Konter

Am  4.10.2018  erschien auf der Homepage des Senders eine Nachlese zweier Lifereportagen. Diese betrafen Fußballspiele, die nicht stattgefunden haben. An den Mikrophonen agierten die sich Fahrensmann und DJ Knopfleiste nennenden Reporter dieses Senders. Die Nachlese verfasste der Fahrensmann.
Da den Sender von maßgebenden gesellschaftlichen Kräften heftige Kritik erreichte, sieht er sich zu einer Stellungnahme gezwungen.
Der Sender, einschließlich seiner Sportredaktion, distanziert sich von dieser auf der Homepage des Senders erschienenen Nachlese, bedauert seine Veröffentlichung und wird gegenwirkende Maßnahmen ergreifen.
Inhaltlich erlaubt sich der Sender zunächst folgende Anmerkungen:

a) Das zu Beginn der Nachlese erwähnte Feature aus dem spanischen Sprachraum existiert als Rohmaterial, ist aber nie gesendet worden. Als Autor ist jener DJ Knopfleiste bekannt, der aus der Featureabteilung in die Sportabteilung wechselte. Der Inhalt ist auf privatem Weg dem Fahrensmann zugänglich gemacht worden, der das Feature dann entstellt wiedergegeben hat. Auslandskorrespondenten des Senders haben den Fall recherchiert und sind zu folgendem Ergebnissen gelangt:
In der Nachlese wird der Eindruck erweckt, dass Miguel dos Santos und seine Frau Olivia dos Santos Zuschüsse des Auswärtigen Amtes für ein kleines Projekt zur Popularisierung der Geburtenkontrolle veruntreuen und es für Küchengeräte ausgeben. Gründliche Recherchen ergaben, dass Miguel dos Santos als ehrenamtlicher Linienrichter im örtlichen Fußballverein tätig ist. Drei seiner Söhne sind im gleichen Verein fußballerisch aktiv und Frau dos Santos wäscht die kompletten Trikotsätze der Teams ihrer Söhne in der Miele. Ja, mag auch die Miele mit deutschem Geld finanziert sein. Tut es dem Ziel, Gedanken der Geburtenkontrolle zu verbreiten, tatsächlich Abbruch? Kann Miguel dos Santos seinen Kindern, wenn sie einmal groß sind, nicht erklären: Schaut, das alles hätten wir uns ohne das deutsche Geld niemals leisten können, weil wir zu viele sind. Nehmt das mit als Lebenserfahrung und gründet überschaubare Familien. Wird er das nicht sagen und damit dem Auftrag des AA, der Geburtenkontrolle Gehör zu verschaffen, nicht gerecht? Hier den Gedanken einer Veruntreuung deutschen Steuergeldes zu unterstellen, hält der Sender für diskriminierend und rassistisch. Der Sender hat als Zeichen der Wiedergutmachung bereits einen auf deutschen Patenten fußenden Eierkocher aus südkoreanischer Produktion überbringen lassen. Er ist sich gleichzeitig bewusst, dass zur Behebung des Rufschadens, den Familie dos Santos erlitten hat, weitere Anstrengungen nötig sind.

b) Zum Heimspiel des SC Freiburg, das nicht stattfand, erschien die komplette Verbandsspitze. Der Präsident, zwei Vizepräsidenten, vier Vorstände, fünf Beigeordnete. Da dieser gesellschaftlichen Rangfolge gemäß auch die Logensessel gestellt waren, ergab sich optisch ein Keil. DJ Knopfleiste verunglimpfte diese Sitzordnung als 5-4-2-1-System und sprach fortan vom Systemkeil. Ein Blick zurück in die deutsche Geschichte beweist, was der Verspottung einer Ordnung als System (Stichwort: Weimar) folgte. Der Sender duldet keine neokonservativ-populistischen Tendenzen.

c) Der Sender verwahrt sich gegen jede sexistische Berichterstattung. DJ Knopfleiste hat jedoch mit dem Herausspringen sogenannter junger Mädels aus einem Heli und ihrem anschließend vorgeführtem Maulwurftanz im Anstoßkreis, sexistische Vorstellung zu erwecken vermocht.

d) Der Sender tritt offensiv für das im Artikel 20a GG formulierte Tierwohl ein. Dies gilt selbstverständlich auch für polizeilich geführte Diensthunde. DJ Knopfleiste macht den Diensthund jedoch lächerlich, indem er ihn als ein Tier mit Schlappohren benennt. Hier wird indirekt auf die Minderwertigkeit von Hunden mit Schlappohren verwiesen. Der Sender bedauert diese Entgleisung zutiefst.

e) Der Fahrensmann beschreibt die Arme der Fußballspieler als bemalt. Er meint Tätowierungen, welche die Südseeinsulaner so interessant aussehen ließen, wie Käptn Cook zu berichten wusste. Es handelt sich also um ein künstlerisches Erbe der Menschheit. Wo die Geringschätzung fremder Kunst vom Standpunkt einer wie immer definierten sogenannten Hochkultur beginnt, endet sie im Kulturchauvinismus, dem der Sender entschieden entgegentritt.

f) In offenem Rassismus verfällt DJ Fahrensmann, wenn er die Zuhörer in Übersee als unter Palmen in Hängematten liegend, das Radio auf dem Bauch charakterisiert. Dem Sender ist bewusst, dass man sich auch anderswo gesittet um einen Tisch zu setzen weiß, um Radio zu hören. Der Sender entschuldigt sich für die Denunziation bei allen Bewohnern auf mit Palmen bewachsenen Landstrichen und weist die rassistisch-kolonialistischen Äußerungen des Fahrensmanns scharf zurück.

g) Auf dem Rasen des Schwarzwald-Stadions emsig beschäftigte Pfadfinder lässt DJ Knopfleiste an Feuersteinen herummurksen. Nun ist allgemein bekannt, dass Herummurksen nicht Sache von Pfadfindern ist. Spurenlesen, die Orientierung behalten im Dunkeln, Zeltaufbau in nullkommanix und Kartoffeln in der Glut eines Lagerfeuers gehören zu ihren Wesensmerkmalen. Die Niedertracht eines DJ Knopfleiste hat im Sender keinen Platz. Er positioniert sich nachdrücklich an der Seite der Pfadfinder.

Der Sender muss leider feststellen, dass sich eine Anwältin gefunden hat, die gewisse Rechte von Fahrensmann und DJ Knopfleiste zu erstreiten sucht. Rechtsanwältin Feuerzange und ihre Methoden sind dem Sender wohl bekannt, schaltet ihre Kanzlei doch regelmäßig Rundfunkwerbung mit dem Slogan „Ich hole ihre Kohlen aus dem Feuer.“ Die Rechtsabteilung des Senders prüft, RA Feuerzange in die Liste derer aufzunehmen, denen Rundfunkwerbung zu versagen ist. Zu den Einlassungen des Senders (a – g) hat RA Feuerzange für ihre Mandanten den Rechtsweg beschritten. Obwohl auszuschließen ist, dass Gerichte zu anderen inhaltlichen Bewertungen kommen werden als der Sender, wird der Sender freiwillig ein Symposion aus Politologen und Historikern einberufen, um sich seine Sicht der Dinge wissenschaftlich untermauern zu lassen.

Nach Einsichtnahme der Personalakte DJ Knopfleistes stellte sich heraus, dass dieser keine journalistische Ausbildung genossen hat. Er ist gelernter Raumausstatter. Doch genau dies veranlasste die Sportredaktion, ihn auf Druck der Abteilung Fußball in die Reportergruppe aufzunehmen. Der Sender hält das für skandalös. Trotz semantischer Überschneidungen zum Vokabular des Fußballs wie: Räume nutzen, Raum eng machen, die Tiefe des Raums, hat insbesondere die Abteilung Fußball ihrer Sorgfaltspflicht nicht genügt. Der Sender muss sich hier selbstkritisch die Frage stellen, ob das Compliancemanagementsystems in großen Teilen versagt hat. Richtlinien und freiwillige Kodizes wurden umgangen. Die Mitarbeiter, insbesondere die der Sportredaktion, sind gehalten, sich deutlich zur Compliancekultur zu bekennen und die Erwartung zu äußern, an ihrer Einhaltung mitzuwirken. Ist dies nicht erkennbar, sieht sich der Sender gezwungen, etwaige Bußgelder oder Abschöpfung von angelaufenen GEZ-Beiträgen den Mitgliedern der Sportredaktion in Rechnung zu stellen. Der Sender hofft jedoch, durch eine mutige und offensive Herangehensweise, Sanktionen abwenden zu können. Er erwägt als einen ersten Schritt, sein Compliancemanagementsystem vorfristig durch einen unabhängigen Dritten anhand des Standards TR CMS 101:2011 neu zertifizieren zu lassen.

Ein Sender sendet. Diese sehr einfache Tatsache begründet seine Außenwirkung. Nahm der Sender bis jetzt an, dass Hörer von Fußballreportagen und Leser der Homepage, sich mit den Werten des Senders und mit denen der Zivilgesellschaft identifizieren, muss er nun eingestehen, dass ihn herrliche Quoten und üppige Reichweiten im Sportfunk offenbar blind gemacht haben. Die oben (a – g) festgestellten Verstöße sind der Zuhörer- und Leserschaft keineswegs negativ aufgefallen, sind keineswegs entschieden zurückgewiesen worden. Im Gegenteil. Sie wurden hingenommen, stießen auf Zustimmung, wurden gar als unterhaltsam empfunden. Als durchaus repräsentativ können folgenden Kommentare gelten:

– „Stichwort: Schlappohren. Habe gleich an Klaus „Schlappi“ Schlappner von Waldhof Mannheim denken müssen.“
– „Schlapp gelacht. Bitte nur noch Spiele, die nicht stattfinden.“
– „Wohnt Familie dos Santos in Santos, wo Pele gespielt hat?“
– „Perfekt – ein Wirbel kurioser Ideen.“
– „Im Feldhandball gibt es kein Mittelfeldspiel. Darauf können wir im Fußball noch lange warten. Also auf allen Plätzen dritte, vierte, fünfte Tore aufstellen. Aber subito!“
– „Einfach herzerfrischend bis zum Schluss.“
– „Danke für die Erwähnung von „Kurre“ Hamrin. Ich bin Schwede.“
– „Mal was wegen Spielern aus Spanien und Südamerika, die katholisch sind und Tätowierungen haben: „Geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ (3. Mose 19,28). Müsste bei denen tatsächlich angemalt und nicht tätowiert sein und beim Duschen wieder verschwinden. Präzise beobachtet. Danke, Fahrensmann.“
– „Ich stand auch schon 84 Kilometer von der nächsten Ladesäule entfernt im Dustern.“
– „Wo kann man den Maulwurfstanz sehen?“
– „Klaus Fichtel war übrigens der letzte Bergarbeiter unter den Profis.“
– „Habe schon zwischen Palmen in der Hängematte gelegen und Radio gehört. Chillen brutal!“

Nach Analyse aller Zuschriften ergaben sich wider Erwarten keine Cluster im ländlichen Osten. Vielmehr findet sich das, was sich bedauerlicherweise mit Goutieren am besten fassen lässt, in München („Perfekt – Ein Wirbel.“) und in Frankfurt am Main („Herzerfrischend bis zum Schluss.“)
Die Hörerschaft hat sich offenbar von den ethisch-moralischen Vorgaben des Senders lösen können und praktiziert ein Hören in eigener Regie. Dieser Besorgnis erregenden Entwicklung tritt der Sender zuallererst technisch entgegen (in leichter Sprache):

„Zusammen mit einer Firma entwickelt der Sender einen Rundfunkapparat. Die Firma ist in Südkorea. Nordkorea ist das Land von dem mit der Frisur. Der Apparat hat bloß einen Sender auf Empfang. Der Drehknopf geht nur für laut und leise. Das Innenleben ist fest verkapselt. Kein Durchkommen. Das Gehäuse ist hübsch. Der Prototyp P 3000 sieht ungefähr aus wie ein Fußball. Die Augen hören mit, wie man sagt. Der Empfang von den Fußballreportagen geht nur über dieses Gerät. Vorher müssen drei Stunden Programm gehört werden. Darum versteht der Hörer besser, was der Sender außer Fußball sonst noch will. Die drei Stunden kann man am Stück hören oder in Häppchen. Aber mindesten fünfzehn Minuten auf einmal. Wenn nicht, schaltet sich das Gerät aus. Der P 3000 fasst dann vierundzwanzig Stunden keinen Strom mehr. Er kann nicht im Radioladen gekauft werden, auch nicht im MediaMarkt. Wegen, weil ihn keiner kaufen würde. Von dem her Versand durch den Sender mit Pflichtabnahme. Das erklärt der DHL-Bote an der Haustür. Am Anfang erstmal rund um den Sender, sonst nirgends. Kosten schätzungsweise ein Fuffi und ein Zwanni, macht siebzig. Werden gleich mit den GEZ-Gebühren sauber abgebucht.“

Der Sender unterwirft sich auf eigene Kosten einer Begleitung des Pilotprojekts P 3000 durch eine lose Runde aus Medienwissenschaftlern. Ohne der losen Runde zuvorkommen zu wollen, stellt der Sender fest, mit dem P 3000 einen praktikablen Weg beschritten zu haben, um die Hörerschaft vor selektivem Radiokonsum zu schützen und rückwärtsgewandte Denkmuster aufzubrechen.

Weitaus schwieriger gestaltetet sich ein paralleles Vorgehen im Internet, das derzeit zum Eldorado des Vermeidens, Umgehens Ausblendens werthaltiger, die Mitte der Gesellschaftlich stützender Inhalte geworden ist. Diese Einschätzung teilt der Sender mit den führenden Medienhäusern der Republik. Hier kann es nur eine gemeinsam zu erarbeitende, langfristige Lösung geben.
Umso dankbarer ist der Sender den maßgebenden gesellschaftlichen Kräften dafür, den Skandal um die Nachlese des Fahrensmanns aufgedeckt zu haben, sodass zumindest punktuell reagiert werden konnte. Anders hätten sich womöglich strukturelle Fehlentwicklungen im Hause und die fatale Außenwirkung weiter verfestigen können.
Sich nun bequem zurückzulehnen, kann jedoch nicht Sache des Senders sein. Vielmehr nutzt er den demokratischen Input der maßgebenden gesellschaftlichen Kräfte. Er wird Verstößen gegen den Grundkonsens einer demokratischen Gesellschaft auch an anderen Orten des Vollprogramms nachzuspüren. Nämlich dort, wo sie nicht vermutet und daher auch nicht sofort erkannt werden. Neben dem Sportfunk ist hier an die Stunden der sogenannten Losen Zungen gedacht, das heißt an nächtliche Sendungen, die Beat, Blues, Gospel etc. pp. sich zum Thema gemacht haben.

Selbstverständlich werden sich DJ Knopfleiste und der Fahrensmann mit vollen Klarnamen auf einer Veranstaltung vor der großen Kontrollkommission des Senders, erweitert durch Abgesandte maßgebender gesellschaftlicher Kräfte, zu verantworten haben. Bis dahin hätten sie von ihren Aufgaben im Sender entbunden werden sollen. RA Feuerzange erstritt vor Gericht jedoch eine vorläufige Weiterbeschäftigung als Rundfunkreporter in den vierten Ligen bei vollen Bezügen. Da dem Sender Transparenz kein leeres Wort ist, handelt es sich bei besagter Veranstaltung um eine öffentliche in der Essener Grugahalle. Die Veranstaltung wird direkt im Radio übertragen. Um zu vermeiden, dass DJ Knopfleiste und der Fahrensmann die Gelegenheit nutzen und ihre Vorstellungen ausbreiten, ist ihre Antwortzeit zu Fragen der großen, erweiterten Kontrollkommission jeweils auf anderthalb Minuten begrenzt. Auf Anordnung der Gleichstellungsbeauftragten des Senders sind im Zuschauerraum ausschließlich Frauen zugelassen. Ein buntes Rahmenprogramm sorgt für kurzweilige Unterhaltung. Der Eintritt ist frei. Die Einlassberechtigung kann über die Homepage der Gleichstellungsbeauftragten zu gegebener Zeit beantragt werden.
Ein genauer Termin kann derzeit nicht genannt werden, da sich eine Überschneidung mit der Verleihung des Deutschen Radiopreises in Hamburg durch das Grimme-Institut abzeichnet. In der Kategorie Reportage sind der Fahrensmanns und DJ Knopfleiste als Duo nominiert. Der Sender nimmt mit Bestürzung zur Kenntnis, wie tief die Gräben innerhalb dieser Gesellschaft inzwischen ausgehoben sind. Er wird die Nominierungskommission mit einem offenen Brief samt fünfhundert Erstunterzeichnern konfrontieren.

