Sehr geehrter Herr Tucholsky,

wenn ich mich mal äußern darf?

Soll die alte Dame nicht mehr mit dem Pudel aus dem Fenster schauen dürfen? Sind ihre frühmorgendlichen Treffen mit der befreundeten Halterin eines Dackels am Zeitungskiosk passé? Denn immerhin schreiben Sie: „Eine fortgeschrittene Zivilisation wird ihn als barbarisch abschaffen.“ Nicht den Kiosk. Sie meinen den Hund.
Ja, es geht um Ihr „Traktat über den Hund“. Hört das nie auf? fragen Sie. Nein, das hört nie auf.

Es gibt Hundemenschen und Katzenmenschen, schreiben Sie an anderer Stelle. Sie zählen sich zur zweiten Sorte. Was passiert eigentlich mit den Hundemenschen und den vielen Bonzos in Ihrer „fortgeschrittenen Zivilisation“?  Würden Sie die ans deutsche Ende der Welt verbannen? In den Hunsrück, der zuweilen ja auch als ein Hundsrück daherkommt?

Aber damit wäre es nicht getan. Sie ahnen nicht, was Sie derzeit auf Erden alles stören könnte, was abzuschaffen wäre. Es gibt Skateboards, es gibt Rollkoffer, es gibt Personen, die garantiert vor ihrem Fenster stehenbleiben, um laut und lange zu telefonieren. (Das liegt am vor einiger Zeit erfundenen Taschentelefon.) Es gibt riesige Eisenbehälter auf den Straßen, in die Flaschen eingeworfen werden. Vor Ihrer Tür stünde natürlich einer, so wie vor meiner. Und es gibt Autoauspüffe, die extra laut puffen, aber vom Autoradio aus dem Innern noch übertönt werden. Ich kann Ihnen sagen. Sie würden sich das Hundebellen zurückwünschen!

Letztlich haben Sie das alles aber doch geahnt, ich weiß: „Den Mann gibt es gar nicht, er ist nur der Lärm, den er verursacht.“ Dieser eine Satz von Ihnen kostet in derzeitiger Währung übrigens 29,99; nur der Satz ohne Buch drumherum! Und es gibt dutzende andere aus Ihrer Feder in dieser Preisklasse. Alle auf knopflose, ärmellose Hemdchen gedruckt. Bei ordentlicher Beteiligung hätten sie schnell das Geld zusammen, um in ihr Ideal zu wechseln: „Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße.“ Schade, dass Sie das nicht verwirklichen können. Ich hätte mal geschaut.

Aber lassen Sie mich nochmals zubeißen und auf den Hund zurückkommen. „Der Hund ist ein von Flöhen bewohnter Organismus, der bellt“, zitieren Sie Leibniz zu Beginn des Traktats über den Hund. Nun frage ich Sie, Herr Tucholsky, warum soll ein gut gepflegter Deutscher Schäferhund befloht sein? – Allein das großdeutsche D lässt sie jetzt auffahren, oder? Sie sehen Stachelhalsband und Hundepeitsche an meiner Garderobe hängen und an die Knobelbecher geschmiegt, sendet mir Hector einen unsagbar demütig-blöden Blick, den ich mit einem unsagbar herrisch-blöden erwidere. Sie verbitten sich Ansprache von einem aus der Hundesoldateska, nicht wahr?

Aber ich sage Ihnen was, Katze aus dem Sack: Ich habe nie einen Hund gehalten. Verhindert haben es über die Jahre Katzen, die ich eine nach der anderen aufgenommen habe. Jede habe ich geschätzt, der jetzigen sogar zweihundert Seiten gewidmet. Nicht übel, oder? Trotzdem bin ich kein Hundehasser, egal, wer da schnüffelnd längs kommt oder sich bellend äußert.

Wenn ich durch die Neuköllner Hasenheide gehe, beneide ich Frauchen, Herrchen und Hundchen um ihr Miteinander. Und winters hätte ich den Wams eines Hundes – den eines Chow-Chows, wenn möglich – darum gern zu meinen Füßen, weil der Prolet unter mir, in ein nordpoltaugliches Kostüm gewandet, Kohlen spart. Nein, er spart an der Zentralheizung. Denn Kohle wird in Deutschland momentan abgeschafft. Jetzt heißt es: Dekarbonisierung, Herrschaften! Das nur mal nebenbei mitgeteilt. Denn ich vermute, dass Ihnen zum Frühstücksei ausschließlich das Petrusblatt gereicht wird, worin Sinn und Unsinn hier unten auf Erden nicht vorkommen.

Ihnen und Ihren schnurrenden Gefährten Mingo und Parteivorstand die besten Grüße von einem ihrer Leser und Freund aller Vierbeiner, ob bellend oder miauend.  Tucho, – Sie gestatten? – wir vermissen Sie!

