Sehr geehrter Herr Tucholsky

Soll etwa die alte Dame nicht mehr mit dem Pudel an ihrer Seite aus dem Fenster schauen dürfen? Sind die frühmorgendlichen Treffen mit der Halterin des Dackels von gegenüber am Zeitungskiosk passé? Denn immerhin schreiben Sie: „Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“ Nicht den Kiosk. Sie meinen den Hund.
Sie ahnen, dass es wieder um Ihren Artikel „Traktat über den Hund“ geht. Hört das nie auf? Nein, das hört nie auf. Es gibt Hundemenschen und Katzenmenschen, schreiben Sie an anderer Stelle. Sie zählen sich zur zweiten Kategorie. Was passiert eigentlich mit den Hundemenschen in Ihrer „fortgeschrittenen Zivilisation“? Man könnte da so auf Gedanken kommen. Aber wer wollte nicht schon jemanden auf den Mond schießen, dessen Tagewerk darin besteht, einem an den Nerven zu zerren; mit Hund oder ohne.
Derzeit weilen Sie ja in ruhigen Gefilden. Zu früh aufgebrochen, wie wir Leser Ihrer Werke meinen, denn einen Nachfolger hatten Sie nicht. Straßen erinnern an Sie und bei Amazon – das ist ein Tietz auf Versandbasis – kann man für 19.95 ein T-Shirt kaufen mit Ihrem vor 84 Jahren formulierten Satz: „Die Katze ist das einzige vierbeinige Tier, das dem Menschen eingeredet hat, er müsse es erhalten, es brauche aber dafür nichts zu tun.“
Ich vermute, dass die anhaltende Popularität dieses Satzes im Wunsch vieler Zweibeiner beruht, in die Rolle der Katze zu schlüpfen. Falls es das Petrusblatt, das Sie jetzt wohl notgedrungen lesen müssen, verschwiegen hat, diese Spezies gibt es hierzulande jetzt. Sie wird als der so genannte Hartz IV-Typus bezeichnet. Gefällt Ihnen das? Befinden wir uns im Stadium einer fortgeschrittenen Zivilisation? Sind das nun Katzenmenschen durch und durch? Ich zweifle mit Ihnen.
„Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt“, zitieren Sie Leibniz zu Beginn des Traktats über den Hund. Nun frage ich Sie, Herr Tucholsky, warum ein gut gepflegter Deutscher Schäferhund befloht sein soll? – Allein das großdeutsche D lässt sie jetzt auffahren, oder? Sie sehen Stachelhalsband und Hundepeitsche an der Garderobe hängen und an meine Reitstiefel geschmiegt, sendet mir Hector seinen unsagbar demütig-blöden Blick, den ich mit einem unsagbar herrisch-blöden erwidere. Aber ich sage Ihnen was, Katze aus dem Sack: Ich besitze nicht einmal eine Hundeleine. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil ich gar keinen Hund halte und nie gehalten habe. Verhindert haben es über dreißig Jahre vier Katzen, die ich eine nach der anderen aufgenommen habe. Die jetzige lässt mich ein Maß an Verachtung spüren, als sei ich nicht ihr Retter, sondern jener Übeltäter, der sie in einem Schuhkarton an den Baum gestellt hat. Wenn ich allein durch die Parks Berlins streune, beneide ich daher Frauchen, Herrchen und Hundchen um ihr Miteinander. Und winters hätte ich den Wams eines Hundes darum gern zu meinen Füßen, weil der Prolet unter mir, in ein nordspoltaugliches Kostüm gewandet, Kohlen spart.

Ihnen und Ihren schnurrenden Gefährten Mingo und Parteivorstand die besten Grüße.

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