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Veröffentlicht unter Sparsonne | 1 Kommentar

DJ Knopfleiste

Ja, das bin ich schon oft gefragt worden, warum wir einen DJ in der Sprechergruppe haben, wenn der Fußball am Wochenende aus den Radios kommt. Und warum der junge Mann an jedem Wochenende anders heißt. Um mal von vorn anzufangen. Unser jetziger DJ war vorher im Ressort Entlaubung & Kompost tätig. So eine Feature-Abteilung. Sie wissen, was ein Radio-Feature ist? Das sind die Sendungen, die mit Straßenlärm anfangen und dann sagt eine Stimme: Wir sind mit Miguel dos Santos verabredet, der ein kleines Projekt zur Geburtenkontrolle leitet, das aus einem Fonds des Auswärtigen Amtes unterstützt wird. Dann drei Sekunden O-Ton Spanisch von Miguel, dann darübergelegt die Übersetzung, der Verkehrslärm wird ausgeblendet. Mit Miguel streifen wir durch enge Gassen, abseits der großen Avenidas. Miguel stoppt vor einem kleinen Laden und spricht mit der Besitzerin. Wir dürfen eintreten. Esmeralda da Silva lacht, sie verkauft Bohnen. Früher sei alles besser gewesen, sagt sie, aber seit die neue Regierung. Wir verabschieden uns. Miguel lädt uns zum Mittagessen ein in seine kleine Wohnung. Die Wände sind frisch gestrichen. Um den Küchentisch sitzen sieben Kinder. Auf dem großen Bildschirm über der Mikrowelle auf der Spülmaschine läuft eine US-Gewinnshow mit Untertiteln. Die Hausherrin, Olivia dos Santos, betritt die Küche. Sie lacht. Ohne das Geld aus Deutschland, sagt sie, weil alles immer teurer wird, seit die neue Regierung.

Von der Dingern produzierte der DJ fünf Stück am Tag, ohne jemals einen Fuß vor den Sender zu setzen. Wenn es Lücken im Programm gab, er konnte sie füllen, praktisch immer eine neue Platte auflegen. Daher DJ. Dann kam die Neustrukturierung des Programms und Entlaubung & Kompost fiel weg. Dafür ist jetzt noch mehr Free Jazz drin von der Sorte, wo man nicht mitsingen kann oder darf. Es gibt Schlimmeres, ich weiß. Da kam der Vorschlag, den DJ zum Fußball herüber zu holen. Vor allem darum, um die Sichtweise der jungen Generation auf den Sport im Portefeuille zu haben, sozusagen Auffrischung des Genpools. Denn ehrlich gesagt, gibt es bei uns niemanden, der den Fall Hamrin-Juskowiak nicht kennen würde. Und wie Herberger den Juskowiak danach behandelt hat! Ist vorbei, richtig. Alte Hüte müssen auch mal abgelegt werden, sonst stürzt die Quote in den Keller. So kam der DJ in unsere Fußballkonferenz am Wochenende. Es ist verabredet, dass zu Beginn der Übertragung, wenn das erste Mal zum DJ geschaltet wird, der entsprechende Kollege ihn so benennt, wie es ihm gerade kommt. Alle anderen halten sich dann daran. Das macht es bunter über die Wochen. Darum hieß er beim Südwestderby DJ All-Göwer, weil einem Kollegen das Stuttgarter Urgestein besonders ans Herz gewachsen war. Letzte Woche war ich der erste, der an ihn abgab, und ich nannte ihn DJ Knopfleiste. Warum? Weil vor mir auf dem Reportertisch eine Knopfleiste montiert ist. Jeder Knopf für ein Stadion zum umschalten. Und da es ulkig klingen muss, so wie bei den echten DJs in den echten Diskotheken, kam ich auf DJ Knopfleiste.

An diesem Tag hat er bewiesen, dass wir nicht den falschen Fisch an Land gezogen haben. Er musste praktisch eine Platte nach der anderen auflegen. Denn es ist ja kein Geheimnis mehr, dass in Freiburg gar kein Spiel stattfand und er trotzdem berichtet hat. Da hatte ich gedacht, Glück gehabt, dass sie dich nicht nach Freiburg geschickt haben. Aber ich hatte kein Glück. Das Desaster des Spieltags spielte sich vor meinen Augen ab. Als DJ Knopfleiste die Sendung startete, ahnte noch niemand, dass er in einem leeren Stadion saß. Warum also nicht damit beginnen, dass ein Maulwurf genau unter dem Anstoßpunkt herumwühlt und Erde aufwirft? Auch ich hatte da noch keinen Verdacht. Hätte ich aber haben können, da sich auf dem Spielfeld bei mir jede Menge Spieler warm liefen. Viel zu viele, selbst wenn man die dritten und vierten Abseitsfallentrainer zweier Mannschaften hinzugezählt hätte. Selbst als Birkenstämme ins linke Mittelfeld gerammt wurden, hielt ich das noch für eine Reklamemaßnahme von Coca Cola, die schließlich jeden Spieltag mit neuen Ideen würzen, bevor es losgeht. Darauf bin ich in meinem ersten Statement gar nicht eingegangen. Auch nicht auf die Unmenge von Personal unten auf dem Spielfeld. Schließlich gibt es ein Regelwerk und ich dachte, es würde sich alles von selbst regeln, vielmehr der Schiedsrichter würde es regeln. Habe also die Stimmung als erwartungsfroh beschrieben und den Tabellenstand der Mannschaften analysiert, wo, wer hinklettern oder fallen würde bei Sieg oder Niederlage, also das Übliche. Als das gut durchgekaut war, gings wieder rüber nach Freiburg. Da fiel zum ersten Mal der Name DJ Knopfleiste wegen der Knopfleiste vor mir auf dem Pult. Sie sind wieder am Zuge, DJ Knopfleiste, sagte ich.

DJ Knopfleiste freute sich, dass dies genau zur richtigen Sekunde geschehen sei, weil nämlich soeben ein Heli im rechten Strafraum gelandet sei. Ein Trupp junger Mädels sei herausgesprungen und zum Mittelkreis geflitzt, um dort den Maulwurfstanz aufzuführen, sagte er. Natürlich hatte ich da den ersten Verdacht und stutzte. Da stimmt was nicht, dachte ich. Aber bei mir stimmte einfach alles nicht. Als nämlich quer über die Enden der Birkenstämme eine Nordmanntanne genagelt wurde, stand plötzlich ein drittes Tor auf dem Spielfeld. Ein Tor ohne Netz. Das müssen Sie sich mal vorstellen. Von einer Torlinie, von Torlinientechnik im Gebälk ganz zu schweigen. Ein drittes Tor in Altvätermanier aus den Ursprungstagen des deutschen Fußballsports anno 1900! Reaktion der Zuschauer: Gelassen. Meine Erklärung: Der Wald stirbt – die Tanne steht. Dieses legendäre Transparent ist fester Bestandteil der deutschen Fußballannalen. Zwar lag die Tanne heute quer und mit der Tanne auf dem legendären Transparent ist eigentlich einer Fichte gehuldigt worden, vielmehr dem Libero Fichtel, der im hohen Alter noch in der Bundesliga spielte und in der Abwehr stand und stand und stand, sodass Bäumen gegenüber allgemein eine gewisse Sympathie vorhanden schien, war also meine Erklärung für die Ruhe auf den Rängen. Aber wie das den Hörern vermitteln? Schließlich übertrugen wir wieder interkontinental über die Meere, wo Birken, Tannen und Fichten nicht die Rolle spielen wie hierzulande. Dann sagte ich mir: Du bist ein Fahrensmann, eine gestandene Reporterfigur. Reiß dich zusammen! DJ Knopfleiste gab an mich ab, ich wollte mich gerade verwundern, dass auf dem Spielfeld Bäume wüchsen, um über den Witz auf das dritte Tor zu kommen, als aus Freiburg praktisch ein Alarmruf kam und sich DJ Knopfleiste sofort wieder dazwischenschob.

Und zwar damit: Eine Gruppe Pfadfinder wollte ein Feuer ohne Zündhölzer entfachen und als der Rasen leise kokelte, schritt die Stadionfeuerwehr ein und der Platzwart musste das Stück schwarzen Rasens durch ein Stück grünen Rasens ersetzen. Sie wissen ja alle mittlerweile, was vorgefallen ist, denken Sie. Aber ich weiß mehr, als in den Zeitungen stand, was nämlich verschwiegen wurde. Und die bildgebenden Medien haben nicht mal einen Schattenriss der Vorkommnisse in die Glasfaserkabel gedrückt! DJ Hosennaht, pardon, DJ Knopfleiste hatte zum Feldstecher gegriffen und erkannt, was sich im Abseits, in der Loge hinter Glas tat. Da war das Präsidium des Verbands mit Entourage erschienen. Und zwar keilförmig im 5-4-2-1-System. Vorn der Präsident, dann die zwei Vizepräsidenten, dann viermal Vorstand, dann fünfmal Beigeordnete oder so was. Im 5-4-2-1 waren auch die Stühle gestellt mit Blick raus ins Schwarzwald-Stadion. Da wurde gerade eine Oper gegeben, die Aida hieß. Darauf ging DJ Knopfleiste nur am Rande ein, er behielt den Systemkeil in Auge, wie er den Präsidenten und Gefolge jetzt immer nannte und was sich mittlerweile auch eingebürgert hat, außer in den bildgebenden Medien. Als der Präsident sein viertes Gedeck bekam, bekamen die Vizepräsidenten ihr drittes, die Vorstände ihr zweites und die Beigeordneten ihr erstes. Da wendet sich der Präsident um und sieht, wie ein Beigeordneter das System verlassen will. Der Präsident springt auf, dreht dem Beigeordneten den linken Arm auf den Rücken und herrscht ihn an. Er sei der Maulwurf, muss sich der Beigeordnete sagen lassen, liest DJ Knopfleiste dem Präsidenten von den Lippen ab. Ob der Präsident den Richtigen erwischt hat, ist die Frage. Der Beigeordnete schwor wenig später, seine rechte Hand ruhte auf einem Fußball, niemals Maulwurf gewesen zu sein und auch keiner werden zu wollen. Da ließ der Präsident von ihm ab und begab sich wieder ins System, also ganz nach vorn, hat DJ Knopfleiste mir später erzählt. Aber Grund, nach einem Maulwurf zu suchen, war natürlich vorhanden. Denn der SC Freiburg hatte freiwillig auf sein Heimspiel verzichtet und trat auswärts an, eben weil der Systemkeil erscheinen würde. Nur erscheint der Systemkeil immer unerwartet, um sich ein Bild vom deutschen Fußballsport in der höchsten Liga zu machen. Es musste also einen Maulwurf gegeben haben, der vor der Ankunft des Systemkeils gewarnt hatte. Im Grunde ist der Besuch immer harmlos, da ein Gedeck nach dem nächsten gereicht wird und mal was zum Beißen zwischendurch. Der alleinige Grund, warum die Freiburger die Flucht ergriffen, ist der, dass sie den Systemkeil schlicht nicht leiden können, am allerwenigsten den Präsidenten. Und am allerwenigsten können den Präsidenten die Anhänger leiden, die geschlossen ihrer Elf in den knalllgelben Auswärtstrikots hinterhergereist seien, sagte DJ Knopfleiste. Die Gastmannschaft war informiert worden und zu Hause geblieben und praktisch Gastgebermannschaft statt Gastnehmermannschaft, wie das mit dem Geben und Nehmen so ist. Dass also niemand im Stadion war, damit rückte er erst jetzt heraus in bester Feature-Manier. So, wie auch der Knaller, wofür Olivia dos Santos das Geld aus dem Fonds des AA ausgibt, erst recht spät eingeblendet wurde. Ich hatte kurz gedacht, die Freiburger nutzen die Gelegenheit und strampeln mit den Mountainbikes über den Feldberg, um Muskeln aufzubauen und fahren doch nicht irgendwohin in die Weltgeschichte, weil es so nicht auf dem Spielplan steht.

Und jetzt der Tiefschlag, wie man im Boxsport sagt. Denn was sehe ich unten bei mir auf dem Spielfeld, nachdem sich die Männer der Trainingsanzüge entledigt hatten? Zehn knallgelbe Trikots! Dazu zehn blaue Trikots, zehn graue Trikots, der Torwart der Freiburger in Blau, der der Blauen in Grau, der der Grauen in Knallgelb. Die Freiburger sind ins falsche Stadion gefahren! Drei Teams auf dem Platz und der Schiedsrichter steht bereit zum Anstoß. Das gibt es ja eigentlich gar nicht. Wie sollte ich das in die Welt kommunizieren unter die Kokospalmen, wo sie in den Hängematten liegen mit den Kofferradios auf dem Bauch? Ja, ich habs versucht, denn nun war ich wieder dran, und habe viele schöne Zuschriften aus Freiburg bekommen wegen Nagel auf den Kopf getroffen. Ich habe gesagt, in Freiburg wohnen die Querdenker, die Alternativsten der Alternativen, die härtesten Graswurzeltypen Deutschlands. Ich konnte aus dem Vollem schöpfen, weil ich selbst schon unten war. Wo steht denn sonst der Tesla vor der Bonny & Kleid Boutique mit fair gehandelten Golfbällen im Handschuhfach? habe ich durchs Radio gefragt. Na wo denn? Und da wusste jeder, wenn es welche schaffen, ein Triospiel zu verabreden, weil sie schon mal da sind, dann die Freiburger in Knallgelb mit dem Ekel vorm Establishment, vorm Systemkeil. Ein Alternativspiel erster Güte darf man das wohl nennen, war meine Meinung. Sie können sich vorstellen, wie tief ich durchgeatmet habe, als ich diese Klippe sozusagen meisterhaft umschifft hatte. Eins, zwei, drei, Osterei, tönte es mittlerweile von den Rängen. Darauf gab ich wieder hinüber nach Freiburg. Die Regie hatte sich zu einer Dialogkonferenz entschieden und alle anderen Kollegen aus der Leitung genommen, weil in Freiburg und bei mir alles einmalig war. Auch die derzeit einmalige Hertha aus der Bundeshauptstadt flog raus, wo der Trainer die A-Jugend spielen lässt, einerseits, andererseits zwei sogenannte Fußballrentner immer wieder in den Kampf wirft. Inklusionsfußball nennt das der Berliner Boulevard seit Wochen. Wenn das nicht einmalig ist. Mal abgesehen von: Der Wald stirbt – die Tanne steht, was aber schon etwas her ist. Das war 1985. Immerhin nicht 1958 wie der Fall Hamrin-Juskowiak. Reportertrick: Einfach die beiden letzten Zahlen eines Ereignisses umdrehen und Sie haben das andere sofort parat. Schade drum, dass die Hauptstädter rausgeflogen sind. Aber es ist schließlich nicht der letzte Spieltag, oder DJ?

DJ Knopfleiste bedankte sich wie üblich und legte eine neue Platte auf. Die Riesenmenge von Aida-Leuten von Hauptsänger und Hauptsängerin bis zu den Komparsen war nämlich gerade geflüchtet, weil die Hundestaffel der Freiburger Polizei den Rasen betreten hatte. Die grimmigen Tiere sollten ein Päckchen Zigaretten aufspüren, dass der Platzwart im Maulwurfsloch unter dem Anstoßpunkt versteckt hatte, sagte DJ Knopfleiste. Dann sagte er, das ging aber schnell. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz, das verrät die Anzeigetafel, hat das Corpus Delicti sofort entdeckt. Er beschrieb den Hund als ein hochbeiniges, stolzes Tier mit Schlappohren. Es darf mit seinem Halter zum Präsidenten und wird ihm vorgestellt. Das wird wahrscheinlich mit Überreichung einer Urkunde verbunden sein und dauern, sagte er. Die typische Floskel, um wieder an mich zu übergeben, fürchtete ich. Und genauso war es. Ich war wieder dran.