Recht schönen Gruß

 

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Der Goldene Bär 2016 geht an RADIOGYMNASTIK (Demokratische Volksrepublik Korea)

Das absonderliche Drama feinsten Kinostoffs hebt damit an, dass ein verletzter Fabrikarbeiter nach Haus humpelt und sich ins Bett legt. Per Rückblende erfährt der Zuschauer, dass der kräftige Mann an der Drehbank umgeknickt ist und sich offenbar Bänderdehnung oder Kapselriss im Sprunggelenk zugezogen hat. An Heiner Müllerischer und Brechtischer Sichtweise geschult, wird nun ein Arbeiterschicksal flott ausgebreitet.
Der Verletzte legt den Fuß hoch und in rasanter Zeitraffereinstellung zeigt sich wie der Knöchel dicker und dicker wird. Die Familie ist besorgt. Das alles spielt sich in einer Kleinstadt vor der überragenden Kulisse eines nordkoreanischen Maschinenbaukombinats ab. Trotz kalter Umschläge, die mit Kräutern gewürzt werden, welche der Sohn aus dem Wald holt, stellt sich keine Besserung ein. Als der Sohn wieder einmal im Wald ist, trifft er auf einen als Chinesen verkleideten amerikanischen Agenten, der ihm Westsalbe für Vaters Knöchel verspricht, wenn er dafür eine Zeichnung der Drehbank aus der Fabrik erhält. Der Sohn kontaktiert sofort den nächststehenden als Förster verkleideten Polizisten. Der stimmig inszenierte Konflikt beginnt mit einem Schusswechsel und endet mit der Verhaftung des Agenten.
Die Westsalbe will der Sohn dem leidenden Vater dennoch besorgen. Die familiär aufgeladene Atmosphäre wechselt und er verlässt unbemerkt das Land. Der menschlich und körperlich intensive Film zeigt von nun an den Protagonisten als nordkoreanischen Tom Cruise, charmant, tollkühn, siegesgewiss.
In China verkauft er für viel Geld eine Jademuschel. Er durchreist die Philippinen mit bunten Kleinbussen, die in Kidlak Tahimis Der parfümierte Albtraum berühmt wurden, wir feiern ein Wiedersehen mit der Kölner Domplatte und erleben wie sich der Held in Bremerhaven nach Valparaiso einschifft, um von dort über San Diego schließlich einen Drugstore in Los Angeles zu erreichen. Inszeniert mit Sinn für gewaltiges filmisches Tableau, erschallt von der sorgfältig gestalteten Tonspur nun der überwältigende Sound der nordkoreanischen Frauenpopband Moranbong. Unser Held gibt den Verzweifelten und die Verkäuferin (Cher) schenkt ihm die Salbe. Dies alles ist in beklemmenden Einstellungen festgehalten wie wir sie nur aus Vera Romeyke ist nicht tragbar von Willutzki kennen. Die Liebe des inzwischen vom Teenager zum Twen gereiften Nordkoreaners zu einer Bedienung in der Filiale der „What-A-Burger“-Kette nahe Minneapolis – wiederum Cher; statt mit grüner nun mit gelber Perücke; herrlich! – endet abrupt, als der junge Mann ihr den Kimilsungismus, jene nordkoreanische Juche-Philosophie, im rustikalen Setting hinter dem Drive-in erklärt.
Nach einigen Abenteuern wieder zu Haus im ‚Land des stillen Morgens’, erweist sich, dass die Salbe nichts taugt. Die Familie beschließt, das Radio einzuschalten, und wir werden Zeuge wie der Vater durch regelmäßig mitgeturnte Radiogymnastik seine Geh- und Sprungfähigkeit vollkommen zurückerlangt als sei nichts gewesen.
Die offenbar von Übelmeinern gestreute Legende, der Film dauere nur drei Minuten, erwies sich nach sieben genüsslichen Stunden im Kinosessel als haltlos.
Man verlässt die Flohkiste, wie Friedrich Luft den Filmsaal im Herzen Berlins immer nannte, mit der letzten eindringlichen Einstellung im Kopf, die einen verschrotteten Zerstörer im Gelben Meer zeigt, darauf Vater und Sohn herumhopsend; – Praktisch zeitgleich mit diesem Zitat aus Eisensteins bekanntem Panzerkreuzermovie fällt auch der mottenzerfressene Vorhang.
Denn der Abspann besteht aus nur aus einer Zeile, die auf ein Schauspieler- und Produktionskollektiv verweist. Kenner der nordkoreanischen Filmszene vermuten jedoch den Vorvater des modernen nordkoreanischen Films, Cho-Gwang-jo, hinter dem glänzenden Projekt. Die überraschenden Farbaufnahmen aus dem fernen  US-Amerika sind, wie man hört, den guten Beziehungen zwischen dem Disney-Konzern und Nordkoreas staatlichem SEK-Trickfilmstudio geschuldet, wo Teile von König der Löwen und Pocahontas gezeichnet wurden. Ein Lehrstück für die von einem Abgrund in den nächsten taumelnden Babelsbergstudios.
Wenn die Juryvorsitzende und Kinolegende Meryl Streep sich bereits Monate vor der Preisverleihung für Radiogymnastik als Gewinner des Goldenen Bären festgelegt hat, kann man ihr nur zu ihrem guten Näschen gratulieren. Ein Film ohne jeden antijapanistischen Gestus für die ganze Familie, erhebend und trotzdem unterhaltsam, für den in Westeuropa kein Verleih zur Verfügung steht.

