Junger Ritter und uralte Alte (Teil 2)

Was bisher geschah:
Ritter Kunold befreit nach 500 Jahren seine Geliebte Klotalde aus den Fängen des Mister X (mit dem Zauberbart). Leider hat sie, anders als Kunold, kein Verjüngungswasser getrunken, ist also um 500 Jahre gealtert. Trotzdem zum Beschlaf bereit, fehlt ihm jedoch der Schlüssel zum Keuschheitsgürtel, den er ihr vor 500 Jahren anlegte. Sie ziehen ab. Mister X zupft an seinem Zauberbart und holt Klotalde zurück. Kunold besucht mit einem befreundeten Riesen seinen Schwager Kunolt und bittet um militärische Hilfe für einen zweiten Befreiungsversuch.

Mister X steht vor dem Zellengitter im Fichtelgebirge und betrachtet die fünfhundertneunzehnjährige Gefangene. „Ach, wäre sie doch neunzehn“, seufzt er beklommen, wie auch Kunold nicht minder beklommen pausenlos seufzt.
„Wladimir!“ ruft er zornig. Der Kobold unterbricht seine Mittagspause und erscheint mit einem Näpfchen Estragonsuppe.
„Sag er mir“, sagt Mister X, „was…“
Wladimir schüttelt den Kopf, weil er Suppe im Mund hat. Erst als das irdene Näpfchen leer ist, ist er zum Gespräch bereit, konstatiert der Herrscher über den Kosmos ärgerlich und hebt von Neuem an.
„Sag er mir, was muss Klotalde nehmen, um zu jüngen?“
„Rückwärts wirkendes Verjüngungswasser“, entgegnet Wladimir schlagfertig.
„So gib er ihr davon“, befielt Mister X mit der Strenge eines Herrschers über den Kosmos in der Stimme.
„Nicht vorrätig“, entgegnet der Kobold wahrheitsgemäß.
„Wie bitte?!“ brüllt Mr. X. „Wozu habe ich einen Zauberbart?“
„Er war einmal“, entgegnet Wladimir schüchtern dem Bartlosen.
„Und wer hat, was wir brauchen?“
„Die Elefanten.“
„Die Elefanten? Nie gehört, Dummschwätzer!“
„Pardon“, korrigiert sich Wladimir, „die Atlanten.“
„Ausgerechnet die! Können wir denn gar nichts zaubern in die Richtung?“
„Nichts, nie mehr.“
„Wladimir, Wladimir,
ich bin so enttäuscht von mir.“
Den selbstmitleidigen Singsang kennt Wladimir auswendig. Dann strafft sich der Herrscher über den Kosmos wieder und sagt: “Hol er das Mittelchen von den Atlanten. Ab durch die Mitte!“
„Wir leben in schwelender Fehde. Die geben uns nichts“, gibt Wladimir zu bedenken.
„Ich weiß. Sagte nichts von geben, sprach von holen. Bist schließlich Kobold.“
„Das sagenumwobene Atlantis hinter den Bergen im Meer liegt im Meer“, klärt Wladimir auf. „Bis ich da bin, ist mir wahrscheinlich die Puste ausgegangen“, fügt er vielsagend hinzu.
„Lock sie an Land“, befielt Mister X. Da kann die uralte Alte nur zahnlos in sich hineingrinsen, weil sie weiß, dass sich die Atlanten niemals herauslocken lassen werden. Mister X jedoch kehrt zuversichtlich zurück in den Palast gleich nebenan, dritte Tür links. Wladimir schleicht zurück zu den Lehrkobolden, zweite Tür rechts. Das Wachmonster hat soeben die letzte von achthundertachtundachtzig giftigen Fledermäusen verspeist und ist wieder einsatzfähig.

Währenddessen hat das Silber den Besitzer gewechselt und Kunolt läutet per Gongschlag den gemütlichen Teil des Abends ein. Mit Kunold wechselt er in die Premium A-Location. Das ist die Bar mit Blick nach draußen, wo die Meerjungfrauen Tänze aufführen, die uns Heutige an das Moulin Rouge erinnern müssten. Kunold, der Jurtenritter, bekommt Stielaugen. Noch stieläugiger guckt er allerdings drein, als seine Schwägerin aus der Kemenate gerufen wird und die Location betritt. Als seine Klotalde neunzehn war, war Liana siebzehn. Und so sieht sie immer noch aus. Fünfhundert Jahre spurenlos vergangen, denkt er verbittert, sich die fünfhundertneunzehn Jahre alte Alte vor Augen führend. Liana erfährt vom Schicksal der geliebten Schwester und fällt zusammen wie eine Liane ohne haltenden Ast. Ein Algentrunk aus der Bar bringt sie wieder auf die schlanken Beine. Sie will natürlich beim Feldzug an der Seite des Gatten dabei sein. Nicht dabei sein wollen die Tubaspieler, wie dem Kunolt der Erzkanzler jetzt berichtet. Ihnen sei der Weg ins Fichtelgebirge mit dem schweren Instrument auf dem Buckel zu lang. Der weise Kunolt lässt Gnade vor Recht ergehen. Die Harfisten müssen es ausbaden und die Plätze der Tubaspieler einnehmen. Kunold ist beeindruckt, wie Kunolt sein Reich im Griff hat, als ein Hammerhai an die Scheibe klopft. Kunold fällt vom Hocker. Kunolt lacht schallend in ihm eigener tiefer, ritterlicher Basslage.