Der Schiedsrichter stand noch immer im Mittelkreis. Die Mannschaften wussten nicht, wie sie sich aufstellen sollten mit einem dritten Tor mitten im linken Mittelfeld und die Torsteher wussten nicht, was bei diesem Tor vor dem Tor und hinter dem Tor ist, weil ohne Netz, und die drei Mannschaftskapitäne wussten nicht, wie die Seitenwahl funktioniert, weil die Münze des Schiris nur zwei Seiten und nicht drei hat und der Schiedsrichter wusste es auch nicht. Keiner hat hier einen Schimmer, habe ich damals sagen müssen. Die Spieler hatten dann wieder die Trainingskleidung angelegt, manche sogar den Vereinsanzug mit Oberhemd und Krawatte und Kopfhörern. Es sah nicht nach Spiel aus, im Gegenteil. Denn jetzt kam die Taktik ins Spiel. Darum sind alle in den Katakomben verschwunden, kann ich heute verraten, weil die Taktiktafeln in den Kabinen stehen, nicht draußen. Zwei Mannschaften schworen auf Ballbesitzfußball. Aber wie soll man den spielen, wenn eine dritte Mannschaft auf den Spielfeld ist, die schließlich auch dann und wann den Ball hat? Nun gibt es, solange Fußball gespielt wird, aus der Welt der Ahnungslosen immer wieder den Hinweis, dass man doch einfach jedem Spieler einen Ball geben solle, dann müssten sie sich nicht so abjackeln und schwitzen. Über diesen ausgelaugten Scherz kam man schließlich zum Kern des Problems. Wenn zwei Mannschaften einen Ball brauchen, wie viele Bälle brauchen dann drei Mannschaften? Anderthalb! Ganz klar. Der Ball lag nun quasi im Feld des Zeugwarts, der anderthalb Bälle bereitstellen sollte. Seine erste Handlung bestand darin, zum Messer zu greifen und einen Ball zu halbieren. Nun hatte der Schiedsrichter seine anderthalb Bälle. Das war natürlich nicht die Lösung. Die Zeiger der Uhr drehten unaufhaltsam ihre Runden und schließlich wurde die Idee geboren, dass ein halber Ball auch jener sei, der die Hälfte des Volumens des Spielballs haben würde. Nun schlug die Stunde eines Balljungen aus der E-Jugend des hiesigen Vereins, der zugleich Sohn des Zeugwarts ist. Er verschaffte sich Zutritt zum nahe gelegenen Kindergarten, in dem seine kleine Schwester keinen Betreuungsplatz erhalten hatte, und erschien mit einem Ball vom halben Volumen des Balles, der für Männerspiele vorgeschrieben ist. Der Junge wird seither von West Ham United beobachtet, behauptete der Vater mir gegenüber in einer späteren Stellungsnahme. Fingerzeit Richtung West Ham: Bobby Moore, schon mal gehört? Nee? Macht nichts. Ist auch schon etwas her. Da das Wichtigste, also die Ballfrage, geklärt war, erschien man wieder auf dem Spielfeld. Der Schiedsrichter schritt zum Anstoßpunkt und legte die anderthalb Bälle zu seinen Füßen nieder. Möglich, dass die Ratlosigkeit um die nur zweiseitige Münze sofort wieder aufgeblitzt wäre, wenn die Freiburger Querdenker nicht freiwillig das Tor aus Birke und Nordmanntanne für das erste Spieldrittel akzeptiert hätten. Zwei Pausen, drei Drittel standen an. Schließlich musste jede Mannschaft einmal das Holztor verteidigen. Aber darüber wurde gar nicht diskutiert, wie ich weiß. Wo die Freiburger auftauchen, ist sofort alles anders, so wie bei ihnen zu Hause im Schwarzwald.

Ein Sofortruf aus dem Breisgau unterbrach meine Überlegung. Genosse, sagt DJ Knopfleiste im ernsten Ton. Fünfmal wird der Pausentee gereicht, da sechs Sechstel gespielt werden. Wie? Ja, es reiche nämlich nicht, dass jedes Team einmal das Holztor verteidige, die Teams mit Aluminiumtor müssten schließlich ebenso wechseln, sagte er. Das ist die wache Jugend und die rechnende, stellte ich fest. Denn jetzt hagelte es Zahlen. Bei regelkonformer Spielzeit von neunzig Minuten würde ein Sechstel genau fünfzehn Minuten dauern. Zu wenig, sagte DJ Knopfleiste. Legte man aber die fünfundvierzig Minuten der herkömmlichen halben Spielzeit auf jedes Sechstel um, ergäben sich in toto vier Stunden und dreißig Minuten. Zu lange, sagte DJ Knopfleiste. Hinzu jeweils fünf Pausen zu fünfzehn Minuten, fügte er korrekterweise an, bevor ich auf die Pausen hinweisen konnte, da ich mittlerweile mitgedacht hatte.

Ich bedankte mich. Aber wofür? Dass die Dauer eines Sechstels in keinem Regelwerk definiert war? Wann sollte ich denn sagen: Noch eine Minute im fünften Sechstel zu spielen, jetzt heißt es für die Mannschaften, sich ungeschoren zum fünften Pausentee zu retten. Ja, wann denn? Und als hätte ich nicht genug Probleme, fügte ich nahezu halsbrecherisch ein weiteres hinzu. Untermauerte sozusagen die Zwickmühle, in der ich saß, indem ich ins Mikro fragte, ob alles nur zur Hälfte zähle, was mit dem halben Ball angestellt würde? Halbe Tore beispielsweise. Ich dachte, ein torloses Unentschieden wäre sicher die beste Lösung und sagte das mehrfach. Ich sprach also vom 0:0:0. Der Sender erhielt prompt Anrufe, warum sie einen alten Sack mit Sprachfehler ans Mikrophon lassen. Das tat weh, das tat sehr weh, als mir das über Ohrstöpsel mitgeteilt wurde. Das wünsche ich niemandem, der schon so lange dabei ist wie ich. Ich habe auch sofort die Konsequenzen gezogen und zum Sender gefunkt, dass sie die Telefonnummern dieser Herrschaften aufschreiben sollen. Und dann ab die Liste zur Antialtersdiskriminierungsbeauftragten und ab vor den Kadi, die Typen. Das war der Punkt, wo ich für den Moment schlicht draußen war aus allem, was auf dem Spielfeld passierte und gab wieder rüber zu DJ Knopfleiste ins Breisgau.

Der sagte, heißen Dank Genosse, und sprach von blutigen Ereignissen. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz habe nämlich einem Vizepräsidenten in die Hand gebissen, als der ihn tätscheln wollte. Mein Hund mag auch nicht, von Fremden getätschelt zu werden. In dem Punkt hat DJ Knopfleiste absolut die Wahrheit gesagt. Das war nicht die B-Seite irgendeiner Verlegenheitsplatte, die er aufgelegt hat. Dann gab er wieder zurück.

Nun konnte auch ich mich bedanken für den richtigen Zeitpunkt. Denn der Schiedsrichter führte gerade die Pfeife zum Mund, sodass jeden Moment der Anpfiff zum ersten Sechstel von irgendwelcher Länge ertönen würde. Womöglich waren die Sechstel sogar von verschiedener Länge, was ganz zum Bild der Erzalternativen aus Freiburg gepasst hätte. Ebenso würde passen, dass sie gar nicht versehentlich erschienen waren, sondern mit Absicht die falsche Ausfahrt genommen hatten. Ich unterdrückte ein Schluchzen. Aufrecht im Stuhl hielt mich in diesem Moment nur die aufrechte des Haltung des Schiedsrichters, als letztem Repräsentanten traditionellen Fußballsports. Und wäre nicht bereits ausgiebig von Bäumen die Rede gewesen, hätte ich gesagt, er stünde wie eine Eiche. Ich fügte mich in die waltenden Umstände. Auf gehts ihr Mannen da unten, die ihr wieder in kurzen Hosen und Trikots und bemalten Armen euch zeigt. Dieser Satz des Ansporns lag mir auf der Zunge. Aber Pustekuchen. Um 23.30 Uhr erlischt das Flutlicht immer automatisch, da kann man so viele Stecker reinstecken und Hebel umlegen wie man will. Das gehört sich so, um den Anwohnern die Nacht nicht zu vermiesen. Anwohnerschutz geht selbst dem Gläubigerschutz voraus in Deutschland, sagte ich hinaus in die Welt, um mal einen Eindruck davon zu geben, wie wir hier leben. Tatsächlich war es auf die Sekunde genau 23.30 Uhr, als die Lippen des Schiedsrichters die Pfeife berührten und es stockfinstere Nacht wurde. Sofort gingen überall die grellen Lampen der Handys an. Da vorher aber anhaltend dokumentiert worden war, ich sage nur Einrammen der Birkenstämme, Nageln der Nordmanntanne, gingen sie auch nacheinander wieder aus, bis es abermals stockfinster war. Und dann habe ich einen Satz gesagt, der mir viel Lob im Sender eingebracht hat, weil er kompromisslos und trotzdem richtig war. Der ging so: Ein Handy ist auch nur ein Tesla, weil wenn der Akku leer ist, läuft nichts mehr. Aggressive Gesänge wallten jetzt durch das Stadion: Licht an! Licht an! Dann: Licht an oder Spielabbruch! Licht an oder Spielabbruch! In sich widersinnig, weil das Spiel gar nicht angepfiffen worden war. Aber eingelernt, ist eingelernt, sagte ich mir. Dann drückte ich den Knopf Richtung Freiburg zu DJ Knopfleiste. Ich muss mich hier sofort um Eigensicherung kümmern. Adieu, sagte ich. Dann wurde auch mir im Reporterstübchen der Strom abgedreht.

Verstehe, Genosse, hörte ich den DJ sagen, da ich nun das Batterieradio eingeschaltet hatte, um ihn zu hören. Immer den Überblick behalten, wie mein Bruder immer sagt, sagte ich mir. Er ist Fluglotse. Eine Thermosflasche habe ich auch immer dabei. Ich gebe jetzt den längeren Wortbeitrag von DJ Knopfleiste mundgerecht wieder, so gut wie ich kann, um die Geschichte dieses Spieltags abzurunden, weil Sie mich ja danach gefragt haben. Aber was heißt Spieltag? Es wurde aus zwei Stadien berichtet, in denen nicht eine Sekunde gespielt wurde. Ein Novum, das sich kaum wiederholen wird. Wahrscheinlich werden entsprechende Maßnahmen ergriffen, um dem Regelwerk wieder Geltung zu verschaffen. Ich aber kann heute sagen: Ich war dabei! DJ Knopfleiste sieht das übrigens genau so. Alt und Jung in einem Boot.

Also ich jetzt ungefähr als DJ: In Freiburg gehts weiter, Genosse. Der Präsident hat per Notverordnung ein Notstromaggregat anwerfen lassen, als auch hier pünktlich das Flutlicht erlosch. Da es momentan heftig regnet und die Brandgefahr gleich Null ist, bekommen gerade die Pfadfinder eine zweite Chance. Hector von Hohenlohe zu Niederlösnitz hat übrigens einem Vizepräsidenten …, das hatten wir schon, stimmt. Die Pfadfinder murksen bei strömendem Regen mit Feuersteinen herum. Es sieht so aus als würde sich der Systemkeil geschlossen entfernen wollen. Denn die Jalousien hinter der Glaswand der Loge sind soeben heruntergeglitten. Der Präsident und Gefolge werden womöglich heraus zu ihren Limousinen getragen. Vorsicht mit allzu schnellen Urteilen. Trinkt man nicht überall gern einen über den Durst und kippt vom Stuhl? frage ich Sie am Radio. Stichwort: Mojito, Stichwort: Futschi. Nehmen Sie teil an unserem Gewinnspiel. Wie viele Gedecke nahm der Präsident heute während des nicht ausgetragenen Heimspiels des SC Freiburg zu sich? Addieren Sie, freuen Sie sich über den Gewinn eines Radios mit extra langer Teleskopantenne. Nochmals die Frage: Wie viele Gedecke usw., usw., Sie wissen schon. Schreiben Sie mir keine Postkarten zwecks Aufklärung. Ich weiß es auch nicht. Wer weiß schon, was hinter den heruntergeglittenen Jalousien noch gereicht wurde? Auf nächste Woche und Ende der Sendung, aber nicht des Programms. Ich darf Sie auf die Rede des Präsidenten zum Wochenausklang hinweisen, die sogleich direkt aus seiner Kalesche ausgestrahlt wird. Danach das Neuste aus der Mikroelektronik, dann das Neuste aus der modernen Gehirnforschung. Thema heute: Warum wir lachen. Auf Wiederhören. So ungefähr DJ Knopfleiste in meinen Worten.

 

 

 