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James Tscherkesischwili

Das Ehepaar Graumann bewohnte eine Parterrewohnung mit kleinem Garten nach hinten. Im Sommer war das sehr schön, die Terrassentür stand immer offen. Eines Tages wollte sich Herr Graumann, das Fenster zum Garten im Rücken, auf die Couch setzen, um Fernsehen zu gucken. Doch sein Gesäß traf nicht auf das gewohnte Kissen, sondern auf eine Katze, die laut aufschrie. Herr Graumann ruckte in die Höhe, die Katze sprang auf den Sessel rechter Hand und starrte Herrn Graumann an, der gebückt über der Couch verharrte.
Frau Graumann, vom Schrei angelockt, starrte auf die Katze, ihr Mann zuckte ratlos die Schultern und setzte sich. Frau Graumann machte kehrt und ging in die Küche. Sie kam mit einem Tellerchen Milch wieder, stellte es vor den Sessel rechter Hand und setzte sich gegenüber auf den Sessel linker Hand. Sowohl Herr Graumann als auch Frau Graumann erwarteten nun, dass die Katze die Milch trinken würde. Aber die Katze rollte sich zusammen und schlief ein. Nach Ende der Fernsehsendung lag die Katze in gleicher Haltung, an gleicher Stelle. Die Graumanns vermuteten eine lange, ermüdende Wanderschaft, die in ihrer Parterrewohnung ein glückliches Ende gefunden haben mochte.
Nachdem die Katze sich einmal erhoben, bucklig gezeigt und sofort wieder niedergelegt hatte, war klar, dass die Katze ein Kater war. Ein brauner oder, wie man sagt, roter, der sich durch nichts von der Farbe der Couch und der der Kissen auf der Couch und der der Sessel und der der Kissen auf den Sesseln unterschied. Er wurde ohne Diskussion als Untermieter akzeptiert. Dafür gibt es Gründe, die an dieser Stelle jedoch nicht interessieren, da sie uns aus der Geschichte hinausführen würden.
Die Graumanns nannten das Tier James, weil es bei einer Portion James Last aus dem Radio gemeinsam mit Herrn Graumann die Ohren gespitzt hatte. Frau Graumann forderte ihren Mann auf, seine zweiundachtzig James Last-Platten aus dem Keller zu holen. Herr Graumann erwiderte seiner Frau, dass weder Kater James noch irgendwer daraus Gewinn ziehen könne, da ja kein Plattenspieler mehr im Haus sei. Warum er denn die Schallplatten überhaupt aufhebe, fragte Frau Graumann. Dafür gab es seitens Herrn Graumanns natürlich triftige Gründe, die an dieser Stelle jedoch nicht interessieren, da sie uns, wie bereits oben warnend erwähnt, aus der Geschichte herausführen würden. Denn es soll keine lange, sondern eine tatsächlich kurze Kurzgeschichte werden; mit Pfiff, – das sei jetzt schon verraten.
Der Pfiff ertönte sozusagen bei Edeka. Um ihn zu hören, muss man wissen, dass die Graumanns ihren James nie fressen sahen. Frau Graumann hatte aus dem Katzenfutterregal alles herauf- und heruntergekauft, aber James fraß keinen Bissen. Vielmehr lag er im Sessel rechter Hand. Oder er lag nicht im Sessel rechter Hand. Es kam auch zu Irrtümern bezüglich An- oder Abwesenheit, da er ja von den Kissen und vom Sesselbezug farblich nicht zu unterscheiden war.
Bei Edeka traf Frau Graumann Frau Rübener. Frau Rübener stand vor dem Regal mit dem Katzenfutter, wo auch Frau Graumann nach einer neuen Sorte Ausschau hielt. Frau Rübener sagte, ihr Kater fresse ihnen, den Rübeners, praktisch die Haare vom Kopf. Wenn man ihn aber gemütlich auf dem Sessel liegen haben und sich ergötzen wolle, sei er verschwunden. Frau Graumann sagte, dass ihr Kater ihnen, den Graumanns, stundenlang im Sessel den hübschesten Anblick böte, aber partout nichts fressen würde.
Als erste stutzte Frau Rübener und fragte nach dem Namen des Tieres. Frau Graumann verriet ihn: James. Frau Rübener verriet den ihren: Tscherkesischwili, was Frau Graumann ratloses Gesicht machen ließ. Frau Rübener fügte an, dass dies der einzig ernst zu nehmende Widersacher Stalins in Georgien gewesen sei, was die Erkenntnislage Frau Graumanns keineswegs verbesserte, wie Frau Rübener scharfsichtig bemerkte. Daher ergänzte sie, etwas Verdruss der Stimme beigebend, dass ihr Mann als ehemaliger Mitarbeiter des Instituts für Marxismus-Leninismus halt sehr geschichtsinteressiert sei. Frau Graumann sah sich nun aufgefordert zu erwähnen, welche Marotte sich hinter dem Namen James verbarg und verriet, dass ihr Mann Parteigänger des Happy Party Sounds von James Last sei, jedoch auf dem Trockenen sitze, weil er keinen Plattenspieler mehr habe.
Kurzzeitig versuchten nun beide Frauen, sich darin zu überbieten, was nutzloser sei: zwei Kisten Marx/Lenin oder zwei Kisten James Last.
Der neben ihnen das Hundefutterregal auffüllende Praktikant mit dem herrlich bunt tätowierten Kahlkopf hätte längst das Weite gesucht, wäre er als Praktikant nicht der letzte in der hiesigen Edeka-Kaderkette gewesen.
Über den Seltsamkeiten des Privaten hatte Frau Rübener jedoch nicht vergessen, warum sie vor zwanzig Minuten gestutzt und den Namen des Katers erfragt hatte. Zweckmäßigerweise erbat sie sich nähere Angaben zur äußeren Erscheinung des Tieres.
Aus der jetzt wechselseitig vorgetragenen und von zahlreichen Ausrufen des Erstaunens immer wieder unterbrochenen Beschreibung ergab sich, dass der Kater als Tscherkesischwili sich bei den Rübeners verpflegte und als James bei den Graumanns verdaute.
Frau Rübener hatte eine Schwester mit Vornamen Rita. Die Schwestern hatten voreinander keine Geheimnisse. So wusste Rita, dass der Schwester die ungebremste Wollust des mittlerweile siebenundsechzigjährigen Marxisten-Leninisten nicht ausschließlich Vergnügen bereitete. Und Frau Rübener wusste, wie glücklich Rita darüber war, dass der erst achtundvierzigjährige Berni, so wurde Ritas Ehemann gerufen, in dieser Hinsicht überhaupt keine Ansprüche stellte.
Als die beiden Schwestern eine Woche nach dem klärenden Gespräch zwischen Frau Graumann und Frau Rübener bei Penny neben Edeka in Fehrbellin durch die Regale bummelten, erzählte Frau Rübener ihrer Schwester Rita die Geschichte von James Tscherkesischwili, so brennend die ihr auf der Zunge lag, sicherheitshalber nicht. Obwohl es eine wirklich fabelhafte Tiergeschichte ist, von einem Kater, der an einem Ort den Sesselfläzer gibt und am anderen sich holt, was er sonst noch braucht.