Die den Riesen fütternden Atlanten haben inzwischen seinen richtigen Namen rausgekriegt, weil sie rausgekriegt haben, wie er auf Heringslake abfährt. Er heißt Dirk. Sie dürfen ihn Dirky nennen. Wer Dirty sagt, muss eine Stunde in seiner dunklen Hosentasche verbringen. Nur die Kinder nicht, die dürfen bei ihm alles. Bei dem Angebot an Heringslake will Dirk auch nicht mit ins Fichtelgebirge. Kunolt kann ihm nichts befehlen und Kunold auch nicht. Schließlich ist Dirk ein Riese von Fernsehturmausmaßen. Allerdings können ihm beide den Schwur abringen, während Abwesenheit von Heer, Musik und Kanonen, das sagenumwobene Atlantis hinter den Bergen im Meer zu bewachen. Es ist ein Blutschwur. Mit dem einen Tröpfchen, das Dirk danebengeht, hat die Atlantisreinigungstruppe ordentlich zu tun. Obwohl sie mit den Besen fegend hexen können, waten die Atlanten vorübergehend knietief im Blut.

Nachdem Kunold Kunolts Feldtzugsplan verstanden hat, geht’s los. Die Ritter vorneweg, hält alles die Luft an. Sie entsteigen jedoch nicht der Nordsee, wie geplant, sondern dem Golf von Tonking. Der Bückling wird als Scout gefeuert. Er muss seine Smaragdaugen abgeben. Blind streift er seither durch die Weltmeere und spielt Schiffeversenken. Die Harfisten sind bedient und meutern. Der Erzkanzler tauscht bei anwohnenden Chinesen die Harfen gegen kleine Flöten. Doch dieses leichte Gepäck können die Harfisten nicht spielen. So vergeht Zeit, wo sie Unterricht nehmen. Mit Grauen denkt Kunold, dass die uralte Alte älter und älter wird. Liana kann jedoch versichern, dass das rückwärts wirkende Verjüngungswasser wirklich wirkt. „Sieh mich an“, sagt sie charmant. Während des Wartens an Chinas Küste wird diverses Flugzeugs klargemacht. Und als die Harfisten ein Dutzend chinesische Lieder flöten können, heißt es Abflug. Um Mister X zu überraschen, landen die Atlanten bereits in Rumänien. Als die Truppe in Österreich plündert, lässt Kunolt die Kanonen drehen und schießt sein Heer zusammen. Kein dunkler Schatten soll auf seine Herrschaft fallen. Bald ist das Ersatzheer zur Stelle. Gleiches Vorkommnis beim Alpenabstieg in Bayern. Dirk lässt vermelden, dass ein zweites Ersatzheer mangels Personal nicht geschickt werden kann. So verbleiben der Reihe nach: Kunolt, Gattin Liana mit der Flasche rückwärts wirkenden Verjüngungswassers für die uralte Schwester über dem Herzen, der Erzkanzler, Kunold, zwölf Flötisten und jede Menge Kanonen mit einem Kanonier, der sich auskennt und einem weiteren Kanonier, der so tut als ob. Im Gegensatz zum verzweifelten Kunold, pflegt Kunolt jedoch gute Laune. Denn dank bester Beziehungen zu den Meerjungfrauen, trägt er in der Gesäßtasche ein Empfehlungsschreiben an die Waldfeen der Pfälzer Waldes. Dort angekommen, bläst er das Password durchs Kuhhorn und prompt stehen die Feen in Bataillonsstärke auf der Lichtung. Durchweg muskulöses Frauentum mit Lederlendenschurz und blinkenden Keulen lässig über den breiten Schultern. Als ein Löwenreh die Lichtung stürmt, stellt Klamutta – Mutter aller Feen – dem seltenen Tier ein Bein und fixiert es auf dem Waldboden. Die Atlanten und Kunold sind beeindruckt. Da die Waldfeen seit Urzeiten nur trainieren, aber nicht richtig kämpfen, weil die Bayern Angst vor ihnen haben, stimmen sie einstimmig zu, sich mit Mister X im Fichtelgebirge zu messen.

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Eine Antwort zu Junger Ritter und uralte Alte (Teil 2)

  1. Bhavito schreibt:

    Ik kann nicht mehr einschlafen, ohne Teil 3.
    Wäre gerne dabei gewesen.

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