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DJ All-Göwer

Liebe Hörerinnen und Hörer,

ich freue mich, Sie zu unserer Interkontinal-Reportage des deutschen Fußballspiels zwischen Mainz 05 und dem FC Augsburg daheim an den Radios begrüßen zu können. Wir senden direkt auf allen Wellen. Trotz Dürre, die Sie, liebe Fußballfreundinnen und Fußballfreunde in Afrika, ja kennen wie Ihre Westentasche, präsentiert sich der Rasen in der Opel Arena grün. Aber nicht alles ist Halm, was grün ist. Doch ehe wir chemikalisch werden, zum Spielgeschehen. Schon entscheidet der Schiedsrichter auf Ecke. Ein Blick auf die Tribünen. Ich sehe Lücken. Aber Moment, bevor wir soziologisch werden. Schon wieder Ecke, nein, Elfmeter, nein, Einwurf, nein, Abschlag vom Tor der Gastmannschaft. Der Ball muss ruhen, der Abschlag muss wiederholt werden. Einwurf! Nein, Ecke. Aber jetzt. Der Ball fliegt ins Aus. Abschlag des Torhüters. Das darf nicht wahr sein! Auf Eckball entscheidet das vielköpfige Schiedsrichtergespann! Wir haben alle Zeit der Welt, die Frage einer Zuhörerin zu beantworten. Wo spielte eigentlich Uwe Seeler? Gibt es den Verein noch? Nein, wir haben keine Zeit. Es sind ja zwei Fragen. Königsblau wölbt sich der Himmel über uns. Ecke auf der Gegenseite. Ans Gebälk! Welch ein Pech! Welch ein Glück für die Bruchweg-Boys! Ein Lattenrasierer. Uwe Seeler spielte mit Dieter Seeler zusammen, so viel ist klar. Ecke! Das geht ja Schlag auf Schlag heute. Pressschlag im Strafraum. Ecke oder keine? Der Mann in Schwarz entscheidet auf Eckstoß! Halbzeit? Nein, Eckball von der anderen Seite. Tor! Nein, nur fast. Zur Ecke geklärt. Ein Schminktipp zwischendurch, meine Damen. Widmen wir uns den Schalkern. Abseits! Aber knapp, sehr knapp. Sie haben heute spielfrei, die Knappen, und fahren runter in den Schacht Richtung Kohleflöz. Kurz bevor sie den Förderkorb oben wieder verlassen und sich dem Blitzlichtgewitter stellen, wird ihnen traditionell Ruß statt Rouge gereicht. Diese Fotostrecke sollten Sie nicht verpassen, meine Damen. Ruhender Ball. Die Spezialität der Gäste, aber auch der 05er. Wer wird profitieren? Wer nutzt die Ruhe vor dem Sturm. Ein Stürmer! Tor! Nein, Stürmerfoul. Aber der Referee zeigt auf die Eckfahne. Was für ein Match! Kurz ausgeführt, verfummelt, Gegenangriff, hereingeflankt und weggeboxt. Klare Ecke. Aber der Unparteiische zeigt auf den Punkt. Auf den Punkt zeigte er! Und wieder ein ruhender Ball. Die Gäste zittern, die Heimelf bangt. Man sieht es den Spielern deutlich an. Wir haben Tonprobleme, wie ich höre. Hören Sie mich noch, liebe Hörerinnen und Hörer daheim? Ich höre gerade, dass Sie mich wieder hören. Vergeigt. Jetzt könnte jeder im weiten Rund des Vierecks eine Aspirin oder so gebrauchen. Aber die Mannschaft mit den Medikamenten im Gepäck ist heute nicht zu Gast in der rheinlandpfälzischen Landeshauptstadt. Es sind die Fuggerstädter. Dieses Glück hat nicht jede Stadt gehabt und schon wieder haben sie Glück. Ecke nicht gegeben. Der Schiri schaut auf die Uhr. Halbzeit. Ich verabschiede mich vorübergehend. Wir springen nach Freiburg zum Südwestderby der Freiburger gegen die Stuttgarter. Eine schier unlösbare Aufgabe, wenn man sich die Tabelle ins Gedächtnis ruft. Punkt- und torgleich die beiden Teams bis weit hinters Komma. Hallo Freiburg. Im Streichkonzert an der Dreisam wird ja tradionell auf Ecken gepfiffen, oder, DJ All-Göwer? DJ? Nein, wir machen hier weiter mit dem Halbzeitspektakel. Grandios die Feuerwehrkapelle auf freiwilliger Basis. Glenn Miller, wenn die Stadionzeitung die Wahrheit sagt, spielen sie. Ich höre, wir haben jetzt freie Leitungsreserven zu DJ All-Göwer. Pardon, es war Fehlalarm. Die Kapelle hat jetzt die dritte Eckfahne erreicht und macht sich auf den Weg zur vierten. Und es herrschen 33,1 Grad Celsius im Schatten gemäß Anzeigentafel! Das sollten Sie sehen, verehrte Zuhörerinnen und Zuhörer in aller Welt, die sie sich um ihre Radios geschart haben. Der Brandmeister mit Vollgebiss immer vorneweg. Darf ich mal ein Außenmikro haben wegen der Atmo? Wunder gibt es immer wieder. Unser Übertragungswagen hat jetzt doch DJ All-Göwer erwischt. Ich gebe ab nach Freiburg zu DJ All-Göwer. Nein? Es klappt nicht hinein in den deutschen, schwarzen Wald. Wir bleiben am deutschen Rhein, liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer dieser Radioübertragung. Der Sound ist verklungen, die Fußballspieler beider Teams sind längst wieder auf dem grünen Geläuf. Die Mainzer machen Druck wie Johannes Gutenberg anno 1460 gleich hier um die Ecke. Und Ecke von links. Ins Grüne gehauen. Der Spieler muss mit Verstauchung raus. So ein Glück. Nein, es ist Pech. Man kann es drehen und wenden wie man will. Jetzt läuten am Ende der Welt bestimmt die Sturmglocken. Ein Neuseeländer wird eingewechselt und tritt sogleich die Ecke. Tor! Tor auf typisch neuseeländische Art. Ich schaue auf die Anzeigentafel. 33:1 lautet der aktuelle Spielstand. Das gabs noch nie. Das ist ja historisch. Selbst mir sind da einige Törchen entgangen. Schon wieder der Neuseeländer. Goal! Handspiel, zu früh gefreut. Gelbe Karte. Er nimmt sie, versteckt sie in den Socken. Na sowas! Der Neueeländer kennt die Regeln gar nicht. Rote Karte wegen Kartenentwendung. Doll! Die Bank springt auf. Das sagt man so. Der Ball liegt neben der Eckfahne und keiner geht hin. Nanu? 33 Tore sind auf einen Schlag annulliert. Neuer Spielstand 0:1. Dahinter steckt der Video-Schiedrichter. Verständlich, wir sind ja nicht beim Handball. Trainer Streich wird im Dreisamstadion vom Platz getragen, höre ich im Ohrstöpsel. Du lieber Himmel, was ist passiert? On the shoulders of his players, wie mir der Kollege aus Neuseeland, der hier neben mir sitzt, mitteilt. Ich dachte schon. 0:0 in Freiburg. Und wieder war es Petersen, vermute ich. Wer sonst? Nur noch Sekunden hier bei uns. Corner? Corner was? Ach so, Eckstoß. Danke Larry, für den Hinweis. Der letzte ruhende Ball. Tor! Doppelgoal! Es gibt doch noch ausgleichende Gerechtigkeit. Mit diesem Hinweis verabschieden wir uns aus Mainz. Nein, DJ All-Göwer, jetzt ist es zu spät! Jetzt ist Feierabend. Geh auch Du zur Ruh.

 

 

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Ich sagte: „Tach.“

In der Zentrale knallten die Sektkorken. Um den flachen Tisch in der Ecke seines Büros hatte Koslowski den Stab versammelt, mit dem er die Aktion Georgier abgeschlossen hatte. Er hob das Glas. „Auf das Ende des Georgiers!“ „Auf sein Ende!“ tönte es im Chor zurück. Man stieß an, leerte die Gläser und ließ sich in die Ledersessel fallen.
In Zusammenarbeit mit dem Dienst einer verbundenen Macht war es gelungen, das Agentennetz Tscherkesischwilis, den man kurz den Georgier nannte, auszuheben. In Koslowskis Stab wurde über Beförderungen gesprochen.
Die Stimmung sank abrupt auf den Nullpunkt, als der Georgier nur drei Monate später wieder auf der Bühne erschien. Und zwar nicht auf dem Feld, wo man hätte nachbessern können. Koslowski war zugespielt worden, dass eine großangelegte Sabotageaktion in Planung sei, die Mittel dazu würden aus dunkler Quelle geschöpft. Als das angeworfene Karussell der internen Konferenzen ergebnislos zum Stillstand gekommen war, erhielt ich einen Anruf der Zentrale. Koslowski fragte an, ob ich Kontakt zu Adrian herstellen könne, die Operation sei dringend und falle in dessen Metier.

Ich habe den auskömmlichen Status eines freien festen Mitarbeiters erworben, bin sozusagen der rauchende Nichtraucher für die Zentrale. Der Kontakt zu Adrian klappt nur über mich.
Warum? Antwort verweigert.
Überdies sagt man mir Verbindungen zu Markus Wolf & Nachfolgern aus der HVA des MfS nach. Derzeit muss man das nicht mehr hartnäckig dementieren. Koslowski hatte erfahren, dass ich im August 2006 auf dem Alexanderplatz erschienen war, wo auch Markus Wolf erwartet wurde. Jedoch allein darum, um Bücher zu signieren. Was man offenbar für geheimdienstlichen Austausch gehalten hatte, war Wolfs Frage, ob ich eine Widmung für jemanden wünsche. Das vorgelegte Buch trug ausgerechnet den Titel Freunde sterben nicht. Ich erbat lediglich Signatur und Datum. Die einzig gewonnene Erkenntnis: Der Ex-Generaloberst war Linkshänder. Als Koslowski mich auf das Zusammentreffen ansprach, hielt er diese Information für dezent gesetzt, so als wüsste ich mehr.
Jetzt jedoch drehte sich alles um Adrian. Mein Ostexpertentum trat eher zufällig hinzu.
Ihn zu treffen, ist nicht einfach. Bin ich für Koslowski der freie Feste, ist Adrian der freieste Freie.

Man muss sich ausdauernd an der Kanalbrücke in Kreuzberg aufhalten, irgendwann kommt er oder er kommt gar nicht. Koslowski gab mir eine Woche. Wir klärten die Honorar- und Spesenfragen. Dann buchte ich einen Flug nach Berlin und ein Zimmer im Hotel Riemers Hofgarten, das von der Brücke einen guten Fußweg entfernt liegt und zu den netten Inseln Berlins gehört, die immer weiter schrumpfen.
Wer an der Brücke jemanden wartet, muss nicht stundenlang am Geländer lehnen. Von zwei Pizzerias aus hat man alles im Blick. In der einen schmeckt es und ist knüppelvoll. Daher saß ich in der anderen, wo die Auswahl unter den besten Plätzen immer groß ist.
Nach zwei Tagen mit angekohlter Pizza und riesigen Salatblättern, die eine schwarze Olive mit Kern am Grund der Beilagenschüssel versteckten, blieb ich beim Getränk. Am vierten Tag sah ich ihn. Ein Nerd unter vielen und vielen anderen, die so tun als wären sie welche. Kurze Hosen, Flipflops, Blick durch die Sonnenbrille auf’s Handy, in der anderen Hand die Eistüte, so stand er am Brückengeländer. Als ich von hinten herantrat, fragte er, ohne sich umzudrehen: „Wer vier Tage auf mich wartet, hat was auf dem Herzen, oder?“
„Koslowski braucht dich und darum auch mich. Fünfhundert Euro pro Manntag plus Spesen. Das alles in Wien.“ Adrian drehte die Eistüte um, die grüne Kugel begann zu rutschen, löste sich und landete im Kanalwasser über dem versunkenen Lidl-Bike. Das war nicht gerade ein Zeichen der Freude, wieder mit mir zu arbeiten. Ich trat beiseite und rief Koslowski an.
„Und?“ fragte Adrian, als ich wieder neben ihm lehnte.
„Morgen, Freitag um 10.30 Uhr für dich Termin in der Zentrale. Ab 15 Uhr geht’s dann zusammen mit mir weiter nach Wien. Aus der Eiskugel habe ich acht- statt fünfhundert gemacht.“ Adrian nickte und verschwand grußlos zwischen den Eisessern und Biertrinkern. Ich nahm den Fluchtweg aus der Spanisch-Englisch-Wolke, die permanent über der Brücke hängt, in Richtung Westen zum Brachvogel. Mein Stammlokal mit deutscher Küche, wenn ich in Berlin weile. Ich würde ein Wiener Schnitzel bestellen. Da morgen Abend bereits in Wien, wollte ich es zu Vergleichszwecken auf jeden Fall gegessen haben.
Als das Essen auf dem Tisch stand, erschien ein dickleibiger Mann und ließ sich in einen der Strandkörbe fallen, die am Rand des Biergartens stehen. Er bestellte eine Flasche Wasser, dann noch eine. Das Schnitzel hatte ohne Panade etwa fünf Millimeter Durchmesser und schmeckte.

Anderntags wartete ich vor der Zentrale, die sich derzeit als Verlagshaus tarnt. Die Standorte werden immer durchsichtiger, was beim Wort zu nehmen ist. Durch die Scheiben im Erdgeschoss war mäßiges Treiben zu beobachten.
Punkt 15 Uhr stand plötzlich Adrian neben mir. Reisefertig mit Rucksack wie ich auch. Er hatte ein Ticket nach Wien für heute 17.30 Uhr. Das meine war am Vormittag auf dem Handy angekommen. Adrian gab kurzen Rapport. Eine Art von Demokratisierungskampagne unter dem Titel Deutschland spricht solle in wenigen Wochen starten. Einer, den sie gerade kalt gestellt hätten, der Georgier, habe sich überraschend eingemischt mit Deutschland verstummt. Besser gesagt, er sei drauf und dran, sich einzumischen. In Wien gäbe es die Möglichkeit mehr zu erfahren. Näheres dann vor Ort.
„Tscherkesischwili, ein Veteran von Format“, sagte ich.
„Wer?“ fragte Adrian. „Noch mal.“
„Tscher-ke-sisch-wili.“
Fast-Track Sicherheitskontrolle und Speedy Boarding waren für uns nicht dazugebucht. Wir stürzten uns in die Menschenmasse in der ehemaligen Air Berlin-Halle. Mein Feuerzeug im Rucksack blieb unentdeckt. Am Band gegenüber musste eine Frau ihre halb ausgedrückte 125g-Zahnpastatube abgeben. Ich stecke immer etwas Verbotenes ins Handgepäck und muss sagen: Wenn das Outsourcing von Sicherheit beginnt, müssten in Koslowskis Büro eigentlich die Warnlampen durchknallen.
Als wir unsere Plätze einnahmen, saß als dritter Passagier bereits der Mann aus dem Strandkorb am Fenster. Beschattung hebt die Güte einer Aktion. Ich hätte zwölfhundert Euro Tagessatz fordern können. Bis zur Landung schaute er nicht einmal zu uns herüber, sondern fotografierte Landschaften und Wolken.
Vor dem Start konnte die Stewardess den Anschnallgurt zwischen seinen Speckfalten nicht erkennen musste nachfragen. Einfacher als in Schwechat ist ein Mann nicht abzuschütteln, der so beleibt ist, dachte ich.
Als wir uns auf die kilometerlange Wanderung durch die Flughafengebäude zur S-Bahnstation machten, verblüffte mich der Dicke jedoch. Auf zweihundert Meter hielt er wacker mit, erst danach war sein Hecheln hinter uns nicht mehr zu hören. Er tat mir regelrecht leid. Ich würde sein Engagement sofort bezeugen, träfe ich Tscherkesischwili nochmals wieder. 1977 hatten wir uns an der Long-Bar des Raffles Hotels in Singapur kurz angegrinst.

Die Order auf den Handy besagte, den zweiten Wagen der S7 zu nehmen und uns gleich rechts von der Tür zu setzen. Dann in die unter dem Fenster hängenden Zeitschriften der Wiener Linien schauen. Wir fanden, was wir suchten. Adrian mit überraschendem Städtevergleich: Shithole Berlin. Die Zeitschriften würden dort keine Stunde hängen. Trotzdem wolle er nicht woanders wohnen. Schon sein Ururgroßvater rückwärts bis ins 19. Jahrhundert sei Berliner gewesen.
Die auf den Rand der zweiten Zeitschrift geschriebene Adresse lautete: AllYouNeed-Hotel, Große Schiffgasse 12. Wir ließen das Blättchen mitgehen und stiegen an der Station Praterstern um in die U-Bahn.
Die Zentrale hatte unauffällige Mittelklasse reserviert. Wir erhielten Zimmer im sechsten Stock. Die Klimaanlage war bei der anhaltenden Hitze willkommen. Die Türschlösser ordentlich, nicht durch bloßes Anstarren zu knacken. Wir gingen hinaus in den späten, heißen Abend.
Auf einem kleinen Vikualienmarkt in der Nähe waren noch zwei Buden geöffnet. An den Seiteneingängen standen die Fahrradlieferanten Schlange. Ein gutes Zeichen. Ein Schnitzel stand nicht auf der Karte. Stattdessen Burger jenes Formats, das Messer und Gabel erfordert. Ausgerechnet!
Nach einem enttäuschenden Besuch der Ausstellung Von Hopper bis Rothko in der Potsdamer Kulturattrappe Museum Barberini – zwei Hopper, einer untypisch! – hatte ich mich in einem Burgerrestaurant entschädigen wollen. Vor mir landete ein Ungetüm von Burger. Der Biss durch die Komposition, das, was den Burger schließlich ausmacht, ist unmöglich. Man muss Messer und Gabel benutzen und isst die Einzelteile. Selbst wenn es in Mode käme, Schweinebraten aus der Hand zu vertilgen, würde ich keinen Hamburger mit Besteck mehr essen wollen, hatte ich damals beschlossen.
Aber wir hatten keine Wahl. Adrian bestellte vegetarisch, ich üblich. Vor Beginn der Säbelei erzählte ich ihm von meinem enttäuschenden Besuch der Ausstellung Von Hopper bis Rothko in der Potsdamer Kulturattrappe Museum Barberini – zwei Hopper, einer untypisch! – und wie ich mich in einem Burgerrestaurant hatte entschädigen wollen.
An der Wand eines indischen Restaurants nahe der Brücke hinge ein Druck von Hoppers Nighthawks an der Wand, erzählte Adrian. Dann machte er übliches Hamburgeressen vor, was auf groteske Weise misslang. Wir griffen zu Messer und Gabel.
Nach Adrians zweitem Aperol Spritz wurde abkassiert. Ich war beim Bier geblieben, bin ja auch nie Nerd gewesen. Als ich das Alter hatte, adelte man sich zum Trotzkisten oder Gammler. Welchen Typus bringen die Nerds hervor?
„Und morgen?“ fragte Adrian.
„Nach Schönbrunn und dort zum Taubenhaus.“
„Wie bitte?“ Wir durchstreiften den Platz. Keine Spur des Dicken.