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Versuch der einvernehmlichen Trennung

Abgelegt, mein guter Freund,
Wärme spendendes Flanell!
Der Traum von Fashion ausgeträumt,
die Zeit vergeht so schnell.

Wohin mit dir, was fang ich an?
Gabst Wohlgefühl und Wonne.
Will sehen, was ich tun kann.
Nur nicht in die Tonne!

Wie kannst weiter du mir nutzen
in anderer Weise als bisher?
Willst Du mir das Fahrrad putzen?
Dies kommt mir arg, dir umso mehr.

Nein, wirst liegen bei den jungen Hemden,
die deinerstatt sind nun zu tragen.
Vielleicht lässt sich das Schicksal wenden
und jene Nachbarschaft verjüngt den Kragen.

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Goethe und ich in der Körtestraße

Am Nachmittag Goethe im U-Bahnhof Südstern abgeholt. Er kam aus Tegel. Das Kreuzberger Bahnsteigpersonal zog die Kappen bei Annäherung des Geheimen Legationsrats, der huldvollstes Nicken zurückgab. Als wir im Hellen standen, orientierte er sich und wir wandten uns dem Beginn der Körtestraße auf linker Seite zu. In das anfangs der Straße liegende Rasenstück waren vier abkürzende Wege getreten. Goethe sprach davon, wie wichtig es sei, vor der Gestaltung zu erkunden, welche Wege das Volk gehen wolle. Andernfalls bedürfe der Berliner offenbar einer soliden Mauer.
Bei Annäherung an den ersten Bäcker gab Goethe zu verstehen, wie ihn im Moment nach scharfem Mokka dürste, wenn süßes Backwerk beiläge. Er nahm an einem der vor der Bäckerei stehenden Tische Platz, während ich innen die Bestellung aufgab, die Rechnung beglich und hinaus trug, was bestellt. Goethe nippte, sagte klassischer Mokka sei das nicht, das Gebäck zu süß und schon erhob er sich wieder. Ich eilte ihm nach und da saß er bereits beim zweiten Bäcker zu Tische. Ich gab innen gleichlautende Bestellung wie eben auf, beglich die Rechnung und trug wiederum hinaus, was bestellt. Hier war Goethe nun weniger unzufrieden und bezeichnete den Mokka als zumindest starken Kaffee, wollte zum Backwerk jedoch nichts sagen.
Zwei junge Damen angenehmster Erscheinung traten jetzt an den Tisch, gaben sich als Schülerinnen des Lyceums Leibniz aus und baten um Interpretation des Clavigo. Ich erwartete gespannt wie er seinem Ruf als Charmeur gerecht werden würde, als Goethe sagte, er sei Schiller, und beide abwies. Dinge dieser Art bedürfen der vorherigen Anmeldung, sonst äußere er sich nicht, sagte er mir und zog die Mütze tiefer in die Stirn. Wir erhoben uns und setzten unsere Wanderung fort, um seinem Plane, der Körtestraße und ihren Menschen zu begegnen, gerecht zu werden. Wir verwunderten uns, dass nach dem zweiten Bäcker sogleich ein dritter Tisch und Stuhl auf dem Gehsteig stehen hatte und gingen vorüber. Ein Schild Fisch-Feinkost irritierte, denn angeboten wurden Gemüse und Obst. Goethe erbat sich Kleingeld und erstand einen roten Apfel, den er sogleich aß.
Die Straße war nun recht belebt, trotzdem konnte jeder unbedrängt seines Wegs gehen.
Erst ein junger Besucher aus dem Morgenland verkannte Goethes Kleiderschrankfigur, als jener sich die Fassaden betrachtete und geriet nach dem Aufprall ins Taumeln. Daraufhin sahen wir ein indisches Gasthaus, daneben ein italienisches mit türkischem Patron. Von diesem Pizza Prinz sei auch bei Hofe in Weimar schon gesprochen worden, verriet Goethe und grüßte, kurz die Hand hebend, ins Ladeninnere.
Im Weinladen, einige Schritte weiter, überraschte er den Händler und mich damit, dass er eine Kiste Nahe- und eine Kiste Saalewein für größere Festivität benötige. Dem Händler glänzten die Augen wie auf Knopfgabeln geputzt und bereitwillig ließ er Goethe Glas auf Glas probieren. Der legte sich schließlich auf die Sorten fest und der Händler glaubte ihm die Zusicherung, dass Bezahlung und Abholung in der nächsten Stunde erfolgen würden. Dabei wies Goethe auf mich. Auf der Straße sagte Goethe, er habe nach Backwerk und Apfel einen ordentlichen Schluck nötig gehabt. Die Verkostung würde den Mann nicht ruinieren. Für die Kisten fänden sich späterhin andere Abnehmer. Man solle dem Handel dann und wann robust begegnen. Denn dieser täte es dem Kunden gegenüber ständig.
In dem nun folgenden Papierwelt geheißenen Laden erstand ich auf Goethes Wunsch Schreibblock und Bleistift, da er beides im Hotel de Russie, wo er mit dem jungen Herzog Karl August abgestiegen, vergessen hatte. Er notierte sofort zwei auf der Fahrt von Tegel nach dem Südstern gereimte Zeilen und trug sie auch sogleich vor:
„Das Teufelspack, es fragt nach keiner Regel.
Wir sind so klug, und dennoch spukt’s in Tegel.“
Er sammle Reim und Gedanken für größeres Werk, erklärte Goethe und schob den Zettel in die Manschette seiner Bluse, gab mir Block und Bleistift.
Den Laden GehenSitzenLiegen bedachte Goethe mit der Äußerung: „Ja, was denn nun?“
Frau Mahn, der Optikerin, und dem Blumenladen Magnolia gab er indes gute Note, da Optik und Botanik immer intensive Beschäftigung wert seien. Gemütlich bummelnd, erreichten wir die Buchhandlung.
Goethe betrachtete ausgiebig das Schaufenster und lachte herzlich über den Titel Vollidiot. Der Roman. Er forderte Block und Bleistift und notierte das Kuriosum. Dann zog er die Mütze nochmals tiefer ins Gesicht und wir traten ein. Wo steht Goethe, fragte Goethe unvermittelt den im Raume stehenden Buchhändler Kirchner. Trotz der durch Mützenschirm verborgenen oberen Gesichtshälfte, erkannte Kirchner den Schöpfer der Leiden des jungen Werthers sofort und gab zu, mit der Ehre dieses Besuchs innerhalb seines gesamten Buchhändlerlebens nicht gerechnet zu haben. Er sagte, nun die Frage beantwortend, Goethe stünde hoffentlich in der Ruhmeshalle, bei ihm allerdings im Reclam-Fach.
