir, Wladimir,
ich bin so enttäuscht von mir.“
Nicht nur Klamutta fragt sich, wer Wladimir sei. Mister X kann es nicht mehr erklären. Er geht ab wie eine Rakete und verglüht im Kosmos. Der Glückliche!
Liana erklettert den Planwagen und sichtet eine Frauengestalt unter Haferstroh.
„Ist sie es?“
„Ja!“ schreit Kunold freudig erregt. Er hat seine Klotalde an den mit Goldfäden durchwirkten Fußlappen erkannt, die aus dem Haferstroh ragen.
Durchs Haferstroh flößt Liana der Schwester, deren gurgelnde Laute sie für Willkommensgestammel hält, den Inhalt der Flasche ein. Das Resultat ist verheerend. Der nun doppelt verabreichte Trunk zeitigt gegenteilige Wirkung. Die gerade noch blühende Neunzehnjährige welkt abermals zur Fünfhundertneunzehnjährigen. Klotalde bleibt unerlöst. Und zwar für immer. Sie könnte heulen. Die anderen auch. Kunold wirft den Schlüssel verdrossen in den nahen Bachlauf, in dessen Nähe uns heute Schlüsselblumen erklären, warum sie so heißen. Es ist 15.32 Uhr, nur eine Minute später als damals. So schnell vergeht die Zeit, wenn Phantasie im Spiel ist.

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Eine Antwort zu Junger Ritter und uralte Alte (Teil 3)

  1. B schreibt:

    Jetzt kann ich doch nicht gut schlafen. Euridyke erneut geopfert. Gibt es dann keine Erlösung? Die Bösen wird es doch auch immer geben, und bis jetzt gab es doch auch noch Hoffnung. Vielleicht ist das aber auch zu viel verlangt, weil auch das unsere Phantasie entsprungen ist. Hmmm. Muss mich umkondizionieren. Guten Nacht. Der älternde Mann dreht sich um und murmelt weiter vor sich hin: „wie soll ich jemals einschlafen ohne meine Träume.“

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