Ins SMS-Tagesprotokoll notiert und abgeschickt: Flughafen, einen Verfolger abgeschüttelt, Hotel, Abendessen, Rückkehr ins Hotel 22.20 Uhr.

Zum Frühstück im Hotelgarten war es noch angenehm lau. Dann begann die Stadt zu glühen. Schönbrunn legte noch zwei, drei Grad dazu. Publikum war weit und breit nicht zu sehen, als wir vor der hohen runden Voliere mit Kupferkuppel in einem Seitenweg standen. Denn trotz der Hitze zog die Karawane hinauf zur Gloriette, um von dort aus Schloss Schönbrunn und das dahinter liegende Wien zugleich ins Handy zu befördern. Eine ungeheure Beweislast scheint auf den Schultern japanischer Touristen zu ruhen. Kann schließlich jeder sagen, es ginge nach Europa, dabei ist bloß Taiwan gebucht.
Wir setzten uns auf eine Bank.
„Schau dir die Voliere an“, sagte ich. „Rassetauben sind drin, aber sie dürfen nicht raus, die Wildtauben draußen nicht rein. So stellen sie sich in der Zentrale die Zentrale vor.“
„Und dafür schicken sie uns in die Hitze raus nach Schönbrunn?“
„Es ist wegen dir. Koslowski misstraut Freelancern. Wer mit ihm arbeitet, soll sich als edle Taube fühlen, die drin sitzt und ein Auge auf die haben, die rein wollen. In unsrem Fall der Georgier. Koslowski liebt die materielle Darstellung seiner Vorgaben. Ist angenehmer und einprägsamer als sich durch’s Handbuch zu quälen, glaub mir.“
„Meinetwegen. Er bezahlt ja für’s Nichtstun. Lass uns in die Stadt fahren und was trinken und essen“, schlug Adrian vor. Wir fuhren zum McDo am Schwedenplatz, obwohl ich Schnitzel essen sollte.
„Nach Plan ginge es jetzt in die Hofburg. Da wir aber jemandem im Nacken haben könnten, trennen wir uns jetzt. Treffen ist in einer eine halben Stunde vor dem Eingang der Schatzkammer. Im Shop die Schallplatte mit Originaltondokumenten der Kaiserin Sissi kaufen und rückwärts mit 78 Umdrehungen abspielen. Danach bist Du dran.“
Adrian saugte per Strohhalm die letzten Tropfen Cola zwischen den Eisstücken hervor und sagte dann: „Mann, Mann, geht’s noch komplizierter? Ich weiß jetzt schon, was da rauskommt. Lass uns die Hofburg überspringen. Wenn sie mich dabei haben wollen, gibt es nur einen Zielort. Und der ist nicht die Hofburg.“
„Nicht an den Gittern des Taubenhauses sägen. Genießen wir doch das Raffinement alter Schule. Mit Koslowskis Abschied Ende des Jahres ist es damit sowieso vorbei.“
Ich wanderte zum Stephansdom und zündete meinem Großvater eine Kerze an. Mit unendlicher Geduld hatte er es geschafft, mir das Räuberschach abzugewöhnen.
Adrian war pünktlich.
Schon mal vor der Schatzkammer, wollten wir auch die Kaiserkrone sehen. Wir zahlten Eintritt, suchten und fanden zwei. Eine für die Krönung, eine für den täglichen Gebrauch. Dann kaufte ich die Platte.
Jeder aus unserer Branche kennt den An- und Verkauf Rustenschacher, wo sämtliche Unterhaltungselektronik des vergangenen Jahrhunderts zu haben ist. Über der Tür k.u.k. Hoflieferant aus der Zeit, als hier noch Helferlinge für die anspruchsvolle Küche verkauft wurden. Jetzt in den Schaufenstern schicke alte Radios. Schade, dass Designirrtümer heute gnadenlos ausgemerzt werden oder sich als stilbildend durchsetzen.
„Würden die Japaner nicht ordentlich bestellen, ich könnte den Laden zusperren“, sagte Frau Rustenschacher. Das war der Satz, den sie jedem sagte, bevor sie herausgefunden hatte, in welche Fraktion die Kundschaft einzuordnen war. Wir stiegen in ein Kellergewölbe, wo sich in Regalen bis unter die Decke Stereoanlagen und Plattenspieler stapelten.
Ich entschied mich für eine Mikroanlage wegen der Schlepperei. Einen Plattenspieler mit Rückwärtsgang hatte Frau Rustenschacher natürlich nicht, manipulierte uns aber einen 33er-45er-78er-Philipps-Plattenhobel im Handumdrehen. Damit war klar, dass wir keine Musikfreunde waren, sondern zu jener Kundengruppe gehörten, mit der sie tatsächlich ihr Geld verdiente. Auch Musk bestelle Teile aus Goebbels’ Volksempfänger, ohne die seine Marsreisen nicht funktionieren würden, behauptete Frau Rustenschacher; wohl um den Preis zu rechtfertigen.
Denn wir erhielten keine drei Anlagen zum Preis von einer, um Platz schaffen, sondern umgekehrt. Adapter und Entzerrervorverstärker, um den Hobel überhaupt nutzen zu können, kamen noch obenauf.
Zurück im Hotel landeten unsere Helferlinge auf meiner Matratze. Bluetooth war nicht. Ich machte mich ans Verkabeln. Adrian sah zu und behauptete abermals längst zu wissen, worauf das Ganze hinausliefe. Er schrieb’s auf einen Zettel. Als alle Kabel saßen, gab ich Strom, legte die Platte auf und ließ sie mit Höchstgeschwindigkeit rückwärts rasen. Und tatsächlich krächzte die Kaiserin Sissi uns zwischen Rauschen und Knistern Adrians niedergeschriebene Worte: „House of Nakamoto.“ Ich versenkte die Anlage in den Wäschewagen auf dem Flur mit dem Hinweis: „Von zufriedenen Gästen.“ Die Platte knickten wir in der Mitte. Für jeden eine Hälfte als Souvenir.
Den Tag beendeten wir mit einem Spaziergang am Uferkai des nahen Donaukanals. In einem Hotelprospekt hieß das: Summerstage/chilliges Strandfeeling. Wir setzen uns vor einen Ausschank. Musik laut, Gespräche laut, Zurufe lauter. Adrian trank seinen Aperol Spritz, ich mein Bier. Werden gemütliche Ecken in Prospekten genannt, ist es meist aus mit der Gemütlichkeit. Ich vermute, dass Wiener, die es beschaulich wollen, genau gegenüber auf den Stufen sitzen, die dort zum Kanal abfallen. Es fehlt der Raum für Buden, Bänke, Liegestühle. Da Adrian am bunten Treiben nichts auszusetzen hatte und kein Dicker weit und breit zu sehen war, der uns hätte aufscheuchen können, blieben wir. Adrian erzählte, Straßenmusiker würden fünfzig Euro die Stunde machen. Er kenne einen. Hielte der zehn Stunden durch, käme er auf die fünfhundert, die Koslowski zunächst angeboten habe.

Ins SMS-Tagesprotokoll notiert und abgeschickt: Schönbrunn (Taubenhaus), Hofburg (Platte), Rustenschacherscher Laden, Donaukanal, Rückkehr ins Hotel 23.40 Uhr.

Nach dem Frühstück war endlich Adrian am Zug. Unser Ziel der Ort, wo der Georgier, gemäß Sissi, sich auf den neuesten Stand von Finanzierung gebracht haben könnte. Deutschland verstummt schien ein teures Unterfangen. Zu Adrians Freude steuerten wir vektororientiert das House of Nakamoto, den Bitcoinladen in der Führichgasse an und traten ein. Ich sagte: „Tach.“
Adrian wandte sich grußlos nach links und blätterte in den aufgehängten T-Shirts. Der Laden fiel nach hinten ab, ein Mann aus Adrians Generation, so um die dreißig, stieg die Stufen herauf.
Ich zeigte auf goldglänzende Münzen, die auf dem Tresen lagen. Ihnen war das dem Dollar ähnliche Symbol der Bitcoins aufgeprägt.
„Sind das die Bitcoins, die man hier erwerben an?“
Der Mann stufte mich sofort als Ahnungslosen ein, von denen hier sicher ab und an einer hereinschneit und möglichst schnell abzufertigen ist. Nein, das sei reines Merchandizing, sagte er.
„Hatte ich mir fast gedacht“, sagte ich. Bitcoins sind unsichtbar, oder? Kein Geschenkkarton, kein Einwickeln oder so etwas?“
„Exakt.“
„Aber wozu dann ein Laden, ich meine …“
Ich hatte große Lust weiter zu bohren. Da wirbelte Adrian herum – um etwas James Bond-Würze beizugeben – und fragte, was die Miner so bringen würden. Dabei wies er auf ein Regal mit zwei schuhkartongroßen Geräten, die in etwa so aussahen, wie das zusammengestauchte Innenleben eines alten PC. Der Gesicht das Verkäufers hellte sich auf.
Die seien längst veraltet, sagte er, stünden nur zu Deko da. Heute …
„Der AntMiner S9 von Bitmain“, warf Adrian ein. Von nun an waren die beiden unter sich, ich trat zurück in die Merchandizingkulisse.
Inhaltlich blieb mir die Bitcoinwelt verschlossen, atmosphärisch schien die Sonne. Keiner der beiden gewann die Oberhand. Jeder wusste Details, die den anderen interessierten. Aber dazu waren wir nicht nach Wien gereist.
„War der vor kurzem hier?“ unterbrach ich und zeigte ein Bild des Georgiers.
An der Miene des Verkäufers war abzulesen, dass er das Gesicht wiedererkannte.
„Hier kommen viele Leute rein, um sich zu informieren.“
„Hey, Sie werden sich wohl an einen Herrn so um die achtzig erinnern! Das ist nicht gerade Stammkundschaft. Der Mann ist, knapp gesagt, Terrorist und plant einen Schlag gegen Deutschland. Und dazu braucht er Geld.“
„Mit Drogenhandel wäre er schneller und einfacher bedient als mit Bitcoins. Bohren Sie mal in diese Richtung und lassen mich in Ruhe.“
Adrian in eiskalter Tatortmanier sofort hinterher: „Wenn Sie nicht auspacken, sind Sie dran wegen Mittäterschaft.“
„Schwachsinn. Aber ehe Sie mir eine Glock unter die Nase halten. Er war hier.“
„Was wollte er?“ fragte ich.
„Er hat alle FAQs gestellt, die auch im Internet gestellt und beantwortet werden. Von Terror war nicht die Rede.“
„Will er minen? Hat er sich nach dem AntMiner S9 erkundigt?“ fragte Adrian.
„Kann schon sein. Aber wir verkauften keine. Fragen sie bei Bitmain an.“
„Haben Sie ihm das Verhältnis von Stromkosten und geminten Bitcoins klargemacht?“ fragte Adrian.
„Wollte ich. Hat ihn aber nicht interessiert.“
„Interessant“, sagte Adrian.
„Wieso? Wenn ich auch mal was fragen darf.“
„Also bitte! Wer im großen Stil minen will, wem die Stromkosten dabei egal sind, der sollte Ihnen eigentlich verdächtig vorkommen“, sagte Adrian und ging zur Tür.
„Einem Rentner ohne Durchblick, der im Rollstuhl geschoben wird, sind die Stromkosten egal. Und dann rufe ich den Innenminister an, oder wie?“
„Wer hat ihn geschoben?“ fragte ich.
„Irgendwer. Vielleicht einer vom Fahrdienst.“
„Wie sah er aus?“
„Ich würde ihn den Fatman nennen. Noch irgendwelche Fragen?“
„Nee, schönen Tag noch.“ Wir traten hinaus auf die Fürichgasse.

„Was haben Schönbrunn, Hofburg, Rustenschacher, Bitcoinladen gebracht? Wir haben Koslowskis Verdacht erhärtet, mehr nicht. Wir wissen weder, wo die Miner stehen, noch haben wir das Wallet“, fasste Adrian die Aktion zusammen.
„Wozu die Miner, warum bist du bei der Stromfrage wach geworden?“
„Der Georgier kauft keine Bitcoins. Er würde nur Geld umtauschen und müsste auf steigenden Kurs hoffen. Er schürft, er mint sie selbst mit dem neusten Geräten von Bitmain.“
„Hurra, das mache ich auch!“
„Klingt nach einfachem Reichwerden, ich weiß. Aber wie beim rentablen Goldschürfen ist auch Minen von Bitcoins mit Kosten verbunden. Die Stromkosten sind so hoch, dass es sich kaum oder gar nicht lohnt, wenn der Bitcoinkurs unter eine bestimmte Marke fällen würde. Du brauchst billigen Strom. Und die Geräte kosten auch.“
„Was wäre wichtiger, der Ort, wo der Georgier schürft oder dieses Wallet?
„Das Wallet, die Brieftasche. Es besteht aus zwei Codes. Einer ist der öffentliche Schlüssel. Wer den kennt, kann mir Bitcoins schicken. Will ich zum Beispiel was verkaufen und mit Bitcoins bezahlt werden, muss der Kunde diesen öffentlichen Code kennen. Dann muss dieser Kunde wiederum seinen privaten Schlüssel nutzen, um seine Bitcoins bewegen zu können. So funktioniert die Kryptotransaktion.
Hat allerdings jemand den privaten Schlüssel eines anderen, hat er sofort Zugriff. Nichts hindert ihn mehr. Keine Name wird abgefragt, nichts. Wer das Wallet hat, hat die Bitcoins. Es stellt sich die Frage der sicheren Aufbwahrung.
Online- oder Software-Wallets sind verschwunden, wenn der Computer verschwunden oder geschrottet ist. Die Alternative ist das Paper-Wallet. Was wird beim herkömmlichen Einbruch mitgenommen? Eine Tonne Bücher, Zeitschriften, in der irgendwo das Paper Wallet steckt oder der Laptop, der schnell zu Geld zu machen ist? Sollte man drüber nachdenken.“
„Oder einen Stick mit dem Wallet im Wald vergraben und sich die Koordinaten merken.“
„Und wenn du wiederkommst, sind sie am Roden.“
„Dann einprägen.“
„Zu kompliziert.“

Auftrag erledigt? Freizeit? Mal das eine oder andere Palais beschauen? Kutsche fahren? Oder vier Flaschen Bier kaufen und auf den Stufen gegenüber der Strandmeile in den Abend dämmern? Fehlanzeige!
Ich hätte die Beschattung im ersten SMS-Tagesprotokoll nicht erwähnen dürfen. Für den Abend hatte die Zentrale ein Manöver geplant, um diesen Verfolger endgültig abzuschütteln. Aber warum? Morgen früh sollten wir Wien verlassen. Bis dahin würden wir nichts mehr unternehmen, was einen Verfolger interessieren könnte. Die SMS auf meinem Handy besagte:
Zur U-Bahnstation Donauinsel fahren, in der Donau plätschern, dann plötzlich loslegen und zum anderen Ufer schwimmen. Unsere Sachen würden gegenüber bereitliegen.
„Wie das?“ fragte Adrian. Ich zuckte die Schultern. Adrian kaufte eine Adidas Kastenbadehose, ich Adidas Badeshorts. Dazu einen wasserdichten Beutel für Handys und Schlüssel, Kreditkarten. Die wollten wir dem undurchsichtigen Transfer denn doch nicht anvertrauen. Wir bogen Ufergestrüpp auseinander, überstiegen Geröll im flachen Uferwasser.
„Die reine Schikane, wie Schönbrunn“, beschwerte sich Adrian.
Kein Einwand meinerseits.
Nach einer lästigen Passage mit Wasserpflanzen erreichten die freie Donaumitte.
Das Bad war mäßig erfrischend. Wie kann ein fließendes Gewässer so warm sein? Aber solange nur wir auf dem Rücken schwammen, war die Katastrophe nicht erreicht.
Als wir aus dem Wasser stiegen und den Uferweg in Augenhöhe bekamen, sahen wir unsere Sachen und dahinter ein Paar Sandalen, aus denen kräftige Waden ragten. Ich schaute nach oben. Es war der Dicke in kurzen Hosen und im blauen Polohemd.
„Lasst dicke Männer um mich sein, sprach Cäsar“, sagte er grinsend und: „Ich war so frei.“ Er wies auf unsere Sachen.
„Kommen Sie hoch zu mir. Handtuch?“ Er reichte uns zwei originalverpackte. Wir hatten tatsächlich keine besorgt. Adrian sah in mein ratloses Gesicht, ich in seines.
„Ehe Sie fragen. Ja, die SMS könnte von mir gewesen sein. Schlage vor, alles weitere in entspannter Runde zu bekaspern. Café Tiroler Hof?“
Und wieder ging es in den Fürichgasse. Wir passierten das House of Nakamoto. Beim Stand der Dinge war es überflüssig so zu tun, als sähen wir den Laden zum ersten Mal.
„Interessanter Laden, was?“ sagte der Dicke.
„Geht so“, sagte Adrian.