Er schickte seine Frau, einen Werther, den er als Sprengstoff bezeichnete, herbeizuholen, als ein Bub von etwa zehn Jahren den Laden betrat, sich herzlich wenig um uns kümmerte und forsch nach Gleim verlangte. Wie er auf Vater Gleim käme, fragte Goethe den Buben, der antwortete, dass sie in Heimatkunde den Wedding durchnähmen, wo der Gleimtunnel sei. „Einen Tunnel nach Vater Gleim benannt, so ist’s recht“, sagte Goethe. Sowohl Kirchner als auch ich wussten die innewohnende Ironie dieser Worte zu deuten, stand Goethe doch auf keinem guten Fuß mit dem Halberstädter. Der Bub betrachtete neugierig die seltsame Gewandung Goethes und Kirchner löste das Rätsel, indem er verriet, dass dies der Herr Wolfgang Goethe sei. „Der Klassika?“? fragte der Bub. „Nun, mein Sohn“, sagte Goethe, „noch sind wir beim Sturm und Drang, erst danach dürf man sich klassisch nennen.“ „Ach so“, sagte der Bub, „erst Stürma, denn Mittelfeld wie beim Fußball?“ „Köstlich! Das muss ich der Schopenhauerin erzählen“, rief Goethe aus und bat mich die Metapher aus Kindermund zu notieren. „Wie heißt er denn?“ fragte Goethe den Buben. Der zögerte und erst gutes Zureden Kirchners verhalf ihm zur Sprache, sodass er schließlich den Namen Wolfgang verriet.
„Nein!“ rief Goethe entzückt. „Zwei Menschen so verschiedenen Alters und doch gleichen Vornamens in einem Raume.“ Der Bub bat Goethe um ein Autogramm auf sein Basecap. Kirchner lieh einen starken Stift und Goethe schrieb, ohne dass der Bub das Basecap absetze, seinen vollen Namen auf den Kappenschirm. Inzwischen hatte die Buchhändlerin zwei Reclambändchen auf den Tresen gelegt. Einen Gleim: Gedichte und Interpretationen, und den Werther. Der Bub schnappte sich den Gleim und verschwand wie ein geölter Blitz aus dem Laden. Man sah wie sich des Kirchners Muskeln spannten, um ihn einzufangen, als Goethe beschwichtigend beide Hände hob und die finanzielle Seite der Angelegenheit an mich verwies.
Nun sah Goethe sich im Laden um und tat kund, dass nur senkrecht nebeneinander stehende Bücher dem Kunden Prüfung und Kauf ermöglichen könnten, nicht aber hohe Stapel. Die Kirchners seufzten und verwiesen auf Platzmangel allerorten. Ja, sagte Goethe, er, Kirchner, müsse wohl alsbald in größere Räume, wobei er allerdings dies eingepasste Regal zurücklassen müsse. Kirchner berichtete, es sei einhundert Jahre alt und diente einst Zigarrenkisten als Aufbewahrungsort. Unter dem Tresen verlaufe sogar ein Gasrohr, das eine damals ständig brennende Flamme gespeist und das Zigarrenanzünden schon im Raum möglich machte. Goethe nannte diese Vorrichtung kurios, aber richtig, obwohl er selbst nicht rauche. Nun schlug die Buchhändlerin das Reclamheft auf und Goethe widmete für „Meisterin und Meister Kirchner“, dabei fragend, ob der Tonträger „Meyer pfeift Goethe“, der in Kürschners Literatur-Kalender erwähnt, zufällig am Lager sei, was Kirchner verneinte, jedoch rückfragte, wer dieser Meyer sei. „Jener Dichter mit Vornamen Detlev sollte eigentlich bekannt sein“, schloss Goethe nicht ohne Strenge und wandte sich zur Türe, ich zahlte den Gleim.
Auf der Straße sprach er einen Mann an, der seinen Hund fortwährend anschrie und erfuhr, der Hund hieße Askan, sei taub, achtzehn Jahre alt, sähe aber jünger aus, weil gestern geschoren, damit er in der Hitze nicht schwitze. „Sehr brav“, sagte Goethe zum fortwährend schreienden Mann. Auf die Apotheke deutend, sagte er, kein Pulver ersetze die böhmische Badekur.
Nun auf die vielen Schaufenster schräg gegenüber zielend, stellte er fest, dass er nie Schach gespielt, um seine Zeit nicht zu vergeuden. Gewerbe wie dieses Spielbrett seien unerkannte Diebe, was man erst später erkennen würde, wenn, in Gedanken zurückschweifend, man bemerke, was man alles wegen der Spielsucht unterlassen.
Goethe, jetzt etwas erschöpft, setzte sich an einen Tisch der nunmehr vierten Bäckerei, nachdem eine Seitenstraße überquert ward. Ich ging hinein, wiederum Bestellung aufgebend, zahlend und hinaustragend, was bestellt. Erstmalig verglich er die Qualität der Backware mit der des Café Rose im heimatlichen Weimar.
Die nun folgenden Läden rangen Goethe keinen Kommentar ab. Er fragte allerdings nach einer Hanfbier-Brauerei, von der ich nichts wusste. Auffällig hernach sein überaus gefälliger Blick hinüber zum Gasthaus Mädchen ohne Abitur.
Das Ende der Körtestraße markierte schließlich einer der immer seltener werdenden Kioske aus festen Holz an der Ecke zur Urbanstraße. Jetzt hieße es, Abschied nehmen, sagte Goethe. Er sei mit dem Herzog auf der Admiralbrücke verabredet. Dem Sonnenuntergang dort beizuwohnen, hätten sich beide in die Hand versprochen. Darauf gab ich seinem Bitten nach, ihm zwei Geldscheine auszuhändigen, da der Herzog einen Ausflug generell mit einer Erfrischung abschließe, jedoch nie Geld bei sich habe.
„Nun denn, lieber Freund“, sprach Goethe, „bleibt mir von Berlin als schöne Erinnerung Tegel, Ihre unterhaltsame Gesellschaft sowie die Bekanntschaft mit dem guten Kirchner und dem kecken Buben.“ Ein kurzer Händedruck und Goethe querte bei roter Ampel und wehenden Rockes die Fahrbahn zu direkter Richtung der erwähnten Brücke.

 

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Goethe und ich in Marienbad

Nach dem Mittagessen bei Göte. Auf mein Klopfen öffnete sein Diener Stadelmann und sagte sogleich, dass der Herr Geheimrat neuestes Betriebssystem aufspiele. Ich möge später wiederkommen. Nein, nein, hörte man Göte aus der Stube rufen, herein mit ihm, er weiß die Dinge. Göte saß sehr gemütlich, mir den Rücken zugekehrt, vor seinem aufgeklappten MacBook Pro und nöthigte mich, neben ihm Platz zu nehmen. Stadelmann war behänd mit einem Stuhl zur Stelle, sodass Göte sofort zeigen konnte, was er aufgespielt. Man habe ihm zum OS X Lion Upgrade geraten, was er gern befolgt habe, da ihn diese Gesellschaft aus Amerika mit ihren Ratschlägen noch nie enttäuscht habe. Ich konnte beipflichten, wonach Göte das Gerät zusammenfaltete, sich mir zuwandte und vom Hofe in Weimar berichtete, ohne jedoch das Thema zu wechseln.
Der Großherzog teile diese unsere, ebend erwähnte Haltung leider nicht, sagte Göte nun sichtlich verbittert. Dieser habe zwar einen fürstlichen Bildschirm, halte jedoch fest an Windows 95. Seinen Satz, dass nämlich ein schlechtes Betriebssystem besser sei als die beste Langeweile, kenne bei Hofe in Weimar und darüber hinaus inzwischen einjeder. Dabei koste es mehr Arbeit und Ausgaben, wenn man schlecht bei der alten Mode bliebe. Wäre das großherzogliche Büro nicht seinem, Götes, Ratschlag gefolgt und hätte sich nach dem Neuesten orientiert, hätte seit Jahren schon kein Bediensteter mehr Lohn erhalten. In diesem Moment erhielt Göte eine SMS auf dem iPhone. Er merkte an, dass er den Twitteraccount immer vorziehen würde. Allein wegen der gebotenen Kürze. Aber noch nie in der Weltgeschichte habe es Konsensus über die Nutzung oder Ablehnung von Neuartigem gegeben, dozierte er. Meist sei die verschiedene Haltung zu Ungunsten der Ablehner ausgegangen. Man denke nur an die Fortentwicklung der Waffenkunst, der er sich momentan wissenschaftlich zuwende, da die Ballistik ein lang von ihm vernachlässigtes Steckenpferd sei. Dann las er die SMS und sagte, Antwort eingebend, Riemer, die treue Seele, hat nur einen guten Tag wünschen wollen. Mit Gruß an alle Anwesenden, also an Sie, lieber Freund. Ich dankte auf das herzlichste und merkte mir diesen Umstand, um ihn Riemer gegenüber zu erwähnen, da ich ihm bis dato noch nicht nahe gekommen war.
Göte, nun wieder, dank Riemers Tagesgruß, in angenehmer Stimmung, nahm anjetzto das iPad zur Hand. Ob es mir auch so ginge, dass nämlich Wieland auf dem iPad zugewinne, Herder aber verlöre, wollte er wissen. Auch ich hätte diese merkwürdige Beobachtung bereits gemacht, stimmte ich ihm zu und wollte soeben beifügen, dass Friedrich Nietzsche auf dem iPad ordentlich profanisiere, als mir einfiel, dass der Röckener heute, 1821, noch gar nicht gezeugt und die Welt noch 23 Jahre auf die Tragödie der Geburt  würde warten müssen. Um den alten Herrn nicht zu verwirren, behielt ich diesen Gedanken für mich. Er zeigte mir noch ein Wappen mit einem Adler über dem Kaktus und dann gings hinaus an die frische Luft, denn nur von dieser und dem hiesigen Brunnenwasser hatten die Ärzte ihm Linderung seiner Gebrechen in Aussicht gestellt.
Da ich Göte gegenüber immer ohne Falsch war, gab ich zu verstehen, auf Wald und Flur nicht erreichbar zu sein. Göte erwiderte gefällig, dass er das sehr wohl geahnt bei einem, der sich mit ihm ausschließlich über die E-Mail verabrede. Nichtsdestotrotz wolle er Ratschlag und Warnung zugleich erteilen. Im Reich der Mitte, wo der Chinese seit nunmehr 177 Jahren unter der Herrschaft der Mandschuren leide, sei nachgemachtes Gerät unter dem Namen iPhome aufgetaucht, das gewiefter Handel bis hierhin in unser Europa schleppen würde. Ich versprach, wenn die Zeit des Erwerbs käme, mich vom sogenannten iPhome fernzuhalten und dankte Göte für den Hinweis.