Das Café befand sich an der nächsten Straßenecke. Vor Adrian und mir betrat eine alte Dame mit ebenso betagtem Dalmatiner das Café. Der Dicke hatte sich unhöflich vor Frau und Hund hineingezwängt. Er saß bereits, der Ober stand neben ihm, als wir uns setzten. Der Dicke bestellte: „Eine Lore Würstel, ein Gösser.“ Der Ober stutzte, der Dicke formte mit den Händen einen Hügel auf dem Tisch, um zu zeigen, was er mit einer Lore meinte. Wir nahmen jeder Apfelstrudel und einen Braunen.
„Ab ovo, meine Herren“, sagte der Dicke, als das Bier kam. „Doch zunächst: Zum Wohle!“ Er stürzte das Bier mit einem Zug hinter die Binde.
„Na dann los“, sagte ich.
„Ihr nennt Tscherkesischwili den Georgier, wir nennen ihn wie er sich selbst nennt: den Schweiger. Er redet nicht viel, hört andere nicht gern reden. Vor allem das Gerede dieser Anderen störte ihn schon immer. Mittlerweile hasst er es. Sein Gehör hat ihm den Appetit an Menschen verdorben.
Es gibt eine Anekdote, die er früher gern erzählt hat:
Ein Franzose saß wegen Devisenvergehen, so wurde es genannt, in einem kubanischen Gefängnis. Er las eifrig Marx und lobte die kubanische Revolution. Die Kubaner blieben misstrauisch und stellten ihm eine Falle. Er durfte sich einen Graupapagei halten. Der hockte dem Mann von nun an auf der Schulter, wohin es auch ging. Eines Tages schrie der Vogel beim Hofappell: „Ich vais tuer Fidel! Je vais tuer Fidel!“ Der Franzose wollte ihm den Schnabel zuhalten. Der Vogel biss sich los und schwirrte ab über die Gefängnismauer. Erst als Mitterand Präsident wurde und Régis Debray einschaltete, kam der Franzose frei. Das war aber zwölf Jahre später.“
„Aha“, sagte Adrian.
„Pointe verstanden?“ fragte der Dicke.
„War so schwer nicht“, sagte Adrian.
Die Lore Würstel kam. Der Ober stellte den Teller in die Tischmitte, als sei Essen für drei bestellt worden und der Apfelstrudel Nachspeise. Der Dicke zog den Würstelberg zu sich heran und begann ihn abzutragen. Sprechen mit vollem Mund schien seine Stärke.
„Der Schweiger hätte längst in Ruhestand gehen können, denkt aber nicht daran. Seine Gesundheit wird nicht aus Tiflis, sie wird von Moskau aus überwacht, egal, wo auf der Welt er sich aufhält. Dieses Detail nur, damit Sie eine Vorstellung von seiner Position vor und nach Zerfall der SU haben. Das Chaos hat seine Position sogar gestärkt. Er ist der letzte Kirchenvater in der Branche. Das müssen Sie sich alles nicht merken, Koslowski ist im Bilde.“
„Ich auch“, sagte ich.
„Ich weiß“, sagte der Dicke. „Der Hinweis galt ihrem Kollegen.“
Der Apfelstrudel kam.
„Der Schweiger kennt Deutschland aus KGB-Zeiten. Was Sie nicht wissen, er liest lieber Schopenhauer, bevor er zu Stalins Werken greifen würde. Stalin, der bekannteste Georgier immerhin. Sagt Ihnen der Name etwas?“, fragte der Dicke, sich an Jüngsten unter uns, an Adrian wendend.
„Alle fünf Teile der Befreiung an einem Tag gesehen. Da kommt er vor, oder?“ gab Adrian zurück.
„Ja, der Schauspieler ist dem Generalissimus frappierend ähnlich. Was für ein Opus!“ Der dicke winkte dem Ober und bestellte sein zweites Gösser. „Übrigens schmeckt Apfelstrudel nur noch halb so gut, wenn er kalt ist.“
Wie auf Befehl griffen wir zu den Kuchengabeln. Wieder das Schnitzel vergessen, dachte ich.
„Das, was vor einiger Zeit passiert ist, passiert jedem Dienst irgendwann“, fuhr der Dicke fort. „Agenten fliegen auf, andere fliegen wieder ein. Das ist ein Mückenstich. Aber Deutschland spricht wirkt auf den Schweiger wie der Angriff eines Hornissenschwarms. Das hätten Sie nicht tun sollen, taktisch sehr unklug. Schweiz, Österreich, Dänemark wollen sich sogar anschließen.“
„Umso schwieriger für ihn dazwischenzufunken“, sagte ich.
„Auf seine alten Tage hat der Schweiger die Freiheit, sich jeden Wunsch zu erfüllen. Jeden! Und der heißt jetzt aus alter Liebe zu Deutschland: Deutschland verstummt. Auch die anderen werden keine Freude haben. Geplant ist kein schwarzer Bildschirm, wenn Deutschland spricht an den Start gehen soll oder Westeuropa per Geoengeneering mit tennisballgroßen Hagelkörnern einzudecken. Eine Truppe Spezialisten wird Verwirrung stiften. Die Leute, die sich treffen und miteinander sprechen sollen, werden plötzlich andere Adressen, andere Telefonnummern haben oder die Treffpunkte sind die falschen. Deutschland ist sprachlos, verstummt. Vorsausetzung: Der Start eines Satelliten, der auch noch andere Dinge kann. Teurer geht’s nicht, Georgien muss haushalten, also werden Bitcoins produziert.
Dass Georgien zugleich an internationalem Gewicht zulegt, wird natürlich gern gesehen. Auch in Moskau wird niemand in Tränen ausbrechen.“
Adrian kratzte abwechselnd Muster in die Vanillesoße und hob den Blick zum Kronleuchter.
„Ihr ward im Bitcoin-Laden. Der Mann weiß tatsächlich nicht mehr als er gesagt hat. Nun sage ich Euch, woher der Schweiger die immense Menge Strom bekommt, um die Miner laufen zu lassen. Denn mit einem Luftschlag ist wohl nicht zu rechnen. Die deutsche Armee soll ja aktuell kein flugfähiges Material haben.“
„Aber schwimmendes. Quer durch die Donau ohne Verpflegungsstopp“, sagte ich.
„Ich war entzückt. Zwei Kampfschwimmer ohne Handtuch. Die nächste Runde geht auf mich.“
„Der Strom“, sagte Adrian.
„Der Strom fließt. Georgien hat eine der größten Talsperren der Welt und produziert dort in etwa tausend Megawatt. Und es laufen nicht alle Turbinen. Der Schweiger zapft vor Ort ohne Netzverlust. Sollte das nicht reichen, hat er Zugriff auf armenischen Atomstrom zu einem Preis, der genau genommen keiner mehr ist. Aber selbst mit Bombern, die nicht nur so aussehen als könnten sie fliegen, würde kein Bundeskanzler eine 270 Meter-Staumauer und ein Atomkraftwerk angreifen. Die schon geschürften Bitcoins wären sowieso nicht gefährdet. Was ihr braucht, ist das Wallet, nicht wahr, junger Freund?“
Adrian nickte gähnend.
„Das Wallet bekommt ihr von mir, und zwar auf Papier. Man sollte sich nicht zu früh von der Knopfkiste trennen, obwohl der Klettverschluss regiert. Stick, Laptop, externe Festplatte verschwinden beim simplen Einbruch, Papier bleibt.“
„Ich weiß“, sagte ich.
„Ach!“ verwunderte sich der Dicke. „Ich hielt Sie für einen Festgeldtyp.“
Adrian stand auf, verschwand Richtung Toilette.
„Hat er was?“ fragte der Dicke.
„Druck“, sagte ich.
„Für das Wallet geht der Gegenwert von 25 Prozent der inzwischen geminten Bitcoins an mich, dazu ein deutscher Reisepass, Ausweis und Führerschein auf den Namen Klaus Bunker. Warum nutzt er das Wallet nicht selbst? Fragen Sie sich, wird sich Koslowski fragen. Warum nimmt Bunker nicht 100 statt 25 Prozent? Ich verrrat’s Ihnen: Via trita, via tuta, wie die Juristen sagen. Ein ausgetretener Weg ist ein sicherer Weg. Herumdoktern am Computer erhöht meinen Blutdruck, schnelles, echtes Bargeld hingegen lacht und macht mich froh. Zweitens, 25 Prozent von viel, sind viel und nur ein echter deutscher Pass ist ein echter deutscher Pass. Deutschland wird sich demnächst um die Echtheit von Dokumenten kümmern müssen, wenn der bunte Anstrich nicht blättern soll, meinen Sie nicht auch?“
„Warum riskieren Sie das?“ fragte ich.
„Der Schweiger hielt mich für unzuverlässig zu einer Zeit, als ich absolut zuverlässig war. Und ehe ich ohne Grund eine Kugel im Kopf oder ein Messer im Rücken habe, dann besser mit Grund oder noch besser, gar nicht. Also mit Geld in der Tasche, nicht in der Blockchain, und mit einwandfreien deutschen Papieren.
Adrian setzte sich wieder an den Tisch.
„Wollen Sie meine Meinung, Herr Bunker, wenn ich mal so sagen darf? Meine Meinung zum Zerwürfnis zwischen Ihnen und Tscherkesischwili?“
„Bitte.“
„Selbst mir fällt auf: Sie reden zu viel. Und ich bin wahrlich kein Schweiger. Oder Adrian? Was meinst du?“
„Manchmal schon.“
„Kleiner Dissens im Team, wie? Was es auch gewesen war, ich stehe auf der Abschussliste. Das Paper Wallet hilft da raus. Und nun?“
„Wir gehen raus einen Kaffee trinken“, sagte ich.

Wir setzen uns an einen Tisch am Straßenrand. Gleich links von mir schob sich kurz ein tätowierter Schwarzenegger-Arm ins Bild, der zu einem Mann gehörte, der ungemein lässig neben der Einwurfklappe an einem Müllwagen hing.
Als der Ober die Tür aufstieß, um den Braunen zu bringen, verließen gleich hinter ihm die alte Dame und der betagte Dalmatiner das Café.
„Er will ins Taubenhaus“, sagte Adrian.
„Ja, ein lupenreiner Überläufer. Ich muss mit Koslowski telefonieren, und zwar aus einer Zelle. Aber wo ist hier die nächste Zelle?“
„Vielleicht drinnen? Steht doch genug Schnickschnack aus alten Zeiten herum, warum keine Zelle?“
„Als du verschwunden warst, hat er den Begriff Blockchain erwähnt.“
„Was du wissen musst, weißt du.“
Als wir ins Café zurückkehrten, war der Dicke eingenickt, Kinn auf der Brust, die Arme hingen schlapp an den Seiten herunter. Hinter ihm die Wand, sah man ihn vom Tresen her von vorn. Dort lehnte der Ober und löffelte Thunfisch aus der Dose.
„Hat er mit Schnaps nachgelegt?“ fragte ich.
„Nein“, antwortete der Ober. „Die Frau mit dem Dalmatiner hat kurz mit ihm gesprochen. Dann ist er eingeschlafen.“
Zurück am Tisch sagte ich: „Herr Bunker? Herr Bunker, aufwachen!“ Herr Bunker rührte sich nicht. Adrian trat an ihn heran, zuckte kurz zurück und flüsterte, ohne mich anzusehen: „Der Rücken.“ Ich umrundete den Tisch und sah zwischen den Verstrebungen der Rückenlehne des Bugholzstuhls den Messergriff. Die feuchte Stelle im blauen Polohemd rund um den Einstich wurde langsam größer. Ich zeigte auf die Brieftasche in der Hose. Adrian versperrte dem Ober die Sicht, ich griff zu.
„Ja, wenn es so ist, Herr Bunker. Wir sind gleich wieder da“, sagte ich laut und ging zurück zum Ober.
„Soll er weiter schlafen. War ein anstrengender Tag. Wir holen ihn gleich mit dem Wagen ab, zahlen aber schon mal.“

„Dem Dalmatiner nachschnüffeln?“ fragte Adrian auf der Straße.
„Das können andere machen“, antwortete ich und besah mir die Brieftasche.
„Schön blöd, wenn er das Wallet in der Brieftasche stecken hätte“, sagte Adrian, als ich zwischen zwei Eurozehnern die Visitenkarte unseres AllYouNeed-Hotels entdeckte.
„Das testen wir jetzt. Zuzutrauen ist es ihm“, sagte ich.
Der Frau hinter der Rezeption reichte ich eine Kreditkarte des Dicken. „Im Fahrstuhl gefunden.“ Sie legte die Karte ins Fach mit der Nummer 614.
„Na bitte. Auch noch im gleichen Geschoss wie wir. Dann mal hoch.“
Das Zimmer war nicht verschlossen. Drinnen sah es nicht allzu zu chaotisch aus. Der Handkoffer war ausgekippt, eine Jackett lag auf dem Boden.“
„Profis suchen bei Profis den Stick. Offenbar hat er einen angeboten und den haben sie prompt gefunden. Wir suchen was Schriftliches. Das Paper Wallet. Richtig?“
„Sehr gut“, lobte Adrian.
Aus der Innentasche des auf dem Boden liegenden Jacketts zog er einen englischsprachigen Stadtplan Budapests. Er hielt die Seiten des Straßenverzeichnisses gegen das Licht, dann die aufgefaltete Karte und sagte: „Interessant. Vierundzwanzig Wörter sind schwach markiert. Eiweiß vielleicht. Kein Wort kürzer als vier Buchstaben. Das ist es.“
„Der private Schlüssel?“
„Nicht ganz. Es ist der Mnemonic Seed. Aber jeder Praktikant von Koslowski baut aus den ersten vier Buchstaben der Wörter den privaten Schlüssel.“
„Hallo, das ist ja wie auf der Minigolfbahn. Abschlag auf Bahn 6 und der Ball landet im Loch von Bahn 7“, sagte ich.
„So ungefähr“, sagte Adrian und faltete die Karte zusammen.
„Die andere Seite wird allerdings schnell merken, dass ihnen der Stick nichts nützt und wiederkommen. Wir sollten jetzt verschwinden.“
„Mit Koslowski telefonieren?“ fragte Adrian.
„Zu heikel.“
Wir checkten aus, buchten um und flogen zum vierfachen Preis des Hinflugs am gleichen Abend zurück Richtung TXL.
In der Business Class mag es Wiener Schnitzel gegeben haben.