Nach zehn Minuten zügigen Ausschreitens, setzten wir uns auf eine Bank, von der Göte wusste, dass dort ordentliches WLAN zu erwarten sei. Er winkte seinem Diener, der ihm das MacBook Pro reichte und aufklappte. Göte tippte sein Passwort ein, was meiner ungebührlichen Beobachtung nach „Schniller“ lautete.
Er wolle nun seine Homepage inspizieren, die er einem Berliner Genius auf Empfehlung der Humboldts zwecks Neugestaltung überantwortet habe, sagte Göte. Dieser Tausendsassa sei natürlich ein gefragter Mann und die Angelegenheit käme nicht so schnell zum Ende wie erwartet. Aber, führte Göte aus, in historischen Umbrüchen seien Genies die meistbeschäftigten Menschen. Er denke in diesem Falle vor allem an Napoleum, fügte er an, über den Austausch des letzten Vokals gar selbst schmunzelnd. Ei, sagte er, die Schrifttype ist nach meinen Wünschen verändert, auch mein Konterfei ist nun jenes, das bei Zelter in Berlin hängt. Göte fragte, ob ich es kennte und drehte mir das schlanke MacBook Pro zwecks Einsichtnahme zu. Ich konnte bejahen und zum Ausdruck bringen, dass auch mir die vorherige Abbildung weniger ähnlich schien als die nun verwendete. Göte lobte mich darauf und trank einen Schluck Brunnenwasser aus der Flasche. Er stelle sich nicht des morgens an den Brunnen unter die vielen Leute, sagte er. Gerade wenn er die Morgenanrufe aus Weimar erhalte, seien ihm zu viele Menschen hinderlich bei notwendigen Antworten, die der Anrufer zu Recht erwarte. Beide hatten wir indes eine Dame auf der Bank gegenüber bemerkt.
Sie legte justament die Feder beiseite und löschte die frische Tinte eines Briefleins mittels Inhalts einer zierlichen Streusandbüchse. Göte sagte, dass er sich zu diesen Fällen nicht mehr mündlich äußere, seit er von einem Kurgast, den er immer für umgänglich gehalten habe, bedroht worden sei. Diesen habe er, Göte, in aller gebotenen Höflichkeit an die fortschreitende Zeit erinnern wollen, indem er ihn aufgefordert habe, doch das Haus zu verlassen und sich in eine Erdhöhle zurückzuziehen, wenn er schon mit der Feder schriebe. Nur sein treuer Stadelmann habe ihn vor körperlichem Ungemach bewahrt. Er erwähnte, an einem Quartett von Sonetten zu arbeiten, die dieses Thema abschließend behandeln würden.
Dessonderen habe er seit Jahresfrist Schluss machen können mit der Aufbewahrung jener elendiglich dicken Briefbündel, die ihm Fach auf Fach verstopft hätten, wo doch seine Mineraliensammlung erste Rechte besäße. Nun aber, seit ihm das Fräulein v. Levetzow einen Doxie Go zum Geschenk gemacht habe, scanne er die Briefpost ein und übergebe das Papier an Stadelmann, dem er einen Reisereißwolf angeschafft habe. So sei wieder ein Übelstand gelöst, über den er selbst schon gründliche Studien verfertigt habe. Es freue ihn indes immer, wenn auch anderen Orts die Probleme der Zeit erkannt und gelöst würden, sagte Göte bescheiden und ohne Neid.
So strich der späte Nachmittag dahin, bis Göte seinen Rechner wieder dem Diener aushändigte. Einige Kurgäste, die vor der aufkommenden Abendkälte ins Innere der Gebäude flüchteten, grüßten brav und wir schlossen uns ihnen an. Noch auf der Terrasse tätigte Göte einen Anruf und orderte statt Kamillen-, Pfefferminztee für den Abend, der dann auch prompt auf dem Tische stand und sich nach dem kühlen Abend als sehr bekömmlich erwies.

Aus Götes iPhone-Bilderarchiv

Neben das Fischbesteck legte Göte nun sein iPhone, was allgemeine Beachtung fand. Allein darum, weil jeder der Anwesenden mitanhören konnte, wenn Göte nun Anweisungen und Ratschläge zur Nacht in die Ferne erteilte, denen die Lauschenden sonst nie teilhaftig geworden wären. Als er schließlich dem Fisch zusprechen wollte, war dieser kalt geworden. Mit der Bemerkung, dass Fisch heiß zu sein habe, schickte er den Bediensteten mit dem Fisch zurück in die Küche und erhielt bald einen neuen, den er mit großem Appetit verspeiste. Nach dem Essen philosophierte er über die Fischzucht und sagte voraus, dass der Walfisch bald in großen Becken gezüchtet werden würde. Seine naturwissenschaftlichen Arbeiten ließen in diesem Fall gar keine andere Schlussfolgerung zu. Ein adrette Dame vom Nebentisch erhob sich, stellte sich als russische Baronin vor und teilte Götes Meinung in allen Belangen. Dieser nickte wohlwollend und die Baronin sah sich ermuntert, Götes iPhone-Nummer zu erfragen. Als Göte willig die Zahlenreihe aufsagte, suchte die Baronin zu verbergen, dass sie diese in ein Gerät der finnischen Firma Nokia einspeiste. Göte bemerkte die Verlegenheit und sprach artig von der engen Nachbarschaft Finnlands zu Russland, der natürlich in einigen Belangen zu entsprechen sei. Die Baronin verbeugte sich erleichtert, versprach baldigen Anruf und ließ das Telefon in den Busen gleiten. Mir schien, Göte hatte an der schwarz gekleideten Russin Interesse gefunden, erwiderte er doch auf ihr Versprechen des baldigen Anrufs, dass dies Versprechen hoffentlich kein leeres sei.
Dieses Intermezzo hatte die Zeit fortschreiten lassen, sodass Göte die Bergamottenbirne zum Dessert ablehnte, da er es um diese Zeit gewohnt sei, sich den eingegangenen Faxmeldungen zu widmen. Es sei immer wieder Interessantes darunter, wobei er besonders so genannte meterlange Angebote für Artikel des tägliches Gebrauchs erwähnte, die ihm die reitende Post jahrelang vorenthalten habe. Sein Haushalt daheim in Weimar, aber auch sein Reisegepäck, würden ihm weniger Freude bereiten, hätte er dann und wann nicht zugegriffen. Allenfalls misslich sei ihm die Dienerschaft Weimars, die nichtssagende Billets ihm ins Haus trage, jedoch allein in der Absicht käme, auszuspähen, was es Neues gäbe, um dann der Herrschaft zu berichten. Ein Übelstand, dem er mit einem zusätzlichen Hausknecht bei seiner Rückankunft begegnen werde. Göte wünschte mir schließlich eine angenehme Nachtruhe und verließ den Speisesaal. Da ich mich der neugierigen Nachfragen, von welcher Gerätschaft der Geheimrat soeben gesprochen habe, nicht erwehren konnte, verließ auch ich kurz nach Göten den Raum.

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