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Blütenweiß

Patronenfüller

Welche Veränderungen ein Haushalt erfahren kann, wenn ein erbarmungswürdiges Katzentier Erbarmen findet und aufgelesen wird, muss all denen, die sich dieser Situation gestellt haben, nicht ausführlich erzählt werden. Für die anderen sei beispielhaft von allem Mobiliar, das dem Angriff von Katzenkrallen ausgesetzt ist, der Chippendalesessel herausgegriffen, weil dessen Korbgeflecht die Anwesenheit des neuen Mitbewohners zügiger beweist als Gepolstertes.
Zu sprechen ist hier allerdings von einer Mitbewohnerin: der vollkommen weißen Hauskatze ohne jene irritierenden Merkmale, die mit dem weißen Farbgen in der Regel verknüpft sind: rote, gar verschiedenfarbige oder schielende Augen, Schwerhörigkeit.
Das Blütenweiß des Fells aufrechtzuerhalten, bleibt allerdings ihr größtes Geheimnis.
Mittwoch, drei Tage her, war sie auf dem Schreibtisch dabei, als eine Tintenpatrone gewechselt wurde. Wie üblich gab sie sich nicht mit bloßem Zusehen zufrieden, sondern wirkte mit. Was zur Folge hatte, dass aus der noch nicht vollständig geleerten Patrone etwas Blau auf ihrem Fell verblieb. Zwar sichtbar für sie, jedoch fernab möglichen Leckens, nämlich auf dem Rücken mittig. Würde sie nach Entdecken des Farbflecks – nun nicht aus Dollerei, sondern aus Überlegung – abermals zu den Blackmollys ins Aquarium springen, wenn wegen Wasserwechsels sich die Abdeckung nicht an Ort und Stelle befände?
Nein, sie ließ die Gelegenheit verstreichen, tat nicht, was wir getan hätten, wenn wir, nun nicht zu den Blackmollys, aber in die Badewanne gestiegen wären. Dennoch ist das Blau verschwunden.

Valeska Gert

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Die Pfanne

Der Sohn/Bruder in Gewahrsam beim Tommy, der Ehemann/Vater beim Russen, standen Mutter und Tochter am Nachmittag fassungslos vor jenem Haus in Berlin-Reinickendorf, in dem sie bis zum Vormittag noch Mieter einer Zweieinhalbzimmerwohnung im dritten Stock gewesen waren. Durch verrußte Fensterhöhlen starrten sie in ein vollständig ausgebranntes Gebäude. Das große Glück, ohne Bombentreffer davongekommen zu sein, war zwei Wochen nach Kriegsende in verheerendes Unglück umgeschlagen.
Einiges sprach dafür, die Ursache im Laden unten, im Schuhfacheinzelhandel zu suchen. Der Händler hatte den Verkauf eingestellt und behauptet, keine Lederschuhe mehr auf Lager zu haben, spekulierte auf gute Geschäfte bei neuer Währung. Er wurde erschlagen, das randvolle Lager geplündert. Offenbar hielten die Plünderer ihn für den Hausbesitzer, der er aber nicht war, und steckten hernach auch noch das Haus an.
Nach einigen Tagen entdeckten Mutter und Tochter – ihr Hausrat war als letzter hinuntergestürzt und sollte obenauf liegen – als einzigen Artefakt die kleine schwarze Bratpfanne. Der Stiel verbrannt und verschwunden, sonst aber tadellos. Zugegeben, ein schwacher, sehr schwacher Trost.

Aber was geht mich das an? – Die beiden vor dem Nichts Stehenden sollten meine Mutter und Großmutter werden. Der Totalverlust verstärkte die ohnehin zeitgemäße Sorgfalt der Dingwelt gegenüber, die auch mir eingeschrieben ist. Meine Schrauben-, Bolzen-, Scheiben-, Mutternsammlung wirkt angesichts der Baumärkte mittlerweile seltsam anachronistisch.

Die Pfanne war mit dem kleinen Hausstand der Großmutter 1920 nach Berlin gelangt, da der väterliche Bauernhof in Westpreußen acht Kinder nicht ernähren konnte. Sie lernte einen im guten Sinne waschechten Weddinger Proleten kennen. 1927 wurde geheiratet. Mein zukünftiger Großvater arbeitete sich hoch vom Schmiermaxen zum Taxifahrer. Nach einigen Wohnungswechseln bezog die mittlerweile vierköpfige Familie die Wohnung in Reinickendorf. Meine Großmutter übernahm die Hauswartsstelle. Hinten heraus der Balkon zum Schäfersee, vorne heraus die Loggia zum Boulevard. Sehr nahe an Tucholskys Ideal:
„Ja das möchste:
Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse,
vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“
Einer der Taxifahrerkollegen hieß (aufgepasst!): Erich Mielke. Als im Sommer 1931 zwei Polizisten auf dem Bülowplatz erschossen wurden, wusste jeder im Betrieb, dass es Mielke gewesen war. Noch Jahrzehnte später argwöhnte der Großvater bei jeder DDR-Durchquerung, der dort inzwischen allmächtige Mielke würde ihn als Mitwisser einkassieren.
Zunächst aber verschwanden beide Richtung Sowjetunion. Mielke begab sich in die Obhut der Partei, der Kollege Großvater folgte 1943 mit der Wehrmacht. Schon eingekleidet für das Afrikakorps, ging’s von Italien in die Ukraine.

Wäre er doch nicht Kraftfahrer, sondern wie Bruder Hans Tapezierer und Dekorateur gewesen! Denn nicht nur bekannte Namen wie Gustaf Gründgens und Carl Schmitt profitierten von der Macht des Dicken in Karinhall. Hans wurde UK gestellt, das heißt, unabkömmlich für Göring, den es in der Schorfheide nach Auffrischung des Interieurs drängte.

Nach dem Verlust der Bleibe unternahm die Großmutter etwas sehr modernes und besetzte eine verlassene Wohnung, zehn Fußminuten entfernt von der alten. Der Vormieter, ein Parteigenosse, war untergetaucht, die Hausverwaltung legalisierte den Coup. Als Sohn und Mann unversehrt wieder erschienen, entdeckten sie als bekanntes Hab und Gut einzig sie, die Bratpfanne.

Im Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft 1966 hatte Geoff  die Engländer gegen Deutschland mit dem berühmten Wembley-Ghost-Goal auf die Siegerstraße geschossen. Und was verlautbarte ausgerechnet der deutsche Bundespräsident anderntags? Einen Vierwortedolchstoß in den Rücken Fußballdeutschlands: „Der Ball war drin.“ Empörend! Der Lübke-Satz war in aller Munde, im großelterlichen Haushalt konnte er sich jedoch nicht behaupten. Ein Vierwortsatz des Großvaters auf eine unendlich oft gestellte Vierwortfrage dominierte.
Frage: „Ist die Rente durch?“
Antwort: „Die Rente ist durch!“
Die Ungewissheit wegen der verbrannten Unterlagen war beendet. Der Großvater befeuerte nicht länger die Heizung eines Heims für schwer erziehbare Mädchen, sondern nahm Platz am kleinen Tisch im Wohnzimmer mit Blick auf die Kastanien im großen Hof. Interna über das Heim? Sind mir nicht bekannt.
Von der Oberschule aus machte ich oft den kleinen Umweg, um bei den Großeltern zu Mittag zu essen. Sie aßen Punkt zwölf, ich, wenn ich kam.
Wenn ich jetzt unerbittlich zum Kotelett hinschwenke, das die Großmutter stets auf den Tisch brachte, dann nickt der gähnende Leser und weiß hinzuzufügen, dass Salzkartoffeln und viel braune Soße dazugehörten und niemals Salat. Da es die Pfanne jedoch in die Überschrift geschafft hat, muss das Kotelett dazu herhalten, sie wieder ins Gedächtnis zu rufen, oder? Ist hiermit geschehen.

Mein Großvater war ein guter Mann, ein stiller Mann. Laute Ausrufe kannte ich von ihm nicht. Doch eines Tages: „Dawei, Wassili, dawei!“ Vor Schreck ließ ich Messer und Gabel in die Soße sinken. Er war schon beim Dessert, beim Zigarillo, das, wie man weiß, durchaus als Gedankenzündkerze dienen kann.
Wer war Wassili? Etwa ich? Mein neuer Spitzname? Sollte ich schneller essen? Nein, mit dem zitierten Kommando begann weites Ausholen in wieder gewohntem Tonfall. Wassili war der Name des ukrainischen Kollaborateurs, der sich und den Großvater im Panjewagen über die Felder jagte, um der Roten Armee zu entkommen. Es war endgültig Schluss mit gemütlichen Übernachtungen auf den Kachelöfen der Bauern rund um Krivoi Rog. Die Geschichte endete in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus. Eine andere begann. Der Großvater avancierte zum außergewöhnlich guten Schachspieler, lief allerdings ins offene Messer, als er einen sowjetischen Wachoffizier matt setzte. Es folgte kein fröhliches Wodkagelage, sondern ein Monat im verschärften Arrest. Danach verlor er mit Absicht, nie aber gegen mich.
Ich musste mich mit längeren Denkpausen seinerseits zufrieden geben, wenn wir nach verzehrtem Kotelett am kleinen Tisch saßen und eine Partie spielten. Mit diesen Pausen gab mir der Großvater zu verstehen, dass auch ich dann und wann einen Zug vorausgedacht hatte, also Schach spielte, nicht Abräumen.
Als letztes Wort an mich sprach er meinen Vornamen aus. Es klang, als wäre ich für irgendetwas vorbestimmt. Ich saß zum ersten Mal an einem Sterbebett und konnte nichts erwidern. Wir reichten uns die Hände.
Sieben Jahre später wechselte meine Großmutter in ein katholisches Altenheim, wo sie wiederum sieben Jahre später, 1994, verstarb. Ich hatte gehofft, sie würde ein komplettes Jahrhundert durchleben. Anlässlich des Umzugs ins Altenheim erbat und erhielt ich die Pfanne, an der nun die Geschichte des neuen Jahrtausends anzuhaften beginnt.

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M/M

Zwei Lichtbildstudien. Zeigend Graf, Maxl (l.) und Brem, Beppo (r.). Ikonen des dritten Drittels des 20. Jahrhunderts. In TV-Rollen des Fröschl (Graf, M.) und Wanninger (Brem, B.) Ort: Galeriewand Berggasthaus Herzogstand (Bayern, 1575 m), linker Hand, wennst reinkommst, gradaus zum 1A Kaiserschmarrn.
Aufnahmen mit Voigtländer Superb 6×6. Postkatenformat, s/w, signiert, undatiert, ungerahmt, Rückseite blanko. Signatur verblasst (Maxl) und kräftig (Beppo).

M/M = München/Museum wg.:
Cy Twombly.
Kalligraphisches?
– (s. Roland Barthes, Merve V. 113) –
Davon kaum. Schade.
Fehler dann: Wenn man schon mal da ist.
Und treppabwärts.
Die Kunsthistorikerin (ab jetzt: Kuhi) textend im Heftchen schürt:
„Einzelne Arbeiten besitzen inzwischen einen geradezu ikonischen Status.“
Wessen A.?
Deckblattillustration des Heftchens (neben der Kasse umsonst):
Die mit Kunststoff per Vakuumtechnik abgeformte Faust; gülden. (Ikone) – Jetzt 3x raten, bitte.
Unten vor Ort, ja, richtig geraten, abgeformte Frauenbrüste.
Welche poetische Kraft (die Kölner Karnevalsjecken schon jahrzehntelang aufbringen) des Künstlers Seth Price!
Doch er, Price, dringe auch vor (Kuhi): „In Territorien jenseits der bildenden Kunst“ und vermittle (Kuhi): „Ein Bild der emotionalen Landschaft des beginnenden 21. Jahrhunderts.“
Beweise: 150
Skulpturen, Filme,
Fotografien, Zeichnungen,
Malerei, Videos,
Kleider, Textilien,
Web-Design, Musik und, und was fehlt?:
Dichtung.
In gebotener Kürze: Andy Warhol + Web-Design = Seth Price.
Daher unten vorgeschaltet eine Warhol-Schau. (Die Price-Anschub-Show; – sicherheitshalber)
Arbeiten aus der Factory, die Kuhi-konsequent jetzt heißt:
„LGBT community.“
Zu ergänzen: esbian, ay, isexual, ransgender.
– Um wie viel (Maßeinheit) ist die Kuhi der Factory damit näher gerückt? –
Die Poplok (Warhol) hat so manchen angeschoben, wenn vorn auch gezogen wurde.
Price zieht aber nicht.
Denkt er zu viel?
Sein zentrales Thema immerhin (Kuhi): „Der bedrohte Status des Subjekts.“
Mein zentrales Thema:
Zeit vergeht für nichts. Bedrohung hin zu Status: Tod!
Darum aufi!
Hinein auf ein Helles ins überfüllte Gasthaus Isarthor, das der Künstler glücklicherweise nicht erworben hat, um es per Vakuumtechnik in Kunststoff abzuformen. Mir vis à vis erscheint ein kleiner Kopf über der Tischkante. Das Subjekt gähnt und schaut, wie die flotte Bedienung leere Gläser gegen volle tauscht. Gerade erwacht und aus einer Tasche gekrochen sitzt der Dackel unbedroht auf der Holzbank.

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Irene P. (53, Taxifahrerin)

In Fritz Mauthners Wörterbuch der Philosophie lese ich im Artikel Bacon’s Gespensterlehre den Satz: „Ein Lahmer auf dem richtigen Wege kommt schneller voran als ein verirrter Schnellläufer.“
Ein Phänomen hat es verdient, diesen Satz wörtlich zu nehmen.
Mehringdamm Ecke Yorkstraße: Der weiße Zeitnehmer-SUV, Digitaluhr auf dem Dach, missachtet das Handzeichen eines Mannes mit knallgelber Warnweste und fährt in Höhe der ehemaligen Praxis Dr. Gottfried Benns über ein Nagelbrett.
Dem Wagen folgt in dreißig Meter Abstand das famose kenianische Führungsseptett in Pfeilspitzenformation. Man ist, wie immer, auf Weltrekordjagd. Vor sich sehen die sieben Kenianer den quer geschleuderten SUV auf vier Platten. Sie wissen, dass ein Ausweichen den Verlust wichtiger Zehntelsekunden bedeuten würde und entscheiden blitzschnell, den Laufrhythmus beizubehalten, biegen ab nach links in Richtung Tempelhofer Damm wie es der Westenmann anzeigt.
Die Läufer werden rechts und links von Fahrradfahrern eskortiert, die zur Organisation gehören. Ein Oberradler will die Streckenänderung nicht wahrhaben, hält an und spuckt große Töne. Der Westenmann zeigt einen Zettel: „Fahrbahnabsenkung, Plan B.“
Preußische Knappheit überzeugt. Der Radler schreit: „Plan B!“, steigt auf, biegt ab nach links. Alle Fahrradfahrer und Läufer folgen. Zunächst die kenianischen Verfolger der famosen Kenianer, dann deren Verfolger, dann größere Pulks, dann der Lindwurm von etwa fünfunddreißigtausend Marathonläufern, die bei Kilometer 19 noch im Rennen sind. Passieren tut nichts, die Polizei twittert sekundenschnell ein allgemeines Fahrverbot für alles mit Rädern, was nicht zum Tross gehört. Über dem Pfeilspitzenseptett kreist ein Hubschrauber, der anzeigt, wo es langgeht, wie die Kenianer meinen. Dabei ist es von jetzt an umgekehrt.
Als die ersten Fußlahmen erscheinen, die schon beim Gehen pausieren müssen, gibt der Westenmann die Strecke Richtung Yorkbrücken wieder frei, zieht die Weste aus und belohnt sich nebenan bei Curry 36.
Den Fußlahmen stehen noch dreiundzwanzig Kilometer bevor. Neunundfünfzig von ihnen schaffen es bis in Sichtweite des Brandenburger Tores, zweiundzwanzig können es noch durchqueren, von denen sechzehn wiederum fünfzehn Meter vor dem Ziel aufgeben und wie die anderen in den Besenwagen zusteigen. Rest sechs. Eine Frau mit blauen Turnschuhen muss sich einen Meter vor der Ziellinie unendlich erschöpft auf die Bordsteinkante setzen und durchpusten, gibt aber nicht auf.
Die übrigen fünf Männer fassen sich bei den Händen, zählen rückwärts von drei auf null und lassen sich bei null gemeinsam ins Zielband fallen. Fünf Träume werden wahr. Nicht ganz. Da ihre Füße zwanzig Zentimeter vor der Linie verbleiben, haben sie das Ziel nicht regelkonform durchquert. Trotz Zuspruchs der brodelnden Zuschauermasse, fehlt die Kraft zum finalen Krabbeln.
Nach zwei Minuten erhebt sich die vergessene Tochter des blauen Turnschuhs von der Bordsteinkante und stakst über die Liegenden hinweg ins Ziel.
Als Letzte ist sie nach knapp neun peinvollen Stunden die Doppelsiegerin des Berlin-Marathons. Irene gewinnt 50000 Euro, weil sie die beste Frau ist und nochmals 50000 Euro, weil kein Mann schneller war.
Das pfeilschnelle kenianische Septett hat indessen, ohne jemals Wasser zu fassen oder zu lassen, 190 Kilometer bewältigt und wird bei gleichbleibend hoher Geschwindigkeit in wenigen Minuten die Messestadt Leipzig erreichen.

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Franz Kafka – Brief an den Intendanten

Sehr geehrter Herr,

eine Fälschung ist ein Skandal und ein Skandal ist etwas für die Presse, der es an Nachfolgern Egon Erwin Kischs nicht fehlen dürfte, sagte ich mir und suchte das Rathaus Steglitz auf, um die Zeitung zu lesen, die dort in Schaukästen zur Straße hin dargeboten worden war, als ich zum letzten Mal in Berlin weilte. Kein Wort zum Proceß, zur Auslegung des Manuskripts. Denn es gibt diese Schaukästen nicht mehr.

Der Fußweg von Steglitz hinunter zum Ort der Auslegung, zum Kunstgewerbemuseum, mittlerweile Gropius-Bau und Veranstaltungsort der Berliner Festspiele, denen Sie verantwortlich vorstehen, Herr Intendant, erschien mir zu beschwerlich. Ich nahm für eine erstaunliche Summe den Autobus. Bald warf sich jemand neben mich in die Sitzbank als sei ich nicht vorhanden. Ich verließ den Autobus an der nächsten Haltestelle, wo alle Aussteigenden sofort wussten, in welche Richtung zu gehen war. Es kam zu Schubsereien gegen mich, der ich einen Moment lang unschlüssig stand.

Erwarb daraufhin eine kräftigende Tomate. Nicht gewohnt, sie aus der Hand zu essen, biss ich zu wie bei einem Apfel und der größte Teil des Inhalts fuhr hinunter auf mein linkes Hosenbein, da ich blitzartig das Knie nach vorn bewegt hatte, um für mich zu retten, was gar nicht zu retten war. Die feuchte Masse bewegte sich langsam die Bügelfalte entlang nach unten, bis ich sie, bevor der Schuh erreicht war, abschüttelte.
Eine Tür, die ich öffnen wollte, um in einem Hausflur abseits der Öffentlichkeit an der Hose zu reiben, war verschlossen. Auf dem Klingeltableau erweckte einzig der Name Klawuttke Zuversicht, eingelassen zu werden. Ich klingelte bei Klawuttke, aber keiner der Klawuttkes öffnete. Stattdessen hörte ich durch den Lautsprecher den klawuttkischen Hund bellen.
Betrachten sie die letzten Zeilen nicht als skurrile Anekdote, die ich hätte weglassen können. Klawuttke wird für Sie noch wichtig werden, Herr Intendant.

Um vollends von der Tomate loszukommen, steckte ich den Rest, den ich noch immer in der Hand hielt, in den Mund und schlang ihn, entgegen meiner Gewohnheit, ohne zu kauen hinunter, worauf sich Magenschmerz entwickelte, sodass ich die Tomate verfluchte. Andererseits war mit einem verschmutzten Hosenbein nun zumindest ein Grund vorhanden, mir bis zum Gropius-Bau respektlos zu begegnen.

Als ich um zehn Uhr die Ausstellungsstätte betreten durfte – trotz der Zwischenfälle war ich zwanzig Minuten zu früh erschienen -, meinen Hut an der Garderobe abgegeben, den Obolus entrichtete hatte und in den ersten Stock hinaufgestiegen war, fand ich mich in den Räumen allein mit einem Wächter, der mich seine Beobachtung meiner Person spüren ließ. Selbst als Publikum nachrückte, behielt er speziell mich im Auge, als sei von mir das Schlimmste zu erwarten. Tatsächlich war mir mehrfach danach, augenblicklich den Tomatenrest heraufzuwürgen und auszuspeien.

Der Skandal, von dem nichts zu lesen war und mit dem ich mich in gewisser Weise bereits abgefunden hatte, erwies sich beim Betrachten der Glasvitrinen als ein Skandal mit dem ich mich auf keine Weise je abfinden werde können. Meine Absicht war, nach ruhiger Beschau der Manuskriptfragmente Ihnen, Herr Intendant, mitzuteilen, dass Der Proceß, so wie er ausgelegt ist, eine Fälschung sei. Der Skandal jedoch ist nicht die Fälschung, sondern die Echtheit.
Eine große Schrifttafel zu Beginn der Ausstellung weist ohne Umschweife darauf hin. Ich zitiere:

„Max Brod, der noch zu Kafkas Lebzeiten das Prozess-Manuskript vor dem Feuer rettet und sich später als Nachlassverwalter auch Kafkas letztem Willen widersetzt, sieht sich 1924 vor der großen Aufgabe gestellt, Kafkas Werk…“ usw., usw.

Hat er sich diese sogenannte große Aufgabe nicht selbst gestellt, als er, was ich zweimal verfügte, missachtete? Sollte die erste Verfügung meinetwegen als Resultat einer momentanen Gemütsstörung angesehen worden sein, so sollte die zweite, genauere Vernichtungsverfügung diesen Eindruck korrigiert haben. Setze ich mich in ein Café U.d.L. und verlange ausdrücklich keinen Apfelkuchen, bekomme dann aber welchen, wurde meinem Wunsche keineswegs entsprochen. Herr Brod, dem ich nunmehr das freundschaftliche Max entziehe, war offenbar anderer Auffassung.

Ich darf nun den Schluss des Zitats nochmals zitieren: „ …sieht sich 1924 vor der großen Aufgabe gestellt, Kafkas Werk…“ Sehe ich mich vor die kleine Aufgabe gestellt, ein großes CASUS! an den Rand zu malen? dachte ich und habe es nicht gewagt, spürte ich doch den Blick des Wächters in meinem Rücken.

Bei Beschau des Manuskripts dachte ich, ja, das hast alles du geschrieben, ja, hast das alles du geschrieben? Denn ich erkannte die Schrift Herrn Brods, der im Text herumgefuhrwerkt hat.
Daher meine Frage: Warum liegen die Fragmente unter Glas? Warum lassen Sie, Herr Intendant, das Publikum nicht Sätze streichen, die missfallen, Passagen hinzufügen, die zu fehlen scheinen? Warum verwehren Sie dem Publikum, was sich Herr Brod herausgenommen hat?

Bevor ich mich über drei Arten der Betrachtung auslasse, möchte ich Sie davon in Kenntnis setzen, dass ein Blatt in Kopie vorliegt.
Beschauen Sie sich bitte die mit 26 bezeichnet Seite. In der unteren Hälfte ist ein kleiner Teil der Schrift verwischt. Er ist darum verwischt, weil mir über die mit der Zahl 34 bezeichnete Seite während der Niederschrift ein Glas Wasser auskippte und ein Spritzer auf Blatt 26 landete. Ich tupfte mit einem Taschentuch darüber und beließ den Flecken, da noch zu lesen war, was zu lesen sein sollte. Bei Blatt 34 war das nicht der Fall. Ich beschrieb ein neues, sodass hier eine saubere Kopie des unleserlich gewordenen Originals vorliegt. Was ich Herrn Brod ausdrücklich nicht gestattete, gestatte ich nun Ihnen, nämlich den Eingriff in den Text, indem Sie über Blatt 34 ein Glas Wasser auskippen mögen, was vor Fachkollegen als Emendation leicht zu rechtfertigen wäre.

Ich habe von einer Arte povera sprechen hören, wo die alleinige Menge der auf den Museumsboden hingeworfenen Eierschalen oder Schnürsenkel künstlerische Wirkung erzielt. Nun, mit drei Schritt Abstand von den Vitrinen gleichen sich auch die Manuskriptseiten wie ein Ei dem anderen. Nur hingeworfen sind sie nicht. Die Anordnung der Seiten in den Vitrinen ist eines Landvermessers durchaus würdig, denn um keinen Millimeter weichen die Abstände der Seiten voneinander ab, um keinen Grad wird der rechte Winkel verlassen.
Da auch Eierschalen- und Schnürsenkelberge wahrscheinlich nicht bloß hingeworfen, sondern ebenso pedantisch geschichtet wie die Manuskriptblätter gelegt sind, wich einiges Publikum jene eingewöhnten drei Schritte zurück und schlug das Manuskript als dargebotene Materialmenge aus Papier und Tinte offenbar der Bildenden Kunst zu.
Oder meinen Sie gar, Herr Intendant, ich hätte mir die Seiten jemals auf diese Weise betrachtet, sie seien gleichsam authentisch platziert? Ich habe stets recht kleine Zimmer bewohnt, keine Säle. Das Manuskript war mir immer ein Faszikel, in dem zu blättern ist.

Dies zur ersten Art der Betrachtung, die meist der zweiten folgte, welcher die dritte als eine erste voranging. Jene zweite setzt nun ein Heranrücken an die Vitrinen voraus. Es wird beschaut, jedoch nicht gelesen. Denn als sei der Boden vor den Vitrinen ein stetig sich vorwärts bewegendes Band, gleitet das Publikum langsam dahin und vorbei. Die Betrachtungsweise ist also wiederum eine ästhetische, gilt meinetwegen Schwüngen oder anderen Besonderheiten meiner Handschrift, auf die ich nicht den geringsten Wert legte. Die Vereinigung von Bildender Kunst und Schrift hat in der westlichen Welt jedoch Herr Cy Twombly bestens zu Wege gebracht, nicht ich.

Die dritte Betrachtungsweise, die jeder Beteiligte nun richtigerweise als die erste erkennen wird, ist die des Lesens. Mir fiel auf, dass Lesen und lautes Hersagen immer den ersten Halbsatz betrafen, den man offenbar auswendig kennt. Denn er ist nicht leserlicher ausgefallen als der Rest. Hinzu kam mehrfach Verwunderung über den Umlaut in verläumdet, der mein offenbar kurioses Wesen offenbart. Aber wozu auch dutzende Seiten angestrengt entziffern, wenn Herr Brod die Fragmente zu einem Buch geschmiedet hat? Betrachtungsweisen zwei und drei konnten beginnen.
Ich mache dem Publikum weder zum Vorwurf, dass es den der Arte povera gemäßen Abstand einnimmt, noch sich kalligraphisch interessiert nähert oder den ersten Halbsatz für das Ganze nimmt. Wenn Der Proceß nun einmal ausliegt, die unerhörte Maßnahme gegen mich vollbracht ist, steht es jedem frei, eine Haltung zu wählen, die gefällt.

Als eine Stunde vor Mittag, wohl um dem Begriff Berliner Festspiele zu genügen, in einem Nebenraum Der Film zum Manuskript abgespielt wurde, verließ ich mit jetzt heftigen Magenkrämpfen das Gebäude. Es war mir eine große Erleichterung zu sehen, dass der Chauffeur seinen Rausch ausgeschlafen und meinen bequemen Reisewagen vorgefahren hatte. Ich musste jedoch noch einmal umkehren, den Hut auszulösen.

In meiner Rocktasche steckten einige Seiten harmlosen Inhalts, die ich als ein Original gegen die Fälschung, die leider keine ist, hatte hergeben wollen. Ja, ich hatte die Absicht, Sie zu retten, Herr Intendant!

Ich schrieb diese Seiten während meines letzten Aufenthalts in Berlin und weiß, dass nach ihnen gesucht wird. Empfängerin war ein Mädchen, das seine Puppe im Steglitzer Stadtpark verloren hatte und bitterlich weinte. Ich habe die Puppe dem Mädchen Briefe schreiben lassen von einer schönen Reise mit dem glücklichen Ende einer Heirat. So war das Mädchen schließlich über den Verlust getröstet und die Mutter gab mir die Seiten mit herzlichem Dank zurück.
Nach meinem Besuch im Gropius-Bau vor zehn Tagen, habe ich den Bentley neben einem Abfallbehälter halten lassen. („Eins, zwei, drei vier Eckstein, Alles muss versteckt sein!“ ruft die freche Puppe im Moment, als das Mädchen glaubt, sie verloren zu haben.) Ich füge eine Zeichnung bei, wo sich der Abfallbehälter befindet, in den ich die Seiten fallen ließ.

Ausschließlich Sie, Herr Intendant, erhalten diesen Hinweis und ich setze einen zweiten hinzu: Die Klawuttkes hätten es nicht weit!
Sehen Sie es als einen bescheidenen Gunsterweis an. Denn womöglich haben Sie die Zurschaustellung des Manuscripts gar nicht aus eigenem Antrieb veranstaltet. Der Berliner Geschäftsbetrieb verführt schließlich manchen braven Mann zu Taten, die später zu bereuen sind.

K.

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Betaästhetik

Sparsonne: Frau Dr. v. Grundbeben, zunächst vielen Dank für das Interview.

Grundbeben: Es wird mein erstes und letztes sein.

Wir stehen hier auf einer massiven Stahlbetonplatte im Keller Ihres Hauses. Warum ist Ihnen diese Platte wichtiger als der Goldfischteich im Garten?

Grundbeben: Goldfischteich?

Anders gefragt: Warum die massive Stahlbetonplatte?

Grundbeben: Weil man sich dem Grundbeben gegenüber offensiv verhalten sollte.

An welche Art von Grundbeben denken Sie da, Frau Dr. v. Grundbeben?

Grundbeben: Grundbeben jeder Couleur.

Tektonische, intellektuelle, religiöse? Alle?

Grundbeben: Alle.

Und kostet, über den Daumen gepeilt, wie viel?

Grundbeben: Den Beton habe ich selbst geschüttet, vorher die Moniereisen zusammengerödelt. Wie auf dem Belegfoto erkennbar. Mit meiner alten Voigtländer geschossen. Hier, heben Sie mal an.

Auch aus Stahlbeton?

Grundbeben: Da hat man was in der Hand, wie? Ist sogar ein Film drin. Wissen Sie was das ist, ein Film? Scheißegal. Was wollten Sie wissen?

Die Kosten für die Stahlbetonplatte.

Grundbeben: Selbst schütten und zusammenrödeln spart Geld. Und ich weiß von vornherein, dass die Mischung stimmt und alles sitzt. Wem Look and feel egal ist, bekommt es noch preiswerter. Allerdings kenne ich mittlerweile kein Gebäude, wo Betaästhetik der Bodenplatte nicht bis zum Dach durchgeschlagen hätte. Paläste mausern sich zu Bruchbuden. Und keiner weiß, warum.

Können Sie Beispiele nennen?

Grundbeben: Die Regierungsbauten der Bonner in Berlin. Man kann’s aber auch metaphorisch nehmen.

Wann sind sie zum ersten Mal auf das Phänomen des Grundbebens gestoßen?

Grundbeben: Nach meiner Scheidung, als meinem Mann unserer gemeinsames Haus, besser gesagt, unsere gemeinsame Bruchbude zugesprochen wurde. Das Grundstück wurde allerdings geteilt und ich bekam das Hammergrundstück hier hinten. Als ich dann mit dem Vorschlaghammer das Gewächshaus zertrümmerte, war ein gewisses Grundbeben zu spüren. Bei meinen Ex sozialwissenschaftlich als manifeste Kränkung, bei den Nachbarn eher naturwissenschaftlich als manifestes Bodenzittern. Davor will ich mich selbst dauerhaft schützen.

Die nachbarliche Seite, die physikalisch-tektonische, leuchtet sofort ein. Sollten die Herrschaften ihrerseits ihre Gewächshäuser zertrümmern, würde die Bodenplatte, auf der wir hier stehen, sicher abweisend wirken. Aber die psychologisch-soziologische Seite ist doch sehr rätselhaft.

Grundbeben: Warum? Die 1A-Stahlbetonplatte unterstützt die Herausbildung eines stahlbetonharten Gemüts. Und zwar in jedem Alter, junger Mann!

Könnte man sagen, dass Sie über das Hammergrundstück, das Sie zum Hammer greifen ließ, auf das Grundbeben aufmerksam wurden, Frau Dr. v. Grundbeben?

Grundbeben: Tatsächlich ist es so. Als emeritierte Pathologin war mir der Begriff des Grundbebens vorher vollkommen fremd.

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